Zwischen Aufrechterhaltung und Untergrabung des Authentizitätsanspruchs. Christian Krachts Reisebericht "Zu früh, zu früh"


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Authentizität
2.2 Reisebericht

3. Analyse und Interpretation
3.1 Zwischen Aufrechterhaltung und Untergrabung des Authentizitätsanspruchs

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der viel kritisierte Autor Christian Kracht f ührt mit seinen Romanen und Reiseberichten oftmals zu angeregten Debatten über sich selbst und seine Literatur. Eine gattungsbezogene Zuordnung des Autors, wie beispielsweise zur Popliteratur, erscheint nicht möglich, inszeniert sich Kracht doch mit seinen Werken stets neu. So sehr sich Kracht von einer grundlegenden Gattungsklassifizierung abwendet, so sehr wendet er sich in seinen Reiseberichten in seiner Aufsatzsammlung Der gelbe Bleistift: Reisegeschichten aus Asien (1999) auch von den inhaltlichen Konventionen des Reiseberichts ab und schafft damit einen Nährboden für angeregte Debatten über seine Berichte. So spricht beispielsweise Henrike Thomsen vom Spiegel in ihrem Artikel Christian Kracht: Gameboy in der Strohhütte von einem sehr geringen Informationsgehalt bez üglich der bereisten Städte, der jedoch durch eine umfangreiche Schilderung der Vorlieben des Erzählers ersetzt werde und somit nur wenig zur Glaubwürdigkeit der Berichte beitrage. [1] Und auch Enno Stahl vom Deutschlandfunk bezweifelt in seiner Rezension, Der gelbe Bleistift, die Authentizität von Krachts Reiseberichten und erwägt die „literarische Qualität“ [2] als eine m ögliche Ursache für den niedrigen Informationsgehalt der Reiseberichte. Ebenso kritisch wie die zuletzt genannten Rezensenten äußert sich auch Christina Jung zu Krachts Reiseliteratur und zählt als Teil ihrer Einleitung sämtliche Punkte auf, die auf eine konsequente Verweigerung der inhaltlichen Genrekonventionen hindeuten. So weist Jung in ihrem Artikel Zeitgemäßes über Asien: Die Reisenotizen des Schweizers Christian Kracht, neben den bereits genannten Aspekten, auf die fehlenden Merkmale von Reiseratgebern, die fehlende Reflexion des „westlichen Kulturimperialismus“ [3] und auf die fehlende Reisemotivierung hin, die die Glaubw ürdigkeit der Reiseberichte massiv in Frage stellen.

Diese Beobachtungen treffen auch auf Krachts Reisebericht Zu früh, zu früh zu, der Vietnam im Jahre 1992 aus der Sicht eines autodiegetischen Erz ählers schildert, der als Tourist das Land erkundet. Während seines Aufenthalts besucht er die Städte Saigon, Haiphong und Hanoi und trifft dort hauptsächlich auf europäische Figuren, die ihm das vermeintlich „wirkliche Vietnam“ [4] zeigen. Diese Figuren liefern die Hauptinformationen über Vietnam, welche lediglich durch stereotypische Karrikaturen einer vietnamesischen Reisebüroangestellten und eines vietnamesischen Taxifahrers, sowie deren kurios erscheinenden Äußerungen ergänzt werden. Hinzu kommt, dass sich der Erzähler, wie es auch Johannes Birgfeld in seinem Aufsatz Christian Kracht als Modellfall einer Reiseliteratur eines globalisierten Zeitalters bemerkt, häufig an Orten des „internationalen Jet-Sets [sic!]“ [5] aufh ält, wodurch eine Annäherung zur vietnamesischen Landeskultur verhindert werde. Diese Beobachtungen führen zu der These, dass Krachts Reisebericht Zu früh, zu früh nicht den erwarteten inhaltlichen Anforderungen an einen Reisebericht, in Bezug auf die Authentizit ät des Berichts selbst und dessen Schilderung des Fremden, entspricht. Der Leser wird somit um eine glaubwürdige Repräsentation Vietnams und dessen Kultur betrogen.

Um dies zu überprüfen, wird sowohl die Narratologie, als auch der Raum und die Figuren detailliert analysiert und interpretiert werden. Dabei soll gezeigt werden, inwiefern Kracht am Beispiel des Reiseberichts Zu früh, zu früh Authentizität konstruiert und gleichzeitig wieder dekonstruiert, und so eine fragwürdige Repräsentation Vietnams entwickelt. Bisher wurden im literaturwissenschaftlichen Diskurs hauptsächlich Krachts Romane behandelt, während seine Reiseberichte nur beiläufige Aufmerksamkeit erhielten. Da diese jedoch nicht von weniger Interesse für eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung sind, soll diese Arbeit einen Beitrag dazu leisten, Krachts Konzeption des Reiseberichts in Bezug auf die Schaffung von Authentizität und die Schilderung des Fremden näher zu beleuchten.

2. Definitionen

Im Folgenden wird der Begriff der ‚Authentizität‛ und der des ‚Reiseberichts‛ definiert. Dabei handelt es sich um jene Definitionen, die für die Textanalyse- und Interpretation maßgebend sind.

2.1 Authentizit ät

Christoph Deupmann definiert den Begriff der ‚Authentizität‛ unter anderem als „[...] die Echtheit bzw. Zuverlässigkeit einer überlieferten Äußerung oder eines Textes“ [6] , sowie als die „Wahrhaftigkeit [...] des objektiven Weltbezugs im lit. Text“ [7] .

Dies bedeutet für die Analyse und Interpretation des zu behandelnden Reiseberichts, dass sowohl die getätigten Aussagen des Textes und der Text selbst als ‚echt‛ bzw. zuverlässig erscheinen müssen und die Schilderung Vietnams ebenfalls als wahrhaftig erscheinen muss, um dem erwarteten Authentizitätsanspruch eines Reiseberichts zu entsprechen.

2.2 Reisebericht

Inhaltlich ist der R. an das textexterne Phänomen der Reise gebunden. [...] Mit dem R verbindet sich ein Authentizitätsanspruch, d. h., der Bericht muss glaubwürdig sein. Die Frage, ob ihm eine tatsächlich erlebte Reise zugrunde liegt, ist dabei aus lit.wissenschaftlicher Perspektive weniger wichtig als die Untersuchung rhet.-lit. Strategien, den Effekt der Authentizität herzustellen. [...]. [8]

Somit ist der Reisebericht nicht nur an das Reisethema, sondern auch an einen Authentizitätsanspruch gebunden, der sich auf den Text selbst, als auch auf die Repräsentation der fremden Kultur bezieht.

3. Analyse und Interpretation

3.1 Zwischen Aufrechterhaltung und Untergrabung des Authentizitätsanspruchs

Der zu behandelnde Text wirft in Bezug auf seine Glaubw ürdigkeit einige Fragen auf, was sich auch in der Narration beobachten lässt. Anhand der Erzählsituation, des Handlungsraumes, sowie einer Figurenanalyse sollen sowohl Widersprüchlichkeiten der Textaussagen, als auch Widersprüchlichkeiten in der allgemeinen Textkonstruktion aufgezeigt und erörtert werden, die die Authentizität des Textes selbst und der Repräsentation Vietnams erheblich in Frage stellen. [9]

Betrachtet man zunächst die Erzählsituation, so kann man im Reisebericht einen autodiegetischen Erzähler feststellen, der die erlebten Ereignisse aus der eigenen Perspektive retrospektiv beschreibt. Dabei kommt es immer wieder zu Ungereimtheiten, die sich bereits in den Paratexten wiederfinden lassen. In der Buchwidmung erwähnt Kracht beispielsweise seine Begleiterin, „die immer mitgekommen ist“ (ZF Widmung), jedoch nie im zu behandelnden Reisebericht erwähnt wird und daher beim Leser zu Irritation führt und den Erzähler in diesem Punkt als unzuverlässig erscheinen lässt. Dem entgegengesetzt führt der Erzähler mit der dem Text vorangestellten Angabe „Vietnam, 1992“ (ZF 109) konkrete Angaben zum Ort und der Zeit an, auf die sich der Reisebericht bezieht, und sorgt damit wieder für eine Aufrechterhaltung des Authentizitätsanspruchs an den Reisebericht. Dies findet sich auch im Verlauf des Textes wieder, in dem der Erzähler konkrete Ortsangaben in Form von Städtenamen und Namen von bestimmten Locations macht (vgl. ZF 109, 112, 114, 117, 120, 123). Betrachtet man diese jedoch genauer, fällt auf, dass der Bericht einige Lücken aufweist und nicht ersichtlich wird, was beispielsweise zwischen dem Gespräch des Erzählers mit dem Franzosen (vgl. 109) und dem Gespräch mit Ingo (vgl. ZF 111) passiert, wie der Erzähler beispielsweise von Saigon nach Haiphong gelangt oder aber auch, was in der Zeit zwischen seinem Aufenthalt im Hotel (vgl. ZF 116) und seinem Diskothekenbesuch (vgl. ZF 117) passiert. In ihrer Dissertation „Ich bin nicht der erste Fremde hier“: Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945 untersucht Ulla Biernat unter anderem Krachts Reiseberichte aus Ferien für immer: Die angenehmsten Orte der Welt (1998) und stellt fest, dass die „Raumdarstellung im Reisebericht vom schnellen Umschalten von einem Ort zum nächsten, ohne Grenzübergänge und Differenzerfahrung [lebt]“ [10] , wie es auch in Zu früh, zu früh der Fall ist.

[...]


[1] vgl. Thomsen, Henrike: Christian Kracht. Gameboy in der Strohhütte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/christian-kracht-gameboy-in-der-strohhuette-a- 73173.html (Abrufdatum: 14.12.2016). (18.04.2000).

[2] Stahl, Enno: Der gelbe Bleistift. http://www.deutschlandfunk.de/der-gelbe- bleistift.700.de.html?dram:article_id=79793 (Abrufdatum: 14.12.2016). (30.05.2000).

[3] Jung, Christina: Zeitgemäßes über Asien. Die Reisenotizen des Schweizers Christian Kracht. http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=3025 Zeitgemäßes über Asien (Abrufdatum: 14.12.2016). (21.11.2016).

[4] Kracht, Christian: Zu früh zu früh. In: Der gelbe Bleistift. Reisegeschichten aus Asien. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer 2014, S. 111. (Wird fortan mit ZF als Sigie zitiert.)

[5] Birgfeld, Johannes: Christian Kracht als Modellfall einer Reiseliteratur eines globalisierten Zeitalters. In: Jahrbuch für internationale Germanistik. Germanistik im Konflikt der Kulturen: Divergente Kulturräume in der Literatur. Bd. 9. Hrsg. v. Jean-Marie Valentin. Bern u.a.: Peter Lang 2007, S. 409.

[6] Deupmann, Christoph: Authentizität. In: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 57.

[7] Deupmann, C.: Authentizität. S. 57.

[8] Schuster, Jörg: Reisebericht. In: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 640 − 641.

[9] Zur Definition der literaturwissenschaftlichen Begriffe vgl. Lahn, Silke u. Jan C. Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. 3., akt. u. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2016.

[10] Biernat, Ulla: „Ich bin nicht der erste Fremde hier“: Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945. Phil. Diss. masch. Marburg 2003. S. 197.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zwischen Aufrechterhaltung und Untergrabung des Authentizitätsanspruchs. Christian Krachts Reisebericht "Zu früh, zu früh"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
L 3.2 Christian Kracht − Romane und Reiseberichte
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V489214
ISBN (eBook)
9783668947924
ISBN (Buch)
9783668947931
Sprache
Deutsch
Schlagworte
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Arbeit zitieren
M.Ed. Isabel Kern (Autor), 2017, Zwischen Aufrechterhaltung und Untergrabung des Authentizitätsanspruchs. Christian Krachts Reisebericht "Zu früh, zu früh", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489214

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