Die Vergänglichkeit bei Gryphius und Schiller - Eine Klage über die Unabwendbarkeit des Todes?


Seminararbeit, 2004

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Die Aufarbeitung der Vergänglichkeits-Thematik vor unterschiedlichem Hintergrund

2. Parallele Darstellungsweisen in den beiden Gedichten
2.1 Die Einhaltung formaler Kriterien von klassischen Formen
2.2 Der geschlossene Aufbau in den beiden Gedichten
2.3 Die Sonderrolle von „Es ist alles gãtz eytel“ und „Nänie“

3. Unterschiede in der Gestaltung der Gedichte
3.1 Die Aussage der Gedichte und Ansätze zur Intention von Gryphius und >Schiller
3.2 Die Epochenzugehörigkeit und die Sprache in den beiden Gedichten

4. Besondere Kennzeichen von „Es ist alles gãtz eytel“ und „Nänie“
4.1 Die Intertextualität in Gryphius Gedicht
4.2 Schillers Bezug zur griechischen Antike und seine Vorstellung vom Schönheitsideal

5. Abschließende Gedanken zur Trauer in den beiden Gedichten

6. Literaturverzeichnis

1. Die Aufarbeitung der Vergänglichkeits-Thematik vor unterschiedlichem Hintergrund

The „idea of inconstancy [...] became an obsession with Gryph’s contemporaries to such an extent that it tended to become the rule in the seventeenth-century mind.”[1] Diese Aussage bringt ganz genau auf den Punkt, welch große Bedeutung der Vanitas-Gedanke gerade in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hatte, in dem Gryphius und seine Zeitgenossen mit Hunger, Seuchen und Pest zu kämpfen hatten. Aber auch Schiller, der im relativ abgelegenen, wohlbehüteten Weimar des 18. Jahrhunderts keineswegs mit solch existenziellen Nöten konfrontiert war, setzte sich mit diesem Thema noch über 150 Jahre später auseinander. Aus diesem Grund stehen sowohl Andreas Gryphius’ Gedicht „VANITAS, VANITATUM, ET OMNIA VANITAS. Es ist alles gãtz eytel“[2] als auch Schillers „Nänie“[3] unter dem Einfluss der Vergänglichkeits-Thematik, wobei allerdings schon des zeitlichen Abstandes wegen ein verschiedener Umgang mit der Problematik zu erwarten ist.

2. Parallele Darstellungsweisen in den beiden Gedichten

2.1 Die Einhaltung formaler Kriterien von klassischen Formen

Schon allein aus dem Grund, dass sich die beiden Dichter in ihrem Werk derselben Thematik zuwenden, lässt erahnen, dass man darüber hinaus wohl noch mehr Gemeinsamkeiten der beiden Gedichte feststellen kann. Diese These bewahrheitet sich etwa bei genauerer Betrachtung der Form, die beide Lyriker ganz streng und geschlossen halten. Gryphius wählt für sein Werk – Opitz’ Forderungen folgend – ein französisches Sonett mit durchgehend verwendeten Alexandrinern – also 6-hebigen Jamben mit einer Zäsur in der Mitte des Verses –, wobei die Quartette von einem umarmenden Reim, die ersten beiden Zeilen des ersten Terzetts durch einen Paarreim und die letzten vier Verse wiederum durch einen umschließenden Reim bestimmt werden[4]. Auffallend ist die Kombination von hyperkatalektischen Endungen mit einer weiblichen Kadenz bzw. akatalektischen Versausgängen mit männlicher Kadenz. Dabei beginnen und enden die Quartette jeweils mit ersterer Verbindung, während die beiden Terzette damit enden. Auf diese Weise korrespondiert die Gestaltung der Endungen genau mit dem Reimschema. Indem diese formalen Elemente alle miteinander verwoben sind, wird das in sich geschlossene, einheitliche Weltbild des Barock deutlich zum Ausdruck gebracht; die Form ist demzufolge ganz eng mit dem Inhalt des Gedichts verknüpft.

Auch in Schillers „Nänie“ greifen inhaltliche und formale Kriterien ineinander. Die Vollkommenheit in der antiken Form seines Werks verkörpert das Bild der perfekten Schönheit, um die es sich in diesem Gedicht dreht. Die klassische Elegie, die typische Form eines Klageliedes, enthält sieben reimlose Distichen – Kombinationen aus jeweils einem Hexameter und einem Pentameter, die hier „nicht nur eine metrische, sondern auch eine gedankliche und syntaktische Einheit“[5] bilden. Untereinander sind die Zweizeiler aber streng „ohne ein einziges Enjambement“[6] voneinander abgeschottet. Wie bei klassischen Distichen üblich, enden die Hexameter ausschließlich weiblich, während alle Pentameter einen männlich Ausgang haben. Durch das Spiel mit mehr oder weniger scharfen Zäsuren innerhalb der Verse kann Schiller zum Teil epigrammatische als auch lyrische Züge aufweisen[7]. In einigen Distichen ist außerdem der typische Gegensatz zwischen dem Hexameter und Pentameter verwirklicht, wie zum Beispiel im ersten, in dem die Rührung in der ersten Zeile der Herzlosigkeit der zweiten gegenübersteht. Schiller hält demzufolge genauso wie Gryphius eine klassische Gedichtform streng ein.

2.2 Der geschlossene Aufbau in den beiden Gedichten

Auch was den Aufbau der Gedichte betrifft, entscheiden sich sowohl Gryphius als auch Schiller für eine klare Gliederung. Gryphius’ Sonett kann in „zwei Klang-Phrasen“[8] gegliedert werden: Der erste gedankliche Abschnitt wird durch eine „Einleitungsthese (1)“, den „mikrokosmischen Beispielen (2-9)“ und der „Frage nach dem Wesen des Menschen (10)“[9] bestimmt, während der zweite Teil durch die „makroskopischen Exempla (12-13), umrahmt vom allgemeinen Blick auf die Welt des Menschen (11) und dem Blick auf das Ewige (14)“[10] geprägt sind. Die beiden Teile haben aber trotzdem einen festen Bezug zueinander. Zum einen sind die Höhepunkte der beiden Teile – nämlich der jeweilige Schlusssatz eines jeden Abschnitts – inhaltlich dadurch fest miteinander verknüpft, dass der erste Kernsatz (10) eine Antwort auf den zweiten Kernsatz (14) des Gedichts bildet[11]. Zum anderen entsteht durch die „Gegenüberstellung von Anfangs- und Schlusszeile“, die die „Hauptgedanken und zugleich die gedanklichen Extreme, das Irdisch-Vergängliche und das „Transzendental-Ewige“[12] beinhalten, ein „feste[r] Sonettrahmen“[13], der wiederum das barocke Weltbilds repräsentiert.

[...]


[1] Powell: Introduction, S.18

[2] Gryphius: Es ist alles gãtz eytel, S.622

[3] Schiller: Nänie, S.244

[4] Wegen des inhaltlichen Einschnitt nach dem zehnten Vers, der erst später thematisiert werden wird, sollte das Reimschema der Terzetten nicht als Schweifreim bezeichnet werden, obwohl diese Möglichkeit formal richtig wäre. Dies würde nämlich eine Geschlossenheit der Dreizeiler evozieren, die jedoch durch den Einschnitt nicht gegeben ist.

[5] Schneider: Nänie, S.178f.

[6] Wohlleben: Schillers „Nänie“, S.59

[7] Vgl. Weissenberger: Formen der Elegie, S.26-28.

[8] Trunz: Es ist alles eitel, S.148

[9] Ebd., S.149

[10] Ebd.

[11] Vgl. Trunz: Es ist alles eitel, S.149

[12] Szyrocki: Der junge Gryphius, S.99

In diesem Punkt unterscheiden sich Trunz und Szyrocki erheblich: Während Szyrocki „das Irdisch-Vergängliche und das Transzendental-Ewige“ angesprochen sieht, ist Trunz der Meinung, das Gedicht beziehe sich ausschließlich auf die Erde und lasse das Himmlische außen vor (Vgl. Trunz: Es ist alles eitel, S.145). Trunz kann aber Szyrockis These nicht standhalten, da das, „was ewig ist“ (14), sogar wörtlich angesprochen wird. Damit darf der Gegensatz von Diesseits und Jenseits nicht ignoriert werden.

[13] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Vergänglichkeit bei Gryphius und Schiller - Eine Klage über die Unabwendbarkeit des Todes?
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
11
Katalognummer
V48938
ISBN (eBook)
9783638455077
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Betrachtet werden in dieser Hausarbeit die beiden Gedichte "Nänie" von Schiller und "Es ist alles gatz eytel" von Gryphius.
Schlagworte
Vergänglichkeit, Gryphius, Schiller, Eine, Klage, Unabwendbarkeit, Todes, Proseminar, Einführung, Neuere, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Annette Schießl (Autor), 2004, Die Vergänglichkeit bei Gryphius und Schiller - Eine Klage über die Unabwendbarkeit des Todes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48938

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