The „idea of inconstancy [...] became an obsession with Gryph’s contemporaries to such an extent that it tended to become the rule in the seventeenth-century mind.” Diese Aussage bringt ganz genau auf den Punkt, welch große Bedeutung der Vanitas-Gedanke gerade in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hatte, in dem Gryphius und seine Zeitgenossen mit Hunger, Seuchen und Pest zu kämpfen hatten. Aber auch Schiller, der im relativ abgelegenen, wohlbehüteten Weimar des 18. Jahrhunderts keineswegs mit solch existenziellen Nöten konfrontiert war, setzte sich mit diesem Thema noch über 150 Jahre später auseinander. Aus diesem Grund stehen sowohl Andreas Gryphius’ Gedicht „VANITAS, VANITATUM, ET OMNIA VANITAS. Es ist alles gãtz eytel“ als auch Schillers „Nänie“ unter dem Einfluss der Vergänglichkeits-Thematik, wobei allerdings schon des zeitlichen Abstandes wegen ein verschiedener Umgang mit der Problematik zu erwarten ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Aufarbeitung der Vergänglichkeits-Thematik vor unterschiedlichem Hintergrund
2. Parallele Darstellungsweisen in den beiden Gedichten
2.1 Die Einhaltung formaler Kriterien von klassischen Formen
2.2 Der geschlossene Aufbau in den beiden Gedichten
2.3 Die Sonderrolle von „Es ist alles gãtz eytel“ und „Nänie“
3. Unterschiede in der Gestaltung der Gedichte
3.1 Die Aussage der Gedichte und Ansätze zur Intention von Gryphius und Schiller
3.2 Die Epochenzugehörigkeit und die Sprache in den beiden Gedichten
4. Besondere Kennzeichen von „Es ist alles gãtz eytel“ und „Nänie“
4.1 Die Intertextualität in Gryphius Gedicht
4.2 Schillers Bezug zur griechischen Antike und seine Vorstellung vom Schönheitsideal
5. Abschließende Gedanken zur Trauer in den beiden Gedichten
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Umgang mit der Vergänglichkeits-Thematik in Andreas Gryphius’ Sonett „Es ist alles gãtz eytel“ und Friedrich Schillers Elegie „Nänie“, um Gemeinsamkeiten in der formalen Gestaltung sowie Unterschiede in der inhaltlichen Intention und epochenspezifischen Sprache herauszuarbeiten.
- Vergleich der formalen Struktur (Barockes Sonett vs. Klassische Elegie)
- Analyse der inhaltlichen Aussage und der gesellschaftlichen Anklage bei Gryphius
- Untersuchung der ästhetischen Konzeption des Todes bei Schiller
- Epochenspezifische Einordnung und sprachliche Analyse
- Reflektion über die Rolle der Kunst angesichts der Unausweichlichkeit des Todes
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Einhaltung formaler Kriterien von klassischen Formen
Schon allein aus dem Grund, dass sich die beiden Dichter in ihrem Werk derselben Thematik zuwenden, lässt erahnen, dass man darüber hinaus wohl noch mehr Gemeinsamkeiten der beiden Gedichte feststellen kann. Diese These bewahrheitet sich etwa bei genauerer Betrachtung der Form, die beide Lyriker ganz streng und geschlossen halten. Gryphius wählt für sein Werk – Opitz’ Forderungen folgend – ein französisches Sonett mit durchgehend verwendeten Alexandrinern – also 6-hebigen Jamben mit einer Zäsur in der Mitte des Verses –, wobei die Quartette von einem umarmenden Reim, die ersten beiden Zeilen des ersten Terzetts durch einen Paarreim und die letzten vier Verse wiederum durch einen umschließenden Reim bestimmt werden 4. Auffallend ist die Kombination von hyperkatalektischen Endungen mit einer weiblichen Kadenz bzw. akatalektischen Versausgängen mit männlicher Kadenz. Dabei beginnen und enden die Quartette jeweils mit ersterer Verbindung, während die beiden Terzette damit enden. Auf diese Weise korrespondiert die Gestaltung der Endungen genau mit dem Reimschema.
Indem diese formalen Elemente alle miteinander verwoben sind, wird das in sich geschlossene, einheitliche Weltbild des Barock deutlich zum Ausdruck gebracht; die Form ist demzufolge ganz eng mit dem Inhalt des Gedichts verknüpft.
Auch in Schillers „Nänie“ greifen inhaltliche und formale Kriterien ineinander. Die Vollkommenheit in der antiken Form seines Werks verkörpert das Bild der perfekten Schönheit, um die es sich in diesem Gedicht dreht. Die klassische Elegie, die typische Form eines Klageliedes, enthält sieben reimlose Distichen – Kombinationen aus jeweils einem Hexameter und einem Pentameter, die hier „nicht nur eine metrische, sondern auch eine gedankliche und syntaktische Einheit“5 bilden. Untereinander sind die Zweizeiler aber streng „ohne ein einziges Enjambement“ 6 voneinander abgeschottet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Aufarbeitung der Vergänglichkeits-Thematik vor unterschiedlichem Hintergrund: Das Kapitel führt in den Vanitas-Gedanken ein und stellt die beiden Dichter vor den jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergründen des Barock und der Weimarer Klassik gegenüber.
2. Parallele Darstellungsweisen in den beiden Gedichten: Hier werden die formalen Übereinstimmungen sowie der streng geschlossene Aufbau der beiden Werke analysiert, inklusive deren spezifischer Sonderrolle innerhalb des jeweiligen Gesamtwerkes.
3. Unterschiede in der Gestaltung der Gedichte: Dieser Abschnitt beleuchtet die unterschiedlichen Zielsetzungen der Dichter und untersucht, wie die jeweilige Epochenzugehörigkeit die Sprache und Ausdrucksweise der Gedichte prägt.
4. Besondere Kennzeichen von „Es ist alles gãtz eytel“ und „Nänie“: Das Kapitel fokussiert sich auf die Intertextualität bei Gryphius sowie Schillers Rückgriff auf die griechische Antike und sein Idealbild der Schönheit.
5. Abschließende Gedanken zur Trauer in den beiden Gedichten: Die Zusammenfassung der Ergebnisse zeigt, dass die Trauer bei Gryphius in einer gesellschaftlichen Anklage mündet, während sie bei Schiller in der Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit angesichts des Todes endet.
Schlüsselwörter
Vergänglichkeit, Vanitas, Barock, Weimarer Klassik, Andreas Gryphius, Friedrich Schiller, Es ist alles gãtz eytel, Nänie, Sonett, Elegie, Tod, Schönheit, Intertextualität, antikes Griechentum, Formanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht zwei berühmte deutsche Gedichte, die sich mit der Vergänglichkeit des Irdischen und dem Tod auseinandersetzen, jedoch aus zwei unterschiedlichen Literaturepochen stammen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die formale Gestaltung der Gedichte, der geschlossene Aufbau, der Einfluss der jeweiligen Epoche auf die Sprache sowie die unterschiedliche Intention der Dichter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, trotz der verschiedenen historischen Kontexte Gemeinsamkeiten in der Strenge der Form und grundlegende Unterschiede in der inhaltlichen Stoßrichtung – Anklage gegen den Menschen bei Gryphius vs. Klage über die Vergänglichkeit des Schönen bei Schiller – aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Werkanalyse und einen komparativen Vergleich, der sowohl formale Aspekte als auch epochenspezifische Kontexte einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der parallelen formalen Kriterien, eine Analyse der unterschiedlichen inhaltlichen Aussagen und eine Erläuterung spezifischer Merkmale wie Intertextualität und Schönheitsideal.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Vergänglichkeit, Vanitas, Barock, Klassik, Sonett, Elegie, Intertextualität und das Schönheitsideal der griechischen Antike.
Warum spielt die Form für Gryphius eine so wichtige Rolle?
Gryphius nutzt die strenge Sonettform, um das in sich geschlossene, christlich geprägte Weltbild des Barock abzubilden, wobei die Struktur exakt mit dem Reimschema korrespondiert.
Wie unterscheidet sich die "Trauer" am Ende der beiden Gedichte?
Während Gryphius die Menschen anklagt, weil sie das Ewige nicht beachten, drückt Schiller eine tiefere Resignation aus, da er erkennt, dass die Kunst den Tod des Schönen zwar beklagen, aber nicht rückgängig machen kann.
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- Annette Schießl (Author), 2004, Die Vergänglichkeit bei Gryphius und Schiller - Eine Klage über die Unabwendbarkeit des Todes?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48938