Amokläufe an Schulen. Ursachen sowie Maßnahmen zur Prävention und Intervention


Fachbuch, 2019
64 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abstract

1 Einleitung

2 Amok, Amokläufe, School Shootings – Konzeptualisierung und Definition

3 Prävalenz und Vorkommen schulbezogener Amokläufe

4 Verursachende und auslösende Faktoren
4.1 Der gesellschaftlich-strukturelle Rahmen
4.2 Individuelle Einflussfaktoren
4.3 Der Einfluss der sozialen Situation

5 Vorbeugung
5.1 Primäre Prävention
5.2 Sekundäre Prävention
5.3 Tertiäre Prävention

6 Diskussion und Handlungsempfehlungen

7 Zusammenfassung

Anhang

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellarischer Überblick über dokumentierte School Shootings

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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Vorwort

Für alle jungen Menschen, die jemals durch eine tödliche Waffe ihr Leben verloren haben oder verletzt worden sind.

„Bowling for Columbine“ wird nie aus meinem Gedächtnis verschwinden, genauso wenig wie die Berichte über den Amoklauf von Erfurt. Die entsetzliche Gewalt und die darauffolgende Angst und Verunsicherung hat vielen Heranwachsenden das genommen, was einmal ihre Kindheit war. Vorfälle wie diese haben mich zutiefst berührt: Die Gewalt hat mich bestürzt und nicht mehr losgelassen.

Doch meine Bestürzung war stets von Ratlosigkeit und hilfloser Verwirrung begleitet. Denn wie viele andere Menschen konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, was die oft so jungen Täterinnen und Täter zu solch entsetzlichen Handlungen getrieben hat. Wie immer, wenn schreckliche Dinge passieren, haben wir das Bedürfnis nach einer Person, einem Umstand oder einer Sache, der bzw. dem die Schuld gegeben werden kann. Doch das niedrige Alter der Täterinnen und Täter und der Kontext der Taten hindern mich daran, den handelnden Personen selbst die Alleinschuld zu geben, und motivieren mich, das komplexe System wechselwirkender Einflussfaktoren zu ergründen.

Klar ist für mich in jedem Fall, dass die Öffentlichkeit, die Schule und die Schulsozialpädagogik eine Mitverantwortung haben, weshalb unsere Anstrengungen darauf gerichtet sein müssen, solche Gewaltausbrüche mit allen Mitteln zu verhindern. Ich möchte mit dieser Arbeit die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Sicherheit an unseren Schulen Priorität für uns alle haben muss.

>>Die Schüler auf den Fluren kreischten vor Entsetzen, und Chaos brach aus, als sie erkannten, dass nun auch sie eine zunehmend vertraute Szene erlebten: einen Schüler mit einer Waffe.<<

USA TODAY, 21.05.991

Abstract

Da die Vermeidung schulbezogener Amokläufe nur möglich ist, wenn umfassendes Wissen über Ursachen dieser sowie über entsprechende Präventionsmaßnahmen besteht, wurde eine systematische Analyse der Fach- und Forschungsliteratur umgesetzt. Verursachende und auslösende Faktoren sind zum einen struktureller Natur, so z.B. der einfache Zugang zu Waffen, die Verbreitung von gewalthaltigen Medien, die Akzeptanz von Gewalt in der Gesellschaft und der unvorsichtige Umgang der Medien mit vergangenen Gewalttaten, wodurch Nachahmungstaten wahrscheinlicher werden. Zum anderen spielen jedoch auch individuelle, z.B. persönlichkeitsbezogene oder psychopathologische, Aspekte und das soziale Umfeld der betreffenden Personen, z.B. in Schule oder Familie, eine große Rolle. Da sich die Wut der Täterinnen und Täter vorrangig gegen die Institution Schule richtet, sollten Präventionsmaßnahmen auch genau hier ansetzen und z.B. auf eine Verbesserung des Schulklimas, den Abbau von Mobbing und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen abzielen. Dennoch ist Schulpersonal auch auf den Ernstfall vorzubereiten: Weiterbildungen sollten dieses darin schulen, Warnhinweise zu erkennen und in einer Krise schnell und zielführend zu reagieren.

1 Einleitung

Grundsätzlich ist die Schule einer der sichersten Orte, an dem sich Heranwachsende aufhalten können (vgl. Horn, Hanna, 2012, S.38). Doch obwohl schulbezogene Amokläufe äußerst selten sind, sind ihre Folgen gravierend. Aufgrund des oftmals jungen Alters der Täterinnen, Täter und Opfer sowie der Willkür der Gewalt sind diese Delikte stark emotional besetzt und lösen Schock, Ratlosigkeit und Wut aus. Das Bedürfnis der Angehörigen ebenso wie der Öffentlichkeit nach Antworten ist daher naturgemäß groß: Schnell werden, in oftmals polemischer Weise, „Schuldige“ identifiziert, woraufhin prophylaktische Maßnahmen ergriffen werden, die häufig weder theoretisch noch empirisch begründet sind (vgl. Adler, Lothar, 2009, S.17; Bödecker, Florian, 2004, S.83ff). In den USA ging dies etwa so weit, dass versucht wurde, Amokläufe durch die Wiedereinführung der Schulgebete oder die Anordnung, Lehrkräfte müssten mit „Madam“ oder „Sir“ angesprochen werden, um dadurch Respekt quasi zu verordnen, zu verhindern (vgl. Aronson, Elliot, Wilson, Timothy D., Akert, Robin M., 2008, S.382).

Tatsächlich effektiv gegen schulbezogene Amokläufe vorzugehen ist jedoch nur möglich, wenn Ursachen und Wirkmechanismen hinlänglich verstanden werden. Die vorliegende Arbeit orientiert sich daher an folgenden forschungsleitenden Fragen:

- Was macht schulbezogene Amokläufe aus? Wie häufig kommen diese vor?
- Wodurch wird das Auftreten schulbezogener Amokläufe beeinflusst? Welche Faktoren auf der Mikro- ebenso wie auf der Makroebene haben einen verursachenden oder auslösenden Effekt?
- Welche der verursachenden oder auslösenden Faktoren können beeinflusst werden? Wo liegen daher Möglichkeiten zur Prävention von schulbezogenen Amokläufen? Wie gestaltet sich eine effektive Intervention?

Die Informationen zur Beantwortung der Fragen entspringen der Fachliteratur, wobei Datenbanksuchen durch manuelle Suchen ergänzt wurden. Gezielt wurden auch wissenschaftliche Journals als Quellen praxisnaher und aktueller Einblicke herangezogen. Die Auswertung der Publikationen erfolgte themenanalytisch-hermeneutisch (vgl. Froschauer, Ulrike, Lueger, Manfred, 2009, S.11ff), unter quellenkritischem Einbezug des jeweiligen Kontextes.

Die Analyse der Fach- und Forschungsliteratur wurde durch die systematische Sammlung von sämtlichen, in deutsch- und englischsprachigen Print- und Online­zeitungen auffindbaren Artikeln zu schulbezogenen Amokläufen der letzten 20 Jahre (1997-2016) ergänzt. Die Informationen wurden ausgezählt, kategorisiert und deskriptiv-statistisch dargestellt. Darüber hinaus wurden die Inhalte der Artikel aus Online- und Printzeitungen, aufgrund der geringen Validität, nur zur Illustration von Fallbeispielen herangezogen.

Die Basis der vorliegenden Arbeit bildet die definitorische und konzeptuelle Darstellung des Phänomens schulbezogener Amokläufe: Das nachfolgende Kapitel 2 gibt Einblick in die zentralen Merkmale von Amokläufen sowie, spezifischer, von schulbezogenen Amokläufen, grenzt diese Delikte aber auch gegenüber ähnlichen Gewalttaten ab. Daraufhin wird in Kapitel 3 auf die Prävalenz der School Shootings eingegangen, wobei auch geografische Unterschiede und Veränderungen im Zeitverlauf diskutiert werden. Kapitel 4 stellt ausführlich die wechselwirkenden Ursachen und Auslöser schulbezogener Amokläufe auf der gesellschaftlich-strukturellen, der individuellen sowie der sozialen Ebene dar. Hierauf aufbauend beschreibt Kapitel 5 Möglichkeiten der primären, sekundären und tertiären Prävention dieser schweren Gewaltdelikte. Der Fokus liegt dabei auf solchen Präventionsmaßnahmen, auf die Sozialpädagoginnen, Sozialpädagogen und Schulpersonal unmittelbar Einfluss haben können, während z.B. Strategien, die vonseiten der Politik ergriffen werden müssten, ausgeklammert werden. Die Aufarbeitung der Literatur mündet schließlich, in Kapitel 6, in der Formulierung konkreter Handlungsempfehlungen, die geeignet erscheinen, um die dargestellten Ursachen schulbezogener Amokläufe zu bekämpfen, und, in Kapitel 7, in einer kurzen Zusammenfassung.

2 Amok, Amokläufe, School Shootings – Konzeptualisierung und Definition

Obwohl terminologisch nicht unumstritten, wird im Folgenden von der, im Fachdiskurs am weitesten verbreiteten, Definition eines School Shootings als besondere Form eines Amoklaufes ausgegangen, die sich die Mindestkriterien mit diesem teilt, aber zusätzlich einige Besonderheiten aufweist (vgl. Bannenberg, Britta, 2010, S.7ff; Burgess, Ann W., Regehr, Cheryl, Roberts, Albert R., 2011, S.183ff; Faust, Volker, 2016, S.159ff; Horn, 2013, S.7ff; Scheithauer, Herbert, Bondü, Rebecca, 2011, S.11ff). Synonym wird daher der Begriff des schulbezogenen Amoklaufes verwendet.

„Amok“ geht dabei auf die malaiische Bezeichnung „meng-amok“ zurück, was grob als „in blinder Wut angreifen“ übersetzt werden kann (vgl. Imbusch, Peter, 2010, S.266). Auch gemäß dem Diagnose-Code F68.8 im Diagnosemanual ICD-102 der WHO3 meint Amok eine willkürliche, vermeintlich oder tatsächlich nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens, gefolgt von Amnesie oder Erschöpfung (vgl. Böckler, Nils, Seeger, Thorsten, 2010, S.16).

Der Begriff „Amoklauf“ erfuhr demgegenüber einen Bedeutungswandel, beschreibt er doch in der Regel geplante Verbrechen mit Ankündigungscharakter, die also nicht im Affekt passieren (vgl. Bannenberg, 2010, S.7ff; Horn, 2013, S.8; Schildkraut, Jaclyn, Elsass, Jaymi, 2016, S.13ff). Für Außenstehende erscheint die Tat und Opferwahl dennoch willkürlich und nicht-provoziert (vgl. Schröter, Burkhard, 2011, S.61).

Obwohl weder die gängigen Diagnosemanuale noch das österreichische Strafrecht4 den kriminellen Akt des Amoklaufes kennen, hat sich im wissenschaftlichen und medialen Diskurs eine Definition und Konzeptualisierung des Phänomens herausgebildet. Auffällig sind hierbei zwei grundlegende Merkmale, die erforderlich sind, um einen Amoklauf als einen solchen klassifizieren zu können:

Zum einen handelt es sich um ein Delikt mit Tötungsabsicht, was zum Beispiel am Einsatz potentiell tödlicher Waffen erkannt werden kann (vgl. Adler, 2009, S.18). Von den Täterinnen und Tätern angestrebt wird hierbei der Tod mehrerer Personen: Zum Teil wird gefordert, nur dann von einem Amoklauf zu sprechen, wenn zumindest drei Menschen den Tod fanden (vgl. Douglas, John E., Burgess, Ann W., Burgess, Allen G., Ressler, Robert K., 2011, S.96). Im Einklang mit jüngeren Definitionen wird im Folgenden jedoch nur die Tötungs absicht mehrerer Personen als Inklusionskriterium berücksichtigt; unabhängig davon, ob diese erfolgreich umgesetzt werden konnte oder nicht (vgl. Horn, 2012, S.13; Scheithauer, Bondü, 2011, S.25f). Relevant ist in jedem Fall, dass die (versuchte) Tötung der Opfer innerhalb eines einzelnen, abgegrenzten Tatereignisses geschieht und es zwischen den einzelnen Morden keine sogenannte „Abkühlungsphase“ gibt (vgl. Scheithauer, Bondü, 2011, S.22). Diese Hervorhebung ist zur Abgrenzung eines Amoklaufes von anderen Massentötungen durch dieselbe Person, z.B. von einem Serienmord, relevant. Im Folgenden wird jedoch, dem Tenor des Expertinnen- und Expertendiskurses folgend, liberal mit dem Kriterium umgegangen.5

Zum anderen sind die Opfer der Tat willkürlich (vgl. Faust, 2016, S.159). Die Willkür ist hier selbstredend eine relative: Der Tatort basiert in der Regel auf dem Tatmotiv, wobei das Ziel ist, Personen(gruppen), die mit bestimmten Attributen versehen wurden, Schaden zuzufügen (vgl. Scheithauer, Bondü, 2011, S.26). Manchmal sind einzelne der Opfer den Täterinnen und Tätern persönlich bekannt. Da Amokläufe aber definitionsgemäß im öffentlichen oder halb-öffentlichen Raum stattfinden, sind auch in diesen Fällen zusätzliche Personen „zufällig“ gefährdet (vgl. Faust, 2016, S.159). Im Denken der Amokläuferinnen und Amokläufer werden diese zu „Kollateralschäden“, die für das Erreichen eines höheren Zieles erforderlich und daher vernachlässigbar sind (vgl. Grzeszyk, André, 2014, S.95ff).

Zusätzlich zu diesen Mindestkriterien wird in aller Regel die „ körperliche Anwesenheit des einzelnen Täters [sic!] bei der Tatausführung sowie die Tötung von dessen Händen “ (Scheithauer, Bondü, 2011, S.15) vorausgesetzt. Amokläuferinnen und Amokläufer befinden sich persönlich am Tatort und ermorden die Opfer selbstständig, einzeln und nacheinander (vgl. Scheithauer, Bondü, S.15f). Obwohl dieses Kriterium erforderlich ist, um Amokläufe z.B. von Selbstmordattentaten mit Sprengstoffunterstützung zu unterscheiden, setzen Amokläuferinnen und Amokläufer zum Teil zusätzlich brennbare oder Sprengstoffe ein, um die Opferzahl zu erhöhen (vgl. Grzeszyk, 2014, S.428). Der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold, die Verantwortlichen für den 1999 stattfindenden Amoklauf an der Columbine High School, planten etwa den Tod von 500 Schülerinnen und Schülern, Schulangestellten und Einsatzkräften durch den gezielten Einsatz von Sprengkörpern, die am Tag der Tat jedoch nicht zündeten (vgl. Gray, Shani P., 2007, S.256ff).

Von diesen Mindestkriterien ausgehend werden Amokläufe, je nach Täterinnen und Tätern, Tatmotiv, Tatort und Tathergang, unterschiedlich klassifiziert. Eine spezielle Form eines Amoklaufes stellen sogenannte „School Shootings“, d.h. schulbezogene Amokläufe, dar. School Shootings werden definiert als

gezielte Angriffe eines (ehemaligen) Schülers [sic!] an seiner bewusst als Tatort ausgewählten Schule mit potenziell tödlichen Waffen und Tötungsabsicht. Die Tat ist durch individuell konstruierte Motive im Zusammenhang mit dem Schulkontext bedingt und richtet sich gegen mit der Schule assoziierte, zumindest teilweise zuvor ausgewählte Personen oder Personengruppen (Bondü, 2010, S.25, cit. Scheithauer, Bondü, 2011, S.24).

Schulbezogene Amokläufe weisen also gemeinhin folgende Merkmale auf:

- Schulbezug der Täterinnen und Täter: In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich bei den Täterinnen und Tätern um Schülerinnen und Schüler, seltener um ehemalige Schülerinnen und Schüler, Eltern oder Schulpersonal (vgl. Horn, 2012, S.13f). Ferner kann die Schule, die zum Tatort wurde, aber auch ein Ersatzobjekt darstellen, das z.B. die eigene Schule oder das Schulsystem stellvertretend repräsentiert (vgl. Seidel, Jens, 2013, S.11). So lief Mohammad Ahman al-Nazari im März 1997, nachdem er vom sexuellen Missbrauch seiner Tochter durch eine Lehrkraft erfahren hatte, nicht nur in der Schule Amok, in der sein Kind unterrichtet wurde, sondern auch in einer nahegelegenen anderen Schule (vgl. Finley, Laura, 2014, S.328). Es ist davon auszugehen, dass er die Wut, die er gegenüber der betreffenden Lehrkraft empfand, zunächst auf die Schule, in der diese angestellt war, und dann auf das System „Schule“ an sich übertrug.
- Schulbezug des Tatmotivs: Die Aggression der Täterinnen und Täter kann sich etwa gegen (einzelne) Schülerinnen und Schüler, (einzelne) Lehrerinnen und Lehrer, die Schule als negativ besetzten Ort oder das gesamte Schulsystem richten (vgl. Engels, Holger, 2007, S.48; Grzeszyk, 2014, S.186; Horn, 2012, S.12). Die Amokläuferinnen und Amokläufer selbst beschreiben als Motiv häufig die Rache dafür, dass sie nicht wahrgenommen oder unfair behandelt wurden (vgl. Burgess, Regehr, Roberts, 2011, S.174ff). Der Tat geht oft eine tiefe Kränkung im Schulkontext unmittelbar voraus, die zur Eskalation führt (vgl. Grzeszyk, 2014, S.38).
- Schule als Tatort: Für ihre Tat wählen die Täterinnen und Täter den Ort ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Demütigung: School Shootings finden in Schulen oder auf schuleigenem Gelände statt (vgl. Horn, 2012, S.12). Hierzu zählten in der Vergangenheit etwa auch Schulparkplätze sowie Schulveranstaltungen, wie Tanz- oder Sportveranstaltungen auf dem Schulgelände (vgl. Himmelrath, Armin, Neuhäuser, Sarah, 2014, S.13ff). Ebenfalls unter den Begriff der schulbezogenen Amokläufe werden solche an Universitäten subsumiert. Der in der englischen Sprache manchmal verwendete Terminus der „Campus Shootings“ fand bislang keinen Eingang in die deutsche Sprache (vgl. Braun, Andreas, 2015, S.253ff; Van Brunt, Brian, 2012, S.264). Dies vereinfacht auch den internationalen Diskurs, da der Übergang vom schulischen zum hochschulischen Bildungssektor global uneinheitlich ist.
- Spezifischer Tathergang: Die Opfer der School Shootings weisen in der Regel selbst einen Schulbezug auf, wird von utilitaristischen Tötungen, z.B. von Einsatzkräften, abgesehen (vgl. Faust, Benjamin, 2010, S.26). Empirisch gesehen sind bei jeweils einem Drittel der schulbezogenen Amokläufe fast ausschließlich Schülerinnen und Schüler, fast ausschließlich Lehrpersonal sowie sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonal Ziel der Gewalt (vgl. Robertz, Frank J., Wickenhäuser, Ruben, 2010, S.19). Die Personen können dabei zufällig zum Opfer, gezielt ausgewählt oder aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung, z.B. ihrer Popularität, angegriffen werden (vgl. Böckler, Seeger, 2010, S.24; Röthlein, Hans J., 2007, S.93ff). Auch sind schulbezogene Amokläufe bekannt, in denen Angehörige eines bestimmten Geschlechts, einer bestimmten Nationalität oder einer bestimmten Religion bevorzugt getötet wurden (vgl. Adler, 2010, S.109; Gray, 2007, S.247ff; Seidel, 2013, S26f). Die Wut gegen einzelne Personen oder Personengruppen manifestiert sich auch darin, dass die Opfer schulbezogener Amokläufe häufig sogenannte „Overkills“ sind: Die Täterinnen und Täter attackieren bereits schwerverletzte Personen mehrfach, um deren Tod auch garantiert sicherzustellen (vgl. Robertz, Wickenhäuser, 2010, S.19).6

School Shootings inkludieren hierbei, entgegen der direkten Übersetzung, Delikte mit unterschiedlichen, potentiell tödlichen Waffen (vgl. Schröter, 2011, S.63). Obwohl mehrheitlich Schusswaffen verwendet werden, sind beispielsweise schulbezogene Amokläufe mit Hieb- und Stichwaffen bekannt (vgl. Horn, 2012, S.17). Nicht zuletzt inkludieren „School Shootings“, nach Meinung mancher Autorinnen und Autoren, auch extreme Gewalttaten im Schulkontext, die nicht mit einer Tötungsabsicht einhergehen, z.B. Geiselnahmen (vgl. Horn, 2013, S.8ff).

Gerade aufgrund der sehr inklusiven Definition der schulbezogenen Amokläufe, die weiter gefasst ist als die anders motivierter Amokläufe, werden in Medien und der Öffentlichkeit häufig Tatereignisse vorschnell als School Shootings bezeichnet, die bewusst aus der vorliegenden Arbeit ausgeschlossen wurden. Eine Abgrenzung wurde vor allem zu folgenden, durch exemplarische Ereignisse illustrierten, Tatbeständen versucht:

- Mass Shootings an anderen Orten: Im Juli 2011 erschoss Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen, mehrheitlich Schülerinnen und Schüler oder deren Aufsichtspersonen, während des alljährlichen Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking (vgl. Borchgrevink, Aage, 2013, S.111ff). Obwohl die Opfer denen von schulbezogenen Amokläufen gleichen, wiesen weder der Täter, noch der Tatort oder das Tatmotiv einen Schulbezug auf.
- Waffengewalt gegen Einzelpersonen an Schulen: Englischsprachige Massenmedien verwenden den Begriff der School Shootings oftmals für jeglichen Schusswaffengebrauch am Schulgelände (vgl. Schröter, 2011, S.63). So etwa wurde von einem solchen gesprochen, als die 28-jährige Lehrerin Shane Schumerth im März 2012, nachdem sie gekündigt worden war, an die Episcopal High School von Jacksonville, Florida, zurückkehrte, um die Schuldirektorin mit einem Sturmgewehr zu erschießen (vgl. Muschert, Glenn W., Sumiala, Johanna, 2012, S.304). Obwohl Tatort, Tatmotiv und Täterin einen Schulbezug aufweisen, müssen Tötungen, um unter die Kategorie schulbezogener Amokläufe subsumiert zu werden, auch die Mindestkriterien eines Amoklaufes, wie in Kapitel 2 beschrieben, erfüllen. Im Falle Schumerth bestand weder eine Tötungsabsicht mehrerer Personen noch eine willkürliche Opferwahl (vgl. Robertz, Wickenhäuser, 2010, S.9).
- Terroristisch oder anders motivierte Gewalt: Bei „schulbezogenen Amokläufen“ handelt es sich nicht einfach um „Amokläufe an Schulen“, können doch terroristisch und anders motivierte Mehrfachtötungen aus rein utilitaristischen Gründen an einer Schule stattfinden, um leichter große Opferzahlen sowie eine starke mediale Resonanz zu erreichen (vgl. Braun, 2015, S.13ff; Horn, 2013, S.8ff). Der Anschlag des 23-jährigen Mohammed Merahs im März 2012 auf Schülerinnen und Schüler einer jüdischen Schule in Toulouse, Frankreich, etwa war antisemitisch und keinesfalls schulbezogen motiviert (vgl. Rauschenberger, Katharina, Konitzer, Werner, 2015, S.118). Auch im Falle von Bandenkriminalität und Rivalitäten zwischen Gangs, die sich in die Schulen der Gangmitglieder erstrecken, ist die Wahl der Schule als Tatort zweckdienlich bis zufällig, wohingegen das Tatmotiv in keinem Fall ein schulbezogenes ist (vgl. Tauber, Robert T., 2007, S.347ff; Robertz, 2007a, S.12).

Natürlich sind die Grenzen zwischen schulbezogenen und anderen Mehrfachtötungen oftmals fließend und Kategorisierungen einzelner Fälle schwierig. So wird hinsichtlich mehrerer schulbezogener Amokläufe von antireligiösen oder fremdenfeindlichen Teilmotiven ausgegangen (vgl. Glaberson, William, 2000, Internet; Kimmel, Michael S., Mahler, Matthew, 2003, S.1439f; Schildkraut, Elsass, 2016, S.105). Insofern aber die Tatmotive zumindest teilweise schulbezogene waren, werden die betreffenden Fälle im Folgenden großzügig als School Shootings klassifiziert.

3 Prävalenz und Vorkommen schulbezogener Amokläufe

Tabelle 1 (siehe Anhang, Kapitel 0) gibt einen Überblick über die medial dokumentierten School Shootings der letzten 20 Jahre, d.h. im Zeitraum von 01.01.1997 bis 31.12.2016. Insgesamt wurden 60 Fälle in 17 verschiedenen Ländern auf 6 Kontinenten dokumentiert, die meist von Einzeltäterinnen oder Einzeltätern begangen wurden und gemeinsam 305 Todesopfer forderten.

Hinsichtlich der Analyse der Tatorte ist zu beachten, dass trotz systematischer Datensuche nur solche Fälle aufgenommen werden konnten, über die in englisch- oder deutschsprachigen Medien berichtet wurde. Dies ist zumindest ein Teil der Erklärung dafür, dass, wie in Abbildung 1 illustriert, 37 der 60 dokumentierten Fälle in Nordamerika stattfanden (davon 34 in den USA), 12 weitere in Europa und ein weiterer im englischsprachigen Ozeanien. Zumindest teilweise kann diese Beobachtung also eine artifizielle sein.

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Abbildung 1: Tatorte der School Shootings (1997-2016) nach Kontinent

Quelle: Eigene Berechnung, siehe Tabelle 1 im Anhang, Kapitel 0. Angaben in Prozent aller dokumentierten Fälle (n=60) und in absoluten Zahlen.

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass viele vermeintliche School Shootings im (nord‑)afrikanischen und (vorder‑)asiatischen Raum nicht als solche klassifiziert werden konnten, da terroristische Hintergründe angenommen werden. In Südamerika sowie in Mexiko hingegen wurden einige Fälle ausgeschlossen, da unklar erschien, ob es sich bei ihnen um klassische schulbezogene Amokläufe oder um Bandenkriminalität handelte (vgl. Oehrlein, Josef, 2011, Internet).

Nicht alle Identitäten der Täterinnen und Täter wurden öffentlich gemacht: Namentlich bekannt sind nur 57 Amokläuferinnen und Amokläufer, die gemeinsam für 55 der 60 School Shootings verantwortlich sind. Durchschnittlich waren die Täterinnen und Täter zum Tatzeitpunkt rund 21 Jahre7 alt, mit einem Mindestalter von 11 und einem Maximalalter von 48 Jahren. Beinahe die Hälfte (29) der Personen war zum Tatzeitpunkt noch minderjährig.8

Bislang werden schulbezogene Amokläufe in aller Regel von Jungen und Männern verübt; die einzig bekannte weibliche School Shooterin war die 23-jährige Latina Williams, die 2008 zwei Frauen in Louisiana erschoss, bevor sie Suizid beging (vgl. Turvey, Brent E., 2013, S.385). Dieses Phänomen liegt erstens darin begründet, dass Männer, aufgrund ihrer Biologie, Psychologie und Sozialisation, Konflikte tendenziell häufiger durch den Einsatz von physischer Gewalt zu lösen versuchen (vgl. Seidel, 2013, 29ff). Zweitens empfinden männliche Jugendliche soziale Aberkennung und Demütigung als unangenehmer und reagieren stärker auf tatsächliche oder vermeintliche Provokationen (vgl. Aronson, Akert, Wilson, 2008, S.415). Allerdings wird, basierend auf der Analyse von Drohungen und Warnhinweisen, vermutet, dass der Mädchen- und Frauenanteil unter den Amokläuferinnen bzw. Amokläufern zukünftig wachsen wird, da sich auch das Freizeitverhalten und die Sozialisation der Geschlechter zunehmend anpasst (vgl. Himmelrath, Neuhäuser, 2014, S.52).

In Medien und Öffentlichkeit wird zum Teil der Eindruck vermittelt, dass die Prävalenz schulbezogener Amokläufe beharrlich ansteigt. Abbildung 2 gibt daher einen Überblick über die zeitliche Entwicklung der School Shootings in der Beobachtungsperiode von 1997 bis 2016. Die blauen Säulen illustrieren die Anzahl der medial dokumentierten schulbezogenen Amokläufe pro Jahr; die orangefarbenen Linien zeigen, als weitere Indikatoren für eine etwaige Eskalation der Gewalt, die aufsummierten Todesopfer durch School Shootings pro Jahr.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: School Shootings und deren Todesopfer pro Jahr (1997-2016)

Quelle: Eigene Berechnung, siehe Tabelle 1 im Anhang, Kapitel 0. Angaben in absoluten Zahlen.

Es ist evident, dass die Zahl der School Shootings nicht im Zunehmen begriffen ist. Die Ausreißer der Regressionsgerade sind aber stark: Es zeigt sich ein nicht-linearer Verlauf mit unregelmäßigen Schwankungen. Hinweise gibt es vor allem auf systematische Häufungen, wobei in vielen Fällen von Nachahmungstaten ausgegangen werden kann (vgl. Grzeszyk, 2014, S.65ff).

Über entsprechende Streudiagramme gelegte Regressionsgeraden deuten insgesamt jedoch sogar auf eine tendenzielle Abnahme sowohl der Vorfälle als auch der Todesopfer hin. Tatsächlich gibt es hierbei länderspezifische Unterschiede: Seltener wurden schulbezogene Amokläufe im Zeitverlauf vor allem in den USA, was auf die Vermittlung von Forschungserkenntnissen im Rahmen von Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterschulungen und auf verstärkte Präventionsmaßnahmen zurückgeführt wird (vgl. Robertz, Wickenhäuser, 2010, S.17).

4 Verursachende und auslösende Faktoren

Eines der zentralsten Informationsbedürfnisse der Öffentlichkeit und zudem die Grundlage zur Entwicklung effektiver Präventions- und Interventionsmaßnahmen ist die Frage, was School Shootings verursacht und/oder auslöst. Umfassende Analysen, die die Erstellung eines Sozial- und Persönlichkeitsprofils der schulbezogenen Amokläuferinnen und Amokläufer zum Ziel hatten, zeigten, dass es kein valides, einheitliches Profil gibt – mit Ausnahme dessen, dass bislang beinahe alle der Taten von Jungen und Männern verübt wurden (vgl. Bödecker, 2004, S.182ff; Hoffmann, Jens, 2007, S.28; Schröter, 2011, S.70).

Dennoch zeigen sich, wie in Abbildung 3 zusammengefasst, gewisse Tendenzen, Regelmäßigkeiten und potentiell problematische Gegebenheiten, die in einem komplex wechselwirkenden System schulbezogene Amokläufe verursachen, verstärken oder auslösen können.

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Abbildung 3: Ursachen und Auslöser der Gewalteskalation im Überblick

Quelle: Eigene Darstellung.

Wie die Abbildung illustriert, wirkt sich dabei zunächst der gesellschaftlich-strukturelle Rahmen aus, in dem ein Individuum aufwächst. Der Einfluss dieser Faktoren, z.B. des liberalen oder restriktiven Zugangs zu Waffen, ist nicht zu unterschätzen, wie sich auch an nationalen Unterschieden hinsichtlich der Prävalenz der School Shootings zeigt. Besonders intensiv untersucht wurden die individuellen (Persönlichkeits-)Faktoren, die die Täterinnen und Täter aufgrund ihrer Genetik, Sozialisation und Enkulturation mitbringen. Hinzu kommen, nicht zuletzt, Auswirkungen der sozialen, z.B. schulischen und familiären, Situation der potentiellen Amokläuferinnen oder Amokläufer. Diese können individuelle und strukturelle Prädispositionen verstärken ebenso wie abschwächen und gaben, im Falle bisheriger School Shootings, nicht selten den endgültigen Auslöser für die Tat.

Die nachfolgenden Kapitel geben einen genaueren Einblick in die einzelnen, in der Abbildung kurz erwähnten, verursachenden und auslösenden Faktoren. Bedacht werden muss, dass Analysen zur Ätiologie schulbezogener Amokläufe immer Schwächen haben, da sie nur retrospektiv geschehen können und die Fallzahl insgesamt eine geringe ist (vgl. Adler, 2009, S.18). In vielen Fällen können die Täterinnen und Täter selbst überhaupt nicht mehr befragt werden, da die Tat z.B. mit deren Suizid endete. Die Analyse geschieht dann etwa über Tagebucheinträge und Zeichnungen der Jugendlichen selbst oder über die Einsichten von Eltern, Peers und anderen Personen aus dem Umfeld der Amokläuferinnen und Amokläufer (vgl. Huck, Wilfried, 2012, S.27).

4.1 Der gesellschaftlich-strukturelle Rahmen

Betreffend den gesellschaftlich-strukturellen Rahmen, in dem schulbezogene Amokläufe passieren, problematisieren Expertinnen und Experten vor allem liberale Waffengesetze, den weitverbreiteten Konsum von gewalthaltigen und gewaltverherrlichenden Medien und die Heroisierung von Gewalt insbesondere in Gesellschaften, die sich im Krieg befinden. Fand einmal ein School Shooting statt, kann zudem der mediale Umgang mit diesem beeinflussen, ob es zu weiteren, vergleichbaren Gewalttaten kommt.

4.1.1 Zugang zu Waffen

In der Öffentlichkeit wird besonders häufig gemutmaßt, dass schulbezogene Amokläufe wegen der dortigen liberalen Waffengesetze so auffällig häufig in den USA stattfinden (vgl. Adler, 2009, S.20). Tatsächlich hatten Täterinnen und Täter überdurchschnittlich oft leichten Zugang zu (Schuss-)Waffen über das Elternhaus; für einige stellte das Waffeninteresse gar das einzige gemeinsame Hobby mit einem der Elternteile dar (vgl. Himmelrath, Neuhäuser, 2014, S.75). Für manche der Täterinnen und Täter war der Besitz und Gebrauch von Waffen eine zentrale Quelle von Selbstbewusstsein: Michael Carneal, der 1997 das Feuer auf einen schulischen Gebetszirkel eröffnete, war davon überzeugt, Personen seien umso mächtiger, je mehr Waffen sie besitzen (vgl. Faust, 2010, S.101).

Was die Situation in Österreich betrifft, so erfordert der Erwerb einer Waffenbesitzkarte zwar ein kurzes Training sowie ein psychologisches Gutachten, Waffen der Kategorien C und D, z.B. Büchsen oder Flinten, sind jedoch nicht waffendokumentpflichtig (vgl. Bundesgesetz über die Waffenpolizei, BGBl. I Nr. 12/1997). Zwar besitzen nur 3,3 % der Österreicherinnen und Österreicher eine registrierte Waffe9, die Dunkelziffer mag aber, aufgrund illegalen Waffenbesitzes, höher sein (vgl. Thalhammer, Anna, 2017, Internet). Zudem ist die Tendenz derzeit steigend (vgl. Thalhammer, 2017, Internet). Einschränkungen, um den Besitz und das Führen von Waffen restriktiver zu gestalten, wären also durchaus denkbar.

Jedoch ist unklar, inwiefern schulbezogene Amokläufe durch einen strenger regulierten Zugang zu Waffen verhindert werden können. Tatsächlich erwarben die meisten der Amokläuferinnen und Amokläufer die verwendeten Schusswaffen ohnehin auf illegalem Weg, entwendeten sie oder erhielten sie von älteren Bekannten (vgl. Robertz, 2007a, S.9). Während hierzulande noch keine Erfahrungen mit schulbezogenen Amokläufen bestehen, gilt auch für Österreich, dass die meisten Delikte mit Schusswaffengebrauch mit illegalen Waffen begangen werden10, auf die die Waffengesetzgebung wenig Einfluss hat (vgl. Schröter, 2011, S.65f).

Nicht zuletzt darf nicht vergessen werden, dass Schusswaffen, auf die die Waffengesetzgebung in der Regel fokussiert, nicht die einzigen tödlichen Waffen darstellen: Die schulbezogenen Amokläufe wurden, vor allem außerhalb der USA, auch unter dem Einsatz von selbstgebauten Sprengkörpern, Benzin und Hieb- und Stichwaffen, etwa Messern und Äxten, verübt (vgl. Adler, 2009, S.20).

4.1.2 Gewalthaltige und gewaltverherrlichende Medien

Regelmäßig werden zudem mögliche Zusammenhänge zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medien und der Gewaltbereitschaft Heranwachsender diskutiert. Dies ging so weit, dass ein US-Gericht nach dem Amoklauf Michael Carneals, der im Jahr 1997 mehrere seiner Mitschülerinnen und Mitschüler erschossen hatte, entscheiden musste, dass die Herstellerinnen und Hersteller eines Computerspiels nicht für einen Amoklauf zur Verantwortung gezogen werden können (vgl. Clarke, Rachel, 2003, Internet).

Beinahe alle der schulbezogenen Amokläuferinnen und Amokläufer wandten sich vor der Tat gewalthaltigen und gewaltverherrlichenden Medien, etwa Filmen, Musik oder PC- bzw. Videospielen, zu (vgl. Brinkbäumer, Klaus, Cziesche, Dominik, Hoppe, Ralf, Kurz, Felix, Meyer, Cordula, Repke, Irina, Röbel, Sven, Smoltczyk, Alexander, Wassermann, Andreas, Winter, Steffen, 2002, S.120f; Engels, 2007, S.41f; Scheithauer, Bondü, 2011, S.82). Gerade das Internet bietet Kindern und Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten, an diese Medien zu gelangen und sie auf ihrem Computer oder Handy vor den Eltern zu verbergen (vgl. Horn, 2012, S.46f). Während Medienkonsum im Allgemeinen nicht mit Gewaltbereitschaft und Delinquenz einhergeht, stellte unter anderem eine Meta-Analyse11 empirisch fest, dass der wiederholte Konsum von gewalthaltigen Filmen, Spielen und anderen Medien die Gewaltbereitschaft erhöht, aggressive Gedanken und Handlungen steigert und die Hilfsbereitschaft senkt (vgl. Anderson, Craig A., Bushman, Brad J., 2001, S.353ff).

[...]


1 cit. Rhue, Morton, 2012, S.6

2 International Classification of Diseases and Related Health Problems

3 World Health Organization

4 Täterinnen und Täter würden z.B. wegen (mehrfachen) Mordes oder (mehrfachen) versuchten Mordes vor Gericht gestellt.

5 Im März 1997 lief Mohammad Ahman al-Nazari in einer Schule in Sanaa, Jemen, Amok (vgl. Finley, 2014, S.328). Nachdem er mehrere administrative und Lehrkräfte ermordet hätte, setzte er sein Vorhaben in einer anderen Schule fort. Obwohl in der englischen Sprache nicht von einem Amoklauf, sondern von einem „Spree Killing“ gesprochen werden würde, sind solche kurzen Pausen und Ortswechsel im deutschsprachigen Diskurs nicht vom Kriterium des abgegrenzten Tatereignisses betroffen (vgl. Scheithauer, Bondü, 2011, S.22; Schechter, Harold, 2012, S.275ff).

6 Die „Overkills“ sind auch ein Grund dafür, dass die Opferzahlen schulbezogener Amokläufe häufig geringer sind als vermutet werden könnte, da die Konzentration der Amokläuferinnen und Amokläufer auf bereits getroffene Opfer den anderen Personen die Chance gab, zu fliehen (vgl. Robertz, Wickenhäuser, 2010, S.19).

7 Berechnet wurde das arithmetische Mittel der n=60 Täterinnen und Täter, deren Alter veröffentlicht wurde.

8 Um Vergleichbarkeit zu schaffen, wurde hier von einem Erlangen der Volljährigkeit mit Vollendung des 18. Lebensjahres ausgegangen.

9 Eine Registrierung ist grundsätzlich auch für Waffenkategorien vorgeschrieben, für die keine Waffenbesitzkarte benötigt wird.

10 2014, als dies schwerpunktartig erhoben wurde, wurden 1191 Delikte mit einer Schusswaffe begangen, wobei rund 800 hiervon illegal erworben worden waren (vgl. Thalhammer, 2017, Internet).

11 Eine Meta-Analyse meint die systematische Zusammenfassung von Primäranalysen, wobei die einzelnen Studien behandelt werden wie die Probandinnen und Probanden einer Primäruntersuchung. Da die Stichprobe hierdurch sehr groß wird und umfassende Moderatoranalysen ermöglicht werden, ist die interne Validität – und damit die empirische Aussagekraft - von Meta-Analysen die höchste unter den verschiedenen Formen wissenschaftlicher Erhebungen (vgl. Gliner, Jeffrey A., Morgan, George A., Leech, Nancy L., 2011, S.383ff).

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Amokläufe an Schulen. Ursachen sowie Maßnahmen zur Prävention und Intervention
Autor
Jahr
2019
Seiten
64
Katalognummer
V489725
ISBN (eBook)
9783960957102
Sprache
Deutsch
Schlagworte
school shootings, Gewalt, Mobbing, Nachahmung, Vorbeugung, Unterricht, Amoklauf, Schule
Arbeit zitieren
Isabella Draxler (Autor), 2019, Amokläufe an Schulen. Ursachen sowie Maßnahmen zur Prävention und Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489725

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