Konsequenzen der gentechnischen und biomedizinischen Entwicklungen

Überlegungen zu möglichen systemtheoretischen Folgen der Entgrenzungsprozesse von Krankheit und Gesundheit auf die Kommunikationssysteme der Gesellschaft auf Basis von Niklas Luhman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biopolitik – Eine Einführung

3. Entgrenzung von Krankheit und Gesundheit

4. Systemtheoretische Folgen der Kodeverschwimmung im Gesundheitssystem
a. Einführung in die Systemtheorie
b. Gedankenexperimentelle Folgen der Entgrenzungsprozesse

5. Fazit – Zweifel an der Systemtheorie?

6. Literatur und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Zur Pflege der Gesundheit. — Man hat kaum angefangen, über die Physiologie der Verbrecher nachzudenken und doch steht man schon vor der unabweislichen Einsicht, dass zwischen Verbrechern und Geisteskranken kein wesentlicher Unterschied besteht: vorausgesetzt, dass man glaubt, die übliche moralische Denkweise sei die Denkweise der geistigen Gesundheit. Kein Glaube aber wird jetzt so gut noch geglaubt, wie dieser, und so scheue man sich nicht, seine Consequenz zu ziehen und den Verbrecher wie einen Geisteskranken zu behandeln: vor Allem nicht mit hochmüthiger Barmherzigkeit, sondern mit ärztlicher Klugheit, ärztlichem guten Willen.“ (Nietzsche, 1881, Morgenröthe § 202).

Verbrecher wie Geisteskranke ansehen. Hinterfragen, warum Menschen Verbrechen begehen. Aufklären, ob die Ursache dafür eventuell eine Krankheit ist. In seinem Werk Morgenröthe stellt Nietzsche bereits 1881 Forderungen, die heute Kennzeichen kontrovers diskutierter biopolitischer Debatten sind. Aufgrund des seit 1970 boomenden medizinischen und gentechnischen Fortschritts eröffnen sich vielfältige, neue Möglichkeiten, wie beispielsweise neuronale Schädigungen nachweisen zu können, die Menschen im Extremfall dazu „zwingen“ Straftaten zu begehen und folglich Fragen aufwerfen, die zum Gegenstand der Politik werden: Wann sind Menschen zurechnungsfähig und demzufolge belangbar? Die Klärung dieser Frage, die sich durch den Fortschritt in der Kriminalitätspsychologie aufdrängt, ist nur ein Beispiel.

Das Feld der Biopolitik erweist sich als ein sehr ausdehnbarer und schwer einzugrenzender Begriff. Er beschreibt zum einen die Regulierung und Steuerung von Körpern, zum anderen beschäftigt sich Biopolitik mit dem Selbstverständnis des Menschen und des demokratischen Staates. Er reicht von der Stammzellenforschung, über genveränderte Lebensmittel bis hin zu vielen anderen Debatten bspw. in der Gesundheitspolitik. Folge ist die Notwendigkeit, die Eindeutigkeit bereits definierter, oft sogar gegebener und völlig akzeptierter Grenzen zu hinterfragen und regulierte Prozessabwicklungen neu zu diskutieren, auszuhandeln und darauf zu prüfen, ob eine zukünftige Festlegung dieser Regulierungen und Steuerung überhaupt noch möglich ist.

Diese Hausarbeit bearbeitet die denkbaren systemtheoretischen Folgen des gentechnischen, medizinischen und biotechnologischen Fortschritts für die Gesellschaft. Dafür wird in folgenden Kapiteln differenziert dargestellt, was diese Entwicklungen konkret bewirken. Anschließend wird anhand Niklas Luhmanns Systemtheorie eine denkbare Art und Weise diskutiert, wie die Subsysteme der Gesellschaft mit eben diesen Auswirkungen umgehen könnten. Letztlich folgt ein Fazit. Vorab soll in das Thema der Biopolitik mithilfe von Michel Foucault, Thomas Lemke und Wolfgang van den Daele eingeführt werden.

2. Biopolitik – Eine Einführung

Nach dem griechischen Wort „bios“ (Leben) benannt, bedeutet der zusammengesetzte Begriff der Biopolitik übersetzt „die Politik, die sich mit dem Leben befasst“. Da aus politischen Debatten über das Leben meist keine Einigkeit über Regulierungsmaßnahmen, Gesetze und Richtlinien folgt, ist zu betonen, dass der Begriff der Biopolitik, seine Definition, sowie die Spezifizierung seines Gegenstandsbereichs stets verschiebbare und konfliktbehaftete Unternehmungen darstellen. Es gibt daher kein einheitliches Konzept, das den Begriff der Biopolitik beschreibt, vielmehr unterscheiden sich die vorliegenden Versuche im Hinb lick darauf, worauf sie bei ihrer Gegenstandsbehandlung des Begriffs ihren Schwerpunkt setzen. Aus der Vereinigung zweier sich widersprechender Begriffe zu dem Oxymoron „Biopolitik“ resultieren folglich zwei konträre Pole: Das naturalistische Konzept und das politizistische Konzept. Das naturalistische Konzept beschreibt das Leben als Grundlage der Politik, wohingegen das politizistische Konzept das Leben als politisch behandelbar betrachtet. Beide Ansätze werden in dieser Hausarbeit kurz vorgestellt. Dabei sei betont, dass das politizistische Konzept, aufgrund der Möglichkeit, in diesem den Begriff der Biopolitik als Resultat medizinischer und wissenschaftlicher Fortschritte als für die Politik folgenreiches neues Feld zu bezeichnen, für die Beantwortung der Forschungsfrage dieser Hausarbeit entscheidender ist und daher ausführlicher beschrieben wird, als das naturalistische Konzept. (vgl. Lemke, 2007, SS. 9ff).

Vorab eine historische Leseart des Begriffs der Biopolitik: Zuerst entwickelt wurde dieser von dem französischen Philosophen und Historiker Michel Foucault. Für ihn ist das Leben, anders als bei bereits erwähnten Konzepten, eine zu respektierende und gleichzeitig zu überwindende Grenze. Demzufolge beschreibt Foucault Biopolitik als den „Eintritt der Phänomene, die dem Leben der menschlichen Gattung eigen sind, in die Ordnung des Wissens und der Macht, in das Feld der politischen Techniken“ (Foucault, 1977, S. 169). Erfolgen kann das nur unter der Bedingung, dass der Begriff des Lebens vom Mensch als dessen Träger abstrahiert wird. Erst unter dieser Voraussetzung lassen sich Normen, Standards und Durchschnittswerte festlegen, die von der Politik auf diversen Gebieten (Demografie, Statistik, Epidemiologie, …) analysiert und gegebenenfalls reguliert werden können. In diesem Sinne ist die Natur das Gegenstück zur Politik: Einerseits folgt ihre Entwicklung einer eigenen und einer von politisch gesteuerten Eingriffen unabhängigen Dynamik, andererseits kann erst durch die Realisierung dieser Tatsache von der Politik gezielt in die Natur interveniert werden. (vgl. Lemke, 2007, SS. 13f).

Das naturalistische Konzept versteht das Leben als Grundlage der Politik. Es ist die Basis, die Anleitung, nach der politisches Denken und Handeln ausgerichtet sein soll. Diverse Theorien, von den organizistischen Staatskonzepten über den Nationalsozialismus bis hin zu biologistischen Ansätzen, legen ihren Schwerpunkt bei der Definition des Begriffs der Biopolitik auf eben dieses Fundament. Für diese Arbeit sind eben genannte Theo rien nicht von Gegenstand, weshalb sie nicht weiter ausgeführt werden.

Das politizistische Konzept kann seit den 1960er Jahren überwiegend in zwei Formen beobachtet werden: Als ökologische Biopolitik, die sich mit der Sicherung und dem Erhalt des natürlichen Lebens auseinandersetzt und als technikbezogene Biopolitik, die sich mit dem Eingriff in das menschliche Leben, aufgrund der neu verfügbaren Möglichkeiten dank des gentechnischen, medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritts, beschäftigt. Diese Fo rm der Biopolitik, d.h. die technikbezogene Biopolitik dient dieser Hausarbeit als Grundlage und wird im Folgenden weiter ausgeführt. In den 70er Jahren entstanden bahnbrechende biotechnologische Erfindungen und Möglichkeiten, wie beispielsweise die Pränat aldiagnostik als Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge, neue Reproduktionstechnologien (in vitro Befruchtungen) sowie Enhancementmedizin (Schönheitschirurgie, Doping). Diese gewannen durch die Vielfalt der Anwendungsbereiche, durch die fortschreitende medizinische Sicherheit und durch wachsende Routine stetig weiter an Aufmerksamkeit und Bedeutung, sodass sie einer gezielten und kontrollierten Regulierung bedurften. (vgl. Lemke, 2007, SS. 38f).

Diese Aufgabe lag und liegt immer noch im Bereich der Politik. Warum eine eindeutige Festlegung auf Richtlinien und Gesetze, die die medizinischen und gentechnischen Möglichkeiten in einen greifbaren und behandelbaren Rahmen legen, schwer möglich ist, liegt freilich an dem nicht aufhaltbaren Fortschritt. Dieser so llte aber wenigstens eine temporäre Regulierung erlauben. Eigentliches Problem des Fortschritts, das auch temporäre Regulierungen erschwert, sind die Folgen dieser Entwicklungen: Die Grenze zwischen Natur und Kultur verschwimmt. Wolfgang van den Deale fasst die Reaktion der Biopolitik auf einen solchen Entgrenzungsprozess zusammen und spricht die Frage aus, die sich daraus letztlich aufdrängt: „Biopolitik reagiert auf Grenzüberschreitungen. Sie reagiert darauf, dass Randbedingungen der menschlichen Natur, die bislang fraglos galten, weil sie jenseits unseres technischen Könnens lagen, verfügbar werden. (…) Das Ergebnis sind moralische Kontroversen und Regulierungsdebatten, in denen es im Kern um die alte Frage geht, ob wir dürfen, was wir können“ (Daele van den, 2005, S. 8). Welche Folgen der medizinische Fortschritt im Hinblick auf die Entrückung der Grenzen von Natur und Kultur im Speziellen und Einzelnen hat, wird in folgendem Kapitel beschrieben.

3. Entgrenzung von Krankheit und Gesundheit

„Am beunruhigendsten ist vielleicht die Aussicht, daß die Neukonstruktion des Lebendigen nicht auf Bakterien, Pilze oder Schweine beschränkt bleibt, sondern auch den Menschen erfassen wird. Die moderne Biologie macht Eigenschaften der menschlichen Natur, die bislang Grenzen und Bezugspunkte technischen Handelns waren, nunmehr selbst zu Objektbereichen dieses Handelns. Der Mensch kann sich in einem neuen Sinne selber machen“ (Daele van den, 1985, S. 11).

Was bis zu den 70er Jahren als unvorstellbar galt, ist heute eine Realität, die, wie van den Daele sie beschreibt, „beunruhigend“ sein mag, mit der sich aber der Mensch, aufgrund ihrer wachsenden Bedeutung, auseinandersetzen muss. Bislang war die Natur begrenzt. Zwar haben sich der Mensch und seine Natur weiterentwickelt, Entwicklungen wie die Erfindung der Landwirtschaft und gesellschaftliche Prozesse wie die Industrialisierung formten den Menschen und seine Bedürfnisse. Allerdings von außen. Als nicht vom Menschen steuerbare, kontrollierbare oder auf ein Ziel ausgerichtete, geschweige denn geplante Dynamiken hielten diese Entwicklungen die bislang bestehenden Grenzen der menschlichen Natur ein. Durch die heutige Möglichkeit, biologische Abläufe durch gentechnischen Fortschritt und moderne Kenntnisse in der Molekularbiologie gezielt zu lenken und in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen, wird diese Grenze durch das Wissen um die Verfügbarkeit dieser Möglichkeit, dieser Fähigkeit aufgehoben. (vgl. Daele van den, 1985, SS. 11f)

Das Schicksal, in das der Mensch bislang hineingeboren wurde, das bislang unveränderbar war und somit unhinterfragt akzeptiert wurde, muss nicht mehr hingenommen werden. Die bislang latenten Grenzen werden durch die Möglichkeit, sie nicht mehr einhalten zu müssen sichtbar und zur Sprache gebracht. Beispiele finden sich viele, ein bereits durchführbares Verfahren ist die Pränataldiagnostik. Sie dient, als vorgeburtliche Untersuchung, der Schwangerenvorsorge, denn sie gibt Auskunft über bestimmte Krankheiten und Behinderungen des ungeborenen Kindes (vgl. PND, Stand 09.07.2014). Ein anderes Exempel ist die PID. Bei der Präimplantationsdiagnostik werden zellbiologische und molekulargenetische Untersuchungen an durch in-vitro-Fertilisation erzeugten Embryonen durchgeführt, mittels derer entschieden wird, ob dieser der Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht. Auch Erbkrankheiten oder Anomalien lassen sich durch PID erkennen, sogar das Geschlecht des Kindes oder bestimmte erbliche Eigenschaften können „ausgesucht“ werden (vgl. Biotechnologie, Stand 09.07.2014).

Beide Verfahren sind verfügbar, beide Verfahren sind ethisch und politisch umstritten. Sowohl nach einer PND, als auch nach einer PID kann die Diagnose von Fehlbildungen des Kindes unter Umständen zu einem Schwangerschaftsabbruch führen, der ohne die vorherige Anwendung der Verfahren vermutlich nicht unternommen worden wäre. Die daraus resultierenden rechtlichen Konsequenzen und ethischen Konflikte werden hier nicht weiter diskutiert. Die Beispiele zeigen aber, wie die menschliche Natur unter dem Einfluss von Wissenschaft und Technik so, aber auch anders sein kann, oder, wie Niklas Luhmann sagen würde, kontingent wird. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, sich entscheiden zu können und zunehmend entscheiden zu müssen. Wer trifft diese Entscheidungen? Wer regelt, nach welchen Kriterien entschieden wird? Und letztlich: Was ist das Ziel?

Biotechniken und Biomedizin erzeugen also Dilemmata, die, aufgrund des Verlusts der menschlichen Natur als Referenzrahmen, nicht mehr eindeutig entscheidbar sind. Die Vorstellung der Natürlichkeit hat durch den technischen und biomedizinischen Fortschritt an Wichtigkeit verloren und kann dadurch keine Handlungsorientierung mehr bieten. Gleichzeitig ist nicht mehr eindeutig definierbar, wo die Grenze zwischen unangenehmen, aber normalen Befindlichkeitsproblemen und therapiebedürftigen Erkrankungen zu ziehen ist. Da durch Gentechnik nicht nur Heilung, sondern auch Verbesserungen, „Doping“, sogenanntes Enhancement möglich wird, verschwimmt auch diese Grenze. Wo beginnt Heilung? Was zählt zu Enhancement? Das was ursprünglich als natürlich wahrgenommen wird, wie das Altern, die Größe, das Gewicht, kann folglich zu medizinischen Defiziten und Störungen werden. Wehling et al. kritisieren, dass die Folgen der Gentechnik zumeist zu generalisiert diskutiert werden, was dazu führt, dass Widersprüchlichkeiten biopolitischer Entwicklungen aus dem Blick geraten. Dadurch wird wiederum übersehen, dass sich die Entgrenzungsprozesse in unterschiedlichen Dynamiken, Verlaufsformen, Akteurskonstellationen, Legitimationsstrategien und gesellschaftlichen Widerständen äußern. Diese werden im Folgenden erklärt, um darstellen zu können, dass Ereignisse, die im Gesundheitssystem stattfinden, andere Subsysteme der Gesellschaft tangieren, um im anschließenden Kapitel mittels Luhmanns Gesellschaftstheorie die systemtheoretischen Konsequenzen eines Entgrenzungsprozesses im Gesundheitssystem auf die anderen Subsysteme erklären zu können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Konsequenzen der gentechnischen und biomedizinischen Entwicklungen
Untertitel
Überlegungen zu möglichen systemtheoretischen Folgen der Entgrenzungsprozesse von Krankheit und Gesundheit auf die Kommunikationssysteme der Gesellschaft auf Basis von Niklas Luhman
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V489744
ISBN (eBook)
9783668955738
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konsequenzen, niklas, basis, gesellschaft, kommunikationssysteme, gesundheit, krankheit, entgrenzungsprozesse, folgen, überlegungen, entwicklungen, luhman
Arbeit zitieren
Julia Zuber (Autor), 2014, Konsequenzen der gentechnischen und biomedizinischen Entwicklungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489744

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konsequenzen der gentechnischen und biomedizinischen Entwicklungen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden