Der Weg zu einer Gemeinschaft. Narrationsanalyse eines Interviews mit einem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Rahmung

3. Methodik und Fallbeschreibung

4. Ergebnisse
a. Vorstellen der Hauptkategorien
b. Erfassung der biographischen Gesamtform
c. Miteinbeziehen der persönlichen Wahrnehmung

5. Fazit – Zusammenfassung der Ergebnisse und Rückbezug zur Theorie

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Oft beginnt es schon als kleines Kind: Ob regelmäßiges Trainieren in Turn- oder Tanzvereinen, Treffen in einer Theatergruppe oder eine Mitgliedschaft bei den Pfadfindern oder Ministranten. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zieht sich in vielen Fällen durch das ganze Leben. Wahrscheinlich genauso oft entdecken viele Personen erst später ihre „Leidenschaft“ und entschließen sich dann dazu, diese zusammen mit anderen, die ihre Passion teilen, in einem Verein, in einer Gruppe oder anderen Gemeinschaften zu verwirklichen.

Ich selbst habe von klein auf in Vereinen getanzt, war Mitglied in einer Theatergruppe und Sängerin einer Big-Band. Diese Passion war so stark, dass ich mich sogar dazu entschlossen habe, Musik-Theater zu studieren. Diesen Ablauf der Ereignisse, der mich zu meinem Entschluss gebracht hat, habe ich immer als selbstverständlich, für mich fast „logisch“ empfunden. Ich kam nie auf die Idee, zu hinterfragen, wie ich zu meinem Entschluss gekommen bin.

Die Soziologie, mein zweites Studium, beschäftigt sich unter anderem mit der Nachzeichnung von individuellen Lebenswegen und dem Verstehen von einzelnen Entscheidungsfindungen. Mittels narrativer Interviews ist es möglich, Erzählungen generieren zu lassen, die Aufschluss über die Frage geben, wie individuelle Lebenswege zu einem Entschluss führen. Das Wissen um diese Möglichkeit hat mich dazu gebracht, selbst zu reflektieren, wie mein Weg zur Musik zustande gekommen ist und ich stellte mir die Frage, wie andere Personen dazu gekommen sind, sich einer Gemeinschaft anzuschließen. Ich führte selber ein narratives Interview mit einer Person, die Mitglied eines Vereins ist, um herauszufinden und zu verstehen, wie sie zu ihrer Entscheidung gelangt ist.

Diese Hausarbeit stellt die Ausarbeitung zum geführten Interview dar. Hierin versuche ich, die Frage zu beantworten, wie die interviewte Person zu ihrem Entschluss gekommen ist, sich einer Gemeinschaft anzuschließen. Dafür gliedere ich die Arbeit in dieser Art: Zuerst folgt eine theoretische Rahmung. Hier definiere ich den Begriff der „Vergemeinschaftung“ anhand Prisching, 2008 und nehme auf Paradoxien, die innerhalb des Vergemeinschaftungsproblems der modernen Gesellschaft auftauchen, Bezug. Im Anschluss beschreibe ich das Studiendesign. Darin werde ich die Forschungsfrage nochmals konkretisieren, Methoden der Datenauswertung erklären, den Feldzugang schildern, auf forschungsethische Fragen Bezug nehmen und meinen Interviewpartner anhand erster Eindrücke beschreiben. Danach werde ich die Ergebnisse der Interviewauswertung präsentieren, mittels derer ich versuche, die Forschungsfrage zu beantworten. Mit einem Rückschluss auf die Theorie schließe ich diese Arbeit ab.

2. Theoretische Rahmung

Für die folgende theoretische Explikation dient mir der Text „Paradoxien der Vergemeinschaftung“ von Manfred Prisching (Prisching, M., 2008 in: Hitzler/Honer/Pfadenhauer, 2008 „Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnographische Erkundungen“) als Grundlage.

Prisching definiert posttraditionale Gemeinschaften als Möglichkeit einer Zusammenfindung für Individuen, die sich durch folgende Eigenschaften kennzeichnen: Die Entscheidung für eine Teilnahme ist eine freiwillige, der Beitritt demzufolge nicht selbstverständlich. Die Mitgliedschaft beruht auf Attraktivität und entzieht sich jeglichem Zwang, kann daher jederzeit beendet werden. Die posttraditionale Gemeinschaft entfaltet und zeigt sich durch bestimmte Signale, Zeremonien, Attitüden oder Relevanzauffassungen mittels derer sich auch ihre Mitglieder charakterisieren und identifizieren (vgl Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2001; Hitzler, 2006 in Hitzler/Honer/Pfadenhauer, 2008, S.36). Diese Art von Vergemeinschaftung existiert solange die Mitglieder an das Bestehen glauben und aktiv daran teilhaben. (vgl. Prisching, 2008, S. 36).

Entstanden sind Vergemeinschaftungen aufgrund der Beschaffenheit der Moderne und den paradoxen Forderungen, die Individuen an diese stellen.

Das Individuum von heute muss sich selbst permanent neu entscheiden. Während dieser Entscheidungen sind die Individuen auf sich gestellt. Zwar genießen sie dadurch das höchste Maß an Entscheidungsfreiheit, gleichzeitig suchen sie die dabei verlorene Einbettung in eine Gemeinschaft, um den Verlust des Geborgenheitsgefühls ausgleichen zu können. Hierin findet sich die erste Paradoxi, die es qua Vergemeinschaftung in Einklang zu bringen gilt: Jede Einbettung beschränkt die Freiheit durch die Bindung an Regeln und Pflichten. Lösung bietet das Temporalisieren von Gemeinschaften, d.h. das Schaffen einer losen, wieder auflösbaren Verbindung der einzelnen Individuen (vgl. Prisching, 2008, S.37). Innerhalb dieser Zusammenkünfte kann sich der Mensch zum einen individuell in der Gemeinschaft erleben, zum anderen unterbricht Vergemeinschaftung das unerträgliche Gefühl der Vereinsamung. Die nur temporäre Unterbrechung wird dementsprechend emotional intensiviert, sodass das Gefühl ein anhaltendes ist. Temporäre Vergemeinschaftung vereinigt so den Wunsch nach Individualität und Sehnsucht nach Einbettung (vgl. Prisching, 2008, S. 38).

Zweites Paradoxon ist im Begriff der Moderne impliziert. Trotz des modernen Prozesses der Auflösung von festen Gemeinschaften und trotz des postmodernen Selbstverständnisses des Individuums, sich als eigenständiger, autonomer Akteur nicht dem Zwang einer Gemeinschaft unterordnen zu müssen und zu wollen, bleibt die Sehnsucht nach Gesellschaft und Vereinigung (vgl. Prisching, 2008, S. 40). Vergemeinschaftungen bieten Lösung für diesen Konflikt mittels ihrer Eigenschaft der Temporalität.

Die Vereinigung von Flüchtigkeit und Dauerhaftigkeit markiert das dritte Paradoxon: Die Moderne charakterisiert sich durch die Verschiebung der Eigenschaft der Dauerhaftigkeit von Gemeinschaften in jene der Temporalität. Nach welcher Zeit von einer temporären Vergemeinschaftung zu sprechen ist, ist nicht definierbar. Was bestehen bleibt, sind zentrale Eigenschaften der Nicht-Verpflichtung bis ans Lebensende und der Nicht-Unausweichlichkeit. Dadurch lösen Vergemeinschaftungen zwar den Konflikt „Gemeinschaft“, allerdings nur bedingt: Weiterhin existieren Bindungsformen basierend auf Verpflichtungen, die nur durch Aufwand lösbar sind (vgl. Prisching, 2008, S. 42).

Temporäre Vergemeinschaftungen ermöglichen eine Existenz von Inhaltslosigkeit und Substanz nebeneinander. Einerseits gibt es inhaltslose Vergemeinschaftungsformen, wie bspw. Gemeinschaftsfindung bei einer Fußball-WM. Aufgrund der Zusammenfindung von „Gleichgesinnten“, die zur selben Zeit gleiches fühlen, können diese content-losen Gemeinschaften trotzdem ein hohes Maß an Emotionalität produzieren (vgl. Prisching, 2008, SS. 43ff). Neben ihnen bestehen andererseits substanzhaltige Zusammenkünfte, charakterisiert durch eine Art Brüderlichkeit, die nur durch kontinuierlichen Austausch erhalten bleiben. Auch diese kennzeichnen sich durch ein Gemeinschaftsgefühl, das durch Spüren einer Gleichgesinntheit produziert wird (vgl. Prisching, 2008, SS. 43ff).

Fünftes Paradoxon erschließt sich aus der Verschmelzung von Gestaltbarkeit und Vorfindbarkeit. Die Entscheidung für den Beitritt zu einer Vergemeinschaftung dient dazu, das Individuum bei seiner Wesensverkörperung zu unterstützen. Auf der einen Seite bleibt die Entscheidung einer Gemeinschaft beizutreten eine freie, auf der anderen Seite ist sie vordeterminiert aufgrund der Unveränderlichkeit des eigenen Selbst, der eigenen Authentizität (vgl. Prisching, 2008, S. 46).

Die Sucht nach Außergewöhnlichem stillen und gleichzeitig das alltägliche Weiterfunktionieren einer Gesellschaft aufrechterhalten, das schaffen temporäre Vergemeinschaftungen. Sie legen das Aus- und Erleben von Ekstase in einen zeitlichen und örtlichen Rahmen, um das System Gesellschaft stabil zu halten (vgl. Prisching, 2008, SS. 49f).

Letztlich ermöglichen Vergemeinschaftungen die Überbrückung der Paradoxie von Fragmentierung und Ganzheit. Aufgrund der Differenzierungsprozesse, die die moderne Gesellschaft durchlaufen hat, steht das Individuum vor einer Vielzahl an Blickwinkeln, die alle in unterschiedliche Richtungen weisen. Es sucht nach Rückhalt, sehnt sich nach Gleichgesinnten, die seine Perspektive teilen und es dadurch bestärken. In Formen der Vergemeinschaftung wird es fündig (vgl. Prisching, 2008, S. 50).

Temporäre Vergemeinschaftungen sind aufgrund ihrer Eigenschaften von temporärer Begrenzung, Ungebundenheit und Nicht-Verpflichtung, an- und eingepasst in eine moderne Gesellschaft. Durch ihre Eigenschaften schaffen sie es, die paradoxen Bedürfnisse des Individuums nach Liberaler Entscheidungsfindung und Lebensweggestaltung mit der Sehnsucht nach Gesellschaft, der Überbrückung von Einsamkeit und der Sättigung des Verlangens nach Erleben von Außeralltäglichem in Einklang zu bringen.

3. Methodik und Fallbeschreibung

Wie in der Einleitung bereits kurz angesprochen, ist das konkrete Anliegen meiner Forschungsarbeit die Beantwortung der Frage, wie eine bestimmte Person zu der Entscheidung gelangt ist, einer Gemeinschaft beizutreten. Ziel ist das Nachzeichnen und Verstehen des individuellen Lebensweges dieser Person.

Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich die Erhebungsmethode des narrativen Interviews gewählt, da ich durch Verwenden dieser Vorgehensweise davon ausgehen kann, dass mir die spontane Stegreiferzählung meines Interviewpartners einen relativ abbildgetreuen Zugang zu seiner sozialen Wirklichkeit ermöglicht. Aufgrund der Wirksamkeit der sog. „Zugzwänge des Erzählens“ in dieser Situation, gibt der Erzähler seine Geschichte unbeschönigt und unvorreflektiert wieder (vgl. Kleemann et. Al., 2009 S. 68). Das Interview habe ich nach den Richtlinien der Transkription TiQ (Talk in Qualitative Social Research, Przyborski 1998) transkribiert. Ausgewertet und interpretiert habe ich das Interview mittels Narrationsanalyse, die auf Fritz Schützes Erzähltheorie basiert (vgl. Kleemann et. Al., 2009 S. 65).

Die Wahl meines Interviewpartners fiel auf ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Der Kontakt wurde mir mithilfe eines Arbeitskollegen leicht und problemlos vermittelt, denn meine Suche war nur insoweit festgelegt, als dass es sich um einen auf Wohltätigkeit ausgerichteten Verein handeln sollte. Meine Entscheidung wurde also größtenteils durch günstige Gelegenheitsstrukturen bedingt.

Die konfliktreichen, forschungsethischen Fragen habe ich im Vorfeld geklärt. Ich arrangierte ein Treffen vor dem Interviewtermin, um meinem Interviewpartner Anonymisierung sowie Schutz seiner Daten zuzusichern, eine informierte Einverständinserklärung seinerseits

schriftlich einzuholen und, um ihn über Ablauf, Dauer und Bedeutung des Interviews in Kenntnis zu setzen. Zu diesem Zweck erhielt mein Interviewpartner zusätzlich ein Infoblatt, das die wichtigen Einzelheiten der Interviewsituation zum Nachlesen enthielt, sowie eine von mir unterzeichnete Kopie des informierten Einverständnisses. Ein unausgefülltes Exemplar des Einverständnisses und eine Kopie des Infoblattes finden sich im Anhang.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Weg zu einer Gemeinschaft. Narrationsanalyse eines Interviews mit einem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V489745
ISBN (eBook)
9783668976450
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gemeinschaft, narrationsanalyse, interviews, mitglied, freiwilligen, feuerwehr
Arbeit zitieren
Julia Zuber (Autor), 2014, Der Weg zu einer Gemeinschaft. Narrationsanalyse eines Interviews mit einem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489745

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