Outing-Prozesse im Wandel

Ein Vergleich biographischer Erzählungen jugendlicher und älterer homosexueller Männer


Bachelorarbeit, 2019
128 Seiten, Note: 0,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über den Umgang mit Diversität

2. Sexuelle Orientierung und gesellschaftliche Akzeptanz

3. Geschichte der Homosexualität in Deutschland

4. Homosexualität in den verschiedenen Lebensphasen

5. Das Coming-out als Prozess
5.1 Unterschiede im Outing
5.2 Forschungsstand zum Thema Coming-out

6. Auswahl der Datenerhebungsmethode
6.1 Das leitfadengestützte teilnarrative Interview
6.2 Ablauf der Interviews

7. Datenaufbereitung

8. Datenauswertung
8.1 Profile der Interviewteilnehmer
8.2 Herkunft und Umfeld
8.3 Sexualität
8.4 Coming-out
8.5 Gesellschaftliche Reaktionen auf Homosexualität
8.6 Diskussion der Ergebnisse

9. Fazit

11. Anhang

Wir können nicht mehr tun, als zu gegebener Zeit aufhören mit rauchen, trinken und Streit anfangen mit Liebe, Mut, Toleranz jeder kanns, aber viele haben Angst sie verpassen was eines Tages sehen es mal alle ein der Frieden auf Erden kehrt wieder ein alle lachen und singen in die Nacht hinein und vertreiben für immer die Dunkelheit

KAAS (2009): Wunderschöne Welt

1. Über den Umgang mit Diversität

Die vorliegende Bachelorarbeit soll einen Beitrag zur Thematik der Homosexualität in der deutschen Gesellschaft leisten. Hierfür soll ein Vergleich biographischer Erzählungen jugendlicher und älterer homosexueller Männer durchgeführt werden. Das Ziel der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Studie ist ein Vergleich der Outing-Geschichten von homosexuellen Männern unterschiedlichen Alters. Durch die empirische Untersuchung sollen verschiedene gesellschaftliche Reaktionen auf Coming-outs sowie mögliche historische Unterschiede aufgezeigt werden, um abschließend folgende Forschungsfrage zu beantworten:

Lässt sich ein Wandel der Akzeptanz von Homosexualität in der deutschen Gesellschaft feststellen?

Gerade in Zeiten von Globalisierung und stetig wachsender Vernetzung wird die Abhebung von der breiten Masse, die Individualität und die Diversität in der Gesellschaft ständig thematisiert. Sei es am Arbeitsplatz, in der Schule, der Universität oder in sozialen Netzwerken, überall wollen sich Menschen von der breiten Masse abheben (vgl. Hoffmann 2002, 9f). Kann es sein, dass in einer Gesellschaft, die auf Diversität abzielt, grundlegende und absolut menschliche Prägungen wie die Sexualität auf Ablehnung stoßen und zu Isolation und Ausgrenzung führen? Oder hat die gesellschaftliche Entwicklung in dieser Hinsicht einen positiven Einfluss auf die Akzeptanz von Minderheiten?

In vielen Kulturen wird die Heterosexualität von Menschen als Normzustand betrachtet, sodass abweichende Sexualitäten auf Ablehnung und Diskriminierung stoßen. Der französische Philosoph Michel Foucault schrieb beispielsweise in seinem Werk „Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1“ (1983 [1977]) darüber, inwieweit die Interpretation von Homo- und Heterosexualität als spezifische zeit- und kontextgebundene Diskursprodukte möglich sei (vgl. Schmidt et al. 2015, S. 28). Auch die amerikanische Feministin Gayle Rubin beschrieb in ihrem Aufsatz „Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality“ (1999 [1984]) die Tatsache, dass unsere Gesellschaft von einer sexuellen Hierarchie durchzogen ist. Dies führe dazu, dass gewisse Formen der Sexualität, der sexuellen Praxis oder Lebensorganisation privilegiert und als normal erachtet werden, wohingegen andere unter Diskriminierung und Stigmatisierung leiden (vgl. Schmidt et al. 2015, S. 28). Mitglieder der LGBTQI+1 Community erfahren, oft in Abhängigkeit ihres Alters und ihrer Herkunft, unterschiedliche Reaktionen auf ihre Geschlechtsidentität sowie ihre sexuelle Orientierung.

Dementsprechend lassen sich Unterschiede bezüglich der erlebten Erfahrungen in unterschiedlichen Lebensphasen erkennen.

Im Folgenden werden anhand bestehender Forschungsliteratur wesentliche Begriffe erklärt sowie die theoretischen Grundlagen für die vorliegende Arbeit erläutert und diskutiert. Nach einer Definition der verschiedenen sexuellen Orientierungen und ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft werden die Begriffe Heteronormativität, Heterosexismus und Homophobie definiert. Anschließend wird ein Überblick über die Geschichte der Homosexualität in Deutschland geboten. Danach wird die Homosexualität in verschiedenen Lebensphasen beschrieben: der Kindheit, Jugend und dem Erwachsenenalter. Darauf aufbauend wird das Coming-out in seiner Prozesshaftigkeit und mit seinen möglichen Unterschieden beleuchtet. Ein Überblick über bisherige Forschungsergebnisse der Coming-out-Forschung schließt den theoretischen Teil dieser Arbeit ab. Der empirische Teil beginnt mit der Beschreibung der qualitativen Datenerhebungsmethode und des Ablaufs der Interviews. Anschließend werden die Interviews aufbereitet, analysiert und ausgewertet, um letztendlich im Fazit auf die Forschungsfrage einzugehen.

2. Sexuelle Orientierung und gesellschaftliche Akzeptanz

Rauchfleisch beschreibt die sexuelle Orientierung des Menschen als „Gesamtheit der inneren Bilder, des Selbstverständnisses und der in der sozialen Realität sichtbar werdenden Beziehungsmuster“ (1994, S. 15). Es handle sich um ein tief verwurzeltes Selbstverständnis, das zu spezifisch ausgerichteten erotischen Fantasien führe und sich in den sozialen Beziehungen zu Partnerinnen und Partnern des gleichen und des anderen Geschlechts sowie der sexuellen Attraktion artikuliere. Hierbei sei die Schwierigkeit, aus den eben genannten Punkten und der eigenen Einschätzung der Sexualität eine Orientierung festzulegen. Abgesehen von äußeren Einschränkungen sei es jedoch für die meisten Menschen ein Einfaches, ihre sexuelle Orientierung anhand dieser Muster festzulegen (vgl. ebd. f).

Die Einordnung der sexuellen Orientierung der Menschen in festgelegte Kategorien wie Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität ist jedoch laut Fiedler (2004; zit. n. Watzlawik & Heine, 2009, S. 23) nicht möglich.

„Sexualitäten [sind] nicht einheitlich, sondern vielfältig und weder physiologisch noch psychologisch lebenslang festgelegt: sie alle werden sozial ausgeformt. Gebilligte Praktiken werden aktiv gebilligt, erlaubte Praktiken werden geduldet; und tabuisierte Muster werden stigmatisiert und oft bestraft. Heterosexualität ist genauso ein Ergebnis von Lernen, sozialem Druck und kulturellen Werten wie Homosexualität. Alle sexuellen Wünsche, Praktiken und Identitäten sind nicht nur vergeschlechtlicht, sondern spiegeln die Ansichten wider, die eine Kultur von der Natur, dem Sinn des Lebens und der Fortpflanzung, von gut und böse, Lust und Schmerz hat.“ (Lorber 1999, S. 109)

Der an den sexuellen Orientierungen festgemachte Identitätszwang bestehe trotz aller Auflösungstendenzen der Normal-Sexualität weiterhin (vgl. Funk und Lenz 2005, S. 35). Daher ordnen sich die meisten Menschen in Deutschland sowohl einem bestimmten Geschlecht als auch einer bestimmten Sexualität zu, wie die folgende Darstellung der von Spiegel (bento) (2015) erhobenen Daten zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Umfrage in Deutschland zur eigenen sexuellen Orientierung 2015

Quelle: In Anlehnung an Spiegel (bento) (2015)

In Deutschland gaben bei einer Online-Umfrage im Jahr 2015 94% der n=1000 Befragten im Alter von 18 bis 30 Jahren auf die Frage „Wie würden Sie Ihre sexuelle Orientierung beschreiben“ eine eindeutige Antwort. Demnach bezeichnen sich 5% der Befragten als homosexuell und 5% als bisexuell. Etwa 84% der Befragten bezeichnen sich selbst als heterosexuell. Nur 4% der Befragten geben ihrer Sexualität keine genaue Zuordnung. So scheint es, als habe der Großteil der deutschen Bevölkerung klare Vorstellungen darüber, ob sie ihre sexuelle Orientierung als homosexuell, bisexuell oder heterosexuell definieren.

Heterosexualität verkörpere eine Urtatsache in der Gesellschaft, eine Art von sozialem Verhältnis, ganz abgesehen von der Fortpflanzung. Sie sei eine Konstante, eine Essentiale menschlicher Existenz (vgl. Wittig 1989, S. 245; zit. n. Puff 1993, S. 39). So richten bei der Heterosexualität die Angehörigen eines Geschlechts ihr Begehren auf jemanden des anderen Geschlechts, beschreibt Lautmann (2002).

Homosexualität sei demgegenüber eine zufällige Konstruktion, die sich kulturbedingt wandelt (vgl. Puff 1993, S. 30). Generell bezeichne Homosexualität eine Zuneigung, Liebe oder Sexualität zwischen zwei Männern oder zwei Frauen (vgl. Funk und Lenz 2005, S. 161). Homosexualität wird in der heutigen Gesellschaft zwar eher akzeptiert, dennoch erleben homo-, bi- oder transsexuelle Personen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, homo- oder transphobe Situationen. Die Gesellschaft stoße im Umgang mit gleichgeschlechtlich Empfindenden an eigene psychische Grenzen, welche sie bewusst oder unbewusst in mehr oder weniger aggressiver Form an der vermeintlich verursachenden Person abreagiere (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 53; Lautmann 1977a, S. 21). Kurt Wiesendanger begründet das teilweise feindselige Verhalten heterosexueller Personen mit der „unreflektierten, allgegenwärtigen Überhöhung von heterosexuellen Werten (Heterosexismus), welche sich in destruktiven Verhaltensweisen gegenüber gleichgeschlechtlich Empfindenden (Homophobie) äußern kann“ (Rauchfleisch et al. 2002, S. 53). Die Ausgrenzung von Minderheiten werde zwar durch politische Regelungen unterbunden, doch Homosexuelle und andere Mitglieder der LGBTQI+ Bewegung haben trotz aller Toleranz nicht dieselben Chancen im Alltag wie Heterosexuelle. Eine rückläufige Tendenz in der Akzeptanz von LGBTQI+-Mitgliedern lasse sich nicht ausschließen (vlg. Lautmann 1997b, S. 33).

Die Annahme von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Normal-Orientierung wird als Heteronormativität bezeichnet: „Der Begriff [der Heteronormativität] benennt Heterosexualität als Norm der Geschlechterverhältnisse, die Subjektivität, Lebenspraxis, symbolische Ordnung und das Gefüge der gesellschaftlichen Organisation strukturiert.“ (Wagenknecht 2016, S. 189; zit. n. Herrera Vivar et al. 2016, S. 90). Heteronormativität dränge die Menschen in die Form zweier körperlich und sozial klar voneinander unterschiedener Geschlechter, deren sexuelles Verlangen ausschließlich auf das jeweils andere gerichtet sei. Heteronormativität wirke als apriorische Kategorie des Verstehens und setze ein Bündel an Verhaltensnormen (vgl. ebd.). Laut Ulrike Kolanowski (2009) finde eine Beeinflussung der Art und des Umfangs der Information, die Jugendlichen in Bezug auf Sexualität zur Verfügung steht, durch gesellschaftliche Bedingungen statt. Selbst in sexuell toleranten Gesellschaften sei das soziale Umfeld geprägt durch heterosexuelle Normen, was dem seltenen Auftreten der homosexuellen Orientierung geschuldet sei (ebd., vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 108). Die Konsequenz der Heteronormativität sei gleichermaßen eine Orientierungshilfe als auch eine Einschränkung für Jugendliche und junge Erwachsene. Jugendliche achten hierbei laut Kolanowski (2009) auf zwei Aspekte (ebd., vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 109). Dies sind zum einen die Integration in die Welt der Erwachsenen als auch das Finden eines eigenen Weges. Der junge Mensch suche nach dem bestmöglichen Weg der Sozialisation und Individuation. In einer heterosexuell genormten Gesellschaft sei für heterosexuell orientierte Jugendliche ein guter Rahmen für ein sozialisiertes und individuelles Leben gegeben. Für homo- oder bisexuell orientierte Jugendliche gestalte sich dieser Weg jedoch schwieriger, da sie sich mit einem verzerrten Bild homo- und bisexueller Menschen auseinandersetzen müssen. Dies führe bei nicht-heterosexuell orientierten Jugendlichen sowohl in Bezug auf Sozialisation als auch auf Individuation meist zu Schwierigkeiten (vgl. ebd. S.109). In diesem Kontext schreibt Lautmann (2002):

„Vor allem gegenüber jenen, die vom Hauptkurs abweichen, neigt man zu charakterisierenden Zuschreibungen: ein Schwuler, eine Lesbe, ein Freier, eine Hure, ein Sextourist, ein überlebendes Opfer usw. Während der Normalfall nicht weiter kommentiert wird, durchdringt sexuelle Devianz wie ein Hauptstatus das Dasein der Betroffenen. Die wiederum wehren sich dagegen; sie betonen ihre ansonsten unangetastete Normalität, ihre Erfahrungen mit ‚richtigen‘ Sexualformen, manchmal sogar den sexualbiographischen Wechsel zwischen unauffälligen und auffälligen Lebensstilen. Soziologisch braucht man das nicht zu kommentieren; meist stecken minderheiten- oder berufs-politische Anliegen dahinter“ (Lautmann 2002, S. 176)

In der heteronormativen Gesellschaft kommt es durch all die heterosexuellen Normen häufig zu Vorurteilen und Ausgrenzung abweichender Sexualitäten wie Transsexualität, Homosexualität oder Bisexualität, was sich unter dem Begriff Heterosexismus zusammenfassen lässt. Der Begriff werde analog zu Begriffen wie Sexismus oder Rassismus zur Charakterisierung institutioneller Unterdrückung nicht heterosexueller Menschen verwendet (Fiedler 2004; zit. n. Watzlawik und Heine 2009, S. 109).

„Heterosexism may be defined as a diverse set of social practices – from the linguistic to the physical, in the public sphere and the private sphere, covert and overt – in an array of social arenas (e.g. work, home, school, media, church, courts, streets, etc.), in which the homo/hetero binary distinction is at work whereby heterosexuality is privileged” (Plummer 1992, S. 19)

Heterosexismus sei in der Gesellschaft allgegenwärtig und könne sich abhängig von verschiedenen Kategorien wie dem gesellschaftlichen Status, dem Geschlecht, der Generation und der Rasse, anders äußern (vgl. ebd., S.19). Gerade das grundlegende Gefühl, aufgrund von Bi- oder Homosexualität nicht männlich genug zu wirken, könne bei Männern zu einer negativen Selbstbewertung führen (vgl. Friedman 1993, S. 40). In einer Gesellschaft, in der männliche und weibliche Verhaltensweisen und Rollen auf allen Entwicklungsstufen starr definiert sind, werde Konformität belohnt und atypisches, vor allem geschlechtsuntypisches Verhalten mit Geringschätzung betrachtet und gewöhnlich mit Erniedrigung und Verspottung bestraft (vgl. Isay 1993, 39).

Die Diskriminierung von Menschen speziell mit einer homosexuellen Orientierung nennt sich Homophobie. Homophobie bezeichnet „die ablehnende Haltung der Gesellschaft zur Homosexualität und die irrationale Furcht heterosexueller Menschen im Umgang mit Schwulen und Lesben“ (Watzlawik und Heine 2009, S. 109). Meist handle es sich bei Personen mit den größten Befürchtungen und Sorgen um Menschen, die bisher keinen Kontakt zu Homosexuellen hatten oder haben möchten. Homophobie trete meist bei Männern oder älteren Menschen auf, die religiös eingebunden und politisch konservativ eingestellt sind (vgl. ebd.). Doch auch Jugendliche äußern sich homophob, wenn auch oft unbewusst. Das Wort „schwul“ ist bei vielen Kindern und Jugendlichen ein Schimpfwort, obwohl das Wort eine sexuelle Orientierung bezeichnet. Schwul ist für sie alles, was nicht den heteronormativen Ansprüchen der Gesellschaft entspricht (vgl. Heilmann 2002, S. 39). Schon in jungen Jahren werden Jungs, die sich nicht männlich genug verhalten, oft ausgegrenzt und diskriminiert. Dies erleben auch junge Erwachsene oder ausgewachsene Männer sowohl im privaten Bereich als auch im Berufsleben und anderen Lebensbereichen. Die Auswirkungen und Folgen homophober Erfahrungen seien sehr vielfältig. Psychische Störungen wie Einsamkeit, depressive Verfassungen bis hin zu Suizidversuchen und Selbsttötungen seien Nachwirkungen von Homophobie. Gerade junge Homosexuelle seien suizidgefährdet, die Selbstmordrate läge bei homosexuellen Jugendlichen zwei bis dreimal so hoch, wie bei heterosexuellen Gleichaltrigen (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 111).

3. Geschichte der Homosexualität in Deutschland

Sowohl die Definition von Homosexualität als auch die Reaktionen auf nicht-heterosexuelles Verhalten veränderten sich im Laufe der Menschheitsgeschichte regelmäßig. Im Mittelalter wurden Homosexuelle aufgrund des starken Glaubens an göttliche Gebote und die Gesetze der Natur als Sünder angesehen und mit der Todesstrafe bestraft. Während der Reformationszeit im 16. Jahrhundert wurde das Thema Homosexualität kaum behandelt. In der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde Homosexualität in Deutschland erstmals wieder thematisiert und als ekelhafter und unvernünftiger Ersatz für heterosexuelle Aktivitäten betrachtet, da sie nicht der Fortpflanzung dient (vgl. Blazek 1996, S. 10f). „Zwischen einer starken Verbreitung von Homosexualität und dem Verfall eines Staatswesens bestehe ein Zusammenhang. Somit wurden schwule Männer als Bedrohung für das Gemeinwesen betrachtet“ (ebd., S. 11).

Erst in der Goethe-Zeit kam es zu einer größeren, aber nicht vollständigen Akzeptanz von Homosexualität. In literarischen Werken wurden homoerotische Freundschaften zwischen Männern beschrieben, die jedoch für die Schriftsteller selbst undenkbar waren. Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Veränderung der Begründung, warum Homosexualität nicht richtig sei. Homosexualität ist nun nicht mehr abzulehnen, weil keine Kinder gezeugt werden können, sondern weil homosexuelle Männer sich weiblich verhalten und somit ihre wahre männliche Natur verleugnen. Diese Ansicht ist die Folge der entstehenden Rollen- und Familienbilder der damaligen Zeit, durch die es zur Unterdrückung von Frauen und homosexuellen Männern kam (vgl. Blazek 1996, 11f). Im Jahr der Reichsgründung Deutschlands 1871 wurde der Paragraph 175, der die Bestrafung sexueller Interaktionen zwischen Männern vorsieht, auf ganz Deutschland ausgeweitet (vgl. Herrn 1999, S. 11). Homosexualität wurde in der Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts als krankhaftes Leiden betrachtet, was den homosexuellen Männern zum ersten Mal die Möglichkeit bot, in der Gesellschaft offen über ihre „Krankheit“ zu sprechen. Homosexualität wandelte sich so in dieser Zeit von einer Sünde zu einem Verbrechen und dann von einem Verbrechen zu einer Krankheit. Da Homosexuelle zu dieser Zeit als kranke Menschen galten, sahen einige das Gesetz als unanwendbar an und kämpften um eine Abschaffung des Paragraphen, dies jedoch erfolglos. So auch der Arzt Magnus Hirschfeld, der selbst homosexuell war. Als einer von wenigen Ärzten beschrieb er Homosexualität nicht als eine Krankheit, sondern als eine „völlig natürliche Form von Sexualität“ (Blazek 1996, S. 13). Hirschfeld gründete 1897 die erste Homosexuellenorganisation, die sich unter anderem durch Petitionen für die Abschaffung des §175 einsetzte. Trotz der Zusammenarbeit mit der Linken Fraktion und den Liberalen blieb der Paragraph 175 weiterhin bestehen. In den darauffolgenden Jahren wurde der Paragraph immer wieder verhandelt, bis es mit dem Amtsbeginn von Adolf Hitler als Reichskanzler nicht zu einer Abschaffung, sondern zu einer Verschärfung des Gesetzes kam (vgl. Herrn 1999, 32f).

Durch eine Änderung des Paragraphen im Jahr 1935 wurden somit homosexuelle Männer nicht mehr nur wegen des sexuellen Aktes mit einem anderen Mann verurteilt. „Bald wurden selbst Zungenküsse bestraft, später reichte allein eine ‚wollüstige Absicht‘ zum Schuldspruch“ (Hirschfeld-Eddy-Stiftung 2012, S. 47). Dies führte dazu, dass im Rahmen des Nationalsozialismus schätzungsweise zwischen 5.000 und 15.000 homosexuelle Männer verurteilt und in Konzentrationslager gebracht wurden, wovon nur wenige überlebten (vgl. Blazek 1996, S. 13). Im Jahr 1944 „hatte die ‚Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung‘ Personalangaben von 41.000 Männern gespeichert, die der Homosexualität verdächtigt oder wegen homosexueller Handlungen bestraft wurden“ (Herrn 1999, S. 37). Immer wieder wurden medizinische Versuche an Homosexuellen durchgeführt, die von deutschen Ärzten und Juristen unterstützt wurden. Nach Kriegsende 1945 wurden die Gefangenen entlassen, jedoch kam es weiterhin zu Diskriminierung von Homosexuellen, da der §175 im Gesetzbuch verankert blieb. Männliche Homosexualität wurde bei der Besprechung des Gesetzes stets als gefährlicher betrachtet, als weibliche, sodass nur homosexuelle Männer verurteilt wurden und diese ihre Sexualität weiterhin meist geheim hielten.

Die Teilung Deutschlands 1949 in die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschlands brachte keine positive Veränderung für Homosexuelle. Die Eröffnung von Homosexuellenlokalen, das Drucken von Zeitschriften oder die Gründung von Vereinen wurden in der DDR verboten. Auch in der BRD wurden Homosexuelle weiterhin diskriminiert, jedoch war es in diesem Teil Deutschlands einfacher, Zeitschriften zu veröffentlichen oder Vereine zu gründen, um das Thema in der Gesellschaft zu normalisieren und zu etablieren (vgl. ebd. S. 42). Mit dem Bau der Mauer 1961 verstärkte sich die Einschränkung Homosexueller in der DDR weiter. Auch in der BRD kommt es zu einem Rückgang der Organisationen und Zeitschriften von Homosexuellen.

Durch die sexuelle Revolution und den damit verbundenen sozialen Wandel Ende der sechziger Jahre wurde Homosexualität in Deutschland jedoch weitgehend offener thematisiert, was zu einer liberaleren Ansicht in der Gesellschaft führte. Im Jahr 1969 wurde der §175 dahingehend geändert, dass Homosexualität bei über 21-Jährigen kein Gesetzesverstoß mehr ist. Ab 1971 gründen sich in der BRD die ersten studentischen Homosexuellengruppen, die offen in der Gesellschaft auftreten. In der DDR schließen sich ebenfalls Homosexuelle zusammen und veranstalten diverse Treffen für Homosexuelle. Diese Zusammenschlüsse werden Anfang der achtziger Jahre immer aktiver und setzen sich immer stärker gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ein. Ein Rückschlag in der Geschichte der Homosexualität wurde in Deutschland Anfang der achtziger Jahre durch die Immunschwächekrankheit Aids ausgelöst. Als bekannt wurde, dass gerade Homosexuelle gefährdet sind, sich mit Aids zu infizieren, reagierte die Gesellschaft mit Abweisung. Die positive Folge dessen war jedoch die Gründung der Deutschen Aids-Hilfen durch vor allem homosexuelle Männer im Jahr 1983 (vgl. Herrn 1999, S. 63). „Die Aids-Enquete-Kommission der Bundesregierung schlägt [im Jahr 1988] die Streichung des §175 vor, als Mittel zur größeren Akzeptanz homosexueller Lebensstile und damit als aidspräventionsfördernde Maßnahme“ (ebd., S. 65). Nach dem Fall der Mauer ein Jahr später kam es zu Treffen zwischen homosexuellen Männern aus Ost- und Westdeutschland. „Mit der Vereinigung beider deutscher Staaten kommt es trotz der sehr verschiedenen Traditionen der Bewegungen in den beiden Staaten, zu gemeinsamen Aktionen gegen den §175, der nach 123 Jahren Gültigkeit 1994 gestrichen wird“ (ebd. S. 68). Folge dessen war ein neues Gesetz, was Jugendliche unter 16 Jahren vor sexuellem Missbrauch schützen soll. In den folgenden Jahren war das Hauptthema der Homosexuellenbewegung die gleichgeschlechtliche Ehe.

Im Jahr 2001 trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft, wodurch homosexuelle Paare die Möglichkeit bekamen, eine eingetragene Partnerschaft anzumelden, die ähnliche Rechte und Pflichten bietet, wie eine Ehe. Dies führte wiederum zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2017.

4. Homosexualität in den verschiedenen Lebensphasen

Sich der eigenen Sexualität bewusst zu werden ist gerade für nicht-heterosexuelle Menschen ein langer Prozess, der oft schon im Kindesalter beginnt. Laut Friedman (1993) komme es in den meisten Fällen durch extreme Verweiblichung in der Kindheit zu Homosexualität im weiteren Leben. Schon früh sei ein starkes Interesse an weiblichen Heldenfiguren zu erkennen. Es bestehe oft eine Vorliebe für weibliche Kleider und Schmuck sowie für mädchenhaftes Spielzeug wie Puppen. Auch eine negative Haltung der Mutter gegenüber Männern sowie die Schwierigkeit, das Kind eigenständig werden zu sehen, führe zu einer Verweiblichung des Jungen (vgl. Friedman 1993, 211f). Die meisten Homosexuellen berichten laut Isay (1993) von den ersten homoerotischen Neigungen im Alter von acht bis vierzehn Jahren. Viele Männer scheinen jedoch schon im Alter von vier Jahren zu spüren, dass sie „anders“ seien, als andere (vgl. 1993, S. 32). Dieses Stadium laufe analog zu der ödipalen Phase bei heterosexuellen Jungen ab, bloß sei das primäre Sexualobjekt homosexueller Jungen der Vater. Neben dem größeren Interesse an männlichen Personen bleibe häufig ein relativer Mangel an Aggressivität, größeres Mitgefühl, Sensibilität oder ein Gefühl für Ästhetik bis ins Erwachsenenalter bestehen. Durch den Sozialisationsdruck könne sich dies jedoch im Jugend- oder Erwachsenenalter verändern (vgl. ebd. 38f.).

Die Altersgrenzen der Jugendphase sind nicht genau festgelegt, denn sie setzen sich zusammen aus biologischen und sozialen Faktoren. In Deutschland gelten im allgemeinen Personen zwischen 14 und 25 Jahren als Jugendliche bzw. als junge Erwachsene (vgl. Richter o. J., S. 29). Während Sexualität in der Kindheit meist ausgeblendet und nicht thematisiert wird, kommt es in der Jugendphase zu einem Aufmerksamkeits-Hoch. Neben den physischen Veränderungen durch die Pubertät kommt es auch zu psychischen Veränderungen. Hurrelmann (1995) beschreibt die Aufnahme von Beziehungen mit erotischem und sexuellem Charakter zum anderen Geschlecht als eine der wichtigen Entwicklungsaufgaben dieser Altersphase (vgl. 146f.; zit. n. Lautmann 2002, S. 90). In dieser Phase ist es sowohl für homo- als auch für heterosexuelle Jugendliche schwierig, ihre neuen Gefühle einzuordnen. Der Unterschied hierbei ist jedoch die Reaktion auf die Erkenntnis der eigenen Sexualität. Während heterosexuelle Jugendliche einen offenen Umgang pflegen und ihre Sexualität und die damit verbundenen Erfahrungen stolz verkünden, wird die Feststellung der eigenen Homosexualität meist verschwiegen. Auch wenn das Wissen über die eigene Homosexualität oft schon seit der Kindheit vorhanden ist, wird sie aus Gründen der Anpassung und dem Wunsch nach Akzeptanz unterdrückt und dadurch die Auslebung vermieden. Die ersten sexuellen Erfahrungen sind, bei Homosexuellen häufiger als bei Heterosexuellen, meist zufällige Ereignisse außerhalb von Liebesbeziehungen, was im weiteren Leben in Schwierigkeiten bei der Verknüpfung von romantischen Gefühlen und Sexualität resultieren könne. Die Häufung solcher Erfahrungen und das Empfinden von Andersartigkeit und Ablehnung führe bei homosexuellen Jugendlichen zu der Annahme, dass die eigene Sexualität verwerflich ist und in der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Durch gesellschaftliche Vorurteile und das dadurch möglicherweise angeschlagene Selbstwertgefühl werde die eigene Homosexualität oft abgelehnt und unterdrückt. „Je tiefer die gesellschaftliche Abwertung der Homosexualität verinnerlicht wurde, desto stärker quält den Jugendlichen in diesen Phasen sein Selbsthass“ (Heilmann 2002, S. 50). Erst in der Mitte oder gegen Ende der Jugendphase komme es zum Erkennen und Benennen der eigenen Sexualität. (vgl. Isay 1993, 60-65). Wie bereits in Kapitel 2 der Arbeit beschrieben, sind homosexuelle Jugendliche stärker suizidgefährdet, als heterosexuelle Jugendliche. Das Suizidrisiko der homosexuellen Jugendlichen lasse sich durch positive Reaktionen im sozialen Umfeld wie der Schule, bei Gleichaltrigen und in der Familie vermindern (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 111).

Die Erwachsenenphase wird von Lautmann (2002) in den Lebensabschnitt der Zwanziger- bis Sechziger Jahre unterteilt. Sexualität komme in diesem Alter generell in eine ruhige Phase. Sie spiele sich in geordneten Bahnen ab, zwischen zwei erwachsenen Autonomen, die einander Intimität und Vertrauen gewähren. In dieser Phase des Lebens komme es häufig zu Sexualproblemen bei Frauen und Männern (vgl. Lautmann 2002, 94f). Lautmann (2016) äußert sich zudem über den mangelhaften Forschungsstand zur Lebensqualität älterer homosexueller Männer (vgl. Lottmann et al. 2016, S. 16). Dennoch lasse sich erkennen, dass die sexuelle Aktivität bei älteren Paaren abnehme, weil einer der Beteiligten nicht mehr möchte oder könne. Oft sei dies die Folge von kulturellen Hemmnissen und sexuellen Stereotypen. So sei das Alter eher mit Weisheit oder Gebrechlichkeit verbunden als mit Erotik oder Ästhetik (vgl. Lautmann 2002, 96f). Die eigene Homosexualität ist im Erwachsenenalter meist bekannt und akzeptiert. Doch gerade bei Personen, deren Selbstwertgefühl durch gesellschaftliche Vorurteile angeschlagen ist, komme es zu einem späten inneren Coming-out (vgl. Isay 1993, S. 62). Obwohl die eigene Homosexualität akzeptiert ist, haben homosexuelle Männer häufig den Drang, ihrer Familie, ihren Arbeitskollegen oder ihren Freunden, die trotz ihrer Homosexualität vorhandene Männlichkeit zu beweisen (vgl. Friedman 1993, S. 220). Sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Personen werden mit fortschreitendem Alter mit neuen Eindrücken konfrontiert. Körperliche Einschränkungen und soziale Isolation sind nur zwei der negativen Folgen. Positive Folgen des fortschreitenden Alters können jedoch Veränderungen in der Tagesstruktur und der Freizeitgestaltung sein (vgl. Rauchfleisch 1994, S. 110).

5. Das Coming-out als Prozess

Während heterosexuelle Beziehungen und Erfahrungen meist unkommentiert akzeptiert werden, gestaltet sich der offene Umgang mit Homosexualität oft aufwendiger. Die heterosexuelle Orientierung bedarf keiner besonderen Erwähnung, wohingegen das offene Bekenntnis zur bi- oder homosexuellen Orientierung, auch Coming-out oder Outing genannt, bei diesen Sexualitäten fast schon vorausgesetzt wird. Dies scheine in der Gesellschaft ebenso selbstverständlich zu sein, wie die Normalität der Heterosexualität (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 79). Der Begriff „Coming-out“ bedeutet aus dem Englischen übersetzt „herauskommen“. Das Coming-out suggeriere vor allem ein Herauskommen nach außen (äußeres Coming-out), jedoch handle es sich im ersten Schritt um ein inneres Bewusstwerden der eigenen Homosexualität (inneres Coming-out). Nach der Selbstakzeptanz stehen Betroffene vor der Entscheidung, ihre Sexualität nach außen zu tragen (vgl. Esch 1996, 56f). In welchem zeitlichen Rahmen und Umfeld das Coming-out stattfindet ist abhängig von diversen Faktoren wie beispielsweise bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen.

Laut Rauchfleisch et al. (2002) handle es sich bei einem Coming-out um einen lebenslangen Entwicklungsprozess, der sich aus zwei Teilen zusammensetzt. Den ersten Teil benennt er als innerpsychischen Vorgang, der das Bewusstwerden der nicht-Heterosexualität beschreibt. Als zweiten Teil beschreibt er die soziale Dimension, die den öffentlichen Umgang mit der Sexualität beinhaltet. Insgesamt habe das Coming-out einen prozesshaften Charakter und ziehe sich durch das ganze Leben hindurch, was oft mit besonderen Belastungen verbunden sei. Es bestehe aus drei Phasen, die spezifische Erfahrungen in Bezug auf die eigene Person als auch die Interaktion mit der näheren und weiteren Umgebung beinhalten. Rauchfleisch benennt diese als „Prä-Coming-out-Phase“, als „eigentliches Coming-out“ und als „Integrationsphase“ (vgl. 2002, S. 38).

Die Zeit von der Geburt bis zum Bewusstwerden des „Anders-Sein“ ordnet Rauchfleisch (2002) in die Prä-Coming-out-Phase ein. Diese werde vor allem von äußeren Eindrücken geprägt, sodass enge Bezugspersonen in dieser Zeit einen großen Einfluss darauf haben, ob das „Anders-Sein“ positiv oder negativ empfunden wird. Hierbei bestehe die Schwierigkeit darin, dass sowohl die betroffene Person als auch das nahe Umfeld akzeptieren müsse, dass keine heterosexuelle Orientierung vorhanden ist, sondern es sich um eine homo- oder bisexuelle Identität handle. Durch die heterosexuellen Standards in der Gesellschaft komme es in dieser Phase bei Betroffenen oft zu psychischen Belastungen. Homophobe Einstellungen im nahen Umfeld können negative Einflüsse auf das Selbstwertgefühl der Heranwachsenden führen. Doch auch das Umfeld müsse in dieser Phase zunächst lernen, mit der unbekannten Situation umzugehen. Gerade heterosexuelle Eltern eines nicht-heterosexuellen Kindes müssen die sexuelle Orientierung akzeptieren und lernen, mit dem nicht-typisch-männlichen oder dem nicht-typisch-weiblichen Verhalten ihres Kindes in der Öffentlichkeit umzugehen (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 28–40).

Die zweite Phase bezeichnet Rauchfleisch (ebd., S. 41f) als das eigentliche Coming-out. Hierbei werden sich die Betroffenen über ihre homo- oder bisexuelle Orientierung bewusst. Die Gewissheit über die eigene sexuelle Orientierung sei jedoch weiterhin mit großer Ungewissheit, Zweifeln und Unsicherheit verbunden. Junge Menschen stellen sich in dieser Phase die Frage, wem sie zuerst und wem sie generell von ihrer Sexualität berichten sollen. Einen großen Einfluss auf die Antwort auf diese Fragen habe das soziale Umfeld. Vergangene Erfahrungen im beruflichen oder privaten Umfeld beeinflussen den Umgang mit der homo- oder bisexuellen Orientierung. Rauchfleisch spricht in diesem Kontext explizit das Problem der Kirchen an. Gerade die katholische Kirche und evangelikale Gruppierungen nehmen eine durchweg entwertende und ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität ein, was bei ihren nicht-heterosexuellen Mitgliedern zu enormem Druck und massiven Selbstwertproblemen führe. Für Jugendliche sei es wichtig, positive Erfahrungen hinsichtlich ihrer Sexualität zu sammeln. Das erste Gespräch über die gleichgeschlechtliche Orientierung solle daher mit einer nahestehenden, vertrauten Person geführt werden. Meist erleben bi- oder homosexuelle Jugendliche ihr erstes Outing bei einer Person aus dem engen Freundeskreis, von der sie keine Ablehnung und Entwertung erwarten. Unterstützend bei der Identitätsentwicklung von gleichgeschlechtlich empfindenden Jugendlichen agieren Coming-out-Gruppen, die Emanzipations- und Freizeitangebote für Homosexuelle anbieten. Dies solle nicht zu der Abgrenzung von der heterosexuellen Gesellschaft führen, sondern als Hilfe zur Ausbildung einer positiven homosexuellen Identität dienen. Während heterosexuelle Jugendliche sich durch ihre Umgebung ständig in ihrer sexuellen Identität bestätigt sehen, brauchen gleichgeschlechtlich empfindende Jugendliche einen Raum, in dem ihre Sexualität ebenfalls bestätigt wird, da meist ein Mangel an homo- oder bisexuellen Vorbildern herrscht. Neben dem Mangel an Orientierungshilfen müssen sich die Jugendlichen mit negativen Klischeebildern auseinandersetzen, die sie in ihrer Identitätsentwicklung und ihrem Selbstwertgefühl beeinflussen können. Gerade junge homosexuelle Männer werden beispielsweise, im Gegensatz zu heterosexuellen Jugendlichen, schon sehr früh mit dem Risiko der HIV-Infektion konfrontiert. Folge dessen sei die ständige Kontrolle der eigenen Sexualität, um Gefahren zu vermeiden. Diese Belastung ist nicht nur bei Jugendlichen gegeben, denn das Outing kann in allen Lebensphasen stattfinden. Kommt es erst im mittleren oder im höheren Alter zum eigentlichen Coming-out, habe dies beispielsweise durch den Druck des jahrelangen Geheimhaltens der eigenen Sexualität erhebliche Folgen. In einem solchen Fall sei es empfehlenswert, professionelle therapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen, um Unterstützung zu erfahren (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 41–46).

Laut Rauchfleisch et al. (2002) erhalten in der Integrationsphase, die den letzten Teil des Coming-out-Prozesses ausmacht, emotionale und körperlich-sexuelle Aspekte den gleichen Stellenwert im Leben von Homo- und Bisexuellen. Die homo- oder bisexuelle Beziehung werde in dieser Phase genauso öffentlich ausgelebt wie eine heterosexuelle Beziehung, sodass die Partnerschaft eine andere soziale Realität erhält. Dies führe zu einer größeren emotionalen Intensität und mehr Nähe, als in vorausgegangenen episodischen und lockeren Kontakten. Ähnlich wie in heterosexuellen Partnerschaften gibt es meist verbindliche Norm- und Wertvorstellungen, die für Zufriedenheit im Zusammenleben sorgen sollen. Das Öffentlichmachen einer homosexuellen Beziehung führe zwar zu einer größeren Intimität zwischen den Partnern, sei jedoch auch mit Risiken verbunden. Situationsbedingt müssen die Personen entscheiden, ob sie ihre sexuelle Orientierung im privaten oder beruflichen Umfeld offenlegen, wodurch es zu Diskriminierung und Ausgrenzung kommen könne. Trotz des Risikos, auf Ablehnung zu stoßen, gehen Paare meist offen mit ihrer Sexualität um, da sich bis zur Integrationsphase die innere Sicherheit und die Selbstakzeptanz gefestigt haben sollten. Wie auch heterosexuelle Menschen befassen sich auch Homosexuelle mit dem fortschreitenden Alterungsprozess und den damit verbundenen Konsequenzen. Der Ausstieg aus dem Arbeitsleben, Veränderungen im Lebensrhythmus sowie bei physischen und psychischen Abläufen sind sexualitätsunabhängige Themen, die fast jeden Menschen betreffen. Doch vor allem homosexuelle Männer und Frauen betreffe Einsamkeit im Alter. Zwar werde Homosexualität in der Gesellschaft besser angenommen, doch sei es nur in wenigen Alten- und Pflegeheimen akzeptiert, eine homosexuelle Orientierung offen zu leben (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 46–52).

5.1 Unterschiede im Outing

Da es sich bei einem Coming-out um einen sehr komplexen und individuellen Prozess handelt, lassen sich Unterschiede in verschiedenen Aspekten feststellen. Ähnlich wie auch Rauchfleisch beschreiben Rotheram-Borus und Langabeer (2001, S. 102) das Coming-out als einen Prozess, der sich über das gesamte Leben erstreckt: “The coming out-process is not a discrete event or stage-defined trajectory, but a process that occurs and envolves throughout the life-span” (zit. n. Watzlawik und Heine 2009, S. 173). Der Beginn des Coming-out- Prozesses liege meist im Jugendalter, doch anders als andere Entwicklungsprozesse sei er nicht an eine festgelegte Altersstufe gebunden. So berichten homo- und bisexuelle Menschen unterschiedlichen Alters von verschiedenen, zeitlich versetzten Situationen, in denen sie sich erneut outen müssen (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 173). Ob im beruflichen oder im privaten Umfeld, immer wieder stellen sich Betroffene die Frage, wie die Reaktion auf ihre Sexualität ausfallen wird. Abhängig von der Entwicklungsstufe einer Person zum Zeitpunkt der Bewusstwerdung ihrer homo- oder bisexuellen Orientierung, komme es zu differierenden Erlebnissen bei einem Coming-out (vgl. ebd. 174). Kommt es nicht im Jugendalter sondern erst im Erwachsenenalter zum Coming-out, bringe dies besondere Schwierigkeiten mit sich. Homo- oder bisexuelle Personen, die in einer heterosexuellen Partnerschaft mit Kindern leben, haben neben ihrer emotionalen Verbundenheit zu ihrer Familie auch den Drang, ihre homo- oder bisexuelle Seite ausleben zu wollen (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 47). Der Umgang mit dem Thema ist demnach abhängig vom Alter, der mentalen Reife, den äußeren Umständen und dem Selbstwertgefühl einer Person. Doch nicht nur das Alter spielt eine Rolle beim Coming-out. Kulturelle Unterschiede haben ebenfalls einen Einfluss darauf, wie das Outing erlebt wird. Handelt es sich um eine intolerante Gesellschaft in Bezug auf Sexualität, verschiebe sich die Entwicklung der sexuellen Identität und das damit verbundene Coming- out nach hinten. Wird eine nicht-heterosexuelle Orientierung in einer Kultur abgelehnt, komme es für homosexuelle Heranwachsende in der Phase der sexuellen Identitätsfindung zu Problemen. Diese Phase der Selbstfindung werde durch Unterdrückung in einer Gesellschaft erschwert und verlängert, gerade wenn das Sammeln von Erfahrungen und das Zulassen von Gefühlen verboten erscheint (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 174).

5.2 Forschungsstand zum Thema Coming-out

Die Coming-out Forschung beschäftigt sich nicht nur mit bi- und homosexuellen Männern, sondern mit Personen aller Geschlechter und sexueller Orientierungen. Die Auswahl der in dieser Arbeit genutzten Literatur spiegelt nur einen kleinen Teil des bereits Erforschten wider. Die Quellen wurden vor allem zur Beantwortung der zu Beginn formulierten Fragestellung ausgewählt sowie zur Erläuterung der theoretischen Grundlagen. Bei der Literaturrecherche war auffallend, dass neben wissenschaftlicher Fachliteratur viele Monografien von homosexuellen Männern verfügbar sind. Da es sich bei dem Thema des Coming-outs um einen sehr individuellen Prozess handelt, veröffentlichen Autoren persönliche Werke. Laut Woltersdorff (2005) handelt es sich hierbei um „Dokumente, die Prozesse der Selbstdeutung mit politischer und ästhetischer Subversivität oder Radikalität verbinden und das Genre des Coming-out über sich selbst hinaustreiben wollen“ (Woltersdorff 2005, S. 22). Grundsätzlich war bei der Recherche auffallend, dass die Forschungslage in Deutschland über das Coming- out, gerade bei lesbischen Frauen, defizitär ist.

Die Heteronormativität der Gesellschaft und dementsprechende heterosexistische Botschaften stelle homosexuelle Personen laufend vor die Entscheidung, ob sie sich „outen“ wollen, um gewisse Aussagen zu widerlegen, oder ob sie die Verletzung ihrer sexuellen Integrität akzeptieren (vgl. Rauchfleisch et al. 2002, S. 55). Das Coming-out eines bi- oder homosexuellen Mannes ist in jedem Fall ein individueller Prozess, bei dem sich von Fall zu Fall Unterschiede erkennen lassen. Anhand der von Watzlawik und Heine (2009) beschriebenen Daten lässt sich beispielhaft ein Verlauf des Coming-outs von bi- und homosexuellen Männern skizzieren. Die untersuchte Umfrage wurde von 720 jungen homo und bisexuellen Männern im Alter von 16 bis 27 Jahren beantwortet. Der Großteil aller Teilnehmer (37,5%) gab an, bereits im Alter von 13 bis 15 Jahren das Bewusstsein darüber zu haben, nicht heterosexuell zu sein. 12,2% waren jünger als 13 Jahre und 24,0% waren zwischen 16 und 17 Jahren. Demnach haben 26,2% der Befragten nach ihrem 17. Lebensjahr bemerkt, dass ihre Sexualität von der der anderen abweicht. Die meisten Teilnehmer (49,7%) haben ihre sexuelle Orientierung somit bereits in der frühen Adoleszenz (bis zum 15. Lebensjahr) wahrgenommen. 42,5% der Befragten nahmen ihre Bi- oder Homosexualität in der späten Adoleszenz (16. bis 22. Lebensjahr) erstmals wahr. 7,8% der Männer waren bereits junge Erwachsene. Das Gefühl, sich der eigenen Bi- oder Homosexualität bewusst zu werden, wird auch „inneres Coming-out“ genannt. Meist war das innere Coming-out bei den Befragten mit negativen Emotionen verbunden. Gefühle wie Beunruhigung und Fremdsein traten häufig auf. Teilweise wurde die eigene Sexualität im ersten Moment abgelehnt. Von neutralen und positiven Erfahrungen im Rahmen des inneren Coming-out wurde ebenfalls berichtet. Die jungen Männer gaben an, sich stolz und begehrt oder auch wertvoll und liebenswert zu fühlen (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 83).

Zum Zeitpunkt der Befragung haben sich 78,2% der 720 Teilnehmer anderen gegenüber zu ihrer sexuellen Orientierung geäußert, was als „äußeres Coming-out“ beschrieben wird. Während 81 Personen (11,3%) ihre Sexualität vor anderen nicht offenlegten, sprachen 10,6% nur mit anderen Homo- bzw. Bisexuellen darüber. Zwischen dem inneren und dem äußeren Coming-out liegt bei den Befragten eine unterschiedliche Zeitspanne. Nach weniger als sieben Tagen nach dem inneren Coming-out sprachen 2,7% der jungen Männer mit einer außenstehenden Person über ihr Empfinden. Zwischen ein und drei Wochen nach dem Bewusstwerden der eigenen Sexualität vertrauten sich 4,1% jemandem an. 13,1% der Teilnehmer brauchten ein bis fünf Monate und 15,8% brauchten sechs Monate bis ein Jahr, um sich jemandem anzuvertrauen. Der größte Teil von 31,4% wagte nach ein bis drei Jahren zum ersten Mal ihr äußeres Coming-out. 19,2% der Teilnehmer sprach drei bis fünf Jahre nach ihrem inneren Coming-out erstmals über ihre eigene Sexualität, während 13,7% mehr als fünf Jahre abwarteten (vgl. ebd., S. 83-85).

Das äußere Coming-out ist im Vorfeld mit der Frage verbunden, welche Reaktion und Konsequenz vom Gesprächspartner zu erwarten ist. Von allen jungen Männern gaben 493 Auskunft über ihre Befürchtungen. Die Erwartung, auf Ablehnung oder Abneigung zu stoßen, hatten 118 junge Männer (23,9%). 89 Befragte (18,1%) rechneten mit einer positiven und 53 (10,8%) mit einer negativen oder schlimmen Reaktion auf ihr Outing. 59 (12,0%) erwarteten Akzeptanz und Annahme ihrer Sexualität während 51 (10,3%) Angst davor hatten, sozial ausgegrenzt oder von ihrer Familie verstoßen zu werden. 10,1% der jungen Männer rechneten mit Unverständnis von Seiten ihres Gegenübers. Die meiste Angst, über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen, hatten die Teilnehmer bei Personen, die zur direkten Familie und gleichzeitig zur älteren Generation gehören. Bei Gesprächen mit eher Gleichaltrigen wie Geschwistern oder Mitschülern haben die jungen Männer zwar weniger Angst verspürt, dennoch war sie stärker als bei Freunden und Lehrern oder ähnlichen Bezugspersonen. Im Coming-out-Prozess haben Freunde laut der Umfrage die wichtigste Position, da die Befragten vor einem Gespräch mit ihnen am wenigsten Angst haben und sich ihnen eher anvertrauen, als anderen Personen (vgl. ebd., S. 85f).

Die Teilnehmer der Umfrage gaben unterschiedliche Motivationen an, die sie für das Gespräch mit anderen über ihre Sexualität hatten, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. Für 56,8% der jungen Männer war der Hauptgrund für ihr Outing die Angst, von anderen beim Lügen erwischt oder bloßgestellt zu werden. 56,4% der jungen Männer vertrauten sich anderen an, weil sie über den Rückhalt wussten, der sie erwartete. 32,2% litten durch das Geheimhalten ihrer Sexualität an Depressionen. Einem Fremdouting, also dem Bekanntgeben der sexuellen Orientierung durch Dritte, wollten 42,9% der Befragten entgehen. 10,3% wollten explizit ihren Eltern ein Fremdouting ersparen. 1,3% haben sich vor anderen über ihre Sexualität geäußert, weil sie sich um eine HIV-Infektion sorgten. Wegen ihres religiösen Hintergrunds outeten sich 0,8% der jungen Männer. Der Großteil der Befragten (86,1%) gab an, den Schritt des Coming- out nicht bereut zu haben. Einige Teilnehmer (12,5%) bereuen ihr Coming-out selten bis häufig, während 1,1% ihr Outing meistens bereuen. Nur sehr wenige (0,4%) gaben an, dass sie sich rückblickend nicht hätten outen sollen. Neben den Gründen, die für ein Coming-out Sprechen, gaben die Befragten auch Gründe gegen ihr Coming-out an. Hierbei war die Angst vor fehlender Akzeptanz für 14,2% der Befragten der Hauptgrund, sich nicht zu outen. Die Angst vor Ausgrenzung und Mobbing spielte für viele ebenfalls eine große Rolle. Der Umfrage nach zu urteilen ist demnach die Angst der jungen Männer die größte Motivation, mit Außenstehenden über die eigene Sexualität zu sprechen oder sich aufgrund von Angst gegen ein Outing zu entscheiden. Wird der Schritt des Coming-out gewagt, werden die jungen Männer laut Umfrage nur sehr selten enttäuscht, sondern erhalten meist positive Reaktionen. (vgl. Watzlawik und Heine 2009, S. 86–90).

Michael Bochow (2015) führte eine Studie zur die Lebenssituation älterer homosexueller Männer durch. In den Interviews wurden diverse Themen angesprochen. Die erste Dimension, die behandelt wird, sind die Paarbeziehungen der homosexuellen Männer. Die Hälfte der Befragten lebe in einer festen Beziehung, von denen der Partner von 15 Befragten 20 oder mehr Jahre jünger ist, als sie selbst (vgl. Bochow 2015, 316f). Außerdem beschreibt er eine Veränderung der Intimität in der Partnerschaft im Laufe der Dauer, da sich mit zunehmendem Alter der Fokus auf die Intimitätskomponenten der emotionalen Sicherheit und Loyalität lege und weniger auf sexuelle Intimität (vgl. Bochow 2015, S. 317). Eine weitere Dimension sind die Sexualität und die Homosozialität im Alter. Einige Interviewpartner berichteten von ihren lockeren Sexualbeziehungen oder sexuellen Kontakten neben ihren platonischen Beziehungen. Dennoch sind auch traditionelle Einstellungen bei den Interviewten zu erkennen. „Einige Interviewpartner folgern aus dem unterstellten Verschwinden sexueller Bedürfnisse im Alter auch ein Schwinden der homosexuellen Identität“, beschreibt Bochow (2015, S. 322). Viele ältere Homosexuelle thematisierten ihre Sexualität vor ihren Eltern, dies sogar in Zeiten der Kriminalisierung und Stigmatisierung von Homosexualität während der fünfziger und sechziger Jahre. Oft sei es aber erst zu Outing Gesprächen mit ihren Müttern gekommen, nachdem der Vater gestorben war. Nur wenige Befragte berichteten von starker Ablehnung von väterlicher Seite. Die Reaktionen der Geschwister „variieren zumeist zwischen Indifferenz und akzeptierenden Haltungen. Es wird jedoch auch berichtet, dass eine ablehnende Haltung zeitlebens bestehen blieb“ (ebd., S. 328).

6. Auswahl der Datenerhebungsmethode

Im Rahmen der Literaturrecherche wurde immer wieder deutlich, dass es sich bei einem Coming-out um einen langen und individuellen Prozess handelt, der sowohl durch innere als auch äußere Faktoren beeinflusst wird. Um Daten zu erhalten, die über damit zusammenhängende gesellschaftliche Vorgänge und Veränderungen Auskunft geben, musste zunächst eine Auswahl der Forschungsmethode getroffen werden.

Eine quantitative Forschung, bei der standardisierte Datenerhebungen durchgeführt werden, die zu generalisierbaren Ergebnissen führen, war bei dem hier behandelten Themenkomplex nicht die passende Methode. Um die vorliegende Arbeit in einem angemessenen Umfang zu halten, wurde keine repräsentative Forschung durch quantitative Erhebungen durchgeführt. Der individuelle und prozesshafte Charakter des Forschungsthemas begründet zusätzlich die Entscheidung für eine qualitative Forschung. Angelehnt an die Fragestellung der Forschung wurde somit eine qualitative Erhebungsmethode ausgewählt. Daher wurden gezielt Forschungsteilnehmer ausgewählt, um nach einer interpretierenden Datenauswertung im theoretischen Sinn gewisse Verallgemeinerungen möglich zu machen. Im Rahmen einer qualitativen Forschung lassen sich detaillierte Analysen einer Auswahl von Fällen erstellen, bei denen die Befragten den Vorteil eines deutlich größeren Erzählspielraumes haben, um die ihnen wichtigen Informationen mitzuteilen. Nachteilig sind hingegen der hohe Zeitaufwand und die geringe Verallgemeinerbarkeit von qualitativen Forschungen (vgl. Flick 2016, S. 22–27).

Wichtig sind bei qualitativer Forschung Gütekriterien, die sich jedoch von den klassischen der quantitativen Forschung unterscheiden. Objektivität, Reliabilität, interne und externe Validität können aufgrund der Prozesshaftigkeit der Forschung nicht angewandt werden. Dennoch können laut Kruse (2014) Qualitätskriterien für die qualitative Forschung formuliert werden. Das erste Kriterium ist demnach Intersubjektivität. Damit gemeint ist die Nachvollziehbarkeit in Bezug auf den Erkenntnisprozess durch mehrere Forschende. Diese werde durch die Explikation und Dokumentation aller durchgeführten Forschungsschritte ermöglicht. Gerade in Bezug auf die Interpretation und Lesart eines Textes müsse die Nachvollziehbarkeit bei verschiedenen Personen gegeben sein (vgl. Kruse 2014, 55f). Das Kriterium der Objektivität wird bei der qualitativen Forschung durch reflektierte Subjektivität ersetzt. Somit solle die Rekonstruktion von kontextueller Subjektivität nach spezifischen Regeln ermöglicht werden. Die Konsistenzregel ersetze als letztes Kriterium die klassische Reliabilität. Sie besagt, dass eine Interpretation eines Textes als zuverlässig gilt, wenn sie konsistent mit dem ganzen Text ist. Eine Zufälligkeit herausgearbeiteter Sinnstrukturen dürfe nicht auftreten, sondern müsse mit dem gesamten Datenmaterial übereinstimmen. Ebenso wichtig sei die authentische und umfassende Repräsentation eines Falles, um Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit zu schaffen (vgl. Kruse 2014, 56f).

Neben der Einhaltung der Gütekriterien werden bei der Vor- und Nachbereitung sowie der Durchführung der Forschung die Grundsätze der qualitativen Forschung nach Mayring (2002) beachtet. Wichtig sei demnach zum einen eine starke Subjektbezogenheit, womit in diesem Fall der Mann und seine spezifischen Erzählungen gemeint sind. Zudem betont Mayring die Deskription und Interpretation der erhobenen Daten. Der Gegenstand der Forschung sei nie offensichtlich, daher müsse er durch Interpretation offengelegt werden. Des Weiteren solle die Forschung in einer für die Subjekte gewohnten und natürlichen Umgebung stattfinden. Eine Generalisierung der Ergebnisse als Verallgemeinerungsprozess erfolge erst im Anschluss nach Materialsichtung (vgl. Mayring 2002, S. 19–23).

6.1 Das leitfadengestützte teilnarrative Interview

Bei einer qualitativen Forschung mit Interviews können verschiedene Interviewformen genutzt werden. Grundsätzlich wird den Befragten bei den meisten qualitativen Interviews so viel offener Raum wie nur möglich für ihre Antworten geboten. Damit werde die Möglichkeit gegeben, ein Thema in der eigenen Sprache, dem eigenen Symbolsystem und innerhalb des eigenen Relevanzrahmens zu erläutern (vgl. Kruse 2014, S. 150). Laut Kruse (2014) gestalte es sich schwierig, für ein spezifisches Forschungsvorhaben eine spezifische Interviewmethode auszuwählen (ebd., S. 207). Methodischer Monismus werde sowohl der Komplexität sozialer Phänomene als auch der Interviewkommunikation, anhand derer jene sozialen Phänomene erhoben werden sollen, nicht gerecht (ebd.). Ein standardisierter Fragebogen kam für die hier durchgeführte Forschung nicht in Frage, da diese Methode zu einer starken Einschränkung bei der Datenerhebung und einer Eingrenzung der Informationen geführt hätte. Das von Fritz Schütze entwickelte Verfahren des narrativen Interviews, bei dem sich die interviewende Person vollständig zurücknehmen muss, während die befragte Person erzählt, wird in seiner klassischen Form ohne einen Leitfaden durchgeführt. Doch ein rein narratives Interview erschien bei dieser Forschung zum Thema Coming-out ebenfalls eher ungeeignet, da nicht auszuschließen war, dass wichtige Themen erst auf Nachfrage erläutert werden. Das Gespräch könnte dadurch zwanghaft in eine Richtung geleitet werden, um alle benötigten Informationen zu erhalten, die in der Stehgreiferzählung des Interviewten nicht für erzählenswert erachtet wurden. Bei allen Interviews ist zu beachten, dass es zu Verzerrungen der Ergebnisse durch die interviewende Person kommen kann. Die Antworten der Interviewteilnehmer können, abhängig von ihrem Gegenüber, variieren und sich in ihrer Qualität unterscheiden.

Um also eine umfassende Repräsentation eines Falles zu erhalten, fiel die Wahl auf leitfadengestützte teilnarrative Interviews, da sich bei dem Themenkomplex die persönlichen Erzählungen der Gesprächsteilnehmer zur Datenerhebung anbieten. Im Vorfeld wurde also ein Leitfaden ausgearbeitet, der während des Interviews eine gewisse Struktur vorgibt, um sowohl gewisse Themenfelder abgedeckt zu wissen als auch um eine Vergleichbarkeit verschiedener Interviews zu ermöglichen. Bei der Erstellung des Leitfadens wurde stets darauf geachtet, offene Fragen bzw. Erzählstimuli zu formulieren, damit zwar eine gewisse Struktur vorhanden ist, aber die Offenheit der Kommunikation nicht verloren geht. Neben soziodemographischen Fragen, die zu Beginn des Interviews gestellt wurden, definierten die Interviewteilnehmer zunächst ihre Familienverhältnisse und ihr Umfeld in ihrer Kindheit. Im Verlauf des Gesprächs wurden anschließend diverse Themengebereiche angesprochen, die zur Darstellung des Outing-Prozesses dienen sollten. Zunächst kam das Thema Sexualität zu Sprache, um die Stellung dieser in der Kindheit und Jugend der Befragten herauszufinden. Durch diesen Themenbereich sollten mögliche Unterschiede hinsichtlich der Aufklärung und Offenheit der verschiedenen Generationen aufgezeigt werden. Darauf folgte die Beschreibung des tatsächlichen Outing-Prozesses, dem Schwerpunkt der Interviews. Hierbei wurde sowohl das innere Coming-out thematisiert als auch die erwarteten und erlebten Situationen. Die Frage nach dem Ablauf des inneren und äußeren Coming-outs sollte so ausführlich wie möglich beantwortet werden, weil in diesem Themenbereich ebenfalls Generationenunterschiede möglich sein können, die durch eine genaue Beschreibung vergleichbar gemacht werden. Der Umgang mit Homosexualität in der Gesellschaft sowie Vorurteilen und Diskriminierung war ein weiterer Themenkomplex des Leitfadens. Die Frage „Können Sie mir erzählen, in wieweit das Thema Coming Out in Ihrem weiteren Leben eine Rolle spielte?“ zielte darauf ab, aktuelle Coming-out-Erlebnisse und damit verbundene Reaktionen wie beispielsweise im Beruf oder im sozialen Umfeld zu erfahren. Abgeschlossen wurde das Interview mit den Wünschen und Erwartungen der Befragten, um eine mögliche Darstellung der Idealvorstellung einer Gesellschaft anzuregen.

Da es sich um ein teilnarratives Interview handelt, konnten die Fragen des Leitfadens flexibel gestellt werden oder wurden ausgelassen, wenn sie an anderer Stelle bereits thematisiert wurden. Der vollständige Interviewleitfaden mit den zuvor genannten Themenbereichen ist im Anhang zu finden.

6.2 Ablauf der Interviews

Die Entscheidung, ein leitfadengestütztes teilnarratives Interview durchzuführen, bedarf neben der Ausarbeitung eines Leitfadens auch die Bereitschaft außenstehender Personen, an einem solchen Interview teilzunehmen. Ebenso wichtig wie eine gezielte Fallauswahl und Strukturierung des Vorgehens ist die Aufarbeitung und Interpretation der erhobenen Daten. Grundsätzlich war das Ziel der Interviews, Erzählungen zu diversen Coming-out-Erlebnissen anzustoßen. In diesem Fall sollten die Gespräche verschiedene gesellschaftliche Reaktionen auf Coming-outs sowie historische Unterschiede aufzeigen. In qualitativen Interviews werde generell nicht die Wirklichkeit abgebildet, sondern die Wirklichkeit der erzählenden Person rekonstruiert (vgl. Kruse 2014, S. 287).

Nach der Festlegung des Forschungsinteresses und der Datenerhebungsmethode mussten passende Gesprächspartner gefunden werden. Es handelte sich hierbei um eine bewusste Stichprobenziehung anhand festgelegter Kriterien. Gesucht wurden zu Beginn der Arbeit sowohl homosexuelle Frauen und Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Hierfür wurde zunächst das queere Jugendzentrum KUSS41 in Frankfurt am Main kontaktiert, das einen Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene aller Geschlechter und sexueller Orientierungen bietet. Dadurch kam ein Kontakt zur Initiative SCHLAU zustande. Diese leistet Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit zu geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen. Durch eine Rundmail an die Mitarbeiter in Frankfurt fand sich der erste männliche Teilnehmer im Alter von 21 Jahren. Durch eine Empfehlung wurde der Kontakt zur Leitung des Café Karussell in Frankfurt hergestellt, einem Treffpunkt für homosexuelle Männer im fortgeschrittenen Alter. Nur kurze Zeit später meldeten sich fünf Männer im Alter von 55-63, die bereit für ein Interview waren. Die Recherche nach einem Treff für lesbische Frauen führte zur LIBS, der lesbischen Informations- und Beratungsstelle in Frankfurt. Nach der Kontaktaufnahme per E-Mail wurde auch hier eine Rundmail mit dem Interviewpartnerinnen- Gesuch an verschiedene Frauen gesendet, leider bis zum Schluss ohne eine Rückmeldung einer einzigen Frau. Ein weiterer Interviewpartner im Alter von 24 Jahren wurde über Universitätskontakte rekrutiert. Nachdem auffällig wurde, dass voraussichtlich nur homosexuelle Männer bereit für ein Interview sein werden, wurde das Thema der Forschung dementsprechend auf jugendliche und ältere homosexuelle Männer eingegrenzt. Die Männer wurden daraufhin einzeln per E-Mail kontaktiert, um das Forschungsvorhaben zu erklären sowie die Vertraulichkeit und Anonymität der Daten zu versichern. Danach kam es zu kurzen Telefonaten, um die Rahmenbedingungen wie die Zeit und den Ort festzulegen.

Von anfangs sieben Personen blieben durch Absagen aufgrund von Krankheit oder Zeitmangel letztendlich zwei junge Männer und drei Männer im fortgeschrittenen Alter übrig, die bereit für ein Interview waren. Von den fünf durchgeführten Interviews ließen sich vier für diese Arbeit verwenden, da bei einem Gespräch trotz vorheriger Überprüfung keine Audioaufnahme möglich war. Der technische Defekt des Aufnahmegeräts wurde erst im Anschluss des ersten Interviews festgestellt, sodass die Daten aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit nicht weiter berücksichtigt werden können. Das erste Interview wurde als Pretest behandelt, um Schlüsse für die darauffolgenden Gespräche zu ziehen. Folge des ersten Interviews war vor allem die Nutzung zweier Audioaufnahmegeräte bei den weiteren Interviews sowie eine genauere Mitschrift wichtiger Aussagen währenddessen, um die Datensicherung zu gewährleisten. Zudem entstand ein erster Überblick über die tatsächliche Länge des Gesprächs und die Qualität der Antworten, sodass der Leitfaden und die darin enthaltenen Fragen dementsprechend angepasst werden konnten.

Die Auswahl des Ortes für das Interview wurde den Interviewpartnern überlassen. Da es sich bei dem Thema, das es zu besprechen galt, um ein sensibles handelt, fiel die Wahl bei allen Gesprächen auf den geschützten Raum des Wohnzimmers der Männer. Bei allen Gesprächen waren nur die interviewende Person und der Interviewpartner anwesend. Im Vorfeld wurde ein grober Zeitrahmen besprochen, um einen plötzlichen Abbruch des Interviews aufgrund von Zeitmangel zu vermeiden. Im Schnitt dauerten die Interviews 1-1,5 Stunden. Bevor das eigentliche Interview begonnen wurde, erhielten die Interviewteilnehmer ein Dokument mit Informationen zum Datenschutz und unterschrieben eine Einwilligungserklärung für die Durchführung von Audioaufnahmen. Beide Dokumente sind im Anhang ersichtlich. Aufgrund des Datenschutzes werden personenbezogene Informationen in dieser Arbeit anonymisiert und relevante Daten soweit verfremdet, dass kein Rückschluss auf die Personen mehr möglich ist. Die durchgeführten Interviews wurden mit einem Audioaufnahmegerät sowie einem Smartphone mit Aufnahmesoftware aufgezeichnet, um die Datensicherung zu gewährleisten. Gleichzeitig wurden wichtige Informationen und Gedanken während des Gesprächs notiert.

Nach der Begrüßung, einem kurzen Kennenlernen und der Klärung der Formalitäten wurde das Interview thematisch eingeleitet und erneut begründet, aus welchem Grund das Interview durchgeführt wird. Diese Einstiegsinformation ermögliche der Interviewperson, in der Situation richtig anzukommen (vgl. Kruse 2014, S. 77). An dieser Stelle wurde darauf hingewiesen, auf unverständliche Fragen aufmerksam zu machen, um Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu vermeiden. Außerdem wurde die Freiwilligkeit des Interviews betont, sodass alle Fragen beantwortet werden können aber nicht müssen. Nach der Einleitungsphase begann das Interview mit einer ersten Aufforderung zur Erzählung. Die einzelnen Themenschwerpunkte wurden jeweils mit offenen Fragen eingeleitet. Weitestgehend wurde hier eine zuhörende Position eingenommen. Wichtige Themen, die der Gesprächspartner nicht von selbst angesprochen hat, wurden jedoch an passender Stelle von der interviewenden Person thematisiert. Die offenen Fragen dienten auch hier als Impuls zu einer freien Erzählung. Am Ende des Gesprächs wurde den Interviewpartnern bewusst die Möglichkeit gegeben darüber nachzudenken, ob sie einen Gegenstand thematisieren möchten, der noch nicht zur Sprache gekommen ist. Dies könne die Interviewperson dazu bringen „noch nicht thematisierte Aspekte vorzubringen oder das für sie Relevanteste nochmals zu resümieren“ (Kruse 2014, S. 269).

7. Datenaufbereitung

Die Datengrundlage bilden leitfadengestützte Interviews zum Thema des Outing-Prozesses homosexueller Männer. Um die Informationen der Interviews vergleichbar zu machen, damit mögliche Erkenntnisse sichtbar werden, müssen die Daten aufbereitet und analysiert werden. Anschließend lassen sich die Daten auswerten. Durch die geringe Anzahl der Interviews und die gezielte Auswahl der Gesprächspartner musste keine Auswahl getroffen werden, welche Daten sich für die Forschung am besten eignen. Alle Interviews wurden nach demselben Muster ausgewertet. Die Analysen der Interviewtranskriptionen bilden die Grundlage für die gesamte Datenauswertung.

Im ersten Schritt wurden die vier Interviews vollständig transkribiert. Eine Transkription ist die Übertragung von gesprochener Sprache in die schriftliche Form (vgl. Mayring 2002, S. 89). Eine Selektion des Inhalts wurde weitestgehend vermieden. Kruse (2014) beschreibt eine vollständige Transkription als systematisch wertvoll, um eine umfassende Auswertungsarbeit zu ermöglichen. Durch eine unreflektierte und mangelhafte Transkription komme es zu einer Datenverfälschung, wodurch eine potenziell erreichbare Analysetiefe von vornherein stark reduziert werde (vgl. ebd., S. 349). Grundsätzlich wurden die Interviews in Anlehnung an Deppermann (2008, 46ff) nach fünf Grundregeln transkribiert (zit. n. Kruse 2014, S. 359–361). Die erste Regel besagt, alles weitestgehend so zu verschriftlichen, wie es zu hören war. Somit wurden dialektische Ausdrücke oder Umgangssprache so wiedergegeben, wie sie gesprochen wurden. Stottern oder Aussagen wie „hm“ oder „äh“ wurden nur dann notiert, wenn sie im Vergleich zum Rest des Gesprächs auffällig waren. Ebenso wurden grammatikalisch falsche Satzkonstruktionen nicht korrigiert. Die zweite Regel empfiehlt die Kleinschreibung der gesamten Transkription. Dadurch lassen sich durch Großschreibung Betonungen der erzählenden Person markieren. Außerdem sollen Pausen markiert werden, die je nach Gesprächssituation für eine andere emotionale Bewegtheit stehen können. Eine weitere Regel empfiehlt die Verschriftlichung von Betonungsauffälligkeiten, sofern diese für eine Klärung mehrdeutiger Interpretationsmöglichkeiten hilfreich und notwendig sind. Die vierte Regel verbietet die unnötige Verstärkung des konstruktiven Charakters von Transkriptionen durch unnötige oder verfälschende Notationen. Da jede Transkription von sich aus schon eine Konstruktion und kein reales Abbild des zu verschriftenden Gespräches ist, solle der Inhalt nicht durch Vorinterpretationen oder falschen Angaben verändert werden. Die letzte Grundregel besagt, den Diskursverlauf oder die Gesprächsorganisation so genau wie nur möglich zu transkribieren. Damit gemeint ist die genaue Wiedergabe von Unterbrechungen oder Gesprächsüberlappungen (vgl. ebd.). Des Weiteren wurden Aussagen der interviewten Person mit „P:“ markiert. Aussagen der interviewenden Person hingegen mit „I:“. Jeder Sprechbeitrag erhält einen eigenen Absatz, der mit einer Zeitmarke markiert wird.

Auslassungen aufgrund zu privater Informationen wurden in Klammern (…) markiert. Pausen während des Gesprächs wurden ab einer Sekunde Länge mit Angabe der Dauer in Klammern notiert, bspw. (2).

Nach der Übertragung der Audioaufnahme auf einen Computer wurden die Interviews anhand der beschriebenen Regeln und Vorgaben transkribiert. Insgesamt kamen Audioaufnahmen mit einer Gesprächszeit von etwa 5 Stunden und Transkriptionen im Umfang von 79 Seiten zustande. Die vollständigen Transkriptionen sind im Anhang zu finden.

Für die Analyse und Interpretation eines leitfadengestützten narrativen Interviews stehen verschiedene Auswertungsverfahren zur Verfügung. In diesem Fall baut die Datenanalyse der Interviews auf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2002) auf. Ziel hierbei ist es, die Aussagen der Interviewteilnehmer in Kontext mit der Forschungsfrage zu setzen. Bei einer qualitativen Inhaltsanalyse werde ein Text systematisch analysiert, indem das Material schrittweise mit theoriegeleitet am Material entwickelten Kategoriensystemen bearbeitet wird (vgl. Mayring 2002, S. 114). Der Text, in diesem Fall die Interviewtranskription, wird hierfür zusammengefasst und kategorisiert, um Vergleichbarkeit zu ermöglichen. Die wichtigen Informationen aus dem Interview sollen extrahiert werden, um sie auszuwerten.

Durch den Einsatz eines Leitfadens wurden bei allen Interviews ähnliche Fragen gestellt, um vergleichbare Antworten zu erhalten. Da die Interviewfragen im Vorfeld in grobe Kategorien eingeteilt wurden, lassen sich die Antworten in den Interviewtranskriptionen dementsprechend den Vergleichskategorien zuordnen. Die erste Vergleichskategorie bildet „Herkunftsort und Umfeld“. Hierbei werden auch die Interessen und Hobbies, die in der Kindheit und Jugend eine Rolle spielten, verglichen. Diese Kategorie dient der Darstellung der äußeren Umstände, die einen Einfluss auf den Verlauf des Coming-out-Prozesses gehabt haben können. Weitere Vergleichspunkte werden in der Kategorie „Sexualität“ analysiert. Diese Kategorie soll einen Überblick über die Aufklärung der Befragten geben sowie die Stellung von Sexualität in den jeweiligen Generationen widerspiegeln. Dies führt zu einem Vergleich der Erzählungen in der Kategorie „Coming-out“, in der die inneren und äußeren Coming-outs der Befragten gegenübergestellt werden. Eine weitere Vergleichskategorie bilden „Gesellschaftliche Reaktionen auf Homosexualität“. In dieser Kategorie werden Erlebnisse im sozialen Umfeld der Befragten geschildert, die mit ihrer Sexualität zusammenhängen.

8. Datenauswertung

Im Folgenden werden die Aussagen der interviewten homosexuellen Männer miteinander verglichen, um Schlüsse auf einen möglichen Wandel des Umgangs mit Homosexualität in der Gesellschaft festzustellen. Wie bereits beschrieben handelt es sich bei dem Coming-out- Prozess um einen komplexen und individuellen Vorgang, der bei jeder Person unterschiedlich abläuft. Dennoch ermöglichen die Erzählungen der Interviewpartner einen Überblick über verschiedene Aspekte.

Folgende Tabelle soll zunächst einen Überblick über die demografischen Daten der Interviewpartner schaffen.

Tabelle 1: demografische Daten der Interviewteilnehmer

Quelle: Interviewtranskriptionen (siehe Anhang)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es handelt sich bei den Interviewteilnehmern um homosexuelle Männer verschiedenen Alters. Die Spanne geht hierbei von 21-60 Jahren. Die möglichen Generationenunterschiede sollen in Hinblick auf die folgenden Auswertungen beachtet werden.

Alle Befragten kommen aus einer eher ländlichen Wohngegend oder einer Kleinstadt und sind, ausgenommen Teilnehmer P2, im Laufe ihres Lebens in eine Großstadt gezogen. Während die Teilnehmer P2, P3 und P4 in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, stammt Teilnehmer P1 aus einer Stadt in Lateinamerika, lebt aber seit 28 Jahren in Deutschland. Trotz der kulturellen Unterschiede in der Kindheit und Jugend lassen sich anhand der folgenden Profile Gemeinsamkeiten feststellen und Informationen über einen möglichen Wandel der Offenheit in der Gesellschaft sammeln.

[...]


1 Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex und weitere sexuelle Orientierungen

Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Outing-Prozesse im Wandel
Untertitel
Ein Vergleich biographischer Erzählungen jugendlicher und älterer homosexueller Männer
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
0,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
128
Katalognummer
V490227
ISBN (eBook)
9783668956520
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Tadellos und respektabel ist die Arbeit sowohl inhaltlich als auch in orthographischer und formal-wissenschaftlicher Hinsicht.
Schlagworte
Outing, Homosexualität, Diversität, Generationenvergleich, Bachelor, Bachelorarbeit, Schwul, Wandel, Diskriminierung, Stigmatisierung
Arbeit zitieren
Christiane Kalla (Autor), 2019, Outing-Prozesse im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490227

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