Die raffinierte Inszenierung von literarischem Antisemitismus in "Jud Süß" von Wilhelm Hauff


Hausarbeit, 2019
22 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Forschungsstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund der Novelle

3. Textbezogene Analyse
3.1 Dualistische Textkonstruktion – reduzierte Konfliktkomplexität
3.2 Narrative Kunstgriffe
3.2.1 Motivschiebung der Geschichte
3.2.2 Die lesermanipulierende Erzählerfigur
3.3 Funktion der Judenfiguren – stereotypisierende Figurengestaltungen als
Fremde
3.3.1 Süß Oppenheimer
3.3.2 Lea Oppenheimer
3.3.3 Die Geschwister Oppenheimer – Judenkollektiv

4. Zur Wirkung der Novelle

5. Zusammenfassung

1. Einleitung: Forschungsstand und Zielsetzung der Arbeit

Mit Wilhelm Hauffs erfolgreichsten Veröffentlichungen würde man zunächst wohl nicht die 1827 erschienene Novelle „Jud Süß“ assoziieren. Während Hauffs Erzählungen „Mittheilungen aus den Memoiren des Satans“, „Der Mann im Mond oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“ sowie „Lichtenstein“ dem Frühverstorbenen 1 beachtliche Aufmerksamkeit verschafften, erwies sich die in seinem letzten Lebensjahr veröffentlichte Novelle nicht als buchhändlerischer Erfolg.2 Hauffs „Jud Süß“ geht ausdrücklich auf die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer (1689/99–1738) zurück, dessen beispielloses Aufstiegsund Verfallsschicksal sich einer konstanten Tradierung und einer weitreichenden Rezeptionsgeschichte erfreut.3 Zudem diente Hauffs Erzählung als Vorlage des 1940 entstandenen gleichnamigen NS-Propagandafilms von Veit Harlan.

Selten wird Hauffs „Jud Süß“ alleine als Untersuchungsobjekt genommen, fast ausschließlich werden daraus Belegsstellen für die Antisemitismusforschung bzw. Filmrezension entnommen. Und die Motivgeschichte um Joseph Süß Oppenheimer hat hierbei den Forschungsdiskurs nahezu monopolisiert.

Während die Motivgeschichte für die Antisemitismusforschung zunächst völlig ausreichend zu sein scheint, ist sie unter Literaturwissenschaftlern verpönt. Sie unterlässt ein Ungenügen, da das ihr zugrundeliegende Literaturverständnis die den Texten eigene Poetik nicht erfasst, also das, was Literatur von anderen Textgattungen unterscheidet, außer Acht lässt.4

Als Erweiterung und Ergänzung der klassischen Antisemitismusforschung hat sich der relativ junge „literarische Antisemitismus“ entwickelt, demnach vor allem literaturwissenschaftliche Aspekte im Einzeltext zu thematisieren sind, die den Antisemitismusverdacht in einem fiktionalen Text mit Recht zu erheben vermögen.5 Hauffs Novelle bietet sich als ein paradigmatisches Beispiel für die Ermittlung des literarischen Antisemitismus an, da der Autor neben programmatischer Anwendung antijüdischer Klischees spezifische rhetorische Mittel und narrative Strategien eingesetzt hat, damit sich die antisemitische Einstellung durchsetzen konnte. Insofern ergeben sich Fragen zu der Raffiniertheit in „Jud Süß“: Zu welchem Zweck hat der Autor den bewussten Zugriff auf die berühmte historische Figur Jud Süß Oppenheimer genommen? Wie rekonstruierte er diese Motivgeschichte? Auf Grundlage dieser Fragestellungen soll in der vorliegenden Arbeit zuerst die Entstehungsgeschichte von Hauffs Novelle recherchiert werden. Dabei versuche ich, einen zeithistorischen Abriss zu liefern und zu beweisen, dass der Autor seinen Erzähltext zu jener Zeit nicht zufällig in Form einer Zeitungslektüre hervorbrachte. Anschließend soll im Rahmen des literarischen Antisemitismus eine sich eng an den Text haltende Analyse durchgeführt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem organisatorischen Grundmuster, der Erzähltechnik und der projektiven Konstruktion von Menschen jüdischen Glaubens. Die Analyse soll insgesamt verdeutlichen, mit welchen Mitteln es dem Autor gelungen ist, die Leserschaft der Vergangheit und der Gegenwart über seine antisemitische Anschauung hinwegzutäuschen.

2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund der Novelle

Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts schwelt der Begriff „Judenemanzipation“ stets im sozialpolitischen Diskurs und stand als Teil der von Revolutionären postulierten Verwirklichung des Gleichheitsund Freiheitsanspruchs der Menschen auf der Tagesordnung.6 Die Deutschen strebten, nach dem französischen Vorbild, die Herausbildung einer bürglichen Nation an, in der alle Einwohner vereinigt werden sollten. Doch einerseits forderte das auf Gleichberechtigung drängende Aufklärungsideal Legitimationsprozesse der Inklusion aller Gesellschaftsmitglieder, andererseits wurde die Aufnahme der Juden in die Nation in vielen Gruppen skeptisch gesehen und traf auf Widerstand. Denn die nationale Zugehörigkeit kommt bei Juden aus religiösen bzw. geschichtlichen Gründen nicht in Frage. „Die versuchte politische Durchsetzung der Inklusion erzeugte als Kehrseite eine verschärfte Exklusion“7, die umgekehrt dazu dienen sollte, die deutsche Nationalität hervorzuheben.

Darstellungen antijüdischer Figuren gelten in diesem Zusammenhang als ein am besten geeignetes Mittel, um ein sich von der deutschen Nation extrem abgegrenztes Kollektiv zu erzeugen, damit sich die Normalitäten der Eigengruppe zu konstruieren vermögen.8

Insbesondere in der Umbruchsphase des Landes wird eine sogenannte ethnische bzw. kuturelle Homogenität propagiert.9 Hauffs Novelle traf genau den Nerv des Zeitalters 10, denn Hauff knüpfte die zeitgenössische Begebenheit geschickt an das 200 Jahre zurückliegende exemplarische Einzelschicksal von Joseph Süß Oppenheimer als Paradebeispiel für deutschjüdische Auseinandersetzung und stellte den Stoff in den Dienst der Vaterlandsliebe. In einem Briefwechsel mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta schrieb er, „ein möglichst lebendiges Bild jener für unser Vaterland so verhängnisvollen Zeit zu geben, ohne jedoch irgendein Interesse gegenwärtig lebender, hoher oder niedriger Personen zu verletzen“11. Die Tangente zum Patriotismus zeigt sich schon zu Beginn in der Strophe, die aus Ludwig Uhlands Prolog zum Trauerspiel „Ernst Herzog von Schwaben“ (1817) stammt.

Ein ernstes Spiel wird euch vorübergehen, Der Vorhang hebt sich, über einer Welt, Die längst hinab ist in der Zeiten Strom, Und Kämpfe, längst schon ausgekämpfte, werden Vor euren Augen stürmisch sich erneun.

L. Uhland (S. 474)

Der Prolog wurde von Uhland, der ein Zeitgenosse von Hauff war 12, anlässlich der Verabschiedung der württembergischen Verfassung 1819 verfasst und „ist Teil der Vaterländischen Gedichte, mit denen Uhland von 1815 bis 1817 vehement und agitatorisch in den württembergischen Verfassungskampf eingriff“ 13. Mit den „Kämpfen“ wird zum einen der zurückliegende Kampf gegen Jud Süß, der schon längst „ausgekämpft“ sei, angedeutet, zum anderen wird damit die aktuelle Verfassungsdebatte über die Judenemanzipation angesprochen, welche die soziale Ordnung der Landschaft herausfordert und erneut zu Streitigkeit zu führen droht. Die Erzählung geht auf den Fall im Jahr 1737 zurück, wodurch räumliche und zeitliche Entfernungen der erzählenden Welt zur zeitgenössischen Leserschaft erzeugt würde. Dennoch gibt der Erzähler zum Schluss an, dass er diesen Jud-Süß- Mythos von seinem Großvater zu hören bekam, womit eine „wahrnehmbare Verknüpfung von Vergangenheit und eigener Gegenwart“14 erfolgt. Auf diese Weise werden an das historische Erzählen Bilder der unmittelbaren Gegenwart gebunden. 15 Hauffs literarische Verarbeitung des historischen Falls ist also als eine Art Antwort auf die Judenfrage seiner Zeit zu verstehen, nämlich dass sich die Gleichstellung der Juden mit den Deutschen aus seiner Sicht nie realisieren kann und darf.

Hauffs „Jud Süß“ wurde 1827 erstmals forsetzungsweise im Cottaschen „Morgenblatt für gebildete Stände“ veröffentlicht, als Hauff als Redakteur für die renommierte Zeitschrift tätig war. Die Cottasche Verlagsbuchhandlung zählte zu den wichtigsten Literaturverlagen der Zeit und pflegte langjährige verlegerische Beziehungen zu führenden Autoren wie Goethe, Schiller, Herder, Hölderlin, Schelling. Der junge Dichter Hauff war sich der großen Tragweite der Publikationen bewusst und wusste genau, mit welchem Lesepublikum seine Schriften kommunizieren.16 Die Zielgruppe bestand vor allem aus gebildeten Bürgern seiner Heimat, wie es der Zeitschriftentitel signalisiert, und war deshalb mit der Leidensgeschichte des Landes so vertraut, dass ihnen der Einstieg in die erzählende Welt umso leichter fiel. Es fühlt sich beim Lesen so an, als ob man die gleiche Katastrophe durchstehen musste wie die Vorfahren, dadurch wird eine konsenserzeugende Wirkung erzielt.

3. Textbezogene Analyse

3.1 Dualistische Textkonstruktion – reduzierte Konfliktkomplexität

Laut Martin Gubser manifestiert sich der antisemitische Gehalt mancher literarischen Texte bereits in deren binärer Grundstruktur. Gubser verwendet in diesem Zusammenhang den religiösen Begriff „Manichäismus“, der sich nicht nur um dualistische Modelle bemüht, sondern vielmehr auf moralische Maßstäbe angelegt ist, wonach das Böse erkennbar gemacht wird, „um das Gute nicht in Frage stellen zu müssen“17.

Ähnlich wie anderen antisemitischen Texten liegt auch Hauffs „Jud Süß“ ein manichäisches Strukturprinzip zugrunde, was bedeutet, dass die Struktur innerhalb des Textes im Vergleich zur historischen Realität entscheidend reduziert wurde. Im Vordergrund der historischen Novelle steht der eklatante Streit zwischen den württembergischen Landständen und dem Herzog Karl Alexander, der das rückständige Herzogtum durch eine moderne absolutistische Herrschaft ersetzen wollte. Schon zum Auftakt der Erzählung steht der „durch einen eifrigen, oft asketischen Protestantismus“18 tief geprägten würt- tembergischen Landschaft die katholische Feierlichkeit und Lustbarkeit gegenüber. Die radikale Modernisierung, deren finanzielle Grundlage der jüdische Hoffaktor schuf, droht, aus der Sicht der konservativen Eliten, das Land zu verderben. Deshalb organisierten die hochrangigen Widerständler von Württemberg einen Staatsstreich gegen den Herzog. Die prekäre Konfliktlage verschwimmt jedoch im Verlauf der Weitererzählung und verwandelt sich offenkundig in einen Kampf gegen die jüdische Komplize, die angeblich für der Verfehlung des Herzogs haften soll. Der legitime Machthaber Herzog Karl Alexander, der faktisch mehrere Probleme verursachte, betritt allerdings als erzählende Instanz niemals das Geschehen. Im Volksmund wird, wie es Hauff inszeniert, der Herzog als Feldherr eher im positiven Sinne charakterisiert, auch wenn er sich nicht besonders für Politik interessiert.

[...]


1 Wilhelm Hauff wurde am 29. November 1802 geboren und starb, noch nicht fünfundzwanzigjährig, am 18. November 1827.

2 Vgl. Jörg Koch: Joseph Süß Oppenheimer, genannt „Jud Süß“. Seine Geschichte in

Literatur, Film und Theater. Darmstadt 2011, S. 79. Im Folgenden zitiert als „Koch 2011“.

3 Vgl. Barbara Gerber: Jud Süß. Aufstieg und Fall im frühen 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur

Historischen Antisemitismusund Rezeptionsforschung Hamburg. 1990, S. 28-32

4 Mona Körte: Das „Bild des Juden in der Literatur“: Berührung und Grenzen von Literaturwissenschaft und Antisemitismusforschung. In: Wolfgang Benz (Hg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung Bd.7. Frankfurt a. M./New York 1998, S. 141.

5 Vgl. Literarischer Antisemitismus. In: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 3. Begriffe, Theorien, Ideologien. Berlin⁄ New York 2010, S. 195f.

6 Vgl. Walter Graber: Zwei Seiten einer Medaille. Demokratische Revolution und Judenemanzipation. Köln 2000, S. 11f.

7 Rainer Erb, Werner Bergman: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Berlin 1989, S. 8.

8 Florian Krobb: Was bedeutet literarischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ein Problemaufriss. In: Literarischer Antisemitismus nach Ausschwitz, hg. von Klaus-Michael Bogdal, Klaus Holz und Matthias N. Lorenz, Stuttgart 2007, S. 89.

9 Andrea Geier: Trauer statt Hass. Emotionalisierungsverfahren und kollektive Identitäten in Wilhelm Hauffs Erzählung „Jud Süß“. In: Transformation literarischer Kommunikation. Kritik, Emotionalisierung und Medien vom 18. Jahrhundert bis heute, hg. v. Moritz Baßler, Werner Frick. Berlin/ Boston 2017, S. 115. Im Folgenden zitiert als „Geier 2017“.

10 Hauffs Novelle erschien „auf dem Höhepunkt“ dieser Auseinandersetzung, die erst durch das am 25. April 1828 erlassene „Judengesetz“ Württembergs gelöst wurde. Manfred Jehle, Joseph Süß Oppenheimer und die literarische Verarbeitung seines Schicksals durch Wilhelm Hauff. In: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 67, 2008, S. 171.

11 Vgl. Wilhelm Hauff: Novellen, Prosastücke, Briefe, hg. v. Hermann Engelhard. Bd. 2. Darmstadt 1962, S. 903f.

12 Ludwig Uhland (1787–1862) ist in Tübingen im Herzogtum Württemberg geboren und aufgewachsen.

13 Geier 2017, S. 121

14 Gabriele von Glasenapp: Literarische Popularisierungsprozesse eines antijüdischen Stereotyps: Wilhelm Hauffs Erzählung „Jud Süss“. In: Alexandra Przyrembel, Jörg Schönert (Hg.): „Jud Süß“. Hofjude, literarische Figur, antisemitisches Zerrbild. Frankfurt a.M. 2006, S. 130.

15 Vgl. Geier 2017, S. 121.

16 Vgl. Wilhelm Hauff: Die Bücher und Die Lesewelt. In: Sämtliche Werke 3. Phantasien im Bremer Ratskeller. Phantasien und Skizzen. Kleine Schriften. Gedichte. München. 1970, S. 57-71

17 Martin Gubser: Literarischer Antisemitismus Unterschung zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Göttingen 1998, S. 86f. Im Folgenden zitiert als „Gubser 1998“.

18 Wilhelm Hauff: Jud Süß. In: Sämtliche Werke 2: Märchen, Novellen. München 1970, S. 474. Zitate markiert im folgenden Text mit unmittelbaren Seitenabgaben.

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Details

Titel
Die raffinierte Inszenierung von literarischem Antisemitismus in "Jud Süß" von Wilhelm Hauff
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.3
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V490246
ISBN (eBook)
9783668978645
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inszenierung, antisemitismus, wilhelm, hauff
Arbeit zitieren
Ning Chen (Autor), 2019, Die raffinierte Inszenierung von literarischem Antisemitismus in "Jud Süß" von Wilhelm Hauff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490246

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