Nostalgie-Empfinden im Roman "Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus" von Svetlana Alexijewitsch


Hausarbeit, 2017
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kollektives Gedachtnis
2.1. Kulturelle Identitat

3. Definition des Begriffs Nostalgie

4. Sovjetische Nostalgie - eine Betrachtung aus gegensatzlichen Perspektiven

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich mich mit dem Begriff der sovjetischen Nostalgie aus gegensatzlichen Perspektiven befassen. Dazu habe ich mir das Werk von Svetlana Aleksievich „BpeMH cemnd X3nd“ ausgesucht. Dieses Buch verschafft eine gute Ubersicht an Erfahrungen und unterschiedlichen Eindrucken und Empfindungen der Menschen, die in der Sovjetunion gelebt haben.

Dieses Thema interessiert mich, da ich es spannend finde, inwieweit die Meinungen der Menschen, die diese Zeit hautnah miterlebt haben, einerseits auseinandergehen und anderseits an bestimmten Beruhrungspunkten zusammentreffen. Zunachst werde ich im Verlauf meiner Hausarbeit einige wichtige Bergriffe definieren, die notwendig sind, um den inhaltlichen Kontext zu verstehen. Dabei werde ich mich mit den Begriffen des kollektiven Gedachtnisses, der kulturellen Identitat und dem Begriff der Nostalgie befassen. Weiterfuhrend werde ich mich im Hauptteil meiner Hausarbeit mit konkreten Erfahrungen der Menschen, deren Geschichten im dem Buch „BpeMR cemnd X3nd“ niedergeschrieben wurden, in Bezug auf ihr Leben in der Sovjetunion beschaftigen. Dabei werde ich mir gegensatzliche Meinungen und Beziehungen zu dieser Periode anschauen und auffuhren. Daruber hinaus befasse ich mich mit der Zuordnung der unterschiedlichen Wahrnehmungen der Menschen, die in der Sovjetunion gelebt haben, im Hinblick auf die gegensatzlichen Tendenzen des Begriffs Nostalgie nach S. Boym.

Durch mein Slavistik Studium und meine eigene russische Herkunft ist diese Thematik oft in meinem Alltag vertreten und wird aufreibend aus unterschiedlichen Gesichtspunkten diskutiert. Die einzige Gemeinsamkeit ist oft nur die personliche Meinung, die jeder zu diesem Thema zu haben scheint. Interessant ist es, die entgegengesetzten Perspektiven wahrzunehmen und mit Bezug auf die auBeren Umstande der jeweiligen Person zu analysieren und zu verstehen. Inwiefern lassen sich diese zum Beispiel der Restorative Nostalgia oder Reflective Nostalgia zuweisen. Es ist bedeutend fur mich, die einzelnen Nuancen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und deutlich zu machen, dass Erinnerungen und die Nostalgie so unterschiedlich wie die Menschen selbst sind. Nichtdestotrotz werde ich die Prioritat in dem Hauptteil dieser Hausarbeit auf die eher suboptimalen Erinnerungen der Menschen hinsichtlich ihres Lebens in der Sovjetunion legen, da ich der Meinung bin, dass die negativen und durchaus wahrhaften Aspekte in dem Euphemismus und Restorative Nostalgia des heutigen Zeitalters immer mehr in den Hintergrund rucken und somit keine objektive, nuchterne Betrachtung der sovjetischen Geschichte fur die Nachwuchs Generation ermoglichen.

2. Kollektives Gedachtnis

GemaB dem franzosischen Philosophen und Soziologen M. Halbwachs, der 1920 den Begriff des kollektiven Gedachtnisses einfuhrte, versteht man unter dem kollektiven Gedachtnis die gemeinsame Errungenschaft einer Menschengruppe, die sich aus den subjektiven Gedachtnisleistungen zusammenfugt. Das kollektive Gedachtnis schafft eine Basis fur grundspezifisches Verhalten zwischen den einzelnen Akteuren einer Gruppe und ermoglicht es jedem einzelnen sich Gemeinsamkeiten vorstellen zu konnen. Bei diesem Vorgang werden sowohl kulturelle als auch soziale Aspekte miteinbezogen. Dabei entsteht eine Relation zwischen der kulturellen Vergangenheit und den aktuellen sozialen und kulturellen Verhaltnissen. Das kollektive Gedachtnis wird in zwei unterschiedliche Arten gegliedert: das kommunikative Gedachtnis und das kulturelle Gedachtnis. Diese lassen sich primar im Hinblick auf die Zeit differenzieren.

Bei dem kommunikativen Gedachtnis handelt es sich um mundlich uberlieferte Geschichten, Weisheiten und Traditionen. Diese Uberlieferungen sind zeitlich begrenzt und umfassen annahrend um die drei Generationen. Da die Eindrucke und das Wissen mundlich uberliefert werden, haben diese noch keine feste Form und sind veranderlich. Das kulturelle Gedachtnis hingegen ist im Hinblick auf ein Maximum der Generationen zeitlich unbegrenzt und kann somit uber tausend Jahre hinweg geltend sein. Es umfasst sowohl schriftliches, mundliches als auch bildlich uberliefertes Material, auf dem aktuelle Traditionen, Brauche und Sitten einer Kultur basieren. Aus diesem kulturellen Gedachtnis bilden die heutigen Generationen sowohl das Geschichts- und Zeitverstandnis als auch einen erheblichen Teil des Selbstbildes und der Weltanschauung.

Zusammenfassend gehort das kollektive Gedachtnis, unabhangig davon um welche Art es sich handelt, der Gemeinschaft an. Somit konnen Erinnerungen des kollektiven Gedachtnisses jederzeit abgerufen werden, da diese auf dem Wissen und den Erfahrungen mehrerer Menschen beruhen. Die Wir - Identitat entsteht dabei durch die Abhangigkeit der einzelnen Individuen einer Gruppe zu einander.

2.1. Kulturelle Identitat

Die kulturelle Identitat beschreibt eine Gruppe von Menschen, die uber eine bestimmte Art des Bewusstseins im Hinblick auf ihre Kultur sowie in dieser symbolisierenden Werte ubliche Verhaltensweisen und Fahigkeiten verfugen. Die Aufgabe der kulturellen Identitat besteht darin, das Gruppenbewusstsein zu festigen, in dem kulturelle Besonderheiten und institutionelle Vorgaben einer Kultur wie z. B. Sprache, Religion, Familie und Traditionen aufrechterhalten, ausgelebt und geachtet werden. Durch diese Vorgange lasst sich eine Einheit bilden, die sich von anderen ihres Gleichen abgrenzen lasst und sich dadurch selbst definiert. Dabei kann kulturelle Identitat nur im Zusammenhang mit sozialen Gruppen existieren, aus denen sie besteht. Hierbei konnten unterschiedliche Arten der Identifikation auftreten. Die Wahrnehmung der kulturellen Identitaten ist vorwiegend andersartig und umfasst gewisse subjektive Vorstellungen. Meist kommt die Identitat erst zum Vorschein, wenn diese Vorstellungen in einen Konflikt geraten. Weiterhin lasst sich zwischen dem geschlossenen und dem offenen Kulturbegriff unterscheiden. Dem geschlossenen KulturbegrifF werden die Merkmale der Sprache und der Bildung fest zugeschrieben. Der offene Kulturbegriff hingegen beschreibt, dass Kulturen nur in einer lebendigen Interaktion mit anderen Kulturen aufrechterhalten und entfaltet werden konnen. Durch die Globalisierung und die Migration verschwimmen die Linien bei der Definition der kulturellen Identitat zunehmend. Dabei stellt sich die Frage, ob sich in Zukunft kulturelle Identitaten noch eindeutig voneinander abgrenzen lassen.

Hinsichtlich der Thematik der sovjetischen Nostalgie aus gegensatzlichen Perspektiven stellt sich die Frage, inwiefem Menschen einer Kultur sich dieser auch zugehorig fuhlen und sich mit dieser identifizieren konnen.

3. Definition des Begriffs Nostalgie

Der Begriff Nostalgie kennzeichnet eine sehnsuchtsvolle Verbundenheit zu den alten Zeiten, den alten Gegenstanden und der alten Lebensweise. Dabei kann sich Nostalgie sowohl auf das eigene Leben als auch auf nicht selbst erlebte Fragmente des Lebens beziehen. Bei dem zweiten Aspekt handelt es sich um kollektive Nostalgie. Das Wort Nostalgie leitet sich aus dem griechischen Wortern nostos (Ruckkehr) und algos (Schmerz) ab. Man konnte diese Ableitung mit dem Begriff Heimweh umschreiben. Die Nostalgie ist ein Verhaltnis aus traurigen und positiven Erinnerungen, dabei versetzen absurder Weise die positiven Erinnerungen den Menschen in eine traurige Stimmung. Jeder Mensch empfindet Nostalgie eigenartig und nimmt die dabei entstandenen Emotionen unterschiedlich wahr. Oft ist Nostalgie parallel mit einem schlechten gegenwertigen Gemutszustand und Einsamkeit verbunden. Dabei versucht die menschliche Psyche die aktuellen negativen Ereignisse durch Erinnerungen an die scheinbar besseren Zeiten zu sublimieren. Meistens sind die Erinnerungen dabei verfremdet und werden stark ins Positive gelenkt. Auch die eigene Identitat wird durch das Erleben der Nostalgie in den Mittelpunkt geruckt, da die Menschen sich in diesem Augenblick zu den Menschen verbunden fuhlen, der sie einmal waren. Somit ermoglicht die Nostalgie eine Art des Panoramabildes des eigenen Ich und verschafft durchaus eine neue Perspektive bezuglich des Umgangs mit neuen Herausforderungen im gegenwertigen Leben. Grundsatzlich ist die Nostalgie eine intrinsische und umgangliche Kondition der Modeme.

Um den Begriff der Nostalgie zu vertiefen und besser definieren zu konnen mochte ich auf das Buch The future of Nostalgia von Svetlana Boym zuruckgreifen. In diesem Buch fuhrt S. Boym zwei weitere Tendenzen der Nostalgie auf - Restorative und Reflective Nostalgia. "Two kinds of nostalgia are not absolute types, but rather tendencies, ways of giving shape and meaning to longing. Restorative nostalgia puts emphasis on nostos (returning home)and proposes to rebuild the lost home and patch up the memory gaps. Reflective nostalgia dwells in algia (aching), in longing and loss, the imperfect process of remembrance." 1 Bei dem Bergriff Restorative Nostalgia liegt der Schwerpunkt auf nostos, der Heimkehr. Es geht darum, das verlorene Zuhause wiederaufzubauen, die Erinnerungslucken zu schlieBen und auszubessern. Restorative Nostalgiker denken nicht uber sich selber, dass sie nostalgisch sind. Sie nehmen den Prozess der Nostalgie als zunehmend ernst und bedeutend fur die gegenwertige Zeit wahr. Die Rekonstruierung der Denkmale der vergangenen Zeit steht hierbei an erster Stelle. Dabei werden die fruheren Traditionen und Sitten oft durch ein verzerrtes Weltbild wahrgenommen und interpretiert. Die eigentlichen „Regeln“ der vergangenen Tage werden in der Gegenwart durch einen hoheren Grad der symbolischen Formlichkeit gekennzeichnet. Oft wird diese Art der Nostalgiker durch Verschworungstheorien und nationalistische Verhaltensmuster geleitet. Der Prozess der Restorative Nostalgia ist in den meisten Fallen kollektiv und fokussiert sich auf die Restauration der Herkunft, der politischen Ordnung, der Sitten und der Traditionen der Vergangenheit. Gleichzeitig muss das Bestreben der Heimkehr nicht bedeuten, dass es das „eigene“ Zuhause ist. Restorative Nostalgiker konnen durchaus die Werte und Ideale sowie die politische Situation einer anderen Kultur anstreben. Ebenfalls konnen sie dieses Konstrukt anstreben, ohne in dieser Zeit gelebt zu haben.

[...]


l Boym, S. (2001): The future ofNostalgia, New York, Basic Books, S.41

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Nostalgie-Empfinden im Roman "Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus" von Svetlana Alexijewitsch
Hochschule
Universität Hamburg
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V490271
ISBN (eBook)
9783668975217
ISBN (Buch)
9783668975224
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nostalgie-empfinden, roman, secondhand-zeit, leben, trümmern, sozialismus, svetlana, alexijewitsch
Arbeit zitieren
Anna Gronostayskaya (Autor), 2017, Nostalgie-Empfinden im Roman "Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus" von Svetlana Alexijewitsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490271

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