Wissensgesellschaft - ante portas?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Begriffliche Annäherung an das Phänomen „Wissensgesellschaft“
a. Typisierung des Wissens
b. Definitionen der Gesellschaft

3. Definitionen der „Wissensgesellschaft“
a. Definitionen der 60er und 70er Jahre
b. Aktuelle Definitionen

4. Paradigmen der „Wissensgesellschaft“
a. Wissensklüfte
b. Wissensmanagement
c. Nichtwissen in der Wissensgesellschaft

5. Von der Industrie in die Wissensgesellschaft

6. Trends und Segmente der „Wissensgesellschaft“
a. Wirtschaft
b. Politik
c. Kultur
d. Bildung

7. Fazit: „Wissensgesellschaft“ vs. „wissensbasierte Ökonomie“

1. Einleitung

Seit etwa der zweiten Hälfte der 90er Jahre wird in der Politik wieder verstärkt auf die Konzeption der „Wissensgesellschaft“ zurückgegriffen, um den nationalen[1] und neuerdings den multinationalen[2] Auswirkungen der Globalisierung Ausdruck zu verleihen. Dabei handelt es sich, wie auch schon bei den Konzepten der Medien-, Informations-, Risiko-, oder Netzwerkgesellschaft etc. um den Versuch den sozialen Wandel mittels einer Zielgröße klarzustellen.

Das bereits in den 60er und 70er Jahren vorgeschlagene Konzept soll im Gegensatz zum Terminus „Informationsgesellschaft“ die Gegenwartsgesellschaft nicht ausschließlich über ihre technologische Basis definieren, sondern auch sozialen Auswirkungen der Globalisierung gerecht werden.[3] Weniger klar ist allerdings, was tatsächlich unter einer „Wissensgesellschaft“ zu verstehen ist und von welcher Gesellschaft sie sich unterscheiden soll.

Mit guten Gründen kann gefragt werden, ob eine Gesellschaft durch Wissen definiert werden kann, obwohl noch nie eine Gesellschaft ohne Wissen auskam und auskommen wird. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei diesem Begriff um nichts anderes handelt, als um ein wohlklingendes Schlagwort, mit dem allerlei unterschiedliche Faktoren und Entwicklungen zusammengefasst werden.

Ziel der Arbeit ist es Klarheit hinter den Begriff „Wissensgesellschaft“ zu bringen. Zunächst sollen die Kernbegriffe erfasst werden. Anschließend werden die frühen und aktuellen Konzepte der „Wissensgesellschaft“ in ihren wichtigsten Aussagen vorgestellt und miteinander verglichen. Daraufhin wird die Frage von Bedeutung sein, worin sich die „Wissensgesellschaft“ von der industriellen Gesellschaft unterscheidet. Nachdem im Folgenden die Paradigmen des gesellschaftlichen Wandels erwähnt wurden, sollen in Anschluss an Kübler unter der Prämisse „Wissensgesellschaft“ einige Trends verschiedener gesellschaftlicher Segmente aufgegriffen werden. Die Arbeit endet in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Wissensgesellschaft“.

2. Begriffliche Annäherung an das Phänomen „Wissensgesellschaft“

Einleitend muss der Begriff „Wissensgesellschaft“ präzisiert werden, da ohne eine solche Klärung die nahe liegende These von einer zunehmenden Wissensbasierung aller gesellschaftlichen Bereiche eine Leerformel bleiben muss. Um sich der Begrifflichkeit „Wissensgesellschaft“ anzunähern, möchte ich zunächst einen kurzen Blick auf deren Entstehungsgeschichte werfen. In der wissenschaftlichen Literatur existieren keine identischen Angaben zur Entstehung des Begriffs: „Wissensgesellschaft“. Die frühste Angabe des Wortes „Wissensgesellschaft“ („knowledge society“) geht auf den amerikanischen Politikwissenschaftler Robert E. Lane zurück, der den Terminus in einem Aufsatz von 1966 über den Niedergang irrationaler Politik und Ideologie verwendet.[4] Martin Heidenreich hingegen verortet die Entstehung des Begriffs auf die managementtheoretischen Debatten des amerikanischen Soziologen Peter F. Drucker zwischen 1950 und 1960. Sicher nachgewiesen ist der Begriff aber erst in Zusammenhang mit dem Erscheinen dessen Schrift „The Age of Discontinuity“ von 1969.[5] Populär wurde der Terminus durch Daniel Bells Studie über die „postindustrielle Gesellschaft“ (1973/ 1985), in der er eine Gesellschaftsprognose der „Informations- oder Wissensgesellschaft“[6] aufstellt. Seine Schrift wurde zum Anstoß einer soziologischen Debatte, die bis in unsere Tage reicht. Bedeutungsvoll zu dieser Kontroverse sind unter anderem die Arbeiten von Nico Stehr; Peter F. Drucker; Manuel Castells oder Helmut Wilke. Seit einiger Zeit steht das Wortkonstrukt „Wissensgesellschaft“ auch auf der politischen Agenda Europas. Spätestens seit dem Lissabonner Gipfel der EU im Jahre 2000, auf dem der Europäische Rat beschloss, dass Europa: „the most competitive knowledge-based society in the world by 2010“[7] werden solle, wurde der Begriff der „Wissensgesellschaft“ zum festen Bestandteil von Festreden, in Forschungsprogrammen und bildungspolitischen Leitsätzen.[8]

a. Definition und Typisierung des Wissens

Das Wortkonstrukt „Wissensgesellschaft“ ist aus dem Verb „wissen“ und dem Substantiv „Gesellschaft“ zusammengesetzt. Zunächst soll im Zuge dieser Arbeit auf das Wort „Wissen“ eingegangen werden.

Es ist festzustellen, dass es sich beim Begriff „Wissen“ um einen sehr vielschichtigen Ausdruck handelt, der unterschiedlich, wenn nicht sogar kontrovers diskutiert wird. Selbst die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages stellt diesbezüglich fest, dass „[…] häufig mit einem sehr unbestimmten Wissensbegriff gearbeitet wird.“[9] Dennoch trägt ihre Definition wenig dazu bei das Wort „Wissen“ im Kontext des sozialen Wandels zu erhellen.[10]

Ebenso verzichten selbst soziologische Theoretiker der „Wissensgesellschaft“ oft darauf, den Wissensbegriff klarzulegen. Vielmehr beziehen sie sich auf funktionale Zusammenhänge (also das was Wissen bewirken soll) oder stellen normative Ansprüche an das, was Wissen leisten soll. Dabei wird ignoriert, dass es bereits eine recht umfassende sozialphilosophische Tradition der analytischen Auseinandersetzung mit Wissen gibt. Kübler legt nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit dieser Tradition eine sehr brauchbare Typisierung des Wissens vor. Er unterscheidet zwischen Erkenntniswissen; professionellen fachlichen Wissen; kulturellen Wissen; Alltagswissen und natürlich intuitiven Wissen.[11]

Erkenntniswissen: beinhaltet die „[…] kognitiven Fähigkeiten zur Deutung der (auch symbolischen) Umwelt und findet seinen Ausdruck in Entdeckungsdrang, Erfindungsgeist und Experimentierfreude. […] Vorzugsweise geschieht dies im Kontext der Wissenschaften.“

Professionelles, fachliches Wissen: „[…] sind theoretische bzw. auf Modellkonstruktionen und spezielle Traditionen rekurrierende Fähigkeiten und Techniken, wie sie jede Profession bereithält.“

Kulturelles Wissen: ist ein meist in Symbolen codiertes Wissen über die eigene Kultur. Es umfasst aber auch „[…] aktionale Komponenten, die Menschen in ihrer Lebensgestaltung ausüben: Verhaltensweisen, Habitualisierungen, körperliche Tätigkeiten etc.“

Alltagswissen: ist „[…] impliziertes Wissen von Relevanz, Bedeutung und Geeignetheit bestimmter Handlungsweisen, das sich im Akteur durch soziale Einübung und Erfahrung im fortlaufenden Handlungsprozess eingelebt hat.“

Natürlich intuitives Wissen: „[…] umfasst die physischen und psychischen Komponenten der Natur des Menschen, ist noch unbewusster bzw. intuitiver vorhanden und dürfte […] bei Irregularitäten und Krisen bewusst werden.“[12]

Hinsichtlich dieser fundierten Typologie des Wissens bleibt unklar, welches Wissen die sog. „Wissensgesellschaft“ auszeichnen soll. Zu vermuten ist, dass hinsichtlich der Gesellschaftssysteme, die den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben sollen, Erkenntniswissen und fachliches, professionelles Wissen im Kontext der wirtschaftlichen Verwertbarkeit die zentrale Rolle spielen sollen.

b. Definition der Gesellschaft

Obwohl der Begriff „Wissensgesellschaft“ in der wissenschaftlichen Literatur seit einiger Zeit eifrig diskutiert wird, fehlt fast ausnahmslos eine schlüssige Gesellschaftsdefinition, auf die der (oder die) Wissensbegriff(e) angewendet wird (oder werden). Ebenso wie mit dem Terminus „Wissen“ verbinden sich auch mit dem Wort „Gesellschaft“ unterschiedlichste disziplinäre und interdisziplinäre Vorstellungen und Ansichten, deshalb sollen im Folgenden nur zwei soziologische Definitionsansätze vorgesellt werden. Da der Gesellschaftsbegriff als theoretisches Konstrukt immer an eine Theorie gebunden ist, besteht aus soziologischer Sicht zunächst nur eine Übereinkunft darüber, dass, „[…] Gesellschaft das jeweils umfassendste System menschlichen Zusammenlebens […]“[13] bezeichnet. Als soziologischer Grundbegriff bezeichnet Gesellschaft: „[…] die umfassende Ganzheit eines dauerhaft geordneten, strukturierten Zusammenlebens von Menschen innerhalb eines bestimmten räumlichen Bereiches.“[14]

Daniel Bell und in der neueren Literatur Helmut Wilke sowie Martin Heidenreich entlehnen den Gesellschaftsbegriff aus der Systemtheorie. Mit Ausnahme Bells verzichten beide aber auf eine Gesellschaftsdefinition und verweisen indes nur auf die Systemtheorie. Für Bell ist Gesellschaft: „[…] ein System, dessen Dynamik auf die Wechselwirkungen zwischen seinen verschiedenen Untersystemen sowie zwischen diesen und der äußeren Umwelt zurückgeht.“[15] Als Subsysteme verweist Bell bspw. auf Bildungswesen, Berufssektor, Politik, Religion, Sozialisierung etc..[16] Dennoch verzichtet Bell darauf die Kausalbeziehungen der Subsysteme zu klären, vielmehr ordnet er diesen das sog. "axiale Prinzip“ zu. Das „axiale Prinzip“ bilde Bells Auffassung zu Folge die Achse, um die sich eine Gesellschaft dreht.[17] Bell macht damit willkürlich Wissen zur entscheidenden Zielgröße des sozialen Wandels. Obwohl die Begriffe „Wissen“ und „Gesellschaft“ zur Legitimation der „Wissensgesellschaft“ im Kontext der Systemtheorie Verwendung finden, bietet die Systemtheorie meiner Meinung nach wenig Ansatzpunkte um den Terminus „Wissensgesellschaft“ hinreichend öffentlich wirksam plausibel zu machen. Die Verwendung als politisches Schlagwort fordert deshalb eine nachvollziehbarere, auf den Alltag der Menschen bezogene Definition der Gesellschaft. Im Gegensatz zu der abstrakten systemtheoretischen Gesellschaftskonzeption wird unter dem Einfluss der soziologischen Tradition der Phänomenologie (A. Schütz) und des Symbolischen Interaktionismus (G.H. Mead) die Gesellschaft als „ein Teil der alltäglichen Lebenswelt verstanden.“[18]

[...]


[1] Vgl. Kübler, Hans Dieter: Mythos Wissensgesellschaft – Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen – Eine Einführung, Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 2005; S.7

[2] Vgl. Enquete- Kommission der Bundesregierung: Wissensgesellschaft; HYPERLINK "http://www.bundestag.de/gremien/welt/glob_end/5.html"

[3] Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002);

http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 2

[4] Vgl. Stehr, Nico: Arbeit, Eigentum, Wissen – Zur Theorie von Wissensgesellschaften; Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1994, S. 14f, 26f

[5] Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002);

http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 4

[6] Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft; Frankfurt a.M.: Campus, 1975, S.374

[7] zitiert nach Wilke, Jürgen; Breßler Eva; Europa auf dem Weg in die Informationsgesellschaft? In: Rössler, Patrik; Krotz, Friedrich (Hrsg.); Mythen der Mediengesellschaft- The Media Society and ist Myths, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2005, S. 6

[8] Vgl. Heidenreich, Martin: Merkmale der Wissensgesellschaft (2002);

http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf; S. 2

[9] Enquete- Kommission der Bundesregierung: Wissensgesellschaft; HYPERLINK "http://www.bundestag.de/gremien/welt/glob_end/5.html"

[10] Im Unterschied zur reinen Information setzt der Erwerb von Wissen individuelle Erfahrung und reflexive Aneignung voraus. Vereinfacht gesagt ist Wissen verarbeitete Information oder mit anderen Worten: Wissen ist die Veredlung von Informationen.

[11] Vgl. Kübler, Hans Dieter: Mythos Wissensgesellschaft – Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen – Eine Einführung, Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 2005; S. 128f.

[12] Kübler, Hans Dieter: Mythos Wissensgesellschaft – Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen – Eine Einführung, Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 2005; S. 128- 142

[13] Reingold, Gerd u.a. (Hrsg.) Soziologielexikon; Odenburg: Wissenschaftsverlag GmbH, 1975, S.27

[14]

[15] Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft; Frankfurt a.M.: Campus, 1975, S.27

[16] Vgl. Ebd.

[17] Ebd.

[18] Gesellschaft sei aus dem konstitutiven Handeln sinnorientierter Menschen und intersubjektiv miteinander verbundenen Menschen hervorgegangen. Die realitätsgerechte Analyse des gesellschaftlichen Zusammenlebens erfordere eine verstärkte Berücksichtigung alltäglicher, selbstverständliche erscheinender Interaktionszusammenhänge, Sinnzusammenhänge, Symbolsysteme sowie des Alltagsbewusstseins und- wissens, das jeweils unterschiedliche Gesellschaftsbilder beinhalte.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wissensgesellschaft - ante portas?
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Gesellschaftsmodelle der Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V49054
ISBN (eBook)
9783638455978
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissensgesellschaft, Gesellschaftsmodelle, Moderne
Arbeit zitieren
Enrico Kloth (Autor), 2005, Wissensgesellschaft - ante portas?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49054

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