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Liliput in der Lokalpresse. Methoden der Fiktionalisierung kleinwüchsiger Menschen

Titel: Liliput in der Lokalpresse. Methoden der Fiktionalisierung kleinwüchsiger Menschen

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2018 , 23 Seiten , Note: 1,7

Autor:in: Florian Arleth (Autor:in)

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Im Herbst 1970 brachte der Geschäftsmann Erich Schneider seinen Liliputaner-Zirkus in einen maroden Märchenpark am Rande der rheinland-pfälzischen Gemeinde Haßloch. Aus den anfangs 20 Bewohnern und ihren Wohnwägen entwickelte sich das Liliputanerdorf. Aus dem alten Märchenland wurde der Holiday Park, einer von Deutschlands größten Vergnügungsparks. Bis Mitte der Neunziger wurde an diesem Ort das Zerrbild Liliput vermarktet, kleinwüchsige Menschen aus aller Welt wurden einem Millionenpublikum unter dem Etikett „Liliputaner“ präsentiert. Dabei übten sie in verschiedenen täglichen Shows nicht nur ihre Rolle als Artisten, Dompteure und Schauspieler aus, sondern waren während der Öffnungszeiten für jeden Parkbesucher mittels transparenter Seitenwände in ihren Wohnwägen bei der Ausübung alltäglicher Dinge wie sogar dem Essen und dem Schlafen zu bestaunen.
Die vorliegende Arbeit will aufzeigen, wie die jahrzehntelange Fiktionalisierung der kleinwüchsigen Schausteller im Holiday Park in Haßloch aktiv zu deren Entmenschlichung beigetragen hat, wodurch eine Kuriositätenschau wie das Liliputanerdorf überhaupt erst bis Mitte der 90er-Jahre existieren konnte. Um diese These zu vertreten, ist zunächst eine eingehende Betrachtung des stoffgeschichtlichen Ursprungs von „Liliput“ im 1726 erschienenen Roman Gulliver's Travels von Jonathan Swift notwendig. Mit übersetzungskritischem Fokus werden die wesentlichen Charakteristika der Liliputaner herausgearbeitet. Zudem wird die intermediale Darstellung dieser anhand der ersten Filmadaption des Stoffes analysiert. Dadurch wird ein Übertrag auf die real-geschichtliche Institution im Holiday Park möglich, um Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zwischen dem Konzept der Liliputanergesellschaft in Jonathan Swifts Werk und dem Freizeitpark im 20. Jahrhundert aufzuzeigen.
Im zweiten Teil der Hausarbeit erfolgt eine Analyse der Berichterstattung über die Liliputaner im Holiday Park. Das zugrundeliegende und eigens erstellte Korpus enthält journalistische Texte lokaler, regionaler und überregionaler Printmedien aus dem Zeitraum 1970 bis 1994, die den Liliputanerzirkus von Erich Schneider, das Liliputanerdorf im Pfälzer Märchenpark und seine Bewohner thematisieren. In dieser sprachlichen und thematologischen Analyse werden die Mechanismen der fortgehenden Fiktionalisierung herausgearbeitet.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fiktional-geschichtlicher Hintergrund

2.1 Gullivers Reisen

2.2 Darstellung der Liliputaner

2.2.1 Erscheinungsbild

2.2.2 Gesellschaftlicher Charakter

2.3 Umgang mit dem Fremden

2.4 Intermediale Verarbeitung im 20. Jahrhundert

3 Real-geschichtlicher Hintergrund

3.1 Ursprünge des Circus der Liliputaner

3.2 Ankunft in Haßloch in der Pfalz

3.3 Etablierung der Liliputaner-Stadt

3.4 Die Liliputaner als eigenes Volk

4 Fazit

4.1 Das Erbe von Gulliver

4.2 Methoden der Fiktionalisierung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie die langjährige Fiktionalisierung kleinwüchsiger Schausteller im "Liliputanerdorf" des Holiday Parks in Haßloch zu deren Entmenschlichung beigetragen hat. Dabei wird analysiert, inwiefern literarische Zerrbilder aus Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" sowie deren mediale Verarbeitung im 20. Jahrhundert als Grundlage für die Wahrnehmung und Vermarktung dieser Menschen in der Lokalpresse dienten.

  • Stoffgeschichtliche Analyse von "Gullivers Reisen"
  • Intermediale Darstellung kleinwüchsiger Menschen in Filmadaptionen
  • Analyse der Berichterstattung lokaler Printmedien von 1970 bis 1994
  • Untersuchung von Fiktionalisierung und Entmenschlichung im Holiday Park

Auszug aus dem Buch

2.2.1 Erscheinungsbild

Die Bewohner der Insel Liliput sind „Geschöpfchen von etwa sechs Zoll Höhe“, was etwas mehr als fünfzehn Zentimetern entspricht. Die einzig detaillierte Schilderung eines Liliputaners findet sich in der Szene, in der Gulliver nach seiner Ankunft in der Hauptstadt von Liliput zum ersten Mal auf den Kaiser trifft. Diese Beschreibung liest sich in der Übersetzung wie folgt:

Der Kaiser ist um die Breite eines ganzen Fingernagels größer als seine Hofleute und mag überhaupt über seinem ganzen Volke so hoch hervorragen, wie weiland König Saul über die ihm untertänigen Juden. Die se auffallende Größe schon ist ganz geeignet, um sein Volk gegen ihn mit Ehrfurcht zu erfüllen, eine Ehr furcht, die auch durch die Männlichkeit seiner Gesichtszüge und durch die Majestät seiner Haltung und Bewegung wach erhalten wird. Jeder Zoll an ihm war ein Kaiser!1

Der Leser erfährt hier wenig darüber, wie der Kaiser der Liliputaner, und damit ein Bewohner der Insel Liliput, tatsächlich ist. Dafür erfährt er umso mehr darüber, wie der Kaiser auf Gulliver oder den Übersetzer wirkt. Nichts findet sich in diesem Textauszug zu Hautfarbe, Gesichtsform und Kör perwuchs. Stattdessen gibt es einen Vergleich mit einem lediglich in der Bibel belegten König Isra els, vage Verweise auf eine Eignung zum Verströmen von Ehrfurcht, auf männliche Gesichtszüge sowie auf eine majestätische Körperhaltung und einen ebensolchen Gang.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Geschichte des Liliputanerdorfs im Holiday Park Haßloch ein und definiert das Forschungsziel der Untersuchung von Fiktionalisierung und Entmenschlichung.

2 Fiktional-geschichtlicher Hintergrund: Dieses Kapitel analysiert Swifts Roman sowie die intermediale Verarbeitung des Stoffes und zeigt die Genese des "Liliputaner"-Zerrbildes auf.

3 Real-geschichtlicher Hintergrund: Das Kapitel untersucht die Etablierung des Liliputaner-Circus in Haßloch und analysiert die Berichterstattung der Lokalpresse über die Schausteller.

4 Fazit: Das Fazit fasst die Parallelen zwischen der literarischen Fiktion und der realen Vermarktung zusammen und erläutert die identifizierten Methoden der Fiktionalisierung.

Schlüsselwörter

Liliputaner, Fiktionalisierung, Entmenschlichung, Holiday Park, Haßloch, Gullivers Reisen, Presseanalyse, Stereotype, Zerrbilder, Schausteller, Kleinwüchsige, Identität, Intermedialität, Fremdwahrnehmung, Ausgrenzung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entmenschlichung kleinwüchsiger Schausteller durch deren Inszenierung als "Liliputaner" im Holiday Park Haßloch zwischen 1970 und 1994.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Felder sind Imagologie (das Bild vom Anderen), Thematologie, die literarische Vorlage von Jonathan Swift und die journalistische Aufarbeitung in der Lokalpresse.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, die Mechanismen der Fiktionalisierung aufzudecken, die dazu führten, dass Menschen als lebende Kuriositäten vermarktet wurden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine kulturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die literarische Ursprungstexte, Filmanalysen und eine korpusbasierte Untersuchung journalistischer Printmedien kombiniert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die literaturwissenschaftliche Analyse des Swifts-Romans, die Untersuchung der Filmadaptionen und die detaillierte Auswertung der Zeitungsberichterstattung über den Haßlocher Zirkus.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Fiktionalisierung, Entmenschlichung, Liliputaner, Stereotypisierung und Fremdwahrnehmung geprägt.

Welche Rolle spielte die Lokalpresse bei der Fiktionalisierung?

Die Lokalpresse festigte durch die Verwendung von Verniedlichungsformen und das Aufgreifen des "Liliputaner"-Etiketts aktiv das Bild der Schausteller als Objekt der Belustigung.

Warum wurde die Distanzierung von sogenannten "Zwergen" vorgenommen?

Die Distanzierung diente dazu, die eigene Gruppe der Schausteller aufzuwerten und sich von diskreditierten, als "missgebildet" wahrgenommenen Menschen abzugrenzen, um die Vermarktung im Freizeitpark zu rechtfertigen.

Welchen Einfluss hatte der US-Trickfilm von 1939 auf die Wahrnehmung?

Der Film prägte nachhaltig das Zerrbild des "Zwergenclowns", welches als Synonym für kleinwüchsige Menschen in den deutschen Sprachgebrauch überging.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Liliput in der Lokalpresse. Methoden der Fiktionalisierung kleinwüchsiger Menschen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie (IDF))
Veranstaltung
HS Einführung in die Imagologie und Thematologie
Note
1,7
Autor
Florian Arleth (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V490590
ISBN (eBook)
9783668975545
ISBN (Buch)
9783668975552
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haßloch Holiday Park Jonathan Swift Gullivers Reisen Liliput Kleinwüchsige
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Florian Arleth (Autor:in), 2018, Liliput in der Lokalpresse. Methoden der Fiktionalisierung kleinwüchsiger Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490590
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Leseprobe aus  23  Seiten
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