Ehescheidung im Alter

Erklärungsansätze, Auswirkungen und Chancen


Hausarbeit, 2017
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erklärungsansätze für Ehescheidungen im Alter

3. Auswirkungen auf Betroffene

4. Chancen und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Zwar sind die Zahlen insgesamt rückläufig, jedoch finden sich unter den Geschiedenen immer mehr Menschen im höheren Lebensalter. In den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Ehen, die nach über 26 Jahren geschieden wurden mehr als verdoppelt, von 11 530 im Jahr 1990 auf 24 760 im Jahr 2015 (Statistisches Bundesamt, 2017). Auch in anderen Ländern wie den USA, Großbritannien und Japan steigt die Zahl an Scheidungen bei Personen über 65 Jahren kontinuierlich an (Kingston, 2007). Es ist davon auszugehen, dass Scheidungen im höheren Lebensalter in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen werden. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen für die Gesellschaft. Im Rahmen dieser Hausarbeit werden Ursachen, Auswirkungen und mögliche Chancen von Ehescheidungen im Alter diskutiert.1

2. Erklärungsansätze für Ehescheidungen im Alter

Scheidungsprozesse sind vor allem bei Erwachsenen im jungen und mittleren Alter gut untersucht worden. Bei Scheidungsprozessen im höheren Alter besteht hingegen noch erheblicher Forschungsbedarf (Amato, 2010). Es ist bisher unzureichend belegt, warum ältere Personen heutzutage eher die Scheidung einreichen als dies zu früheren Zeiten der Fall war (Brown & Lin, 2012). In der Forschungsliteratur werden vielfältige Ursachen für Ehescheidungen im Alter diskutiert. Als Hauptgrund nennen Betroffene die zunehmende Entfremdung vom ehemals nahestehenden Partner. Dysfunktionale Kommunikation und sexuelle Unzufriedenheit sind weitere belastende Faktoren, die zu einer Scheidung führen können (Lind, 2001). Ältere Männer geben meist das Fehlen gemeinsamer Interessen und Aktivitäten als Grund für die Scheidung an. Ältere Frauen sehen die emotionale Distanz zwischen den Partnern als Hauptfaktor für den Scheidungsentschluss (Weingarten, 1988). In vielen Fällen ist schon lange vor der Scheidung eine geringe Beziehungsqualität in der Ehe vorhanden (Tesch-Römer, 2010). Newsom, Mahan, Rook & Krause (2008) fanden Belege dafür, dass Kritik, unerwünschte Ratschläge und ausbleibende Hilfe vom Ehepartner zu negativen Emotionen und zu einer schlechteren psychischen Gesundheit führen kann. Es ist denkbar, dass ältere Paare im Laufe ihrer Ehe eine negative Streitkultur mit reziproken Verhaltensweisen entwickelt haben: Äußert einer der Partner Vorwürfe dem anderen gegenüber, reagiert dieser ebenfalls mit Vorwürfen. In der Folge kann es zu andauernden, zermürbenden Konflikten kommen, welche eine Ehescheidung wahrscheinlicher werden lassen (Allemand, Lang, Martin & Pinquart, 2012). Aber auch positive Beziehungserlebnisse können zur Ehescheidung führen. Gemeinsame Erlebnisse können die subjektiv erlebte Handlungskompetenz mindern und negative Emotionen hervorrufen. Dies kann den Entschluss fördern sich vom Partner zu trennen, um die verloren geglaubte Handlungskompetenz wieder zu erlangen (Allemand et. al, 2012).

Bislang existiert keine spezifische Theorie zur Erklärung von Ehescheidungen im Alter. Theorien der Altersforschung können allerdings hilfreich dabei sein Erklärungen für Ehescheidungen im hohen Lebensalter zu finden. Eine kontrovers diskutierte Theorie ist dabei die Disengagement-Theorie (Cumming & Henry, 1961). Cumming & Henry gehen in ihrer Theorie davon aus, dass Altern ein natürlicher Vorgang ist. Soziale Verluste gehören analog zu biologischen Verlusten zur natürlichen Entwicklung im Alter. Personen ziehen sich in hohem Alter zunehmend aus sozialen Rollen, Verpflichtungen und Beziehungen zurück. Der Prozess des Disengagements verstärkt sich zusehends in allen Teilbereichen der persönlichen Lebenswelt und geschieht einvernehmlich mit der Gesellschaft (Tesch-Römer, 2010). Sozialer Rückzug ist nach diesem Ansatz ein von beiden Seiten erwünschter Vorgang. Er geht laut den Autoren mit höherer Lebenszufriedenheit beim Alternden einher (Steidl & Nigg, 2008). In der Disengagement-Theorie wird zwischen dem bereits erwähnten gesellschaftlichen Disengagement und einer weiteren Form, dem persönlichen Disengagement unterschieden. Die Scheidung vom Partner kann als persönliches Disengagement betrachtet werden, welches zu einer gesteigerten Lebenszufriedenheit führen soll. Es ist allerdings empirisch belegt, dass eine Ehescheidung meist mit negativen psychischen Konsequenzen und einer geringeren Lebenszufriedenheit verbunden ist (Amato, 2000). Dies spricht gegen eine Erklärung durch die Disengagement-Theorie. Auch lässt die Disengagement-Theorie die Persönlichkeitsstruktur und die individuellen Bewältigungsstrategien außer Acht (Steidl & Nigg, 2008). Die Aktivitätstheorie geht im Gegensatz davon aus, dass Menschen auch im höheren Alter neue soziale Erlebnisse suchen, die sie zufrieden stellen können. Nach diesem Ansatz möchten Menschen auch im Ruhestand Einfluss auf ihre Umwelt nehmen. Ältere Menschen möchten noch etwas leisten und das Gefühl haben, von der Gesellschaft gebraucht zu werden (Steidl & Nigg, 2008). Weil der alternde Mensch die langjährige Ehe als emotional unbefriedigend erlebt, sucht er gemäß der Aktivitätstheorie neue sozial befriedigendere Beziehungen und lässt sich scheiden. Für die Aktivitätstheorie spricht, dass ältere Erwachsene tendenziell aufmerksamer gegenüber positiven Erlebnissen sind und negative Informationen eher ausblenden (Myers, 2014). In einer Studie von Kolland (1996) wiesen 61% der befragten Älteren Verhaltensmuster der Aktivitätstheorie auf (Wolf, 2017). Doch auch die Aktivitätstheorie greift weder Persönlichkeitsstrukturen noch den jeweiligen Lebenskontext der Person auf. Havighurst relativierte die beiden Positionen der Disengagement- und Aktivitätstheorie zu seiner Compensatory- Engagement-Theorie (Wolf, 2017). Demnach können sowohl Disengagement- als auch Aktivitätstheorie je nach spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen, der sozialen Rolle und der Lebenssituation zutreffen oder nicht (Steidl & Nigg, 2008). Entscheidend ist letzten Endes jedoch die subjektive und objektive Lebenslage, in der die Person sich befindet (Schulz-Nieswandt, 2006). Der Prozess der Scheidung im Alter kann nach Schulz-Nieswandt als eine komplexe Interaktion zwischen Person und Umwelt charakterisiert werden. Eine zentrale Rolle nehmen hierbei soziale und emotionale Ressourcen sowie zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten für den Alternden ein. Diese Ressourcen und Umweltbedingungen beeinflussen auch, ob eine Scheidung vollzogen wird und wie gut die Person die Situation bewältigen kann.

3. Auswirkungen auf Betroffene

Die Ehe ist die möglicherweise intimste Form von emotionaler Unterstützung im Erwachsenenalter (Anderson & McCulloch, 1993). Eine lange Beziehung zwischen zwei Menschen kann als besondere soziale Beziehung aufgefasst werden. Sie fungiert als enge und intime Stütze und schützt vor Stagnation und Einsamkeit (Burkhart, 2009). Entsprechend gravierend sind die Einschnitte für die Betroffenen, wenn diese emotionale Unterstützung fehlt. Geschiedene Menschen sind vulnerabler für gesundheitliche Probleme, leiden häufiger an depressiven Symptomen und haben eine höhere Mortalität als verheiratete Menschen (ASPE, 2007). Sie berichten von geringerem psychischen Wohlbefinden, geringerer Lebenszufriedenheit, höherem Distress und unvorteilhafteren Selbstkonzepten (Amato, 2000). Ältere Menschen ziehen ihr Selbstwertgefühl stärker als jüngere Menschen aus vergangenen Erlebnissen. Sie neigen nach einer Scheidung zu vermehrter Selbstkritik und Schuldgefühlen (Berk & Schönpflug, 2011). Ältere Personen mit langer Beziehungsdauer haben einen Großteil ihres Lebens in die Beziehung investiert. Nach der Scheidung fällt es den Betroffenen schwer eine eigene, unabhängige Identität abseits des Partners aufzubauen. Ältere Frauen leiden in stärkerem Maße an den Folgen, weil sie mit größerer Wahrscheinlichkeit den Rest ihres Lebens alleine leben werden (Berk & Schönpflug, 2011). Mit der Scheidung geht in der Regel für beide Seiten eine Verschlechterung der finanziellen Situation einher. Insbesondere Frauen haben ein erhöhtes Risiko für Altersarmut, weil sie häufig nicht in erforderlichem Maße erwerbstätig waren. Auch der Zugang zum Arbeitsmarkt fällt älteren Frauen tendenziell schwerer (Waite & Gallagher, 2000). Die Scheidung von Personen im höheren Lebensalter hat zusätzlich negative Auswirkungen auf die Familienangehörigen (Brown & Lin, 2012). Mit der Scheidung ist zwar die Ehe beendet, jedoch besteht häufig eine Familie weiter fort. So können sich die Beziehungen zu den Kindern und anderen Verwandten durch die Scheidung verschlechtern. Dies kann zu einer weiteren Belastungsquelle für den Alternden führen.

4. Chancen und Ausblick

Scheidung ist keine abrupte Zäsur, sondern ein langer Prozess mit durchaus positivem Veränderungspotential. Scheidung kann auch als natürliche Entwicklungsintervention betrachtet werden (Brandstädter, 2007). Sie bietet die Chance einen neuen Lebensabschnitt selbstständig zu gestalten. Bedeutsam für viele Geschiedene sind die neugewonnene persönliche Freiheit und Raum für Selbstverwirklichung und sinnstiftende Projekte. Als weitere Entlastung wird der Wegfall von unbefriedigenden sozialen Interaktionen mit dem ehemaligen Partner genannt (Montenegro, 2004). Verbesserte Bewältigungskompetenz und ein Zugewinn an Lebenserfahrung und Weisheit sind oft berichtete positive Folgen. Bei Frauen konnten nach einer Scheidung höhere Werte in den Big-Five-Dimensionen Offenheit für Erfahrung und Extraversion beobachtet werden (Brandstädter, 2007). Zahlreiche Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Anzahl an sozialen Beziehungen mit steigendem Alter abnimmt, was von vielen Älteren auch aktiv so gestaltet wird (Lang, 2001). Es ist demnach grundsätzlich förderlich die Betroffenen schnell wieder sozial zu integrieren. Diese Integration ist ein essentieller Baustein erfolgreichen Alterns und geht mit der Steigerung der Lebenszufriedenheit einher (Tesch-Römer, 2010). Freunde, Familie und Angehörige sollten dem Geschiedenen vermitteln, dass Sie auch ohne den Partner ein wertvoller Mensch sind und die auf die positiven Seiten der Trennung hinweisen. Deshalb sollten vorhandene Beziehungen gestärkt und der Aufbau neuer Beziehungen beispielsweise durch Freizeitgruppen unterstützt werden. Eine weitere Chance bietet der Beginn einer neuen Liebesbeziehung. Ältere Menschen haben bei einer Wiederheirat meist eine stabilere Beziehung. Die Scheidungsrate ist bei einer erneuten Heirat sehr viel geringer. Auch neigen sie dazu neue Beziehungen sorgfältiger zu gestalten, sind reifer und geduldiger. Diese Vorteile lassen sich auch für nichteheliche Lebensgemeinschaften belegen (Berk & Schönpflug, 2011). Auch eine partielle Rückkehr in das Berufsleben kann für ältere Menschen nützlich sein. Sie können überdurchschnittliche Leistungen zeigen, wenn sie nach dem Prinzip der Kompensation durch selektive Optimierung trainiert werden (Baltes & Baltes, 1990). Das kann in der Folge zu einem Gefühl des Gebrauchtwerdens und zu erlebter Anerkennung der eigenen Berufsexpertise führen.

[...]


1 Zugunsten der besseren Lesbarkeit wird im Text auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Personenbegriffe (beispielweise: „der/die Alternde“) verzichtet und stets nur die männliche Form angeführt. Gemeint sind durchgehend alle Geschlechter.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Ehescheidung im Alter
Untertitel
Erklärungsansätze, Auswirkungen und Chancen
Hochschule
UMIT Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik  (Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V490851
ISBN (eBook)
9783668970076
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheidung, Ehescheidung, Altersforschung, hohes Alter
Arbeit zitieren
M.Sc. Marco Müller (Autor), 2017, Ehescheidung im Alter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490851

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