Der Einfluss des Privatsphäreempfindens auf unser Entscheidungsverhalten


Seminararbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,3
Marko Kunze (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation und Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Informationelle Privatsphäre
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Vorteile und Risiken der Einschränkung von informationeller Privatsphäre

3 Zusammenhang zwischen informationeller Privatsphäre und dem zugehörigen Entscheidungsverhalten
3.1 Modelle zur Erklärung des Entscheidungsverhaltens
3.2 Einflüsse auf Privatsphärebedenken
3.3 Direkte Einflüsse auf das Entscheidungsverhalten
3.4 Der Privatsphäre-Calculus und das Privatsphäre-Paradoxon

4 Schluss
4.1 Fazit
4.2 Kritische Betrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Motivation und Problemstellung

In unserer modernen Gesellschaft gehört die massenhafte Datensammlung und -auswertung zum Alltag. Die Science weist in einem Leitartikel unter der Überschrift „The End of Privacy“ (Enserink & Chin 2015, S. 491) pointiert darauf hin, dass fast unser ganzes Leben auf irgendeine Art und Weise festgehalten wird: Die Datenspur fängt mit der Geburt an, wo dem Menschen ein Name gegeben wird, Gewicht und Größe aufgenommen und vermutlich ein paar Fotos geschossen werden. Später kommen dann eine Ausweisnummer, ein Bankkonto und ein Smartphone hinzu, das ständig den Aufenthaltsort seines Besitzers erfasst. Nebenbei vermessen Facebook und Google noch die Wünsche, Sorgen und Beziehungen der Personen und der gläserne Mensch ist Realität. In unserem Alltag lesen wir regelmäßig negative Schlagzeilen über diese massenhafte Datensammlung, wie bspw. im Economist Artikel „Dicing with Data“ (o.A. 2010a, S. 16), in dem der Umgang der zuvor benannten Unternehmen mit persönlichen Daten kritisiert wird. Selbige Zeitung betonte aber nur drei Monate zuvor, dass dem gegenüber durch die neuen Möglichkeiten auch große Vorteile für den Verbraucher stehen (o.A. 2010b, S. 1).

Ziel dieser Arbeit ist es, die Determinanten zu analysieren, die in diesem Spannungsfeld zwischen ungekannten Möglichkeiten und unserer Privatsphäre einen Einfluss auf die Entscheidungen über den Umgang mit persönlichen Informationen haben.

1.2 Aufbau der Arbeit

Um das formulierte Ziel zu erreichen, wird nach der Einleitung in Abschnitt 2 der Begriff der Privatsphäre im Verlauf der Zeit betrachtet und der Untersuchungsgegenstand präzisiert. Außerdem wird auf die Vorteile und Risiken eingegangen, die die Einschränkungen der Privatsphäre mit sich bringen. Abschnitt 3 beginnt mit einer Einführung in Modelle, die das Entscheidungsverhalten erklären und analysiert ihre Bestandteile. Der Abschnitt schließt mit einer Besprechung zweier Phänomene, die in diesem Zusammenhang zu beobachten sind, dem Privatsphäre-Calculus und dem Privatsphäre-Paradoxon. In Abschnitt 4 wird ein Fazit gezogen, das Untersuchte kritisch reflektiert und ein Ausblick gegeben.

2 Informationelle Privatsphäre

2.1 Begriffsbestimmung

Das Konzept der Privatsphäre ist laut Solove (2006, S. 477) so vielschichtig und abstrakt, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Ebenso wenig lässt es sich eindeutig einem bestimmten Forschungsgebiet zuordnen. So haben sich damit im Verlauf der Zeit Forscher und Praktiker unterschiedlichster Forschungsrichtungen wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt, wobei viele von ihnen aus den Bereichen Recht, Ökonomie, Psychologie und Informationstechnik kamen. (Bélanger & Crossler 2011, S. 1018)

Eine der ersten und einflussreichsten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Privatsphäre stammt aus dem Jahre 1890 von Warren & Brandeis. (Glancy 1979, S. 1; Vincent 2016, S. 2) Diese definieren Privatsphäre als „the right to be let alone“, also das Recht darauf in Ruhe gelassen zu werden. (Warren & Brandeis 1890, S. 193) Um die Problemstellung von Entscheidungen im Kontext der Privatsphäre zu behandeln, ist diese Definition allerdings zu allgemein. Smith et al. (2011, S. 990) grenzen in diesem Zusammenhang die physische von der informationellen Privatsphäre ab. Während erste den physischen Zugang zu einer Person bzw. ihrer Umgebung bezeichnet, meint die informationelle Privatsphäre insb. den Zugang zu eindeutig zuordenbaren Informationen zu einer Person. Die Idee, dass Privatsphäre nicht nur physische, sondern auch andere Aspekte umfasst ist allerdings ungleich älter. Schon Zeitgenossen von Warren und Brandeis sahen in Privatsphäre auch das Recht, selbst mit darüber entscheiden zu dürfen, in welchem Ausmaß eigene Angelegenheiten Gegenstand der öffentlichen Überwachung und Diskussion sind. (Godkin 1880, S. 736) Charles Fried (1968, S. 482) sowie Stone et al. (1983, S. 464-465) deuten Privatsphäre als den Besitz der Kontrolle über die Informationen über sich selbst. Im Übergang von Industrie- zu moderner Informationsgesellschaft hat sich entgegen der ursprünglichen Rezeption als Recht eine zunehmende Sicht der informationellen Privatsphäre als Zahlungsmittel eines Individuums herausgebildet. (Davies 1998, S. 160-161) So „bezahlen“ Individuen mit ihren persönlichen Informationen für gewisse Vorteile, die ihnen die Preisgabe dieser Informationen bietet (siehe ausführlich hierzu Abschnitt 3.4). Solove (2011, S. 47-48) führt außerdem an, dass Privatsphäre nicht nur auf individueller, sondern auch auf überindividueller, also gesellschaftlicher oder organisatorischer Ebene zu sehen ist. Auf diese Unterscheidung wird allerdings in dieser Arbeit aufgrund des beschränkten Umfangs verzichtet. Ist im Folgenden von Privatsphäre die Rede, so ist hiermit die informationelle Privatsphäre auf Individualebene in ihrer zahlungsmittelähnlichen Eigenschaft gemeint.

2.2 Vorteile und Risiken der Einschränkung von informationeller Privatsphäre

Die Einschränkung der informationellen Privatsphäre durch die Preisgabe von persönlichen Informationen kann für den Konsumenten verschiedene Vorteile bringen, birgt allerdings auch ernstzunehmende, damit einhergehende Risiken.

Smith et al. (2011, S. 997) sehen Vorteile der Aufgabe der informationellen Privatsphäre für den Verbraucher insb. auf drei Ebenen: Personalisierung, soziale Angepasstheit sowie finanzielle Anreize. Chellappa & Sin (2005, S. 196) konnten bspw. nachweisen, dass Kunden personalisierte Waren und Dienstleistungen unpersonalisierten gegenüber deutlich höher wertschätzten. Auch Min & Kim (2014, S. 849-850) konnten in einer Studie zum Nutzungsverhalten von sozialen Netzwerken zeigen, dass die Möglichkeiten zur Selbstpräsentation und zur Pflege von Beziehungen ihren Probanden einen großen Nutzen boten. Sie stellten allerdings auch fest, dass die wissenschaftliche Literatur sich stärker mit den Risiken und einhergehenden Bedenken, als mit den potentiellen Vorteilen auseinandergesetzt hat, die die Offenlegung von persönlichen Informationen mit sich bringen kann. (ebd., S. 842)

Risiken, die mit der Preisgabe von Daten einhergehen sehen Smith et al. (2011, S. 1001) insb. im Kontrollverlust über die Daten, den auch ein Großteil der Internetnutzer so wahrnimmt (Pew Research Center 2016, o.S.). Es kann bspw. nicht garantiert werden, dass durch Weitergabe oder Diebstahl auch unautorisierten Personen oder Institutionen Zugang zu den Daten ermöglicht wird oder die Daten zu anderen, als den ursprünglich vorgesehenen, Zwecken verwendet werden. (Rindfleisch 1997, S. 96) Weitere große Sorgen von Konsumenten sind unerbetene Werbung (Spam) und Online-Betrug. (Janda & Fair 2004, S. 13) Außerdem kann ein offener Umgang mit persönlichen Daten unfaire Behandlung, Diskriminierung und finanzielle Schlechterstellung bestimmter Kunden mit sich bringen und im Extremfall sogar zu Cybermobbing, -stalking oder Identitätsdiebstahl führen. (Markus 2015, S.1) Eine genauere Betrachtung des Zusammenhangs von Vorteilen und Risiken der Preisgabe persönlicher Daten findet in Abschnitt 3.4 statt.

3 Zusammenhang zwischen informationeller Privatsphäre und dem zugehörigen Entscheidungsverhalten

3.1 Modelle zur Erklärung des Entscheidungsverhaltens

Wie in Abschnitt 2.1 gezeigt wurde, handelt es sich bei informationeller Privatsphäre um ein äußerst vielschichtiges und komplexes Konstrukt. Diese Tatsache stellt die betreffende Forschung vor das Problem, dass eine direkte Messung der informationellen Privatsphäre eines Individuums nicht ohne Weiteres möglich ist. Sowohl Bélanger & Crossler (2011, S. 1020), Li (2011, S. 459-460) und Smith et al. (2011, S. 997) stellen in diesem Zusammenhang fest, dass in wissenschaftlichen Studien i.d.R. statt einer direkten Messung der Privatsphäre eines Individuums eine Messung seiner diesbezüglichen Bedenken an diese Stelle rückt. Sie konstatieren, dass diese Bedenken das zentrale, die Handlungen direkt oder indirekt beeinflussende Konstrukt sind, allerdings auch ihrerseits von einer Reihe von Faktoren beeinflusst werden. Aus dieser Überlegung heraus entwickeln Smith et al (ebd.) ein Modell, das die Beziehungen der verschiedenen identifizierten Konstrukte zueinander reflektiert, das Antecedents–Privacy Concerns–Outcomes model (APCO-Modell). In diesem Modell beeinflussen die Antecedents (fortan Ursachen), die Privacy Concerns (fortan Privatsphärebedenken). Diese wiederum haben einen Einfluss auf die Outcomes (fortan Resultate), die die Regulation (fortan Gesetzgebung), den Trust des Individuums gegenüber Institutionen (fortan Vertrauen) und die Behavioral Reactions (fortan beobachtbares Verhalten) umfassen. Das Ziel des Modells ist es insb., Aussagen über das beobachtbare Verhalten zu treffen. Li (2011, S. 465-467) entwickelt ein ähnliches Modell, das das gleiche Ziel verfolgt. Auch bei ihm gliedert sich das Modell in verschiedene Ursachen, die die Privatsphärebedenken beeinflussen, die ihrerseits die Resultate und damit das beobachtbare Verhalten beeinflussen. Bélanger & Crossler (2011, S. 1020) entwickeln zwar kein geschlossenes Modell aus ihren Überlegungen, sie sehen den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Konstrukten aber wie die anderen genannten Autoren.

Smith et al. (2011, S. 1008) gestehen ein, dass ihr Modell noch nicht als ganzheitlich anzusehen und in seiner aktuellen Form noch unvollkommen ist. Sie sind der Auffassung, dass es auf dem aktuellen Stand der Forschung noch nicht möglich ist, ein Modell zu entwickeln, das alle Kontexte und Forschungsströme miteinander vereint. Sie sehen dies aber als finales Ziel an.[1]

Die folgenden Kapitel werden sich insb. auf den direkten Zusammenhang der Privatsphärebedenken mit dem beobachtbaren Verhalten (siehe Abschnitt 3.2 und 3.3) sowie die indirekte Rolle, die der Privatsphäre-Calculus dabei spielt (siehe Abschnitt 3.4), konzentrieren. Die Rolle, die das Vertrauen gegenüber Institutionen spielt, die in der wissenschaftlichen Literatur sehr kontrovers gesehen wird (ebd., S. 1000) sowie die Gesetzgebung werden aufgrund des beschränkten Umfangs der Arbeit außen vor gelassen.

3.2 Einflüsse auf Privatsphärebedenken

Wie im vorangegangenen Abschnitt erläutert, gehen die genannten Modelle davon aus, dass die Privatsphärebedenken von verschiedenen Ursachen beeinflusst werden. Aufgrund des beschränkten Umfangs der Arbeit wird an dieser Stelle nur exemplarisch auf einige dieser Ursachen eingegangen werden können.

So konnten Bansal et al. (2010, S. 144) bspw. nachweisen, dass drei der „Big Five“ der Persönlichkeitsdimensionen nach Goldberg[2] einen Einfluss auf die Privatsphärebedenken haben: Ein hoher Intellekt sowie eine hohe Verträglichkeit führten zu geringeren Bedenken, während eine hohe emotionale Labilität das Gegenteil bewirkte. Dass demographische Unterschiede ebenfalls einen Einfluss auf die Privatsphärebedenken von Individuen haben, konnten bspw. Sheehan (1999, S. 33-35) und Janda & Fair (2004, S. 16) zeigen. Erster belegte, dass Frauen generell größere Privatsphärebedenken haben als Männer, während Janda & Fair nachwiesen, dass mit steigendem Alter auch die Besorgnis um die Offenlegung persönlicher Informationen und einem potentiellen Missbrauch dieser stieg. Dass darüber hinaus kulturelle Hintergründe einen Einfluss auf die Privatsphärebedenken von Menschen haben können, dokumentierten Dinev et al. (2006, S. 73) Sie belegten, dass US-Amerikaner systematisch größere Privatsphärebedenken besaßen als Italiener. Smith et al. (1996, S. 186) stellten außerdem fest, dass Personen höhere Privatsphärebedenken hatten, wenn sie schon einmal Opfer eines Missbrauchs ihrer persönlichen Daten gewesen waren und Erfahrungen somit auch eine Komponente darstellen.

3.3 Direkte Einflüsse auf das Entscheidungsverhalten

In den in Abschnitt 3.1 erläuterten Modellen stellen Privatsphärebedenken des jeweiligen Individuums das zentrale, seine Handlungen direkt beeinflussende Kriterium dar. Aufgrund des beschränkten Umfangs dieser Arbeit können auch hier im Folgenden nur exemplarisch einige grundlegende Studien vorgestellt werden, die einen Überblick über die direkte Beziehung der Privatsphärebedenken zu dem beobachtbaren Verhalten geben. Im Anschluss wird auf Arbeiten eingegangen, deren Inhalte sich durch die Modelle bisher nicht erklären lassen und hierdurch einen Hinweis auf bestehende Forschungslücken gegeben.

[...]


[1] Zwei der drei Autoren des APCO-Modells haben eine erweiterte Variante vorgeschlagen. (Dinev et al. 2015, S. 642-651) Aufgrund der deutlich größeren Popularität der ursprünglichen Fassung im wissenschaftlichen Diskurs wird in dieser Arbeit allerdings diese zugrunde gelegt. (Google Scholar 2016a; Google Scholar 2016b)

[2] Ausführlich hierzu Goldberg (1992, S. 36-37).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Privatsphäreempfindens auf unser Entscheidungsverhalten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V490854
ISBN (eBook)
9783668956803
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
einfluss, privatsphäreempfindens, entscheidungsverhalten
Arbeit zitieren
Marko Kunze (Autor), 2017, Der Einfluss des Privatsphäreempfindens auf unser Entscheidungsverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490854

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