Über die existenzielle Bedeutung von Rudolf Bultmanns Johanneskommentar für die Johannesforschung im 20. Jahrhundert


Essay, 2019
15 Seiten

Leseprobe

Über die existenzielle Bedeutung von Rudolf Bultmanns Johanneskommentar für die Johannesforschung im 20. Jahrhundert

Herrn Prof. Dr. theol. Rudolf Bultmann (†) in hochschätzender Achtung und Würdigung seiner theologischen Arbeit und Verdienste sowie meinem Freund, Herrn cand. med. Denis Gescher, für seine stets liebevolle Unterstützung meines theologischen Werdegangs gewidmet.

Verbum Domini manet in aeternum. (Jes 40,8; 1. Petr 1,25)

Münster, an Pfingsten 2019 cand. theol. Jan Mark Budde

1. Hinführung zum Thema

Im Rahmen der Vorbereitung eines Referats über Rudolf Bultmanns Johanneskommentar (1941) und seiner Theologie des Neuen Testaments (1953) für eine Sitzung des interdisziplinären Hauptseminars zu den Auslegungstraditionen des Johannesevangeliums im Sommersemester 2018 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, gehalten von Frau Prof. Dr. Hoegen-Rohls und Herrn Dr. Bahl, ist in mir der Wunsch erwachsen, mich noch detaillierter in der Form eines Essays mit Rudolf Bultmanns Verständnis der johanneischen Theologie auseinanderzusetzen und der Frage nachzuspüren, welchen Einfluss sein Johanneskommentar auf die Johannesforschung im 20. Jahrhundert hatte und welche bleibende Relevanz ihm in der gegenwärtigen neutestamentlichen Wissenschaft beigemessen wird.

2. Struktur und Zielsetzung des Essays

Im ersten Teil dieses Essays soll eingehend ein Überblick über die Johannesforschung im 19. Jahrhundert gegeben werden, um auf diese Weise eine Hinführung zum Hauptgegenstand, Bultmanns Johanneskommentar, vom historischen Standpunkt aus zu leisten. Ein kurzer biographischer Abriss des Lebens Rudolf Bultmanns und seiner wichtigsten Lebensstationen ist dabei ebenso unerlässlich, da sie in Korrelation zur Entwicklung seiner Theologie stehen und für ihr Verständnis unabdingbar sind. Um dann im zweiten Teil des Essays endlich auf den Johanneskommentar zu sprechen zu kommen, müssen zuvor jedoch erst noch die methodischen Topoi der Bultmannschen Theologie, namentlich die Konzepte der Entmythologisierung und der existenzialen Interpretation, geklärt werden, um die methodischen Grundlegungen dieses Werkes nachvollziehen zu können.

Zum Schluss möchte ich mich noch um ein kurzes Resümee bemühen, in dem ich den Fragen nach der Rezeption des Bultmannschen Johanneskommentars in der Johannesforschung des 20. Jahrhunderts und nach dessen heutiger Relevanz in der gegenwärtigen neutestamentlichen Wissenschaft nachgehen möchte.

3. Historische Hinführung: Die Johannesforschung im 19. Jahrhundert

Die historisch-kritische Erforschung des Johannesevangeliums erlebte im 19. Jahrhundert eine wahre Blütezeit: So kann es als ein Meilenstein in der neutestamentlichen Wissenschaft angesehen werden, dass die Tübinger Schule mit ihrem führenden Kopf, dem Neutestamentler Ferdinand Christian Baur (1792-1860), erstmals Methoden aus der Geschichtswissenschaft in die neutestamentliche Exegese einführte und damit die historisch-kritische Methode begründete, die bis heute für die Erforschung des Johannesevangeliums maßgebend ist. Gegenüber seinem Schüler David Friedrich Strauß (1808-1874) machte Baur ganz klar deutlich, dass man viel stärker als bisher von einer historischen Kontinuität zwischen der vorösterlichen Jesusverkündigung in den Evangelien und der nachösterlichen Theologie der Apostel ausgehen müsse und revolutionierte mit dieser Auffassung das Bild vom historischen Jesus. Dieser war für ihn der Gründer des Urchristentums, der sich seines messianischen Anspruches bewusst war und nicht erst nach seinem Tod zum Sohn Gottes vergöttlicht wurde. In der Eigenverkündigung Jesu sei das Kerygma der Jerusalemer Urgemeinde bereits inbegriffen. In Analogie zur idealistischen Dialektik Hegels beschrieb er die Entwicklung des Urchristentums: Das Judenchristentum der Urgemeinde lasse sich als „These“ einer Gesetzeskirche auffassen, von der man das Heidenchristentum des Paulus von Tarsus als „Antithese“ einer Geistkirche strikt unterscheiden müsse. Baur war der Auffassung, dass die frühkatholische Theologie im Johannesevangelium und späteren Gemeindebriefe aus diesem Konflikt als Produkt hervorgegangen ist.1

Mit der Veröffentlichung von Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet im Jahr 1835 schaffte Baurs Schüler David Friedrich Strauß einen weiteren Meilenstein in der Johannesforschung: Die sein Werk durchziehende Grundthese ist dabei, dass die Urchristen in den Evangelien mythische Vorstellungen des Alten Testaments, wie z. B. die Messiasidee, auf Jesus übertragen hätten.

Er war der Auffassung, dass das Johannesevangelium von theologischen Interessen ausgehend gestaltet wurde und – im Gegensatz zu den synoptischen Evangelien – kaum zuverlässige Daten über Leben und Werk Jesu enthalte.2

Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der evangelisch-lutherische Theologe William Wrede (1859-1906) seinen bahnbrechenden kritischen Aufsatz Über Aufgaben und Methoden der sogenannten neutestamentlichen Theologie, den er 1897 publizierte. In diesem rechnete er schonungslos mit Baur, Strauß und Albrecht Ritschl ab.

Sein Vorwurf war gewaltig: Seiner Meinung nach hätten sie allesamt im Neuen Testament nur ihre eigenen zeitphilosophischen Erkenntnisse als scheinbare Lehrbegriffe von Jesus, Paulus, Johannes u. a. gefunden und nicht konsequent genug aus historischer Perspektive nach den religiösen Beweggründen gefragt, die zur Entstehung der neutestamentlichen Schriften geführt haben. Das Neue Testament kann nicht als Abfolge theologischer Systeme verstanden werden, sondern muss als Teil der spätantiken Religionsgeschichte beleuchtet werden.3

Mit dieser Auffassung begründete Wrede die Religionsgeschichtliche Schule innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft, die später großen Einfluss auf die Johannesforschung des 20. Jahrhunderts haben sollte. Namhafte Neutestamentler des 20. Jahrhunderts wie Karl Ludwig Schmidt, Martin Dibelius, Eduard Meyer oder Rudolf Bultmann wurden in ihrer Arbeit von deren hermeneutischen Prämissen maßgeblich beeinflusst und auch bedeutende Theologen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Günther Bornkamm James M. Robinson, Ernst Käsemann oder auch Willi Marxsen sahen in dieser das Fundament ihrer historisch-kritischen Erforschung der neutestamentlichen Schriften.

4. Kurzer biographischer Abriss von Leben und Werk Rudolf Bultmanns

Rudolf Karl Bultmann wurde am 20. August 1888 in Wiefelstede als Sohn des evangelischen Pfarrers Arthur Kennedy Bultmann und dessen Ehefrau Helene Bultmann geboren. Während sein Vater von der liberalen Theologie geprägt war, hatte seine Mutter hingegen eine pietistische Grundhaltung in religiösen Fragen. Seine Schulbildung erhielt er von 1895-1903 am humanistischen Gymnasium in Oldenburg und war während dieser Zeit auch Mitglied der Schülerverbindung Camera obscura Oldenburgensis. Nach dem Ablegen des Abiturs studierte er zunächst in Tübingen Evangelische Theologie und Philosophie, wechselte aber schon nach drei Semestern 1904 nach Berlin, wo u. a. Adolf von Harnack und Hermann Gunkel lehrten. Doch schon im Sommer 1905 zog es Bultmann nach Marburg, wo er sich zunehmend mit dem Neuen Testament beschäftigte. In Marburg beeinflussten ihn v. a. Adolf Jülicher, Johannes Weiß und Wilhelm Herrmann.

Nach Ablegen seines ersten theologischen Examens im Jahr 1907 promovierte sich Bultmann 1910 in Marburg mit einer Arbeit über den Stil der paulinischen Predigt.4 Zwei Jahre später erfolgte dann ebenfalls in Marburg die Habilitation mit einer Untersuchung über die Exegese des Kirchenvaters Theodor von Mopsuestia.5 Zunächst lehrte er dort als Privatdozent und erhielt 1916 einen Ruf an die Universität Breslau. Ein Jahr später heiratete er Helene Feldmann. 1920 erhielt Bultmann einen Ruf nach Gießen und nahm diesen auch an. Als Nachfolger des Neutestamentlers Wilhelm Heitmüller kehrte er aber bereits 1921 nach Marburg zurück. In Marburg traf er auf den Philosophen Martin Heidegger, da dieser dort von 1923 bis 1928 eine außerordentliche Professur innehatte und setzte sich intensiv mit dessen philosophischem Denken auseinander.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 schloss sich Bultmann bereits nach kurzer Zeit der Bekennenden Kirche und dem von Martin Niemöller gegründeten Pfarrernotbund an. Stets bemühte er sich, in seinen Predigten auf Widersprüche zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und dem christlichen Glauben hinzuweisen. Da er jedoch keinen offenen Widerstand ausübte, blieb er bis zu seiner Emeritierung 1951 im Amt.

In die Phase des Nationalsozialismus auch sein bedeutender Vortrag über Neues Testament und Mythologie, den er 1941 hielt und eine Entmythologisierungsdebatte auslöste, die sich bis nach dem Krieg fortsetzen sollte. 1952 führte diese auf der Flensburger Synode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands sogar zu einer bischöflichen Erklärung, in der man Bultmanns Ansatz der Entmythologisierung des Neuen Testaments deutlich widersprach. Dabei handelte es sich jedoch um keine Verurteilung seiner Lehre und der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Hannovers, Eduard Lohse, teilte ihm nachträglich das Bedauern seiner Landeskirche über diese Erklärung aus. Rudolf Bultmann starb schließlich am 30. Juli 1972 im hochbetagten Alter von 92 Jahren in Marburg und wurde zusammen mit seiner Frau Helene auf dem Marburger Stadtfriedhof begraben.6

5. Entmythologisierung und existenziale Interpretation als methodische Topoi der Bultmannschen Theologie

Eine zentrale Frage im theologischen Denken Bultmanns war für ihn, wie die von ihm begründete existentiale Interpretation der Bibel einer großen Menge an Menschen verständlich und zu einer Basis des christlichen Glaubens werden könne. Er entwickelte zu diesem Zweck sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, das er 1941 in seiner Schrift Neues Testament und Mythologie7 erstmals darlegte. Bultmann vertritt dort die These, dass das Neue Testament aus einem mythologischen Weltbild heraus verfasst wurde, welches aber inzwischen von einem wissenschaftlich geprägten Weltbild abgelöst worden sei. Aufgabe der Theologie sei es, den Kern der christlichen Verkündigung herauszuarbeiten, der vom mythologischen Weltbild unabhängig ist:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß [sic!] sich klar machen, daß [sic!] er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.8

Der erste Schritt seines Entmythologisierungsprogramms besteht dabei in der Entfaltung des christlichen Seinsverständnisses. Bultmann unterscheidet dabei von neutestamentlichen Begriffen ausgehend auf der einen Seite zwischen dem „Sein außerhalb des Glaubens“ und auf der anderen Seite dem „Sein im Glauben“. Zur Sphäre des „Seins außerhalb des Glaubens“ gehört dabei die sicht- und verfügbare materielle Welt, die sich durch ihre Vergänglichkeit auszeichnet. In ihr spielen die Sünde, das Fleisch und die irdischen Sorgen eine große Rolle. Die Sphäre des „Seins im Glauben“ lässt sich hingegen durch ein Leben aus dem Unsichtbaren und Unverfügbaren charakterisieren, spezieller durch die Preisgabe selbsterworbener Sicherheit zugunsten des Glaubens an die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Hieraus folgt letztendlich eine Entweltlichung sowie eine Ab- oder Wegwendung des Menschen von sich selbst, die ihn zu neuer Freiheit führt. Sein Seinsverständnis entwarf Bultmann in starker Anlehnung an die moderne Philosophie. Hier wurde er v. a. von Philosophen wie Wilhelm Dilthey und Martin Heidegger geprägt, die aus der philosophischen Strömung des Existentialismus kamen.

[...]


1 Vgl. Baur, Ferdinand Christian: Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien, ihr Verhältnis zueinander, ihren Charakter und Ursprung, Tübingen 1847, 88-99, 200-207.

2 Vgl. Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, Bd. 2, Tübingen 1836.

3 Vgl. Wrede, William: Ueber Aufgabe und Methode der sogenannten Neutestamentlichen Theologie, Göttingen 1897.

4 Vgl. Bultmann, Rudolf: Der Stil der paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe, Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments 13, Göttingen 1910. (Nachdruck der 1. Auflage mit einem Geleitwort von Hans Hübner, Göttingen 1984).

5 Vgl. Bultmann, Rudolf: Die Exegese des Theodor von Mopsuestia, unveröffentlichte Habilitationsschrift, Marburg 1912. (posthum hrsg. von Helmut Feld und Karl Hermann Schelkle, Stuttgart – Berlin u. a. 1984).

6 Vgl. Hammann, Konrad: Rudolf Bultmann. Eine Biographie, Tübingen 2009 (32012).

7 Bultmann, Rudolf: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung (1941), in: Bartsch, Hans-Werner (Hg.): Kerygma und Mythos, Band 1: Ein theologisches Gespräch, Hamburg 1948 (41960), 15-53.

8 Ebd., 1941, 18.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Über die existenzielle Bedeutung von Rudolf Bultmanns Johanneskommentar für die Johannesforschung im 20. Jahrhundert
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Evangelisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Interdisziplinäres Hauptseminar: Auslegungstraditionen des Johannesevangeliums
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V490901
ISBN (eBook)
9783668975569
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Biblische Theologie, Johannesevangelium, Johannes, Neues Testament, Rudolf Bultmann, Johannesforschung, Evangelische Theologie
Arbeit zitieren
Jan Mark Budde (Autor), 2019, Über die existenzielle Bedeutung von Rudolf Bultmanns Johanneskommentar für die Johannesforschung im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490901

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