Amerikanische Kultureinflüsse wurden in Deutschland seit der Weimarer Republik äußerst kontrovers diskutiert. Nach 1945 nahmen Tendenzen einer kulturellen Amerikanisierung durch amerikanische Soldaten, die Öffnung des westdeutschen Marktes und über das Radio auch in der SBZ und der späteren DDR zu. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Reaktionen der DDR-Führung auf die Verbreitung populärer Musik amerikanischen Vorbilds (Rock’n’Roll, Beat, Rock, im folgenden als Rockmusik bezeichnet) mit Schwerpunkt auf die Fünfziger und Sechziger Jahre untersucht. Dabei sind die parallelen Entwicklungen in der Bundesrepublik einzubeziehen, muss die Geschichte der populären Musik in der DDR doch als „eine Geschichte der Kapitulation vor der Übermacht westlicher Entwicklungen“ (Rauhut 1997) beschrieben werden. Anhand dieser vergleichenden Untersuchung des Umgangs mit Rockmusik werden gezielte Identitätsbildungsprozesse in beiden deutschen Staaten herausgearbeitet. Zunächst trug die Ablehnung, die Eltern, Erzieher und Politiker der Rockmusik (bzw. dem Konsum amerikanischer Kulturimporte durch Jugendliche) in den Fünfziger Jahren entgegenbrachten, in beiden deutschen Staaten ähnliche Züge. Im Westen wurde der Konsum nach amerikanischem Vorbild aber spätestens mit der großen Koalition immer mehr Teil einer bundesrepublikanischen Identität, was die Möglichkeit zu einer Enpolitisierung der Rockmusik brachte (Poiger 2000). Demgegenüber wurde im Osten unbeirrt an kulturpolitischen Grundsätzen festgehalten: Rockmusik galt als klares Zeichen für den Verfall der Sitten unter dem Kapitalismus und fiel unter den Verdacht der „ideologischen Diversion“. Beim entschlossenen Versuch, gesellschaftliche Phänomene unter obrigkeitsstaatliche Kontrolle zu bringen tritt an diesem Untersuchungsgegenstand die wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich hervor: „Ungeachtet aller deklarativen Zielvorgaben (…) siegte mit den Jahren das Krisenmanagement.“ In der Immobilität äußeren Einflüssen gegenüber gefangen, rannte man den Entwicklungen, wie sie der Alltag diktierte hinterher. (Rauhut 1997)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung im Westen
2.1. Die Entwicklung der westdeutschen Jugend nach dem zweiten Weltkrieg
2.1.1. Von der Jugendnot zum Jugendschutz: Jugendpolitik in der Ära Adenauer
2.1.2. Vom Kriegskind zum Konsumkind
2.1.3. Amerikanisierung als Generationserfahrung: Die subkulturellen Jugendlichen der fünfziger Jahre
2.2. Vom ‚rocken’ und ‚rollen’: Die rebellischen „Halbstarken“
2.2.1. Subkulturelle Stilelemente - Rock'n'Roll
2.2.2. Krawalle und Randale
2.3. Reaktionen auf „Halbstarke“ und Rock'n'Roll
2.3.1. Darstellung in den Medien
2.3.2. Stellungnahmen politischer Vertretern
2.3.3. Reaktionen der staatlichen Ordnungsbehörden
2.3.4. Deutung der Reaktionen
2.4. Von den „Halbstarken“ zu den Teenagern
3. Rock'n'Roll und „Halbstarke“ in der DDR bis zum Mauerbau
3.1. Konstitutive Phase der ideologischen Auseinandersetzung
3.1.1. Kulturpolitik dient der Umgestaltung der Gesellschaft
3.1.2. Sozialistische Tanz- und Unterhaltungsmusik
3.1.3. Jugendbild und Jugendpolitik der SED
3.1.4. Die Rolle der FDJ
3.1.5. Das Jugendkommuniqué von 1961
3.2. „Halbstarke“ und „Eckensteher“
3.2.1. Jugendsubkultur und Symbole der Provokation
3.2.2. Vorkommnisse und Meldungen
3.2.3. Die Darstellung von Rock'n'Roll in den DDR-Medien
3.2.4. Westlich orientierte Jugendsubkultur und dreifache ideologische Ablehnung
3.3. Kurze Deutung der fünfziger Jahre
4. Beat, Rock und Teenager in der DDR nach dem Mauerbau – Die Phase der konflikhaften Durchsetzung
4.1. Vom Mauerbau zum Jugendkommuniqué
4.1.1. Die zweite Staatsgründung und Repressionskurs
4.1.2. Jugendpolitischer Reformwille vor dem Hintergrund des NÖSPL
4.1.3. „Der Jugend Vertrauen und Verantwortung“ - Das Jugendkommuniqué von 1963
4.2. Auf Kurs gegen die Gammler
4.2.1. „Tachchen, Tachchen“ - DT 64 und Beatlesmania
4.2.2. Vorlauf zum Kahlschlag
4.2.3. Das 11. Plenum des ZK der SED
4.2.4. Resignation und Wellen der weiteren Politisierung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Reaktionen der DDR-Führung und der Bundesrepublik Deutschland auf die Verbreitung populärer, amerikanisch geprägter Rockmusik sowie deren tatsächliche oder befürchtete Auswirkungen auf Jugendliche in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie beide deutschen Staaten trotz unterschiedlicher Systembedingungen auf diese als systemübergreifend verstandene Modernisierungsaufgabe reagierten und dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch divergierende Strategien im Umgang mit Jugendprotest und Massenkultur aufwiesen.
- Vergleich der Jugendpolitik in Ost- und Westdeutschland in den 1950er und 1960er Jahren
- Die „Amerikanisierung“ von Jugendkulturen und ihre mediale sowie politische Rezeption
- Phänomene der „Halbstarken“ im Westen und der „Eckensteher“ in der DDR
- Staatliche Reglementierung von Musik, Freizeitgestaltung und jugendlichem Lebensstil
- Rolle von Jugendkommuniqués und institutionellen Repressionsmaßnahmen wie dem 11. Plenum
Auszug aus dem Buch
2.3.4. Deutung der Reaktionen
Die Reaktionen auf „Halbstarke“ und ihre „Urwaldmusik“ hatten komplexe, vielfältige Ursachen. Auf Ablehnung stieß zunächst die Musik. Da sie teilweise „schwarze Ursprünge“ hatte, galt sie als „primitive Musik“. Zudem brach sie mit den melodischen, harmonischen Idealen der klassisch romantischen E-Musik. Rock'n'Roll – das machten Schlagzeug, E-Gitarre und die Tanzformen ebenso deutlich wie die wilde Bühnenshow war auch keine Variante der jener Schlager- und Tanzmusik, die als unvermeidliche Trivialität akzeptiert war.
Aber nicht nur die Musik an sich, sondern insbesondere die Formen der Begeisterung, die „erotischen Ausschreitungen“ beim Tanzen oder auch nur Zuhören erregten Anstoß. „Die Körperlichkeit die sich beim Tanzen oder in der Kleidung (enge Hosen, aufgeknöpfte Hemden) manifestierte, erschien als moralisch – kulturelle Bedrohung.“ Die neuen Tänze, bei denen nicht mehr der Mann die Frau führte, sondern die Partner auseinander tanzten und individuell ihre Bewegungen ausführten, stellte die traditionellen Geschlechterverhältnisse in Frage. Die Bewegungen der Rock'n'Roll-Stars und die Kleidung der Jugendlichen weckten Befürchtungen, dass die jungen Männer verweiblicht würden. „Ganz allgemein wich die Lässigkeit der Körpersprache bei den „Halbstarken“ von vorherrschenden Männlichkeitsideal ab, das eher auf diskrete Zurückhaltung im Äußeren und steife, zackige Bewegungen beruhte.“ Und da die Wiederherstellung der traditionellen Familie und die damit verbundenen Rollenverhältnisse eine zentrale Bedeutung in der Wiederaufbaugesellschaft zukam (s.o.), wurden Rock'n'Roll Fans durchaus als politische Bedrohung angesehen.
In den Reaktionen auf Rockmusik und „Halbstarke“ werden darüber hinaus (rassistische) Vorstellungen von angeblichen Unterschieden zwischen Schwarzen und Weißen deutlich. Diese machten sich nicht nur bei der Ablehnung der angeblich „primitiven Musik“ bemerkbar, sondern insbesondere dann, wenn es darum ging Elvis Presley und seine Fans für die Überschreitung der Geschlechternormen zu kritisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der amerikanischen Kultureinflüsse auf die deutsche Jugend nach 1945 ein und erläutert den methodischen Ansatz des Systemvergleichs.
2. Die Entwicklung im Westen: Dieses Kapitel analysiert die Transformation der westdeutschen Jugend von der „Jugendnot“ zur „Teenager-Kultur“ sowie die gesellschaftliche Reaktion auf „Halbstarke“.
3. Rock'n'Roll und „Halbstarke“ in der DDR bis zum Mauerbau: Hier werden die ideologischen Grundlagen und die staatliche Überwachung der Jugend in der DDR während der 1950er Jahre unter dem Aspekt der „sozialistischen Erziehungsdiktatur“ behandelt.
4. Beat, Rock und Teenager in der DDR nach dem Mauerbau – Die Phase der konflikhaften Durchsetzung: Dieser Abschnitt beschreibt die verschärfte Repression sowie die gescheiterten Versuche einer jugendpolitischen Reformierung durch das DDR-Regime.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Jugendkultur ein unvermeidlicher Begleiter von Modernisierungsprozessen war, mit dem beide Systeme unterschiedlich umgingen: Während der Westen Konflikte stärker pluralistisch integrierte, setzte die SED auf rigide Formierung.
Schlüsselwörter
Rock'n'Roll, Halbstarke, DDR, Bundesrepublik, Jugendpolitik, Amerikanisierung, Massenkultur, SED, FDJ, Jugendkriminalität, Beatmusik, Systemvergleich, Erziehungsdiktatur, Mauerbau, 11. Plenum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit der westlich geprägten Jugendkultur (Rock'n'Roll und Beat) in beiden deutschen Staaten während der 1950er und 1960er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Einfluss von Massenkultur und amerikanischen Konsumangeboten, die Entstehung jugendlicher Subkulturen (Halbstarke, Gammler) sowie die unterschiedlichen staatlichen Kontroll- und Erziehungsversuche in der Bundesrepublik und der DDR.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein historischer Vergleich, der aufzeigt, wie beide deutschen Gesellschaften mit den Herausforderungen einer sich verselbstständigenden Jugendkultur und dem Druck der Modernisierung umgingen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt den methodischen Ansatz von Dietrich Mühlberg, der eine vergleichende Parallelgeschichte beider deutscher Staaten unter Berücksichtigung „gemeinsamer Problemlagen“ und systemischer Unterschiede anstrebt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der westdeutschen Entwicklung (von der Jugendnot zum Teenager) sowie die Untersuchung der DDR-Jugendpolitik, unterteilt in die Phasen vor und nach dem Mauerbau bis hin zum 11. Plenum der SED.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rock'n'Roll, Halbstarke, Systemvergleich, Erziehungsdiktatur, FDJ, Amerikanisierung und sozialistische Modernisierung.
Wie unterscheidet sich die Reaktion des Westens von der der DDR auf die Jugendkultur?
Während der Westen nach einer anfänglichen moralischen Panik eine zunehmende Integration und Kommerzialisierung der Jugend als „Teenager“ zuließ, blieb die DDR-Führung durch ihr ideologisches Deutungsmonopol und den Fokus auf politische Erziehung weitgehend unfähig, die jugendlichen Bedürfnisse konstruktiv zu integrieren.
Welche Rolle spielte das Jugendkommuniqué in der DDR-Jugendpolitik?
Das Jugendkommuniqué stellte einen taktischen Versuch der DDR-Führung dar, durch ein moderateres Auftreten und eine vermeintliche Anerkennung jugendlicher Interessen den massiven Abwanderungstendenzen und der Entfremdung der Jugend entgegenzuwirken, ohne jedoch den festen ideologischen Rahmen aufzugeben.
Warum wird das 11. Plenum des ZK der SED oft als „Kahlschlagsplenum“ bezeichnet?
Es markierte eine harte kulturpolitische Zäsur, in der jegliche kritisch-künstlerische Freiheit unterdrückt und insbesondere die Beat- und Rockkultur als „dekadente Unkultur“ und Mittel imperialistischer Diversion diskreditiert wurde.
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- Daniel Daimer (Author), 2005, Der imperialistische Gegner macht Musik - Die Auseinandersetzung mit Rockmusik in der DDR und der Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49127