Obwohl die indisch-israelische Partnerschaft als eine der „wichtigsten geopolitischen Verschiebungen in Asien seit dem Ende des Ost-West-Konflikts“1 eingeschätzt wird, hat sie in der europäischen politikwissenschaftlichen Fachpresse bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhalten. 2 Dieser Umstand ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass über 40 Jahre lang keine diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und Israel existierten. Obwohl der indische Premierminister Jawaharlal Nehru den Staat Israel bereits im Jahr 1950 offiziell anerkannte, verfolgten alle indischen Regierungen bis zu den frühen 90er Jahren eine proarabische, bzw. pro-palästinensische Politik und unterhielten keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Eine Annäherung zwischen beiden Ländern und eine Normalisierung des indisch-israelischen Verhältnisses war erst mit dem Ende des Kalten Krieges und der damit einhergehenden Neuausrichtung der indischen Außen- und Sicherheitspolitik möglich.
Der Indienbesuch Ariel Scharons im September 2003 markierte einen vorläufigen Höhepunkt der bilateralen Beziehungen und brachte diese schließlich auch in Europa in die Schlagzeilen.3 Im Rahmen der Hausarbeit werde ich den Wandel der indisch-israelischen Beziehung analysieren und der Frage nachgehen, inwieweit sich seit der Normalisierung eine strategische Partnerschaft entwickelt hat. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen dabei die Zusammenarbeit bei der Sicherheit und der Verteidigung.
1 Patrick Franke: Indien und Israel. Geopolitische Aspekte einer neuen Allianz. In: Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2003, S. 565-583, hier: S. 565.
2 Eine Ausnahme bildet der Artikel von Citha D. Maaß: Indisch-Israelische Kooperation: Aus der indischen Fachzeitschrift «Strategic Analysis» 1999/2000. SWP-Zeitschriftenschau, Februar 2001, S.1-6.
3 Vgl. den Artikel von Jochen Buchsteiner: Rüstungsgeschäfte im Mittelpunkt. Scharon besucht Indien. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.9.2003.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Historischer Überblick
2.1 „No full diplomatic relations“
2.2 Neuausrichtung der indisch-israelischen Beziehung
3. Bilaterale Beziehungen nach der Normalisierung
3.1 Two natural trading partners – Wirtschaftspolitische Kooperation
3.2 Der Motor der Kooperation: Die Rüstungszusammenarbeit
3.2.1 Komplimentäre Interessen als Grundlage der Rüstungskooperation
3.2.2 Die wichtigsten Rüstungstransfers zwischen Israel und Indien
3.3 Terrorbekämpfung
4. Herausforderungen für die indisch-israelischen Beziehungen
4.1 Indien und der Iran
4.2 Indiens Beziehung zu China und Pakistan
4.3 Die Rolle der USA
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Wandel der indisch-israelischen Beziehungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und untersucht, inwieweit sich seit der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen im Jahr 1992 eine strategische Partnerschaft entwickelt hat. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit und Rüstungskooperation.
- Historische Entwicklung der indischen Israel-Politik
- Wirtschaftspolitische Zusammenarbeit nach der Normalisierung
- Rüstungszusammenarbeit als zentraler Motor der Beziehungen
- Gemeinsame Strategien in der Terrorbekämpfung
- Herausforderungen durch regionale Interessenkonflikte
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Komplimentäre Interessen als Grundlage der Rüstungskooperation
Als Motor der indisch-israelischen Beziehungen kann jedoch mit Fug und Recht die Zusammenarbeit im Sicherheits- und Verteidigungsbereich gesehen werden. „Hierbei verfolgten beide Länder unterschiedliche, aber doch komplementäre Interessen.“ Indien und Israel befinden sich als regionale Mächte, die sich von ihren Nachbarstaaten bedroht fühlen, in einer vergleichbaren Lage. Beide haben mehrere Kriege gegen ihre direkten Nachbarn geführt, Indien gegen China und Pakistan, Israel gegen Ägypten, Jordanien, Syrien und den Libanon. Beide haben Feinde, die über Massenvernichtungswaffen verfügen und sehen sich terroristischen Übergriffen ausgesetzt, die von den Territorien der Nachbarstaaten Nachbarn Pakistan bzw. den palästinensischen Autonomiegebieten ausgehen. „The threat to the two nations is the same: radical offshoots of Islam in the greater Middle East.“ Diese vergleichbaren Bedrohungsperzeptionen bilden die Grundlage für Kooperationen im Bereich der Terrorismusbekämpfung und der Rüstungtechnologien: „The combination of Iran’s hatred and its nuclear potential constitute a clear threat to Israel, in the same way as Pakistan’s nuclear arsenal (…) does to India.“ Daraus resultiert das Interesse an Raketenabwehrsystemen gegen ballistische Raketen. Die Zusammenarbeit von Indien und Israel stößt in bestimmten Feldern aber auch an klare Grenzen. So wollen beide Staaten negative Auswirkungen auf die eigenen Konflikte durch zu starke Einmischungen vermeiden: „Israel might be sympathetic to Indian concerns regarding Pakistan but it is not ready to make new enemies.” Außerdem unterhält Israel Beziehungen zu China, die nicht gefährdet werden sollen. Indien ist an weiterhin guten Beziehungen zu den arabischen Ländern interessiert - aufgrund seines steigenden Energiebedarfs und aus strategischen Erwägungen, auf die später noch eingegangen werden wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Diese Einleitung führt in die indisch-israelische Partnerschaft ein, benennt das Forschungsdesiderat in der europäischen Politikwissenschaft und formuliert das Ziel der Arbeit, den Wandel zur strategischen Partnerschaft zu analysieren.
2. Historischer Überblick: Das Kapitel beleuchtet die jahrzehntelange pro-arabische Außenpolitik Indiens und die Faktoren, die nach dem Ende des Kalten Krieges zu einer politischen Neuausrichtung und Normalisierung führten.
3. Bilaterale Beziehungen nach der Normalisierung: Dieses Kapitel detailliert den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen, die essenzielle Rolle der Rüstungskooperation als „Motor“ der Partnerschaft und die gemeinsame Kooperation im Bereich der Terrorabwehr.
4. Herausforderungen für die indisch-israelischen Beziehungen: Hier werden die komplexen diplomatischen Herausforderungen durch Indiens Iran-Beziehungen sowie die israelischen Kontakte zu China und Pakistan thematisiert.
5. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die Partnerschaft durch komplementäre Sicherheitsinteressen gefestigt wurde und Indien ein bedeutenderer Profiteur der Rüstungskooperation ist, während das Verhältnis eine neue Phase der Reife erreicht hat.
Schlüsselwörter
Indien, Israel, Rüstungskooperation, Sicherheitspolitik, Außenpolitik, Terrorbekämpfung, Normalisierung, Strategische Partnerschaft, Raketenabwehr, Naher Osten, Geopolitik, Realpolitik, Drohnen, Waffenhandel, bilaterale Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und Vertiefung der indisch-israelischen Beziehungen nach der Aufnahme diplomatischer Kontakte im Jahr 1992.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Zentrum stehen die sicherheitspolitische Zusammenarbeit, die wirtschaftliche Kooperation sowie die komplexen außenpolitischen Herausforderungen der beiden Staaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, inwieweit sich aus der Normalisierung der Beziehungen tatsächlich eine strategische Partnerschaft zwischen Indien und Israel entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer Politikfeldanalyse, die auf einer umfassenden Auswertung internationaler Fachliteratur sowie indischer und israelischer Autoren beruht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, die Untersuchung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, eine detaillierte Betrachtung der Rüstungszusammenarbeit und die Analyse bestehender Herausforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Rüstungskooperation, Sicherheitspolitik, Strategische Partnerschaft, Realpolitik und Geopolitik.
Warum spielt die Rüstungskooperation eine so zentrale Rolle?
Sie gilt als Motor der Kooperation, da beide Länder komplementäre Interessen teilen und Indien auf technologische Expertise angewiesen ist, um seine Verteidigungsfähigkeit gegenüber regionalen Bedrohungen zu stärken.
Welche Rolle spielen die USA in dieser Partnerschaft?
Die USA fungierten als Ermöglicher der Partnerschaft, wobei sie insbesondere den Technologietransfer im Rüstungssektor durch ihr Veto oder ihre Zustimmung maßgeblich beeinflussen.
Wie beeinflusst die Iran-Politik das Verhältnis?
Die indische Kooperation mit dem Iran stellt eine Herausforderung dar, da Israel den Iran als potenzielle existenzielle Bedrohung sieht und besorgt über den möglichen Technologietransfer ist.
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- Daniel Daimer (Author), 2005, Two natural partners? - Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Indien und Israel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49129