Ein Netz aus Schwüren, Eiden und Versprechen - Der Schwur im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die unterschiedlichen Arten der Schwüre
2.1 Die Treueschwüre
2.1.1 Der Erbfolgeschwur
2.1.2 Markes Versprechen an Tristan und Isolde
2.1.3 Der Liebesschwur
2.2 Die politischen Schwüre
2.2.1 Die Tochter für den Drachen
2.2.2 Schutz für Tantris
2.2.3 Versöhnung der Königreiche
2.3 Die Schwüre aus List
2.3.1 Keine außer Isolde
2.3.2 Der Eid im Baumgarten
2.3.3 Das Gottesurteil
2.4 Blankoschwüre
2.4.1 Markes Schwur
2.4.2 Gandîns Schwur
2.4.3 Gilâns Schwur

3 Tristan

4 Abschluss

5 Bibliographie

1 Einleitung

Ein Eid sollte verbindlich sein, und ist es doch nicht immer. Stets wird er von Menschen geleistet und der Mensch unterliegt seinen Schwächen und Irrtümern.

Ich möchte mich in dieser Arbeit auf die Schwüre in Gottfrieds „Tristan“ kon-zentrieren, sie kategorisieren und bei ihrer Untersuchung auf ihre Funktion, ihre Form und auf den Menschen eingehen. Es sind die Figuren des Romans, die Eide leisten und die von den Eiden anderer betroffen sind. Sie spinnen ein Netz aus Schwüren und fangen sich selbst darin.

2 Die unterschiedlichen Arten der Schwüre

In Gottfrieds „Tristan“ gibt es eine Vielzahl von Schwüren, Eiden und Versprechen, die sich im Großen und Ganzen in vier Kategorien einteilen lassen: Treueschwüre, politische Schwüre, Schwüre aus List, und Blankoschwüre. Eine wirklich eindeutige Kategorisierung ist jedoch zumindest für die drei zuerst aufgeführten Gruppen nicht möglich, da diese sich nach der Motivation des Schwörenden richten, die bei einigen Eiden durchaus vielfältig sein kann. Überschneidungen der Kategorien sind deshalb nicht ausgeschlossen, ich werde jedoch bei der Behandlung der entsprechenden Schwüre darauf hinweisen.

Eine in sich geschlossene Gruppe bilden die Blankoschwüre; die Bezeichnung dieser Art erfolgt im Hinblick auf das formale Erscheinungsbild der hierzu aufgeführten Schwüre.

Im Folgenden werde ich die einzelnen Kategorien definieren und die ihnen zugeordneten Eide näher erläutern.

2.1 Die Treueschwüre

Diese Art des Schwures richtet sich nach der Motivation des Schwörenden. Diesem geht es hier um den Beweis seiner Treue zu einer anderen Person. Dieser Beweis kann auf unterschiedliche Weise erbracht werden: durch finanzielle Unterstützung oder durch politische Macht, durch das öffentliche Zeigen von Vertrauen oder durch die intime Versicherung von ewiger Liebe. Hierzu finden sich in Gottfrieds Roman mehrere Beispiele, von denen ich drei herausgreifen möchte: Den Erbfolgeschwur, Markes Versprechen an Tristan und Isolde und den Liebesschwur.

2.1.1 Der Erbfolgeschwur

Schon bevor ihre Verwandtschaft bekannt wird, ist Marke von dem jungen Tristan hingerissen, er behandelt ihn bevorzugt, macht ihn geradezu zu seinem „ohne Maß favorisierten Liebling“[1]. Als der König erfährt, dass es sich bei Tristan um seinen Neffen handelt, steigert sich seine Zuneigung in väterliche Liebe und Fürsorge. Großzügig verspricht er dem Neffen, ihn finanziell zu unterstützen: „Tintajoêl muoz iemer sîn / dîn triscamere und dîn trisor (Vv. 4480f)[2].“

Dieses Versprechen ist die Vorbereitung des Schwures, in dem Marke Tristan als Erben einsetzt. Bevor der Neffe zu seiner Schwertleite aufbricht, schenkt ihm der König einen Teil seines Landes und legt die Erbfolge fest, indem er versichert, niemals zu heiraten: „wan ich wil durch den willen dîn / êlîches wîbes âne sîn / die wîle ich iemer leben sol (T Vv. 5157ff).“ (Siehe auch T Vv. 5150-5156.) Markes Schwur ist ebenso Beweis seiner Treue als auch von politischer Relevanz: Durch den Verzicht auf eigene Nachkommen bestimmt er seinen Nachfolger, den nächsten König. Da er seinen Schwur vor Zeugen (vgl. T Vv. 5108-5116) leistet, wird dieser zu einem verbindlichen Vertrag.

Marke liebt Tristan so sehr, als wäre er sein eigener Sohn. Sein Eid hat eine doppelte Funktion: Einerseits ist er ein Zeichen der Liebe Markes, andererseits begründet er Tristans Bindung an den Hof zu Kurnewâle. Marke versichert sich mit der Verantwortung, die er dem Neffen überträgt, gleichzeitig seiner Rückkehr.[3] Zudem sichert er die Zukunft seines Landes, indem er einem Erbfolgestreit vorbeugt, denn außer Tristan wird es keinen weiteren Erbberechtigten geben.[4]

Als Markes Ratgeber ihn dazu drängen wollen, eine Frau zu nehmen, bekräftigt dieser noch einmal den Erbfolgeschwur und verteidigt Tristans Stellung als Erbe:

Marke sprach: „got der hât uns

einen guoten erben gegeben;

got helfe uns, daz er müeze leben!

Tristan, die wîle er leben sol,

sô wizzet endelîche wol,

sone sol niemer künigîn

noch frouwe hie ze hove gesîn.“ (T Vv. 8362-8368)

Erneut beweist Marke seine Treue zu Tristan, der sich im Kampf mit Môrolt nicht nur als Erbe würdig erweist, sondern allein die Verantwortung für das Land auf sich nimmt, während Marke als König handlungsunfähig verbleibt.[5]

Marke sieht seinen Eid als verbindlich an, er hat nicht vor, ihn zu brechen, und gibt seine Zustimmung zur Werbung um Isolde letztlich nur auf Tristans Drängen und die scheinbare Unmöglichkeit des Vorhabens hin. Als die Hochzeit schließlich doch zustande kommt, bricht Marke nicht nur sein Versprechen, sondern auch einen politischen Vertrag, der die Erbfolge regeln sollte.[6]

2.1.2 Markes Versprechen an Tristan und Isolde

Zweimal verspricht Marke, nicht mehr an Tristans und Isoldes Ehrlichkeit zu zweifeln. Das erste Mal geschieht dies direkt im Anschluss an die Baumgartenszene; Marke verspricht Isolde, dass er Tristan nicht mehr nach seiner Ehre trachten und die Königin nicht mehr der Liebe zu einem anderen bezichtigen will (Vgl. T Vv. 15026-15032).

Marke ist gefangen zwischen Zweifel und Gewissheit; er liebt sowohl Isolde als auch Tristan und wehrt sich dagegen, sie zu verdächtigen; trotzdem muss er sein Ansehen wahren. Er hat Gewissensbisse, weil er glaubt, den beiden Unrecht getan zu haben, und möchte sie mit seinem Versprechen seines Vertrauens versichern und sich für seinen Argwohn entschuldigen.[7]

Ein ähnliches Versprechen äußert Marke, nachdem er Tristan und Isolde in der Minnegrotte beobachtet hat (T Vv. 17670-17676). Mit diesem Versprechen wird außerdem die Rückkehr der beiden an den Hof möglich.

2.1.3 Der Liebesschwur

Als die Liebenden von Marke entdeckt werden und Tristan daraufhin fliehen muss, versichert er Isolde seine ewige Liebe:

„Tristan und Îsôt, ir und ich,

wir zwei sîn iemer beide

ein ding âne underscheide.

dirre kus sol ein insigel sîn,

daz ich iuwer unde ir mîn

belîben stæte unz an den tôt,

niwan ein Tristan und ein Îsôt (T Vv. 18356-18362).“

Diese Szene wird bereits in der Baumgartenepisode vorbereitet. Tristan erwähnt die Möglichkeit der Entdeckung, dass er daraufhin zur Flucht gezwungen sein könnte; und er befiehlt Isolde in Gottes Schutz – „all this promise and threat, so very powerful in the first scene of Garden and Tree, will in fact become irreversible reality in the second[8].“

Der Liebesschwur ist vor dem Hintergrund von Tristans Flucht geradezu von tragischer Bedeutung: Er bindet Tristan und Isolde aneinander, obwohl sie gleich-zeitig voneinander getrennt werden. Der Schwur begründet Tristans Zerrissenheit im Exil: Obwohl er geistig mit Isolde verbunden ist, ist er doch körperlich von ihr getrennt.

[...]


[1] Gruenter, Favorit, S. 147.

[2] Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. V. Karl Marold. Unveränderter vierter Abdruck nach dem dritten mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977. Im Folgenden zitiere ich unter Verwendung der Sigle T.

[3] Vgl. Gruenter, Favorit, S. 146.

[4] Vgl. Karg, Markefigur, S. 77.

[5] Vgl. Gruenter, Favorit, S. 150f.

[6] Vgl. Lanz- Hubmann, Nein unde jâ, S.41f.

[7] Vgl. Hamburger, Tristan, S. 178f.

[8] Poag, Lying Truth, S. 227.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ein Netz aus Schwüren, Eiden und Versprechen - Der Schwur im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V49139
ISBN (eBook)
9783638456654
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netz, Schwüren, Eiden, Versprechen, Schwur, Tristan, Gottfrieds, Straßburg
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Deininger (Autor), 2004, Ein Netz aus Schwüren, Eiden und Versprechen - Der Schwur im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49139

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