Ein Eid sollte verbindlich sein, und ist es doch nicht immer. Stets wird er von Menschen geleistet und der Mensch unterliegt seinen Schwächen und Irrtümern. Ich möchte mich in dieser Arbeit auf die Schwüre in Gottfrieds „Tristan“ konzentrieren, sie kategorisieren und bei ihrer Untersuchung auf ihre Funktion, ihre Form und auf den Menschen eingehen. Es sind die Figuren des Romans, die Eide leisten und die von den Eiden anderer betroffen sind. Sie spinnen ein Netz aus Schwüren und fangen sich selbst darin.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die unterschiedlichen Arten der Schwüre
2.1 Die Treueschwüre
2.1.1 Der Erbfolgeschwur
2.1.2 Markes Versprechen an Tristan und Isolde
2.1.3 Der Liebesschwur
2.2 Die politischen Schwüre
2.2.1 Die Tochter für den Drachen
2.2.2 Schutz für Tantris
2.2.3 Versöhnung der Königreiche
2.3 Die Schwüre aus List
2.3.1 Keine außer Isolde
2.3.2 Der Eid im Baumgarten
2.3.3 Das Gottesurteil
2.4 Blankoschwüre
2.4.1 Markes Schwur
2.4.2 Gandîns Schwur
2.4.3 Gilâns Schwur
3 Tristan
4 Abschluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Geflecht aus Schwüren, Eiden und Versprechen in Gottfrieds „Tristan“. Dabei steht die Analyse der Funktion, Form und der moralischen Implikationen dieser Eide im Vordergrund, um aufzuzeigen, wie die Figuren des Romans durch ihr eigenes Wort und die Versprechen anderer in ein Netz aus Widersprüchen und Zerrissenheit geraten.
- Kategorisierung der Schwüre in Treueschwüre, politische Schwüre, Schwüre aus List und Blankoschwüre.
- Untersuchung der psychologischen und sozialen Motivation hinter den geleisteten Eiden.
- Analyse der moralischen Fragwürdigkeit und der listigen Anwendung von Sprache (Zweideutigkeit) im Roman.
- Betrachtung der Figur Tristans als jemand, der sich zwischen verschiedenen Loyalitäten und Identitäten bewegt.
- Reflexion über Themen wie Liebe, Identität, höfische Moral und Gottesvorstellung im Werk Gottfrieds von Straßburg.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Keine außer Isolde
Als Marke den Schwur äußert, der zur Brautfahrt führt, befindet er sich in einer Zwickmühle: Er hat mit Tristan einen würdigen Erben für sein Reich gefunden und will auch keinen anderen, außerdem ist er durch den Erbfolgeschwur gebunden. Auf der anderen Seite wird er jedoch von seinen Ratgebern bedrängt, die selbst Tristan so unter Druck setzen konnten, dass er um sein Leben fürchtet und Marke ebenfalls zum Nachgeben rät.
Marke hilft sich mit einer List: Er leistet einen Schwur, dessen Erfüllung er für unmöglich hält: Als einzige Frau, die er als Königin akzeptieren würde, nennt er Isolde, wenn
„sine müge mir danne werden, sone wirt ûf dirre erden niemer dekeiniu mîn wîb, sam mir got und mîn selbes lîp (T Vv. 8517- 8520).“
Marke hat nicht vor zu heiraten, insofern ist sein Eid unehrlich; da er aber nicht damit rechnet, dass die Tochter seines Feindes für ihn gewonnen werden könnte, braucht er sich darum nicht zu sorgen. Er will mit dem Eid lediglich seine Ratgeber zufrieden stellen, um wieder Ruhe am Hof herzustellen. Seine Rechnung geht nur zum Teil auf: Seine Ratgeber bestehen auf einer Fahrt nach Irland und Tristan willigt in die Brautwerbung schließlich ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Verbindlichkeit von Eiden ein und skizziert das Vorhaben, die Schwüre in Gottfrieds „Tristan“ zu kategorisieren und ihre menschliche sowie funktionale Bedeutung zu untersuchen.
2 Die unterschiedlichen Arten der Schwüre: Dieses Kapitel liefert die theoretische Einteilung der Schwüre in vier Hauptgruppen und definiert die Kriterien, nach denen die einzelnen Eide in den folgenden Unterkapiteln bewertet werden.
3 Tristan: Dieses Kapitel beleuchtet die Rolle Tristans innerhalb dieses Netzwerks aus Schwüren und analysiert, wie seine eigene Identitätsfindung und Zerrissenheit durch die von ihm genutzten oder selbst geleisteten Eide geprägt wird.
4 Abschluss: Das Fazit fasst zusammen, wie Gottfried von Straßburg durch das geschickte Einweben von Eiden zentrale Themen wie Moral und Identität diskutiert und das Werk für seine Zeit modern erscheinen lässt.
Schlüsselwörter
Tristan, Gottfried von Straßburg, Schwüre, Eide, Versprechen, höfische Literatur, Treueschwur, politische Schwüre, List, Blankoschwüre, Identität, Minne, Moral, Sprachgebrauch, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung von Schwüren und Eiden im mittelhochdeutschen Epos „Tristan“ von Gottfried von Straßburg und untersucht, wie diese das Handeln und die Schicksale der Romanfiguren bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Kategorisierung von Eiden, die moralische Integrität der handelnden Personen, den Einsatz von Sprache als Mittel der List sowie die psychologische Zerrissenheit Tristans zwischen verschiedenen Loyalitäten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das „Netz aus Schwüren“ den Handlungsverlauf beeinflusst und inwiefern diese Eide als Spiegel für die Entwicklung der Charaktere und die gesellschaftlichen Normen der Zeit dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische und textanalytische Herangehensweise, indem sie die im Originaltext überlieferten Schwüre systematisch kategorisiert und unter Einbeziehung der Forschungsliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Betrachtung der Treue-, politischen-, List- und Blankoschwüre sowie eine gesonderte Untersuchung der Figur Tristans in Bezug auf dessen Umgang mit Eiden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Tristan“, „Schwüre“, „List“, „Identität“, „höfische Moral“, „Zweideutigkeit“ und „Gottfried von Straßburg“.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Tristans Handeln von der des Ritters Gandîn?
Obwohl beide Blankozusagen für ihre Zwecke missbrauchen, wird Gandîns Handeln negativ bewertet, da er eigennützig agiert, während Tristans gleichartiges Verhalten oft als gerecht empfunden wird, da es gegen einen manipulativen Gegner gerichtet ist.
Welche Rolle spielt die Zweideutigkeit in Isoldes Eiden?
Isolde nutzt sprachliche Zweideutigkeit als List, um gleichzeitig zwei sich ausschließende Wahrheiten auszusprechen, was es ihr ermöglicht, ihre Beziehung zu Tristan vor Marke zu verbergen und dabei formal höfischen Anforderungen zu entsprechen.
- Quote paper
- Ann-Kathrin Deininger (Author), 2004, Ein Netz aus Schwüren, Eiden und Versprechen - Der Schwur im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49139