Wystan Hugh Auden und die Kommunistische Internationale


Essay, 2019
4 Seiten

Leseprobe

Auden und die Kommunistische Internationale

Wolfgang Nedobity

Einleitung

Der 1907 geborene Wystan Hugh Auden war nicht nur einer der prominentesten englischen Dichter sondern war auch ein Schriftsteller, der sich mit den politischen Umbrüchen seiner Zeit, wie etwa dem spanischen Bürgerkrieg literarisch beschäftigte. Sein Leben war durch einen starken Hang zur Internationalität gekennzeichnet. 1929 hielt er sich zu einem längeren Studienaufenthalt in Deutschland auf. Zehn Jahre später verlegte er seinen Wohnsitz nach New York, wo er von 1942 bis 1945 am Swarthmore College in Pennsylvania lehrte. 1946 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Von 1948 bis 1972 verbrachte er die Winter in den USA, die Sommer in Europa und zwar teils in Oxford, wo er eine Professur inne hatte und teils in Niederösterreich.

Internationalität von Marx bis Lenin

Die Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) wurde 1864 von Karl Marx mitbegründet. Sie wird rückblickend auch als Erste Internationale bezeichnet. Viele der Zeitgenossen hielten den Einfluss und die Mittel der Internationale für geradezu gigantisch. Die 'Times' beispielsweise schätzte die Zahl der IAA-Mitglieder etwa auf 2.500.000 (andere Schätzungen beliefen sich gar auf das Doppelte) und berichtete von einem vorhandenen Barfonds in der Höhe von etlichen Millionen Pfund.1 In den 1870er Jahren scheiterte dennoch die IAA, da sie eine Reihe von unterschiedlichen Strömungen zu vereinigen versuchte, und sowohl Marx als auch der Anarchist Michail Bakunin ihren jeweiligen Führungsanspruch nicht durchzusetzen vermochten. 1889 wurde dann die Sozialistische Internationale gegründet, die als sogenannte „Zweite Internationale“ eine Plattform bildete, um das durch Marx geprägte Gedankengut in die Welt hinaus zu den diversen nationalen Arbeiterbewegungen zu tragen. Am 2. März 1919 gründete Wladimir Iljitsch Lenin die Kommunistische Internationale (Komintern) als weltweiten Zusammenschluss kommunistischer Parteien und als „konsequente Fortführung der I. und II. Internationale“.2 Sie diente als entscheidendes politisches Instrument, um die sowjetischen Interessen gegenüber den anderen kommunistischen Parteien geltend zu machen und zwar nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus, das Lenin 1920 in der Komintern einführte. Die Komintern widmete sich der Verbreitung des revolutionären Marxismus-Leninismus und der Ausbildung von Kommunisten aus vielen Ländern der Welt. Sie entsprang einer Erkenntnis, die Mieli auch für die Schwulenbewegung der Nachkriegsjahre für zutreffend hält: „If ideology is unitary and anthropomorphic, the (in)human mask of capital, we, on the other hand, are today far too divided, and above all divided from one another, despite all being in the same underlying situation, suffocated by the weight of the system. We are divided, but it is capital that pits us against each other and divides us.“3 Die Devise 'Proletarier aller Länder vereinigt euch' erwies sich also übertragbar auf andere Bevölkerungsgruppen und historische Gegebenheiten. Erst Stalin löste im Jahre 1943 die Komintern auf, weil sie mit der westlichen Anti-Hitler-Allianz zusammenarbeitete.

Audens Position

Der Gründer der Komintern spielte auch in Audens Werk eine gewisse Rolle. Im Jahre 1935 übersetzte Auden drei Lobeshymnen auf Lenin ins Englische. Die Originale stammten aus dem russischen Film „Three Songs of Lenin“, den Dziga Vertov im Jahre 1934 im Auftrag von Stalin gedreht hatte. Der Refrain des ersten Liedes etwa lautete: „No father for his children did / What Lenin did for us“. Das unveröffentlichte Manuskript des Autors wurde erst im Jahre 2009 von David Collard in der Bibliothek des British Film Institute entdeckt.4

Audens Biograph Humphrey Carpenter bestätigt, dass dieser bereits im Jahr 1929 Bekanntschaft mit Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei gemacht hat und zwar bei Zusammenkünften in einer Bar nahe dem Halleschen Tor.5 Obwohl er nie einer einschlägigen Partei beigetreten ist, wird ihm doch von seinem Biograph eine Nähe zur kommunistischen Ideologie attestiert: „And it seems that during the latter part of 1932 he seriously contemplated becoming a Communist – or even believed that he already was one. In December he wrote to Henry Bamford Parkes on the subject of The Orators: 'The book is, as I didn't realise when I was writing it, a stage in my conversion to Communism.'“6

Mario Mieli hat in seinem Buch „Towards a Gay Communism“ aufgezeigt, dass die repressive zaristische Gesetzgebung gegen Homosexuelle bereits im Dezember 1917 als Ergebnis der Revolution in Russland beseitigt wurde. In der Folge entsandte die Sowjetunion Delegierte zu den Kongressen der 'World League for Sexual Reform', die 1921 in Berlin, 1928 in Kopenhagen, 1929 in London, 1930 in Wien und 1932 in Brünn abgehalten wurden. Erst im März 1934 wurde auf Grund einer Intervention von Stalin das Strafgesetz für homosexuelle Vergehen geändert und eine achtjährige Haftstrafe eingeführt.7

Die Idee einer Homintern und deren weltweite Resonanz

Auden war insbesondere gesellschaftspolitisch interessiert und benutzte das Modell der Komintern für die Konzeption einer Homosexuellen Internationale mit der Kurzform Homintern. Die Idee dieses Wortspiels entnahm er einem an ihn und Chester Kallman gerichteten Brief von Harold Norse aus dem Jahr 1939.8 Auden war dann der erste Autor, der diesen Begriff in einer Veröffentlichung publik machte.9 Er bezog ihn auf Oscar Wilde in seiner Besprechung der Biographie von George Woodcock.10 In diesem Aufsatz stellt er Wilde – gemäß seiner Definition von Playboy – als eine entfremdete Seele dar, die nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Akzeptanz strebt. So sieht er Wildes Dilemma in dem Umstand, dass dieser um seiner selbst willen von beiden Welten, der homo- wie der heterosexuellen, geliebt werden wollte.

Bereits während seiner Zeit in Berlin, wo er im Oktober 1928 eintraf, bekam Auden einen überwältigenden Eindruck von der Vielfalt sexueller Orientierungen und deren tatsächlichem Ausmaß in der Bevölkerung der Großstädte. In Berlin besuchte er neben einigen schwulen Lokalen11 auch das von Magnus Hirschfeld gegründete Institut für Sexualwissenschaft und seine Sammlungen, wo erstmals auch statistische Daten zum Thema Homosexualität öffentlich zugänglich gemacht wurden.12 Hirschfeld berechnete die homosexuelle Einwohnerschaft Berlins in einer Größenordnung zwischen 50-100 Tausend.13 Wenn man die Zahlen auf ganz Europa hochrechnete, so konnte man sich vorstellen, dass ein Bündnis dieser Menschen eine politisch und kulturell nicht unerhebliche Bewegung ergeben würde. Ein derartiges Vorhaben war natürlich nicht unproblematisch, da auch homophobe Gegner dieser Vorstellung nachhingen und immer wieder Gerüchte einer schwulen Weltverschwörung in Umlauf setzten.14 Obwohl dies Guy Hocquenghem als generelles gesellschaftliches Phänomen ansieht,15 ist hier durch die Anspielung an das kommunistische Vorbild von einem doppelten Bedrohungsszenarium auszugehen.

Jaime Harker betont zwar, dass der Begriff von der betroffenen Community vielfach ironisch verwendet wurde, aber von der Außenwelt völlig anders interpretiert wurde: „The campiness of a term like “Homintern,” however, was completely lost when it made its way into mainstream criticism. Critics warned, unironically, of a nefarious lavender menace undermining the masculinity and virility of American culture.“16 Gerade in Zeiten des Kalten Kriegs war der Anklang an das kommunistische Vorbild ein rotes Tuch für die amerikanische Literaturkritik.17 Leila J. Rupp erinnert daran, dass auch das International Committee for Sexual Equality (ICSE), dem viele homosexuelle Experten angehörten, bereits im Jahre 1957 in einer Publikation die Homintern als fünfte Säule Moskaus bezeichnete.18

Audens Schwager19 Klaus Mann wies auf die grundsätzliche Ambivalenz von Männerbünden seit der Zwischenkriegszeit mit folgenden Worten hin: “Das 'Bündische', sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem 'bündischen' Prinzip basiere der Faschismus... Muß ein 'Bund' den faschistischen, den fortschrittsfeindlichen Charakter haben? Einen Bund wollte doch auch Walt Whitman: den Bund der glühenden Kameradschaft über den Kontinent.”20 Curzio Malaparte wiederum geht von einer politischen Gleichschaltung von Komintern und Homintern aus und spricht in seinem Buch 'La Pelle' von einer Rasse marxistischer Päderasten.21 Eine ähnliche Haltung attestiert Klaus Theweleit auch den deutschen Faschisten, wenn er deren interne Machtkämpfe analysiert: „Anders als Stalin erhob Hitler gegen niemanden aus den eigenen Reihen den Vorwurf, er sei zu den Kommunisten übergelaufen, ein Agent der dritten Internationale; anstelle der politischen wurde die 'sexuelle Verfehlung' ins Feld geführt und da bevorzugt die 'Homosexualität'.22

Schließlich hätte die Gründung eines derartigen Bundes einer charismatischen Führungspersönlichkeit bedurft. Auden selbst wäre dafür keinesfalls geeignet gewesen, am ehesten noch Maurice Bowra, den sein Biograph folgendermaßen charakterisiert: „He was the centre of the great homosexual Mafia if you like to call it, of the twenties and thirties.“23 Dass sich Auden in seiner Rolle als Schriftsteller eigentlich nicht für eine derartige Funktion prädestiniert fühlte, lässt er in dem oben zitierten Aufsatz durchblicken: „The nature of the literary profession the influence of which, if any, is spiritual not material, renders men of letters incapable of understanding the role of power in society...“.24

Da sich der Wunsch nach einem politisch schlagkräftigen Bündnis aus der Sicht Audens schwer realisieren ließ, blieb der Begriff „Homintern“ vorerst ein Codewort für eine Bevölkerungsgruppe „that-dare-not-speak-its-name“. Aber auch die soziale Komponente eines derartigen Männerbundes hatte für ihn keine Relevanz: „W.H. Auden, who had known Berlin in the 1930s, felt comfortable with many of the social developments around homosexuality in 1960s America, but he disliked the idea of a ghettoised gay social life.“25 In seinen späten Jahren, die er großteils in Österreich verbrachte, lebte er seine Homosexualität eher verhalten aus. Seinen Lebenspartner Chester Kallman stellte er in der Offentlichkeit als seinen Koch vor.26

Erst 1978, fiinf Jahre nach Audens Tod, wurde die International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) als weltweiter Dachverband der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Trans- und Intersexorganisationen gegriindet.27 Ihrem Konzept nach entspricht sie der Homintem. Heute hat die ILGA mehr als 1300 Mitgliedsorganisationen aus 90 verschiedenen Uindem auf allen Kontinenten. In Europa sind es tiber 200 Organisationen.

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1 McLellan, D. (1974). Karl Marx. Leben und Werk. München: Praeger, S.414.

2 Weber, H. (1970). Lenin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S.139.

3 Mieli, M. (2018). Towards a Gay Communism. Elements of Homosexual Critique. London: Pluto Press, S.104.

4 Khan, U. (2009). Auden's lost ode to the Soviet revolution found after 70 years. The Daily Telegraph, May 23, 2009, p.15.

5 Carpenter, H. (1983). W.H. Auden. A biography. London: Unwin, S.101.

6 Carpenter, ibid., S.152.

7 Mieli, M. (2018). Towards a Gay Communism. Elements of Homosexual Critique. London: Pluto Press, S.85-86.

8 Norse, H. (1988). Memoirs of a Bastard Angel. New York:Morrow & Co, S.77.

9 Auden, W.H. (1950). A Playboy of the Western World: St. Oscar, the Homintern Martyr. Partisan Review 17(4), S. 390-394.

10 Woodcock, G. (1949). The Paradox of Oscar Wilde. London: Macmillan.

11 vor allem die Bar 'Cosy Corner' in der Zossener Straße 7

12 Beachy, R. (2014). “Ich bin schwul” W.H. Auden im Berlin der Weimarer Republik. Göttingen: Wallstein, S.15.

13 Hirschfeld, M. (1914). Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Berlin: Louis Marcus, S.492.

14 Cunningham, V. (1988). British Writers of the Thirties. Oxford: OUP, S.148-151.

15 Hocquenghem, G. (1993). Homosexual Desire. Durham: Duke University Press, S.55.

16 Harker, J. (2010). "Look Baby, I Know You": Gay Fiction and the Cold War Era. American Literary History 22(1), S.192.

17 Sherry, M. (2007). Gay Artists in Modern American Culture: An Imagined Conspiracy. Chapel Hill: University of

North Carolina Press, S.42.

18 Rupp, L.J. (2011). The Persistence of Transnational Organizing: The Case of the Homophile Movement. T he American Historical Review 116(4), S.1029.

19 1935 heiratete Auden Erika Mann, die Tochter von Thomas Mann, um der aus dem nationalsozialistischen Deutschland ausgebürgerten Schriftstellerin zu einem englischen Reisepass zu verhelfen.

20 Mann, K. (2006). Das zwölfhundertste Hotelzimmer. Ein Lesebuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S.189.

21 Malaparte, C. (1946). The Skin. London: Panther, S.91.

22 Theweleit, K. (1990). Homosexuelle Aspekte von Männerbünden unter besonderer Berücksichtigung des Faschismus. In Gisela Völger und Karin von Welck (Hg). Männerbande – Männerbünde. Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich. Köln: Rautenstrauch-Joest-Museum, Bd.1, S.61.

23 Mitchell, L. (2009). Maurice Bowra. A Life. Oxford: OUP, S.123.

24 Auden, W.H. (1950), p.393.

25 Woods, G. (2017). Homintern. How Gay Culture Liberated the Modern World. New Haven & London: Yale University Press, S.336.

26 Brunner, A (2018). Der Dichter, sein Koch und sein Liebhaber. Audens offenes Geheimnis im Spiegel der Zeit. In Helmut Neundlinger (Hg.). Thanksgiving fill ein Habitat. W.H.Auden in Kirchstetten. St.Polten: Literaturedition Niederosterreich, S.205-225.

27 https:/lilga. om;/

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Details

Titel
Wystan Hugh Auden und die Kommunistische Internationale
Autor
Jahr
2019
Seiten
4
Katalognummer
V491400
ISBN (eBook)
9783668981553
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wystan, hugh, auden, kommunistische, internationale
Arbeit zitieren
Mag.phil. (PLUS), MRes (Liverpool), DipLib (CNAA) Wolfgang Nedobity (Autor), 2019, Wystan Hugh Auden und die Kommunistische Internationale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491400

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