Die Darstellung von Monströsität im Mittelalter. Das Beispiel der "Melusine" von Thüring von Ringoltingen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Monstrosität im Mittelalter

3. Entstehung der Melusinensage

4. Entwicklung der schönen Melusine zum Monströsen
4.1. Die Begegnung am Durstbrunnen
4.2. Das Versprechen
4.3. Die schöne Melusine
4.4. Die missgestalteten Söhne
4.5. Der Tabubruch
4.6. Melusine als „Tiermensch“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Denkt man an das Mittelalter zurück, so kommen einem schnell die Begriffe Monster oder Fabelwesen in den Sinn. Allerdings waren diese Wesen damals nicht nur reine Fiktion, sondern Teil der realen Welt der Menschen.

In seinem Buch „Monster im Mittelalter. Die phantastische Welt der Wundervölker und Fabelwesen“ beschreibt Simek die auch heutige Faszination der Monster bei der breiten Bevölkerung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Filmindustrie gerade in diesem Genre erfolgreicher denn je agiert.1

Seit dem Altertum bis heute gibt es eine große Auswahlmöglichkeit zur Definition dieser Geschöpfe. Viele Autoren haben sich mit dieser Gattung beschäftigt, leider tragen sie bisher nicht zur endgültigen Klärung der Begrifflichkeiten bei.

Diese Arbeit soll versuchen einige Möglichkeiten der Darstellung von Monstrosität im Mittelalter aufzuzeigen und ggf. eine Definition zur Klärung der bereits genannten Unschärfe beitragen.

Als Beispiel wurde die Melusine von Thüring von Ringoltingen ausgewählt. Es soll außerdem untersucht werden, inwiefern ein Kontakt zwischen Menschen und andersartigen Wesen zustande kommen konnte und wie damit umgegangen wurde, ob es zwangsläufig zu einem Konflikt kommen musste.

Ferner soll nachgeprüft werden ob Monster, die oft mit dem Bösen gleichgesetzt werden, auch immer als Bedrohung wahrgenommen und gesellschaftlich ausgegrenzt wurden.

Auch ohne Drachen oder Riesen in diesem Werk, bietet die Melusine einen guten Einblick über die Abbildung von Monstrosität im Mittelalter. Die unterschiedlichen Auffassungen von Andersartigkeit werden hier geschickt durch den Wandel der schönen Melusine in einen schändlichen Wurm, einer bösen Schlange dargestellt.

Vor der Analyse der signifikanten Textstellen, soll eine kurze Einführung in die Monstrosität im Mittelalter einen Überblick für die Verständlichkeit des Themas geben. Darauf folgt ein Exkurs in die Entstehung der Melusinensage, um in Thürings Roman einzuweisen.

Danach beginnt der Hauptteil der Arbeit, mit der Analyse des Textes anhand relevanter Textpassagen. Diese sollen das Konzept der Monsterdarstellung verdeutlichen und die Vielfalt der Abbildungen sowie den Umgang mit dem Fremden aufzeigen.

Zum Schluss folgt das Fazit, indem eine Schlussbetrachtung klären soll, ob sich die Melusine von Thüring als Beispiel zur Darstellung von Monstrosität eignet und ob es möglich ist ein genaueres Bild zur Definition dieser Wesen beizutragen.

2. Monstrosität im Mittelalter

Wie bereits erwähnt liegt kein einheitliches Monstrositätskonzept vor. Es gibt verschiedene Begriffe, die die Umstände eines Monsters umschreiben, Röcke spricht von Fremdheit und Andersartigkeit.2

Das Wort Monster oder Monstrum ist heute noch bekannt als Fabelwesen oder Ungeheuer. Beide stammen vom lateinischem Verb monere ab, das so viel wie erinnern, voraussagen oder mahnen bedeuten kann.

Dementsprechend bedeutet das lateinische monstrum, Zeichen oder auch Wunderzeichen. Darunter verstand man eine menschliche oder tierische Missgeburt als mahnendes Vorzeichen eines Unglücks.

Die sogenannten Wundervölker des Ostens stellten in der Vorstellung der Menschen sogar eine ganze Rasse an missgebildeten Menschen dar. Jedoch lebten diese in den Randbezirken der Welt, dieses Bewusstsein hielt sich sehr lang und schlug sich in geographisches anerkanntes Wissen nieder, wie die Hereforder und Ebstorfer Weltkarten zeigen.3

Theologen waren stets angehalten die Existenz und Sinnhaftigkeit solcher Individuen zu erklären. Daher wurde vielen Wesen eine gewisse Symbolik zugeordnet und sie mussten in den göttlichen Plan miteinbezogen werden. So kam es das auch Monster zum Plan Gottes dazu zählten, da seine Allmacht nie in Frage gestellt werden konnte bzw. wurde.

Dadurch kam es zu einem Paradoxon, welches Monster als widernatürlich und unheilvolle Zeichen darstellt und gleichzeitig als Geschöpfe Gottes, der unfehlbar zu sein hatte.

Im Spätmittelalter entwickelte sich eine neue Auffassung über Andersartigkeit. So wurde den Missgeburten eine Schuld angelastet. Der missgestaltete Körper wurde immer mehr als sündenhaft und nicht gottgewollt angesehen.

Auch diese Entwicklung steckt voller Widersprüche, so spricht Röcke vom anthropologischen Aspekt. Demzufolge sind Menschen und Monster strickt zu trennen, letzteres seien eher den Tieren zuzuordnen.4

Jedoch kann nur der Mensch sündig sein, somit müssten die Wundervölker den Menschen zugerechnet werden. Demnach kam es dazu, das verschiedene Erklärungsansätze eingeführt wurden. Beispielsweise wurden Andersartige als Söhne Noahs bezeichnet, dessen Vater Adam über geheimes Wissen der Kräuter verfügte. Oder sogar als Nachfahren Hams, der die Blöße seines Vaters sah, sich nicht abwendete, sondern ihn noch verspottete. Diese Nachfahren seien durch das Fehlverhalten Hams von Noah verflucht worden.5

3. Entstehung der Melusinensage

In verschiedenen Lexika wird die Melusine als Fee, Mahrte, Meerjungfrau, und Schlangenwesen beschrieben. Sie ist eine bekannte Sagengestalt des Mittelalters, deren Grundmotiv immer die Verbindung eines übernatürlichen Wesens mit einem Menschen ist. Es gibt solche Sagen in verschiedenen Kulturen, sei es Zeus und Semele in der griechischen Mythologie oder die Sage der Himmelsfee in Asien. So wird das Verhältnis zwischen dem Übernatürlichen und dem Natürlichen und deren Konsequenzen diskutiert.

Die ersten literarischen Fassungen der Melusinensage haben ihren Ursprung im 12. Jahrhundert, dort fand man in Otia Imperialia von Gervasius von Tilburys, die ersten Elemente der Erzählstruktur wieder.6

Im 13. und 14. Jahrhundert wurde die Melusine als Ahnfrau des Adelsgeschlechts der Lusignan in Verbindung gebracht. Zwischen 1387 und 1393 verfasste Jehan d’Arras seinen Prosaroman von der schönen Melusine und ein paar Jahre später wurde Versepos Mellusine von Couldrette bekannt.

In beiden Fällen waren deren Auftraggeber aus dem Geschlecht der Lusignan. Es wird davon ausgegangen, dass 1456 Couldrette von Thüring von Ringoltingen ins Deutsche übersetzt wurde.7

4. Entwicklung der schönen Melusine zum Monströsen

Ziel dieser Untersuchung ist es die Darstellung von Monstern im Mittelalter anhand Thürings Melusine aufzuzeigen. Aus diesem Grund befasst sich diese Arbeit nur mit den dafür relevanten Textstellen und legt besonderes Augenmerk auf die Vorstellung der Fremde und deren Umgang mit der Andersartigkeit.

4.1. Die Begegnung am Durstbrunnen

Reymund begleitet den Grafen von Poitiers, der sich dessen Erziehung annahm, zur Wildschweinjagd. Bei dieser verlieren die beiden den Rest der Jagdgesellschaft aus den Augen und reiten alleine durch den Wald. Der Graf verfügt über astronomisches Wissen und deutet die Sterne. Dabei macht er Reymund eine Prophezeiung. In den Sternen stünde, dass derjenige der zu diesem Zeitpunkt seinen Herren ermordet, selbst zu einem großen Herrn werde und vollkommenes Glück erhalte.

In diesem Moment werden die beiden von einem Eber angegriffen. In einem heftigen Kampf ersticht Reymund versehentlich den Grafen und macht sich schwere Vorwürfe deswegen. Er ist voller Kummer und setzt sich auf sein Pferd, lässt allerdings die Zügel los und verfällt in eine passive Schockstarre.

Reymund gelangt zu dem Durstbrunnen, an dem drei Jungfrauen stehen. Eine von ihnen spricht ihn an und befreit ihn aus seiner Starre. In seinem Elend bemerkt er kaum das Wunderliche an der Jungfrau, die bereits seinen Namen kennt und auch über die Geschehnisse bei der Jagd im Bilde ist.

„Die Jungfraw antwortet guetlich / und sprach: >>Reymund / lieber Freund / dein not und klag ist mir leid in trewen <<Da er hoeret / daß sie in mit Namen nennte / das name in sehr wunder / und sprach: >>Ach Edle Jungfraw / mich kann nit gnug verwundern / daß ir mein Namen wißt / denn mich duencket nit / daß ich euch kenne / doch so sihe ich wol ein unseglich schoen Angesicht / von Leib und Gestalt wol gezieret / uund zuechtig / nun saget mir mein Hertz uund Muht / ich sol in meinem Hertzenleid ein Trost von euch empfohlen / dardurch mir mein kummer etwas gemindert werde.<<

Die Jungfrauw sprach: >>Reymund / ich weiß deine noht und klage / und das ungefell / das dir zu dieser stund an deinem Herren und Vettern widerfahren ist / mit dem Schein / uund daß du ihn uund das Wilde Schwein ertoedtet hast / […].“8

Warum die Jungfrau, dessen Namen man bisher nicht kennt, dass alles weiß ist nicht sachlich erklärbar. Reymund wundert sich das sie seinen Namen kennt. Das ist ein Hinweis, dass hier etwas Monströses vorliegt, denn die Monster im Mittelalter wurden früher als Wundervölker beschrieben.

Reymund lässt sich aufgrund seiner seelischen Ausnahmesituation jedoch schnell wieder von der Jungfrau beruhigen. Sie verweist ständig auf Gott und zeigt so, dass sie eine fromme Christin ist.

„Da nun Reymund hoeret / daß sie von Gott saget / da gewan er einen besondern Trost / uund gedacht in seinem Hertzen: Nun mag ich etwas Trosts haben / daß die Jungfrauw keinn Gespenst noch keines Unglaubens / sondern von Christlichem Blut kommen / uund nicht Ungloebig sey / […].“9

Das hier etwas nicht stimmt fällt Reymund schon auf, jedoch wird es durch die ständige Verweisung auf Gott von der Jungfrau relativiert. Sie kann als Christin also kein „Gespenst“ und somit ein Monster sein. Dies wiederum steht im Kontrast zu verschiedenen Aussagen darüber, dass auch Monster ein Teil der Schöpfung Gottes sind.10

Anstatt auf Gott und ihren Glauben zu verweisen, hätte es auch andere Möglichkeiten laut Röcke gegeben, um der Darstellung als Monster zu entgehen. Zum einen gab es den geographischen Aspekt, so lebten Monster fern der alltäglichen Welt als Erdrandbewohner und hätten gar nicht mit den Menschen in physischen Kontakt treten können.11 Zum anderen galt sehr lange der ästhetische Aspekt, so waren Monster im Mittelalter immer auch missgestaltet und hatten auffällige Merkmale.12 Da die Jungfrau aber als sehr schön beschrieben wurde, kann es sich hier laut mittelalterliche Vorstellung nur um einen Menschen handeln.

[...]


1 Simek, Rudolf: Monster im Mittelalter, S. 11

2 Röcke, Werner: Erdrandbewohner und Wunderzeichen, S. 265

3 Simek, Rudolf: Monster im Mittelalter, S. 61

4 Röcke, Werner: Erdrandbewohner und Wunderzeichen, S. 269

5 Ebd., S. 273

6 Roloff, Hans-Gert: Nachwort zur Melusine von Thüring von Ringoltingen. In: Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22 Holzschnitten. Hrsg. v. Hans-Gert Roloff (2005). Stuttgart: Reclam. S.153-176, hier: S. 160.

7 Lecouteux, Claude: Zur Entstehung der Melusinensage. In:ZfdPh 98 (1979), S. 73-84, hier S. 74.

8 Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buches der Liebe (1587) mit 22 Holzschnitten. Hrsg. von Hans-Gert Roloff. Stuttgart 1969.S.12

9 Ebd., S. 13

10 Röcke, Werner: Erdrandbewohner und Wunderzeichen, S. 271

11 Ebd., S. 267

12 Ebd., S. 270

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Monströsität im Mittelalter. Das Beispiel der "Melusine" von Thüring von Ringoltingen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Aufbaumodul Ältere Deutsche Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V491447
ISBN (eBook)
9783346152596
ISBN (Buch)
9783346152602
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Monster, Monstösität, Mittelalter, Melusine, Türing von Ringoltingen, Minne
Arbeit zitieren
Denise Gedicke (Autor), 2017, Die Darstellung von Monströsität im Mittelalter. Das Beispiel der "Melusine" von Thüring von Ringoltingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491447

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