Der Wert der Arbeit im Kontext des bedingungslosen Grundeinkommens


Hausarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Wert der Arbeit im Wandel der Zeit
2.1 Antike
2.2 Mittelalter
2.3 Neuzeit
2.4 Aufklärung und Industrialisierung
2.5 Moderne
2.6 Gegenwart

3 Der Zwang zur Arbeit: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“

4 Der (Mehr-) Wert der Arbeit im Kontext des Bedingungslosen Grundeinkommens
4.1 Arbeit ist mehr als nur Erwerbsarbeit – Friedrich Kambartel über die Anerkennung von „informeller Arbeit“
4.2 Arbeit als selbstbestimmte Tätigkeit
4.3 Arbeit als „nice-to-have“

5 Fazit

6 Ausblick

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Arbeit ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und soziale Zugehörigkeit. Sie ist eine Quelle gesellschaftlicher und sozialer Anerkennung und damit unseres Selbstwertgefühls.[1] Arbeit kann Berufung sein und so zu unserer individuellen Selbstverwirklichung beitragen. Arbeit sichert heutzutage aber vor allem unsere Existenz. Wenn wir also nicht nur über leben, sondern leben wollen, sind wir gezwungen zu arbeiten. Kommen wir diesem Zwang zu arbeiten nicht nach, so wird dieser abgelöst durch den Zwang, uns Arbeit zu suchen. Denn das ist in Deutschland die Bedingung für den Erhalt von Arbeitslosengeld. Zeigen wir uns nicht kooperativ, bekommen wir weniger oder gar kein Geld mehr. Wir werden „sanktioniert“[2].

Arbeit hat neben all den positiven Aspekten also auch diesen negativen: Den Zwang zur Arbeit beziehungsweise Arbeitsbeschaffung. Dieser Zwang kann durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen aufgehoben werden. Aus dem Zwang zur Arbeit wird Freiheit zur Arbeit, aus müssen wird dürfen, aus Fremdbestimmung – wie sie zum Beispiel Kambartel[3] (1993: S. 242) beschreibt – wird Selbstbestimmung. Durch das Bedingungslose Grundeinkommen wird Arbeit also aufgewertet: Sie entwickelt sich vom Zwang zur Möglichkeit.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich also damit, welchen Wert Arbeit noch hat, wenn sie durch das Bedingungslose Grundeinkommen ihre Funktion als alleinige Existenzgrundlage verliert. Das Bedingungslose Grundeinkommen wird oft so verstanden, dass es Arbeit ersetzen soll, dass es uns von der Arbeit befreien soll. Infolgedessen werden Bedenken laut wie sie zum Beispiel Hannah Ahrendt formuliert: „Denn es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll […].“[4] Was soll eine Arbeitsgesellschaft also ohne Arbeit machen? Der ausschlaggebende Punkt liegt in Ahrendts Formulierung selbst: Die Arbeitsgesellschaft soll von den Fesseln der Arbeit befreit werden und eben nicht von der Arbeit selbst. Genau dafür soll in dieser Hausarbeit argumentiert werden, denn in der Freiheit vom Zwang liegt der zukünftige Wert der Arbeit. Worin diese Freiheit im Einzelnen besteht, soll in dieser Hausarbeit geklärt werden. Zunächst soll ein Überblick gegeben werden, wie sich der Wert der Arbeit über die Epochen hinweg gewandelt hat, um den Wert, der der Arbeit heute zugerechnet wird, besser einordnen zu können. Infolge dessen wird geklärt, worin der Arbeitszwang besteht und wie dieser sich in unserer Gesellschaft äußert. Daraufhin wird aufgezeigt, was die Arbeit durch das Bedingungslose Grundeinkommen an Wert gewinnt, wenn sie eben diesen Zwang verliert.

Mit dieser Hausarbeit will ich einen Beitrag zur aktuellen Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen liefern, indem ich aufzeige, dass Arbeit durch den Wegfall des Zwangs aufgewertet wird. Somit soll diese Hausarbeit auch eine Antwort auf einen der prominentesten Einwände sein, welcher lautet: Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen wird niemand mehr arbeiten. Die Lösung, die in dieser Hausarbeit dazu aufgezeigt wird, besteht unter anderem in einem neuen Verständnis des Arbeitsbegriffs.

2 Der Wert der Arbeit im Wandel der Zeit

2.1 Antike

In der Antike war nur derjenige hoch angesehen, der sich der geistigen Arbeit widmete. Wer körperlich arbeitete, galt als minderwertig. Das Konzept von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie es heute eine Selbstverständlichkeit ist, galt in der Antike als „banausisch“ und „unehrenhaft“[5], weil es mit Unterordnung und Freiheitseinbußen einhergeht. Ein Vertreter dieser Ansicht war Aristoteles. Hoch gelobt wurde dagegen die autarke landwirtschaftliche Arbeit, nicht unbedingt der Landwirtschaft wegen, sondern vielmehr wegen des autarken Charakters dieser Tätigkeit. In dieser Tätigkeit erfüllte sich das „Ideal des freien Mannes“[6]. Geistige Arbeit galt nicht im gleichen Sinne als Arbeit wie zum Beispiel die landwirtschaftliche Tätigkeit. Vielmehr wurde sie zur Muße gezählt, die als eine weitaus sinnvollere Beschäftigung galt, als Arbeit. Ähnlich wie in der Antike die Arbeit als verachtenswerte Notwendigkeit abgetan wurde, wird in unserer heutigen Gesellschaft die Freizeit behandelt.[7]

2.2 Mittelalter

Im Mittelalter bildete sich das Christentum heraus und damit auch eine neue, bibeltreue, Auffassung von Arbeit. Wo sie in der Antike noch als verpönt galt, war sie im Mittelalter das einzig wahre Mittel, um Gott die Ehre zu erweisen und Sünden zu bereinigen. Es wurde von einer kollektiven Schuld der Menschen seit dem Sündenfall ausgegangen und Arbeit hatte die Funktion, diese Schuld zu tilgen. Es wurde sich strikt an den Bibelspruch des Paulus gehalten: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“[8] Auch wenn Arbeit heute nicht mehr als Strafe Gottes gilt, prägt dieser Bibelspruch unsere Gesellschaft noch heute. Wie sonst lassen sich die etlichen Obdachlosen erklären?

Mit der beginnenden Urbanisierung wandelt sich der Wert der Arbeit erneut. Wo Arbeit aus Sicht der Theologen als abzuleistender „Dienst“ galt, wird sie nun zunehmend zur „Produktion für das Gemeinwohl“.[9] Im Zuge dessen entwickelt sich ein „Ethos des Erwerbens“[10]: Die Geburtsstunde unserer heutigen Erwerbsgesellschaft.

2.3 Neuzeit

In der Neuzeit werden die Grundsteine der Überzeugungen gelegt , die unsere heutige Erwerbsgesellschaft prägen. Aßländer und Wagner (2017: S. 17) sprechen von einer „bürgerliche[n] Sicht auf die Arbeit […], die in der erfolgreichen Berufsarbeit die Quelle des individuellen wie des nationalen Wohlstandes sieht.“[11] Arbeit ist wertvoll, wenn sie zum Wohlstand beiträgt. Der Mensch ist wertvoll, wenn er arbeitet. Daraus folgt im Umkehrschluss: Ein Mensch, der nicht arbeitet, ist auch nichts wert, Armut wird ab diesem Zeitpunkt stigmatisiert. John Locke formuliert es ganz drastisch, indem er „das Auspeitschen oder das Abschneiden der Ohren zur Aufrechterhaltung der Arbeitsdisziplin“[12] empfiehlt. Arbeit gilt seitdem als das Mittel zur Bekämpfung von Armut.[13] Von Armut betroffen sind zwangsläufig die Menschen, die aus dem neuen Werteraster aus „Fleiß, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Enthaltsamkeit“[14] fallen. Die Menschen also, die sich dem Zwang dieser Werte nicht beugen wollen oder nicht beugen können. Ihre Armut gilt als „selbstverschuldetes Unglück“[15] und geht mit „sozialem Abstieg“ und „Verelendung“ einher.[16] Arbeit wird verherrlicht und bestimmt als Stratifikationsmerkmal, welcher sozialen Schicht man angehört.[17] Wohlstand, soziale und gesellschaftliche Anerkennung sind das Zuckerbrot. Der Zwang zur Arbeit ist die Peitsche.

2.4 Aufklärung und Industrialisierung

Der Wert der Arbeit bemisst sich fortan an ihrer „Produktivität“[18] und dem durch sie „geschaffenen ‚Wert‘“[19]. Es etabliert sich die Forderung nach einem „‚Recht auf Arbeit‘“[20], die aus der „Verkettung von Armut und Arbeitslosigkeit“[21] folgt. Mit dieser Forderung entsteht der Druck auf „sowohl staatliche Organe als auch Kapitalbesitzer“[22], genügend Arbeitsplätze für die Bevölkerung zu schaffen.

2.5 Moderne

„Erwerbsarbeit [ist] zum Normalzustand einer Erwerbsgesellschaft geworden, in der sich soziale Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Status durch Arbeitsplatz und Einkommen definieren.“[23] So lautet die Feststellung von Aßländer und Wagner (2017: S. 23). Der Mensch ist weniger Person als „Produktionsfaktor“[24], den es „effizient“[25] zu nutzen gilt und der sich als solcher – zusammen mit den „Nutz“-Tieren – (be-)nutzen lässt.

2.6 Gegenwart

Ein Umdenken zeichnet sich ab, denn die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen bewirkt einen Abbau der Arbeitsplätze. Mit dem bisherigen Verständnis von Arbeit als alleinige Existenzgrundlage, stünden viele Menschen vor der Armut. Es geht um die „existentielle Frage der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft, nach Alternativen zur Arbeit zu suchen, die es ihr ermöglichen, Lebenssinn und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben neu zu definieren.“[26]

Wie ich schon in der Einleitung habe anklingen lassen, geht es aber nicht notwendiger Weise darum, eine Alternative zur Arbeit zu finden, sondern eher um eine Alternative zum Zwang zur Arbeit. Diese Alternative heißt Freiheit und kann durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen geschaffen werden. Bevor aber dieser neue (Freiheits-) Wert der Arbeit im Rahmen dieser Hausarbeit im Detail ausbuchstabiert wird, soll im Folgenden zunächst geklärt werden, worin genau der Zwang zur Arbeit besteht und wie dieser zustande kommt.

[...]


[1] Markus Promberger: Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration. In: bpb.de <http://www.bpb.de/apuz/30941/arbeit-arbeitslosigkeit-und-soziale-integration?p=all#footnodeid_5-5>. Datum des Zugriffs: 27.03.2019.

[2] Bundesagentur für Arbeit (Hrsg): Merkblatt Arbeitslosengeld II / Sozialgeld. Grundsicherung für Arbeitssuchende. In: con.arbeitsagentur.de <https://con.arbeitsagentur.de/prod/apok/ct/dam/download/documents/Merkblatt-ALGII_ba015397.pdf>. Datum des Zugriffs: 27.03.2019.

[3] Friedrich Kambartel: Arbeit und Praxis. Zu den begrifflichen und methodischen Grundlagen einer aktuellen politischen Debatte. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 41 (1993), S. 242. Hinweis: Sämtliche sich wiederholende Quellen werden im Folgenden in den Fußnoten durch Autor/Autorin, Jahr und Seitenzahl abgekürzt.

[4] Hannah Arendt: Vita activa. Oder vom tätigen Leben. Piper Verlag GmbH. München 2011, S. 13.

[5] Michael S. Aßländer, Bernd Wagner (Hrsg): Philosophie der Arbeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Suhrkamp Verlag. Berlin 2017, S.14.

[6] ebd.

[7] ebd.: S. 12-14.

[8] Paulus zitiert nach Aßländer, Wagner (2017): S. 15.

[9] ebd.: S. 16.

[10] ebd.: S.17.

[11] ebd.

[12] ebd.: S. 18f.

[13] ebd.: S. 19.

[14] ebd.: S. 18.

[15] ebd.: S. 19.

[16] ebd.: S. 22.

[17] Aßländer, Wagner (2017): S. 19.

[18] ebd.: S. 22.

[19] ebd.

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] ebd.

[23] ebd.: S. 23.

[24] ebd.

[25] ebd.

[26] ebd.: S. 25.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Wert der Arbeit im Kontext des bedingungslosen Grundeinkommens
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V491459
ISBN (eBook)
9783668987630
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Bedingungsloses Grundeinkommen, Sozialphilosophie, Arbeit, Wert der Arbeit, Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Geschichte der Arbeit, Arbeitszwang, Erwerbsgesellschaft, Leistungsgesellschaft, Hannah Ahrendt, Friedrich Kambartel, Philippe Van Parijs, Mein Grundeinkommen e.V., Finnland Grundeinkommen, Arbeitskult, Arbeit und Muße, Vita Aktiva, Hartz 4, Arbeitslosengeld
Arbeit zitieren
Katharina Strauß (Autor), 2019, Der Wert der Arbeit im Kontext des bedingungslosen Grundeinkommens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491459

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