Analyse der Zusammenhänge zwischen Steuerkomplexität und Steuerehrlichkeit


Seminararbeit, 2012
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abku¨rzungsverzeichnis IITabellenverzeichnis

1 Steuervereinfachung als politische Zielgr¨oße

2 Steuerehrlichkeit und Steuerkomplexit¨at in der ¨okonomischen Literatur
2.1 Definition und Messung der Steuerehrlichkeit
2.2 Begriffsbestimmung und Erfassung der Steuerkomplexit¨at

3 Steuerhinterziehung und deren Determinanten in der ¨okonomischen Theorie
3.1 Grundmodell der Steuerhinterziehung und empirische Validierung
3.2 Ausbau des Grundmodells im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie
3.3 Verhaltens¨okonomische und steuerpsychologische Erweiterungen des Modell- rahmens

4 Analyse mittels Umfragedaten zum Einflussvon Fairness 8
4.1 Datengrundlage, methodisches Vorgehen und ¨okonometrische Ergebnisse
4.2 Kritische Analyse und Einordnung der Ergebnisse

5 Experimentelle Analyse des Einflussesvon Steuerkomplexit¨at auf Steu-erehrlichkeit
5.1 Experimentelles Design und fru¨he Forschungsans¨atze
5.2 Studie zum Einfluss von Unsicherheit u¨ber das tats¨achliche Einkommen auf Steuerehrlichkeit
5.3 Kritische Analyse und Einordnung der Ergebnisse

6 Zusammenfassende Betrachtung

Literatur

Anhang

A Tabellen

Abku¨rzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

1 Durchschnittliche Steuerehrlichkeitsraten und deskriptive Statistiken

2 Schatzergebnisse fUr Steuererklarungs- und Steuerehr lichkeitsver halten

3 3-stufige geordnete Probitschatzung

1 Steuervereinfachung als politische Zielgr¨oße

Das Ziel der Steuervereinfachung ist ebenso beliebt wie unerfu¨llt in den Reformbestre- bungen zur deutschen Einkommensteuer. Die Reduktion der Komplexit¨at des aktuellen deutschen Einkommensteuersystems ist h¨aufig Gegenstand von Einzelgesetzen und weitrei- chenden Reformvorschl¨agen. Besonders der Name des ehemaligen Bundesverfassungsrich- ters Paul Kirchhoff ist seit dem Bundestagswahlkampf 2005 mit einer Reform des gesamten deutschen Steuersystems hin zu einer Flat-Tax“ und einer Zusammenfu¨hrung und Ver-” einheitlichung der derzeitigen Einzelgesetze zu einem Bundessteuergesetz verbunden (vgl. Kirchhof, 2011, S. 7f.).

Unabh¨angig von der genauen rechtlichen Ausgestaltung besteht das Hauptinteresse des Staates zun¨achst einmal darin, sicherzustellen, dass alle Bu¨rger ihrer Steuerpflicht nach- kommen und einen Beitrag zur Finanzierung des Staatshaushaltes leisten. Welche Motive die Ursache dafu¨r sind, dass Steuerzahler ihrer Pflicht nachkommen, wird erst relevant, wenn es um die Beeinflussung der Steuerehrlichkeit von staatlicher Seite geht (vgl. Kirch- ler et al., 2008, S. 210f.). Denn die Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen zur Erreichung einer h¨oheren Steuerehrlichkeit h¨angt entscheidend von den Beweggru¨nden der einzelnen Bu¨rger ab, Steuern zu zahlen. Ob zwischen Steuerkomplexit¨at und Steuerehrlichkeit ein Zusammenhang besteht und somit h¨ohere Steuerehrlichkeit durch Steuervereinfachungen zu erreichen ist, wird derzeit besonders unter den Verhaltens¨okonomen in der finanzwissenschaftlichen Literatur diskutiert und ist Thema dieser Seminararbeit.

In Kapitel 2 werden zun¨achst die Begriffe Steuerehrlichkeit“ und” Steuerkomplexit¨at“ erl¨autert und aufgezeigt, wie sie aktuell in der ¨okonomischen Literatur quantitativ und qualitativ erfasst werden. In Kapitel 3 wird das theoretische Grundmodell der Steuerhinter- ziehung dargestellt und anschließend theoretische Modellerweiterungen vorgestellt, wobei ein Schwerpunkt auf Modellen liegt, die Steuerkomplexit¨at beru¨cksichtigen. Die beiden folgenden Kapitel besch¨aftigen sich mit den M¨oglichkeiten, die theoretischen U¨ berlegungen aus Kapitel 3 empirisch zu u¨berpru¨fen. Kapitel 4 zeigt anhand einer Beispielstudie, wie mittels Umfragedaten der Zusammenhang zwischen Steuerkomplexit¨at und Steuerehrlich- keit erforscht werden kann und Kapitel 5 beschreibt das Vorgehen im Rahmen von La- borexperimenten. Schließlich folgen in Kapitel 6 eine zusammenfassende Betrachtung und ein Ausblick auf zuku¨nftige Forschungsm¨oglichkeiten. Die vorliegende Seminararbeit be- schr¨ankt sich bei der Betrachtung der Steuerkomplexit¨at und der Steuerehrlichkeit auf die Besteurung von Einku¨nften von natu¨rlichen Personen und geht nicht n¨aher auf die Zusammenha¨nge bei der Unternehmens- und Verbrauchsbesteuerung ein.

2 Steuerehrlichkeit und Steuerkomplexit¨at in der okonomischen Literatur

2.1 Definitionund Messung der Steuerehrlichkeit

Im juristischen Sinne ist die illegale Steuerhinterziehung von der legalen Steuervermei- dung abzugrenzen. W¨ahrend dem Steuerpflichtigen in Deutschland per Gesetz steuer- und zivilrechtliche Gestaltungsm¨oglichkeiten einger¨aumt werden, solange kein Missbrauch der Regelungen nach § 42 AO vorliegt, erfu¨llt das vors¨atzliche Verschleiern von steuerlich relevanten Sachverhalten den Straftatbestand der Steuerhinterziehung nach § 370 AO. Volkswirtschaftlich betrachtet ist die Unterscheidung insoweit weniger relevant, da in beiden F¨allen Steuermindereinnahmen und ein Wohlfahrtsverlust fu¨r die Gesellschaft entstehen, was im Fall der Steuervermeidung jedoch vom Gesetzgeber wissentlich in Kauf genommen wird.1 Im Rahmen dieser Seminararbeit ist zudem die unbeabsichtigte Steuerverku¨rzung aufgrund der Fehlinterpretation komplexer steuerlicher Regelungen von Interesse. Juris- tisch betrachtet, handelt es sich dabei um leichtfertige Steuerverku¨rzung, die nach § 378 AO in Deutschland bei Vorliegen grober Fahrl¨assigkeit eine Ordnungswidrigkeit darstellt.

Wenn im Folgenden von Steuerhinterziehung die Rede ist, so ist damit sowohl die Steu- erhinterziehung als auch die Steuerverku¨rzung im juristischen Sinne gemeint und stets als straf- oder ordnungswidriges Gegenstu¨ck zur Steuerehrlichkeit zu verstehen.

Die Schwierigkeit Steuerehrlichkeit empirisch zu erfassen und zuverl¨assige Informationen u¨ber das Ausmaß an Steuerhinterziehung in einer Volkswirtschaft zu erhalten liegt in der Natur der Sache. Der Steuerhinterzieher selbst hat einen Anreiz sein Vergehen geheim zu halten um sich einer Strafverfolgung zu entziehen. Trotz dieses Hindernisses stehen Wissenschaftlern laut Andreoni et al., S. 836 letztlich folgende fu¨nf Datenquellen fu¨r empi- rische Forschungsvorhaben zur Verfu¨gung: Daten der Steuerpru¨fung, oftmals in Verbindung mit Zensusdaten, Daten aus F¨allen von Steueramnestie, die Erfassung von Abweichungen aggregierter ¨okonomischer Gr¨oßen, Daten aus Laborexperimenten und Befragungsdaten. Feldstudien, die auf eine der drei erstgenannten Datenquellen zuru¨ckgreifen um den Zu- sammenhang zwischen Steuerehrlichkeit und Steuerkomplexit¨at zu erforschen, existieren bislang kaum. Einerseits liegt dies an der Schwierigkeit im Zuge einer Steuerreform den Effekt einer Komplexit¨atsreduktion von den zahlreichen sonstigen Effekten, die die Steu- erehrlichkeit beeinflussen, zu separieren. Andererseits zeigt sich, dass selbst bei Reformen, die u.a. das Ziel verfolgen das Steuersystem zu vereinfachen, wie die Einfu¨hrung einer Flat-Tax“ in Russland im Jahre 2001, die durch die Bev¨olkerung wahrgenommene Kom-” plexit¨at nicht zwangsl¨aufig zuru¨ckgeht (vgl. Ivanova et al., 2005, S. 434f.). Hingegen wird der Einsatz von Befragungen in Kapitel 4 und die Durchfu¨hrung von Laborexperimenten in Kapitel 5 jeweils anhand einer Beispielstudie diskutiert und die jeweiligen Vor- und Nachteile dargestellt.

2.2 Begriffsbestimmungund Erfassung der Steuerkomplexit¨at

Steuerkomplexit¨at wird in der Literatur h¨aufig unter dem Aspekt der Unsicherheit eines Steuerpflichtigen u¨ber dessen tats¨achliche Steuerpflicht betrachtet (vgl. Andreoni et al., 1998, S. 852, Alm et al., 1992a, S. 1018 und Alm et al., 2011, S. 579).2 Ursache der Unsicherheit kann sowohl eine ungenaue, als auch eine zu detaillierte steuerliche Geset- zesgrundlage sein. W¨ahrend eine ungenaue Gesetzesnorm Raum fu¨r Fehlinterpretationen l¨asst, erschweren detaillierte rechtliche Normen die korrekte Anwendung und Umsetzung oder machen es ohne Fachkenntnisse unm¨oglich (vgl. Andreoni et al., 1998, S. 852). Steuer- komplexit¨at erschwert zudem die Aufgabe der Steuerverwaltung, insbesondere der Steuer- pru¨fung und der Gerichtsbarkeit, illegale Steuerhinterziehung von legaler Steuervermeidung zu unterscheiden. H¨angt die Steuerpflicht von der Gesetzesauslegung der Steuerverwaltung ab und bleiben demnach F¨alle von Steuerhinterziehung und Steuerverku¨rzung unentdeckt, verst¨arkt sich als Folge die Unsicherheit fu¨r den Steuerpflichtigen (vgl. Andreoni et al., 1998, S. 852).

Im Rahmen von Laborexperimenten wird Unsicherheit im einfachen Fall u¨ber die fu¨r die Besteuerung relevanten Parameter mit Hilfe des Verfahrens des Mean-Preserving-Spreads (MPS) erreicht (vgl. Alm et al., 1992a, S. 1020 und Alm et al., 2010, S. 579). MPS be- zeichnet ein Verfahren aus der Statistik und der Wahrscheinlichkeitstheorie, wonach eine Wahrscheinlichkeitsverteilung A in eine Wahrscheinlichkeitsverteilung B u¨berfu¨hrt wird, indem die Streuung der Dichtefunktion von A erh¨oht wird, der Mittelwert der Verteilung A aber auch in B erhalten bleibt. Rothschild und Stiglitz (1970) konnten nachweisen, dass eine Zufallsvariable, die aus der Verteilung B gezogen wird risikoreicher als eine Zufalls- variable aus der Verteilung A ist, solange die Verteilung B mittels MPS aus A abgeleitet wurde.

Die Verwendung des Begriffs der Steuerkomplexit¨at in dieser Seminararbeit ist abzu- grenzen von reinen Opportunit¨atskosten zur Bestimmung der Steuerpflicht. In der aktuelle- ren experimentellen Literatur wird in einigen F¨allen n¨amlich von der Unsicherheit u¨ber die konkrete steuerliche Norm abstrahiert und Steuerkomplexit¨at lediglich unter dem Aspekt eines erh¨ohten zeitlichen und kognitiven Aufwandes betrachtet (vgl. Cuccia und Carnes, 2001, S. 122). Ein komplexeres Steuersystem, im Sinne von Unsicherheit u¨ber die Anwend- barkeit spezieller steuerrechtlicher Normen, kann zwar zu einem erh¨ohten zeitlichen und kognitiven Aufwand bei der Erledigung der steuerlichen Pflichten fu¨hren, dies muss aber nicht zwangsl¨aufig der Fall sein.

U¨ ber die Frage, warum verschiedene Steuersysteme und auch einzelne Steuerarten in- nerhalb eines Steuersystems unterschiedlich komplex sind, gibt es in der Literatur keinen Konsens (vgl. Slemrod, 2005, S. 281). Im Bereich der Einkommensteuer wird beispiels- weise die Pflicht zur Verwirklichung der Gleichm¨aßigkeit der Besteuerung und des Leis- tungsf¨ahigkeitsprinzips, Umverteilungsziele, die mittels Besteuerung verwirklicht werden und die Schwierigkeit Einkommen korrekt zu erfassen, genannt. Slemrod (2005) betont zu- dem die Rolle der an der Gesetzgebung beteiligten Institutionen und kommt zur Erkenntnis, dass u.a. ein positiver Zusammenhang zwischen einer professionelleren Legislative, gemes- sen an h¨oheren Di¨aten und Steuerkomplexit¨at besteht. Dabei greift er auf die Anzahl der Zeilen auf einem Steuererkl¨arungsformular sowie die Anzahl der Seiten der Ausfu¨llhilfe als Maß fu¨r die Komplexit¨at des Steuersystems zuru¨ck (vgl. Slemrod, 2005, S. 283). Kaplow (1996, S. 138) hingegen kritisiert das reine Abz¨ahlen der Seiten der Steuergesetze und verweist darauf, dass Komplexit¨at aus einem Zusammenspiel zwischen dem Verhalten des Steuerpflichtigen und dem steuerrechtlichen Regelwerk entsteht. Daraus wird deutlich, dass Steuerkomplexit¨at kein fu¨r alle Steuerpflichtigen einheitliches Maß darstellt. Die Komple- xit¨at ein und desselben steuerbaren Vorfalles kann vielmehr von verschiedenen Personen unterschiedlich wahrgenommen werden. Neben den objektiven steuerrechtlichen Anforde- rungen im Deklarationsprozess h¨angt die wahrgenommene Steuerkomplexit¨at letztlich auch von den kognitiven F¨ahigkeiten eines jeden Steuerzahlers ab (vgl. Slemrod, 2010, S. 16f.).

3 Steuerhinterziehung und deren Determinanten in der ¨okonomischen Theorie

3.1 Grundmodell der Steuerhinterziehung und empirische Vali- dierung

Das Grundmodell der Steuerhinterziehung von Allingham und Sandmo (1972) und Yitzha- ki (1974) basiert auf der von Becker (1968) entwickelten ¨okonomischen Theorie kriminellen Verhaltens. Das Modell unterstellt einen situativen Nutzenmaximierer, der eine Entschei- dung unter Unsicherheit zu treffen hat und den Erwartungsnutzen bei korrekter Angabe der Einku¨nfte (risikolose Alternative) mit dem Erwartungsnutzen bei Steuerhinterziehung (risikobehaftete Alternative) vergleicht (vgl. Allingham und Sandmo, 1972, S. 324). Formal verfu¨gt der Steuerpflichtige u¨ber ein exogen gegebenes Einkommen I und muss entscheiden, welchen Betrag D er davon gegenu¨ber den Finanzbeh¨orden erkl¨art. Die Besteuerung von deklariertem Einkommen erfolgt mit dem Steuersatz t. Mit der Wahrscheinlichkeit p, die unabh¨angig von der H¨ohe des deklarierten Einkommens D ist, wird seine Steuererkl¨arung u¨berpru¨ft und eine etwaige Steuerhinterziehung entdeckt. In diesem Fall wird der Steuer- pflichtige mit einer Strafe f auf die hinterzogene Steuer t (I − D) belegt. 3 Der Steuerpflichtige w¨ahlt nun gem¨aß folgender indirekten Von-Neumann-Morgenstern-Nutzenfunktion einen Wert von D, der seinen Erwartungsnutzen aus dem Einkommen I maximiert:

E U (I) = p · U (I − tD − f t (I − D)) + (1 − p) · U (I − tD)

Ein Vergleich der theoretischen Vorhersagen mit den Ergebnissen empirischer Arbeiten zeigt, dass aufgrund der geringen Entdeckungswahrscheinlichkeiten und Strafen in den meisten Staaten der Welt die beobachtete Steuerhinterziehung im Vergleich zur theoreti- schen Prognose des Grundmodells zu gering ausf¨allt (vgl. Alm et al., 1992b, S. 22).4 Um die empirisch beobachtete Steuerehrlichkeit zu erkl¨aren, mu¨sste die Risikoaversion, erfasst durch das Arrow-Pratt-Maß, Werte von 30 annehmen, w¨ahrend die in der Realit¨at gemes- senen Werte zwischen eins und zwei liegen (vgl. Feld und Frey, 2002, S. 88).

Daraus ergibt sich das sogenannte Steuerzahlerr¨atsel“ mit der eigentlichen Frage, ” warum Bu¨rger eines Staates u¨berhaupt Steuern zahlen und nicht warum sie diese hinterzie hen. Als ein Erkl¨arungsansatz wurde mit Verweis auf die Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979) angefu¨hrt, dass Menschen kleine objektive Wahrscheinlichkeiten, wie die Entdeckungswahrscheinlichkeit bei Steuerhinterziehung, subjektiv u¨bersch¨atzen (vgl. Feld und Frey, 2007, S. 103). Allerdings lassen sich mit diesem Ansatz Unterschiede in der Steuerehrlichkeit zwischen L¨andern mit ¨ahnlichem Steuersystemen nur bedingt erkl¨aren (vgl. Alm und Torgler, 2006, S. 225).

Um die Lu¨cke zwischen prognostizierter und beobachteter Steuerhinterziehung zu schlie- ßen, wurden zahlreiche Modifikationen am Grundmodell vorgenommen. In den Kapiteln 3.2 und 3.3 wird dazu ein U¨ berblick u¨ber die theoretischen Erweiterungen gegeben, die den Einfluss von Steuerkomplexit¨at beru¨cksichtigen.

3.2 Ausbau des Grundmodells im Rahmen der Erwartungsnut- zentheorie

Eine der Vereinfachungen des Grundmodells liegt in der impliziten Annahme, der Steuer- pflichtige kenne mit Sicherheit seine tats¨achliche Steuerpflicht und treffe dementsprechend seine Deklarationsentscheidung (vgl. Alm et al., 2010, S. 579). Besonders im Anbetracht der Komplexit¨at steuerlicher Regelungen sind Modellerweiterungen entstanden, die die Annahme perfekter Information verwerfen und Unsicherheit auf Seiten der Steuerpflichtigen beru¨cksichtigen. Rein intuitiv l¨asst sich keine eindeutige Vorhersage u¨ber den Effekt von Unsicherheit auf die Steuerehrlichkeit treffen. Einerseits kann Unsicherheit bei Personen mit Risikoaversion dazu fu¨hren, dass unsichere Steuervergu¨nstigungen nicht in Anspruch genommen werden und sogar zu hohe Steuern gezahlt werden, wobei auch Situationen zu beru¨cksichtigen sind, in denen Steuerzahler schlicht aus Unkenntnis Vorteile nicht nutzen (vgl. Krause, 2000, S. 396). Andererseits besteht ebenso die M¨oglichkeit, dass Steuerpflich- tige bei Verst¨andnisschwierigkeiten bewusst oder unbewusst zu niedrige Einku¨nfte dekla- rieren und beispielsweise vermehrt Steuervergu¨nstigungen in Anspruch nehmen, um dann im Nachhinein durch die Finanzverwaltung u¨ber die Rechtm¨aßigkeit dieses Verhaltens auf- gekl¨art zu werden (vgl. Alm et al., 2010, S. 579).

Formaltheoretische Modelle zur Unsicherheit stellen meist Erweiterungen des Grund modells aus Kapitel 3.1 dar und simulieren Unsicherheit u¨ber die verschiedenen Parameter I, f, t und p. Allerdings zeigen sich auch dort widerspru¨chliche Ergebnisse beim Zusammen- hang zwischen Steuerkomplexit¨at und Steuerehrlichkeit, die vom unterstellten Modell und Annahmen u¨ber wichtige Faktoren, wie beispielsweise die Risikoaversion der Steuerzahler, abh¨angen. W¨ahrend in den Modell von Scotchmer (1989), Scotchmer und Slemrod (1989), Alm (1988) und Beck und Jung (1989) unter bestimmten Voraussetzungen Unsicherheit zu h¨oheren Steuerzahlungen und damit Mehreinnahmen fu¨r den Staat fu¨hrt, zeigt Krau- se (2000), dass der Staat bei einem komplexen Steuersystem Schwierigkeiten hat illegale Steuerhinterziehung aufzudecken und deshalb eher bei Vereinfachungen oder klarstellenden Informationen Mehreinnahmen generiert.

Folgt man der Erkenntnis der Mehrheit der genannten Studien, dass durch h¨ohere Steuerkomplexit¨at Steuerehrlichkeit gesteigert werden kann, so lautet die steuerpolitische Konsequenz fu¨r einen rationalen Staat, das Steuersystem zunehmend komplizierter zu ge- stalten, um die Steuerzahler zur Deklaration h¨oherer Einkommen zu bewegen. Bei steigen- der Komplexit¨at kommt es jedoch zu gegenl¨aufigen Effekten, die sich allerdings nicht im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie erkl¨aren lassen, weswegen im folgenden Abschnitt die Analyse auf Erkenntnisse der Verhaltens¨okonomie und Steuerpsychologie ausgedehnt wird.

3.3 Verhaltens¨okonomische und steuerpsychologische Erweite-rungendes Modellrahmens

In den bislang vorgestellten Modellen dominiert das Bild eines opportunistischen Steuer- zahlers, der auch auf rechtswidrige Mittel zuru¨ckgreift um seinen Nutzen zu maximieren und nur unter der Androhung von Sanktionen und strikten Kontrollen zu ehrlichem Ver- halten bereit ist. In diesem Kapitel wird diese verku¨rzte Betrachtungsweise um die Begriffe der Steuermoral und der Fairness erweitert (vgl. Andreoni et al., 1998, S. 850). Steuer-moral beschreibt die intrinsische Motivation eines Bu¨rgers als Teil der Gesellschaft auch ohne Zwangsmaßnahmen freiwillig Steuern zu entrichten und wurde lang Zeit lediglich als exogene Erkl¨arung des Steuerzahlerr¨atsels und somit als Residuum fu¨r nicht zu erkl¨arende Steuerehrlichkeit genutzt (vgl. Feld und Frey, 2002, S. 88f.). Dem Theorieansatz von Feld und Frey (2002, S. 89) folgend, basiert Steuermoral auf einer Beziehung zwischen Staat und Steuerzahler und der Existenz eines impliziten psychologischen Vertrages. Wie bei jeder vertraglichen Beziehung ergeben sich auch bei einem psychologischen Vertrag Rechte und Pflichten fu¨r beide Vertragsparteien. Beispielsweise erwartet der Steuerpflichtige eine Ge- genleistung fu¨r ehrliche Steuerzahlungen und somit gewinnt die Frage, ob der Staat mit Hil- fe der Steuereinnahmen eine ausreichende Bereitstellung ¨offentlicher Gu¨ter gew¨ahrleistet, an Bedeutung (vgl. Feld und Frey, 2007, S. 104). Mit der Beru¨cksichtigung ¨offentlicher Gu¨ter entstehen zudem Interdependenzen zwischen den Steuerzahlungsentscheidungen der einzelnen Bu¨rger und schon allein deswegen eine Abweichung von den Aussagen des Grund- modells in Kapitel 3.1, das die Deklarationsentscheidung eines Steuerpflichtigen ohne In- terdependenzen oder staatliche Gegenleistungen erkl¨art (vgl. Alm et al., 1992a, S. 1019). Daneben sind aber auch der politische Prozess, der zu den Steuergesetzen fu¨hrt und die Partizipationsm¨oglichkeiten, sowie das Verhalten der Finanzbeh¨orden gegenu¨ber dem Steu- erzahler, sprich ob man sich auf einer partnerschaftlichen oder hierarchischen Ebene begeg- net, fu¨r eine funktionierende Vertragsbeziehung von Bedeutung (vgl. Feld und Frey, 2007, S. 104). Alm und Martinez-Vazquez (2003) sprechen in diesem Zusammenhang von einem Service Paradigma“ , wonach die Finanzbeh¨orden, die als Dienstleister agieren und die ” Erfu¨llung der Steuerpflichten erleichtern, zu einer h¨oheren Steuermoral und damit zu einer h¨oheren freiwilligen Steuerehrlichkeit beitragen. Da Steuerkomplexit¨at im Allgemeinen den Besteuerungsprozess erschwert, ist ein negativer Effekt auf die Steuermoral denkbar. Allerdings kann ein komplexes Steuersystem, um beispielsweise die Umsetzung des ver- fassungsrechtlich gebotenen Leistungsf¨ahigkeitsprinzips zu erm¨oglichen, das Ergebnis eines offenen und von Mitsprache gepr¨agten politischen Prozesses ist, durchaus auch mit einer St¨arkung der Steuermoral verbunden sein.

Eine ¨ahnliche Idee, wie die des psychologischen Vertrages, der zur Aufrechterhaltung sowohl einen U¨ berwachungsmechanismus als auch Loyalit¨at und eine emotionale Verbun- denheit ben¨otigt, entwickelten Kirchler et al. (2008) mit ihrem ” Das Modell geht davon aus, dass es zwei Arten von Steuerehrlichkeit gibt und zwar erzwun- gene und freiwillige. Erstere wird dabei durch Kontroll- und Sanktionsmechanismen und letztere durch gest¨arktes Vertrauen in die gemeinwohlorientierte Arbeit der Steuerbeh¨orden bewirkt (vgl. Kirchler et al., 2008, S. 212). Kirchler et al. (2008, S. 217) argumentieren, dass durch eine niedrige Steuerkomplexit¨at das Vertrauen in die Institutionen gest¨arkt werden kann, was wiederum zu einer h¨oheren freiwilligen Steuerehrlichkeit fu¨hrt.

Die zweite verhaltenswissenschaftliche Erweiterung der Theorie zum Zusammenhang zwischen Steuerehrlichkeit und Steuerkomplexit¨at betrifft die wahrgenommene Gerechtigkeit eines Steuersystems. Theoretisch begru¨nden lassen sich sowohl ein positiver, wie auch ein negativer Zusammenhang (vgl. Cuccia und Carnes, 2001, S. 115). Einerseits fu¨hrt ein komplexeres Steuersystem, im Sinne einer detaillierten Gesetzesgrundlage, zu einer besse- ren Abbildung der wahren Leistungsf¨ahigkeit eines Steuerpflichtigen und erh¨oht somit die Gerechtigkeit der Besteuerung. Andererseits ergeben sich aus komplexeren Rechtsnormen h¨ohere Verwaltungs- und Erfu¨llungskosten fu¨r Beh¨orden und Steuerpflichtige. In manchen F¨allen k¨onnen die Kosten, deren Verteilung und daraus resultierende Ineffizienz zu Wohl- fahrtsverlusten fu¨hren und die Gerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft negativ beeinflus- sen (vgl. Kaplow, 1996, S. 138).

[...]


1 Zur Definition und Messung des Ausmaßes des Wohlfahrtsverlustes durch Steuervermeidung am Bei- spiel der USA siehe Feldstein (1999).

2 Entsprechend der Verwendung in der englischsprachigen Literatur bildet Unsicherheit“ (engl. uncer- tainty) den Oberbegriff fu¨r Risiko“ (engl. risk) und Ungewissheit“ (engl. ” y). Bei einer Entschei-” ” ambiguit dung unter Risiko sind die Eintrittswahrscheinlichkeiten der m¨oglichen Zust¨ande bekannt, w¨ahrend bei einer Entscheidung unter Ungewissheit nur die m¨oglichen Zust¨ande, aber nicht die objektiven Eintritts- wahrscheinlichkeiten vorliegen (vgl. Camerer und Weber, 1992, S. 326).

3 Das hier vorgestellte Grundmodell folgt den Ausfu¨hrungen von (Alm et al., 1992a, S.1019), wonach die Strafe auf die hinterzogene Steuerschuld berechnet wird und nicht wie bei Allingham und Sandmo auf das hinterzogene Einkommen (vgl. Allingham und Sandmo, 1972, S. 324f.). (Yitzhaki, 1974, S. 201f.) konnte zeigen, dass bei einer Strafe auf die hinterzogene Steuerschuld ein h¨oherer Steuersatz zu mehr Steuerehr- lichkeit fu¨hrt, w¨ahrend die Richtung des Effekts eines h¨oheren Steuersatzes im Modell von Allingham und Sandmo von der absoluten Risikoaversion abh¨angt.

4 Slemrod verweist darauf, dass in den USA weniger als 1 Prozent der Einkommensteuerbescheide von Privatpersonen gepru¨ft werden und die Strafe sich im Durchschnitt auf lediglich 10 Prozent des hinterzo- genen Einkommens bel¨auft (vgl. Slemrod, 2010, S. 22).

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Details

Titel
Analyse der Zusammenhänge zwischen Steuerkomplexität und Steuerehrlichkeit
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Ökonomisches Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V491460
ISBN (eBook)
9783668981744
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Steuerehrlichkeit, Steuerkomplexität, Finanzwissenschaft, Experimentelle Ökonomie
Arbeit zitieren
Sebastian Holzmann (Autor), 2012, Analyse der Zusammenhänge zwischen Steuerkomplexität und Steuerehrlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491460

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