Grenzen und Möglichkeiten kybernetisch-philosophischer Betrachtungen im Spannungsverhältnis Mensch – Technologie

Am Beispiel von Stanislaw Lem


Bachelorarbeit, 2012
24 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II) Hauptteil

1. Kybernetik
1.1 Kybernetik und Kommunikation
1.2 Nachricht und Information

2. Die Schwierigkeiten mit der Information
2.1 Information
2.2 Zur Information und ihrem Wert

3. Kybernetische Ausfuhrungen zur biologischen Evolution
3.1 Ruckkoppelung
3.2 Biologische und Technologische Evolution im Vergleich
3.2.1 Ruckkoppelung in der biologischen Evolution
3.3 Biologische und Technologische Evolution - Ahnlichkeiten
3.4 Biologische und Technologische Evolution - Unterschiede

4. Moral zwischen Mensch und Technik

5. Kybernetische Realisierungsmoglichkeiten
5.1 „Ultrastabiler Homoostat“
5.2 Die Blackbox

III) Resumee

IV) Literaturverzeichnis

I) Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschaftigt sich, ausgehend von den zunehmenden technologischen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten, mit der Frage nach ihrer Bedeutung fur den Menschen. Der Fortschritt der Technik hat uber Jahrhunderte hinweg, ausgehend von einfachen Hilfsmitteln wie zum Beispiel Werkzeuge zur Nahrungsbeschaffung bis hin zur Entwicklung biotechnischer Korperteile, zu gewaltigen Veranderungen unseres menschlichen Daseins beigetragen. Die Geschichte hat uns allerdings gezeigt, dass die Technik immer ein zweischneidiges Schwert ist, denn die Moglichkeiten, die uns die der technische Fortschritt beschert, konnen -genauso wie sie uns nutzen- auch gegen uns selbst gerichtet werden. - Der Fortschritt ermoglicht uns die Freiheit neue Wege einzuschlagen, welches Ziel wir allerdings damit erreichen, lasst sich nicht voraussagen.

Die Kybernetik als Metaphysik der Philosophie soll in den folgenden Ausfuhrungen den Ansatz darstellen, von dem aus die Grenzen und Moglichkeiten des menschlichen Fortschrittsstrebens problematisiert werden. Das erste Kapitel beschaftigt sich mit den grundsatzlichen Betrachtungsweisen der Kybernetik und in seinen weiteren Ausfuhrungen mit der Bedeutung der Kommunikation fur unsere Gesellschaft.

Der Fortschritt der Informationstechnologien, wie beispielsweise dem Internet, hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. Inwiefern Information fur unsere kybernetisch- philosophischen Betrachtungen von Bedeutung ist und welche Problematiken sich dadurch ergeben, soll hier dargestellt werden. Ausgehend von der Tatsache, dass es in der heutigen Zeit durch die weltweite Vernetzung und die sich daraus ergebende Verbreitung der Information durch das Internet zu einer Veranderung ihres Wertes kommt, soll die Problematisierung der Information als Wert diskutiert werden.

Die Kybernetik untersucht Phanomene hinsichtlich der Anordnung ihrer Elemente und stellt sie in Beziehung zu ahnlichen Schemata. Anhand von Stanislaw Lems Darstellungen werden im dritten Kapitel die Biologische Evolution und die Technische Evolution mit Blick auf ihre Ordnungsbeziehungen gegenubergestellt. Anhand der evolutionaren Entwicklungen und Auspragungen werden verschiedene Unterschiede und Ahnlichkeiten diskutiert, die sich sowohl in der biologischen, als auch der technischen Evolution finden lassen. Die Moglichkeiten und Grenzen dieser Anschauung werden im darauf folgenden Kapitel, der Moral, problematisiert.

Da sich die Kybernetik als Wissenschaft versteht, die Phanomene in ihrer Gesamtheit untersucht, werden im Kapitel zu den Realisierungsmoglichkeiten verschiedene Versuche dargestellt, die Kybernetik aufgrund ihres Regelungscharakters als ubergeordnete Instanz einzusetzen. Welche Moglichkeiten und Grenzen liegen in den kybernetischen Betrachtungen unserer Gesellschaft? Werden durch die Vergleiche ahnlicher Prozesse, Strukturen deutlich, mit deren Hilfe wir Antworten auf die Probleme der Gesellschaft finden?

Die Idee des Einsatzes eines Automaten, der die Gesellschaft hinsichtlich ihres homoostatischen Gleichgewichts zu beeinflussen versucht, ist womoglich weniger abstrakt, als es sich im ersten Moment darstellt. Im Kapitel funf werden die dahinterliegenden Strukturen, fallweise im Vergleich mit den Prozessen der Natur behandelt.

Das Kapitel zur Blackbox nimmt den Bereich des Ubergeordneten, Unbestimmbaren in die Uberlegungen auf. Die Unbestimmbarkeit unseres Bewusstseins und die Unmoglichkeit der genauen Wahrnehmung der Vorgange in unserem Gehirn bilden den Ansatz von dem bei der Darstellung der Blackbox ausgegangen wird. Somit werden an dieser Stelle Phanomene thematisiert, die sich auBerhalb unserer derzeitigen technischen Verwirklichungsmoglichkeiten befinden. Gerade aber bei visionaren Denkversuchen, wie dem Phanomen der Blackbox, wird die Art und Weise der kybernetischen Beobachtungsweise deutlich.

1. Kybernetik

Die Kybernetik ist eine relativ junge Disziplin, die von Norbert Wiener Mitte des 20. Jahrhunderts begrundet wurde. Norbert Wiener (1952) beschaftigte sich mit den Problemen der Nachrichtentechnik und gleichzeitig mit dem Entwurf von Maschinen die das menschliche Verhalten nachahmen und dadurch einen anderen Blick auf das Wesen des Menschen zulassen (ebd., 13). Trotz oder vielleicht gerade wegen seines Wissens um das rasante Wachstum technischer Entwicklungen problematisiert er die Gefahr einer egoistischen Ausbeutung der Technik durch den Menschen. Seine Forderung, dass sich jegliche technische Entwicklung immer am Wohle des Menschen zu orientieren habe, postuliert er in seinem Buch „Mensch und Menschmaschine“ mit der These: „Die menschenwurdige Verwendung des Menschen“ (ebd., 14).

Eine kybernetische Betrachtungsweise die Welt zu sehen, ist nach Wiener (1952) die Welt als ein Schema zu verstehen. Ein Schema wird charakterisiert durch eine bestimmte Anordnung seiner Elemente (ebd., 15). Diese Elemente eines Schemas stehen in einer bestimmten Beziehung zueinander. Die Kybernetik beschaftigt sich mit der Untersuchung dieser Anordnungen und seiner Regelungsmechanismen.

Werden bestimmte Schemata miteinander in Beziehung gebracht, kann sich herausstellen, dass sich die Anordnungen, also die Ordnungsbeziehung ihrer Glieder gleicht. Nach Wiener (a.a.O.) stellt zum Beispiel der Vorgang des Zahlens einen einfachen Fall von eindeutiger Zuordnung dar: Hat man funf Apfel und funf Munzen, kann man jedem Apfel eine Munze zuordnen, somit entspricht jeder Apfel einer Munze, und jede Munze nur einem Apfel. (a.a.O.)

Im angefuhrten Beispiel werden die Apfel und die Munzen als Schemata begriffen, die in ihrer Ordnung einander entsprechen. An diesem Beispiel soll eine grundsatzliche Betrachtungsweise der Kybernetik deutlich gemacht werden, bevor nun die Nachricht als Schema dargestellt wird. Die Nachricht ist ein sehr spezieller Schematyp und unterscheidet sich von einfachen Schemata hinsichtlich ihrer Fahigkeit Information von einem Punkt zu einem anderen, oder auch von einem Individuum zum anderen, zu ubertragen (Wiener 1952, 16).

1.1 Kybernetik und Kommunikation

Wiener (1952) geht davon aus, dass das bedeutendste Charakteristikum des menschlichen Lebens, im Vergleich zu anderen Lebewesen, die Notwendigkeit der Kommunikation ist. (ebd., 15) Der Mensch als Lebewesen ist also notwendigerweise auf die Kommunikation mit seinen Artgenossen angewiesen.

Das Menschenkind kommt auf die Welt und muss moglichst schnell lernen, sich mit den Kommunikationsschemata seiner Umgebung vertraut zu machen. Es lernt nicht nur mit seinen Sinnen die Welt aufzunehmen, sondern lernt im Regelfall recht schnell, dass es verschiedene Kommunikationsmoglichkeiten gibt, die die menschliche und vor allem auch individuelle und personliche Entwicklung durch ihren Informationsgehalt beeinflussen. Die Notwendigkeit der Kommunikation und vor allem die Angewiesenheit des Menschen auf die Notwendigkeit Kommunikation zu betreiben ergibt sich nach Wiener (a.a.O.) also schon aus unseren evolutionaren Gegebenheiten.

Somit ist festzuhalten, dass die Notwendigkeit der Kommunikation also ein bedeutendes Charakteristikum der menschlichen Lebensform darstellt. Auch wenn sich soziale Gesellschaften hinsichtlich ihrer Kommunikationsschemata stark unterscheiden konnen, ist die menschliche Gesellschaft, so Wiener (1952) auf die Lern- und Anpassungsfahigkeit des Menschen aufgebaut. (ebd., 63)

Trotz unserer demokratischen Gesellschaftsform sind immer wieder problematische Tendenzen zu beobachten, die Mitglieder der Gesellschaft in ihrer Veranderbarkeit und ihren Entwicklungsmoglichkeiten einschranken. Die wirtschaftlichen Entwicklungen konnen solche Einschrankung darstellen. Die von der Wirtschaft oft angestrebte Ordnung, um zu einem durchorganisierten und somit kontrollierbaren Zustand zu gelangen, soll durch vorbestimmte Funktionen der Mitglieder der Gesellschaft ermoglicht werden. Wiener (1952) stellt dies am Beispiel des Ameisenstaates dar. Der Ameisenstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er einer bestimmten festen hierarchischen Ordnung folgt und den Mitgliedern der Gesellschaft bestimmte Funktionen zuweist (ebd., 56).

Die Verdammung des Menschen zur Erfullung einer bestimmten Funktion oder eines bestimmten Zweckes, schrankt nach Wiener (1952) nicht nur die Veranderbarkeit und Anpassungsfahigkeit ein, sondern stellt eine grundlegende Herabwurdigung der wahren Natur des Menschen dar. - Noch deutlicher wird es, geht man vom wirtschaftlichen Standpunkt aus: Die Verzweckung des Menschen stellt dabei eine Verschwendung der groBten und menschlichen Werte dar, die der Mensch besitzt. (ebd., 57)

Im vorangehenden Kapitel sollte deutlich geworden sein, welchen Stellenwert der Kommunikation und folglich der notwendigen Entwicklungsmoglichkeit des Menschen zugeschrieben werden muss. Die kybernetische Darstellung der Ruckkoppelung die Wiener (1952) formulierte umfasst diese in ihrer einfachen Form, welche besagt, dass die einfache Ruckmeldung nur als Angabe fur das System und seiner Regelung gebraucht wird, und etwas komplizierter dann in der Form, die wir als das menschliche Lernen bezeichnen. Beim Lernen, vermag die vom Ergebnis ruckgemeldete Information die allgemeine Methode und das Schema der Ausfuhrungen zu andern. (ebd., 65) Auf das Phanomen der Ruckkoppelung wird im Kapitel 2.1 nochmals genau eingegangen.

1.2 Nachricht und Information

Nach Wiener (1952) wird eine Nachricht aber erst dann zu einer Nachricht im Sinne einer Informationsubermittlung mit sinnhaftem Betrag, wenn es sich bei ihrem Inhalt nicht nur um zufallig gereihte Symbole oder Zeichen handelt, sondern diese Punkte und Striche einer bestimmten RegelmaBigkeit folgen (ebd., 16). Daraus lasst sich folgern, dass eine Information erst dann ihren Betrag entfalten kann, wenn sie als MaB der RegelmaBigkeit in einem Schema gesehen wird. Das Schema und der Informationsbetrag stehen somit in einem sich bedingendem Verhaltnis. Die Zeichen und Symbole einer Nachricht in einem zufalligen oder regellosen Schema konnen somit nicht als Information bezeichnet werden. Demzufolge wird nach Wiener (1952) die Regelhaftigkeit eines Schemas zu einer Bedingung der Informationsubermittlung (ebd., 18).

Die RegelmaBigkeit in einem Schema ist allerdings nicht so haufig zu beobachten wie die UnregelmaBigkeit, deren MaB als Entropie bezeichnet wird (a.a.O.). Dem MaB der Entropie gegenubergestellt, ist die Information das MaB der Ordnung (Lem 19801957 ), 60). Um dieses Gesetz zu verdeutlichen fuhrt Wiener (1952) das Beispiel eines Telefongespraches an: Bei einem Telefongesprach, das von Storgerauschen unterbrochen wird, verliert die Nachricht an Information. Der Gesprachspartner kann sich vielleicht aus dem Inhalt des Gespraches die notwendigen Erganzungen zusammenreimen, aber die Teile der ursprunglichen Information, sind verloren gegangen. (ebd., 19)

Dieses Verlorengehen der Information folgt dem Gesetz der Entropie. Nach Lem (19801957 ) handelt es sich dabei um Phanomene die in von auBeren Einflussen abgeschnittenen Systemen passieren. Man stelle sich eine Gebirgskette vor, die uber Jahrtausende hinweg durch Erosionen zerbrockelt. Durch die Zersetzung des Gesteins wird die Zunahme der Desorganisation, also eine Zunahme der UnregelmaBigkeit deutlich. Die selbststandige Wiederherstellung des Gesteines ist ganzlich unmoglich (ebd., 62). Das Gesetz der Entropie besagt also, dass die Ordnung in einem geschlossenen System nur abnehmen aber niemals zunehmen kann, wobei die Zunahme der Unordnung wahrscheinlich ist.

2. Die Schwierigkeiten mit der Information

Nachdem im vorigen Kapitel das Phanomen der Nachricht in einem System dargestellt wurde, soll im folgenden Kapitel die Rolle der Information beleuchtet werden.

2.1 Information

Als Information wird von Lem (19811964, 224) ein materielles Phanomen verstanden, welches sich weder als Materie noch Energie handhaben lasst. Nimmt man ein Buch als Beispiel, stellt es zunachst einmal einen physischen Gegenstand dar, dessen Existenz unbestreitbar ist. Etwas anders verhalt es sich mit dem Inhalt des Buches. Eine Information, wie zum Beispiel ein Buch, setzt sich aus vielen Teilchen der Information zusammen. Die Symbole aus denen ein Buch besteht, machen die Existenz der Information aus. Wobei die Existenz der Information nicht nur von ihrer Gegenständlichkeit abhängig ist, sondern viel wichtiger, von einem Adressaten der sie versteht. (a.a.O.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Grenzen und Möglichkeiten kybernetisch-philosophischer Betrachtungen im Spannungsverhältnis Mensch – Technologie
Untertitel
Am Beispiel von Stanislaw Lem
Hochschule
Universität Wien  (Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Mensch und Welt: natürliche und kulturelle Grundlagen der individuellen Entwicklung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V491476
ISBN (eBook)
9783668975378
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kybernetik, Lem, Mensch und Welt, Kybernik und Philosophie, Mensch und Technologie
Arbeit zitieren
Sabine Jurecek (Autor), 2012, Grenzen und Möglichkeiten kybernetisch-philosophischer Betrachtungen im Spannungsverhältnis Mensch – Technologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491476

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