Hegels Herrschaft und Knechtschaft


Essay, 2015
7 Seiten, Note: keine Note

Leseprobe

Hegels Herrschaft & Knechtschaft: Essay

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“- Dieses Zitat von Johann Wolfgang Goethe wird oftmals dazu verwendet, um sich unüberlegt an gewisse Alltagsprobleme anzupassen. Man könne fast behaupten, es handle sich dabei um eine Hinnahme von quasi unabdingbaren Geschehnissen, welche nun auf gewisse Akzeptanz treffen. Es erinnert ein somit an eine bestimmte Moralphilosophie, das Gute im Schlechten, das Positive im Negativen. Auch wenn diese Worte durchaus anwendbar und hoffnungsvoll klingen können, geben sie doch viel eher eine Überleitung an die doch wohl unethischen Themen des deutschen Dichter- und Denkertums. Was ist wohl der moralische Aspekt, den diese Worte vermitteln, an Themen menschlicher Destruktivität? Die Erläuterung des bildlichen Anfangs und des grausamen Endes menschlicher Existenz? Jene Themen, welche den allgemeinen Volksmund nur in eine 3- sekündige Denkphase versetzen, stellten für den Logiker Georg Hegel einen nicht unwesentlichen Bestandteil seines Lebens dar. In dem folgenden Essay werde ich die Punkte darstellen, welche mich persönlich an der Denk- und Schreibweise Hegels fasziniert haben. Meine jeglichen Schlussfolgerungen sind reine Interpretationen seiner Schriften. Um seiner Gerecht zu werden, müsste man das Zitat seines hochgeschätzten Freundes Goethe etwas umformulieren: „Räume die Steine weg, die dir im Weg legen und erlange ein höheres Verwirklichungspotenzial.“ – Auch wenn diese Worte nicht mehr allzu blumig erklingen, stellen sie jedoch die Grundlage für nahezu alle Themen des menschlichen Handels dar. Denn Handeln, schöpferisches tätig sein oder auch einfach die reine Existenz bedarf einer gewissen Kraft, quasi einem Drang. Hegel geht hierbei von der beweglichen Materie aus, welche nach Selbstständigkeit strebt. Hegel geht hierbei nicht auf ontologische Gedanken ein, er missachtet sozusagen jegliche naturwissenschaftliche Erkenntnis und baut ein Schema aus reiner geistiger und mathematischer Abfolge auf. Wenn Kraft einer bestimmten Potenz entspringt und in einem unendlichen Prozess endet, bedarf es einer materiellen Gebundenheit von dieser Begrifflichkeit. Einige logische Schritte Hegels auslassend, ziehe ich die Schlussfolgerung eines menschlichen Individuums, welches Fortschritt durch ein unmittelbares Bewusstsein als Anerkennung im Anderen Gleichgestellten sieht. Da das Bewusstsein „sich selbst das Wahre“ (Hegel, S.185) ist, ist ein Selbstbewusstsein, nur „ein Anerkanntes“ (Hegel, S. 198) an und für sich. Anhand dieser Logik, kann man die deutliche Stellung zu Hegels Menschenbild erkennen. Dadurch, dass beide Selbstbewusstseine um die Freiheit ringen – da die geistigen Kräfte in ihnen irdisch und materiell geworden sind – müssen beide eine Art Wettstreit durchführen. Ich denke, Hegel reduziert diese Handlungen nicht nur auf ein. „Ich mache, also bin Ich“, sondern ich kennzeichnet deutlich – ohne ihm eine gewisse Ethik zu unterstellen – die menschliche Destruktivität. Eine wichtige Erkenntnis, welche Hegel deutlich hervorhebt, sind die Unterschiede zwischen zwei Kräften, welche als Individuen wirken (vgl. Hegel, S. 200). Natürlich kann hier auch kritisieren, dass jene Potenz, welche die Kräfte erzeugt, nur auf theologische Aspekte zurückzuführen sind, jedoch muss man dazu sagen, dass einst die Religionen eine ähnliche Hegemonie des Glaubens haben, so wie es heute die Naturwissenschaften sind. Wichtig ist, dass Hegel hierbei Gedankengänge einbringt, welche Naturwissenschaften nicht erfassen können. Besonders interessant ist dabei eben dieser erwähnte Ursprung des menschlichen Handelns, aufgrund von dem Drang nach dem verdoppelten Selbstbewusstsein. So kann man also davon ausgehen, dass der Mensch nicht unbedingt ein Individuum ist, was sich als aufopferungsvoll und gutmütig erweist. Nach Hegel seinen Ansichten, schließe ich daraus, dass Menschen diesen Drang besitzen müssen, Träger anderer Materie zu sein, welche ebenfalls gleichgesinnt, aber nie gleichgestellt sein können. Wäre alles gleichgestellt, könnte das Potenzial nicht seine Freiheit ausweiten, denn es muss durch ein anderes anerkannt werden. Sollte nun einer dieser beiden Pole (ausgehend in menschlichen Individuen) gewinnen, dann müsse es an einem nicht mehr eingrenzbar sein. Das definitive Ende des Potenzials. In diesem Falle, lasse sich nur der menschliche Tod erläutern. Jedoch würde das in logischer Abfolge Hegels nicht funktionieren. Da man den Ursprung dieses Potenzials nicht definieren kann, ließe sich auch kein Ende in diesem Schema einfallen. Das Potenzial muss erhalten bleiben – auch in menschlicher Form. An dieser Stelle bringt Hegel den Aspekt von Herrschaft und Knechtschaft ein. Aufgrund dessen, das Hegel hierbei nicht außer Acht lässt, dass der historische Fortschritt ebenfalls noch nicht endlich war, ließe sich auch kein Ende des Potenzials erkennen. Um auf Goethes Zitat zurückzukommen, kann man nun behaupten, dass das regelmäßige anheben und bauen des Steines, welches zunächst mühsam und zwingend erscheint, der Ursprung für unseren gesamten menschlichen Fortschritt ist. Um das auf Hegels Logik zu übertragen, handle es sich dabei nur nicht um gewöhnliche Steine, sondern um menschliche Individuen, welche immer wieder auf neue gleichgesinnte Potenziale treffen. Dieser Fortschritt, welcher ebenfalls – und in diesem Fall auch etwas paradox – den naturwissenschaftlichen Fortschritt beinhaltet, verlangt als das Bestehen von Herr und Knecht. Dem irdischen Genießer und dem morallosen Knecht. Dieser Kampf, die anthropologische Unterteilung in zwei Parteien, lässt auf zahlreiche historische Gegebenheiten schließen. Anhand dieser Theorie entwickelte Marx einst seinen historischen Materialismus, welcher einer links-hegelianischen Entstehung von Ökonomie gleicht: Nur durch das Vorhanden sein von einem gepeinigten Knecht, welcher die Welt nach seinen Vorstellungen formen muss, jedoch aber nicht in diesen Genuss kommt, kann menschlicher Fortschritt aus der Natur eine humane Natur schaffen (vgl. Fetscher, S. 13). Marx seine Unterteilung in das arbeitende Proletariat und die besitzende Bourgeoisie stellt somit die Arbeitsverhältnisse in dem Zeitalter der Industrialisierung dar, womit er indirekt Hegels Logik an jene Zeitepoche fesselt. Knechtschaft habe sich so aus den materiellen Ketten der Sklaverei gelöst und geriet in eine ökonomische Entfremdung von der Urökonomie. Etwas amüsant empfinde ich es hierbei, wenn Polemiker heutzutage Marxens Ideen auf die Postmoderne übertragen wollen, jedoch dabei außer Acht lassen, dass dessen Inspiration (ohne Unterstellung) Hegel darstellte. Würde man seine Idee des Natur schaffenden Knechts und Fortschritt bringenden Individuums auf die neue Polemik übertragen, welche eben größtenteils auf Marxens Gedanken beruht, dann müsse der Existenzeigentümer der Herr und der Angestellte der Natur und Fortschritt schaffende Knecht sein. Jener Vergleich würde meiner Ansicht nach hinken. Was wesentlich interessanter ist, ist der Konstellation des Knechtes im Gesamtbild zu dem Herrn. Obwohl jener die Umwelt nach seinen Vorstellungen bearbeiten kann, ist es jedoch letzten Endes der Herr, welcher seine Welt durch die Befehle geschaffen hat. Der Herr ist laut Hegels Deutung nicht bewusst frei, da der Widerstand fehlt. Jener entsteht nur, bei dem Anerkennen durch den Gleichwertigen. Der Herr sehe also, wie die Welt durch seine Befehle gestaltet werden, kann aber nicht bewusst frei sein, da die gesamte Anerkennung erneut fehlt. Es fehlt sozusagen der Stein im Weg, welchen er erneut aufheben muss, um an sich zu wachsen. Dieses grobe Konzept kann durch den Freiraum in Relationen natürlich viel Interpretationsspielraum bieten, deshalb gehe ich nun auf die Relativität der Herr-Knecht-Konstellation ein. Was besonders hervorsticht ist, dass der Knecht dabei – wie es Marx ja erläuterte – zu einem Herren aufsteigt, indem er an dem Bewusstsein wächst und sich seiner Bedeutung klar wird (Bei Hegel geht dies alles von der geringen Potenz aus) (vgl. Fetscher, S. 69). Es käme zum besagten Kampf um Leben und Tod, wobei der Knecht den Herrn stürze und selber Herr werde. Aus dieser Tatsache entstehe auch der historische Materialismus. Ein neuer Herr entsteht aus dem siegenden Knecht. Dies führt zu einer neuen Herr-Knecht-Konstellation, welche den menschlich historischen Fortschritt kennzeichnet. Kojève behauptet, der ökonomische Knecht gestaltet seine Umwelt und schaffe somit die maßgebliche Grundlage für die nächste Veränderung. Diese ökonomische Knechtschaft führte also zu mannigfaltigen wissenschaftlichen Errungenschaften und zu Fortschritt. Jedoch ist es sehr schwer diesen ‚ökonomischen Knecht‘ konkret einzugrenzen. Auch wenn man sinnbildlich die Vorstellung eines hart arbeitenden Pyramidensklaven oder Feldbauern hat, deuten einige Etappen auf andere Knechtschaften hin. Ich persönlich denke dabei viel eher an die Geschehnisse während des 2. Weltkrieges, welcher ja für das Hervorbringen zahlreicher Medikamente und Wissenschaften bekannt ist. In der rein abstrakten, unvoreingenommenen und distanzierten Vorstellung, hinter einem ideologischen Krieg verberge sich ein Ökonomischer; wie Marx sagen würde, zur Optimierung der Bedürfnisbefriedigung. Nun kann an die Experimente in KZ-Lagern denken, welche Erkenntnisse heutzutage noch verwendet werden und den derzeit historischen Wandel deutlich kennzeichnen, die Menschenpopulation bestimmt und politische Grenzen kennzeichnet. Wo lässt es sich an dieser Stelle mit der hegelschen Logik argumentieren? Bei den ideologischen KZ-Forschern und den Insassen? Bei politischen Kontrahenten? Letztere würde Kojève nicht für diese Taten verantworten, denn seiner Auffassung nach, geschehe im Kriege lediglich ein repetierender Antagonismus, welcher keinen Fortschritt erziele (vgl. Fetscher, S. 70). Man sieht also, wie extrem verknüpft diese beiden Aspekte vom linken und rechten Hegelianismus sind. Kann man nun wirklich sagen, dass die historischen Herren, welche zweifelsohne Anerkennung in dem jeweils gegenübergestellten Kontrahenten suchten, nicht dazu beitrugen, dass unser wissenschaftlicher Fortschritt an diesem Punkt ist? Es scheint mir durchaus nachvollziehbar, dass eine neue Potenz die ältere Übersteigt und den Fortschritt antreibt, aber inwiefern lässt sich diese Potenz für die Zukunft erfassen? Mir persönlich erscheint es immer klarer, dass Hegels Ansichten, verdeutlicht durch Fetschers Interpretationen, nicht auf einzelne Menschen und Herren übertragbar sein können. Besonders deutlich erläutert dies Fetscher mit dem Herrenstaat, welcher nur das Aufopfern des Menschen an sich anerkennt (vgl. Fetscher S. 79). Menschen muss man also, wenn man Hegel seine Gedanken auf das Wahrnehmbare reduzieren will, lediglich als Träger von etwas theologischem Betrachten. Es bedarf einen enormen Grad an Selbstabstraktion und dem hinterfragen der Moral. Eventuell kann man sogar behaupten, dass jegliche epochale Gegebenheiten vorbestimmt sein müssen. Menschliche Wesen dienen also abstrakter weise nur dem Erschaffen einer menschlichen Natur, welche wiederum nur durch den Menschen verändert werden kann. Das Wegdenken jeglicher, ist wahre Herausforderung, um Hegel seine Intention zu erkennen. Es mag auf den ersten Blick so scheinen, also würde Hegel der Auffassung sein, dass nicht alle Menschen gleich sind und Hierarchie von daher eine rein logische Abfolge ist. Aber es ist noch viel mehr als das. Ich schlussfolgere aus Hegels Worten, dass vielmehr der Mensch für sich keine besondere Bedeutung hat. Er kann nur durch ein anderes Bewusstsein anerkannt werden und nur dadurch ist gesellschaftliches Leben möglich, auch wenn es fern von scheinbarer oder wahrnehmbarer Herrschaft und Knechtschaft in Hegels Sinne existiert. Eventuell muss man sogar nicht nur an kriegerische Aspekte des Fortschrittes und der Dialektik denken. Man kann seinen Interpretationen dennoch etwas Positives – auch wenn dies paradox erscheint – entnehmen. Wenn es die Furcht vor dem Tod sei, welche den Knecht zum Schaffen einer menschlichen Natur antreibt, ist es gleichzeitig ein Drang zum Überleben, ein unauslöschbares Verwirklichungspotenzial. Ohne Herrschaft und Knechtschaft gibt es kein Wachsen und keine Herausforderungen. Alle derzeitigen Probleme, sind der menschlichen Natur entsprungen. Das menschliche Kämpfen der Kräfte erzeugt mehr Kraft. Wenn wir einen Blick auf jene Steine werfen, welche aus dem Weg geräumt werden, müssen wir uns fragen, woher wir diese Kraft in nächste Zeit aufwenden werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Hegels Herrschaft und Knechtschaft
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für theoretische Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die theoretische Philosophie
Note
keine Note
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V491484
ISBN (eBook)
9783668969315
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Hegelismus, Dialektik, Marx, Kojeve
Arbeit zitieren
Florian Gartenschläger (Autor), 2015, Hegels Herrschaft und Knechtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491484

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