Im Folgenden soll genauer untersucht werden, wie der Philosoph Theodor W. Adorno den objektiven Wahrheitsanspruch der Kunstwerke begründet. Adorno verfolgt in seiner nach seinem Tod veröffentlichten und Fragment gebliebenen Ästhetischen Theorie eine gänzlich anderes Programm, das einem ästhetischen Relativismus nicht das Wort redet. Auch aufgrund seiner »weniger argumentierend herleitende[n] als konstatierende[n], in hohem Grade sentenzenhafte[n] Darstellungsweise« erscheint mir eine systematische Rekonstruktion der Abschnitte aus der Ästhetischen Theorie zum Wahrheitsgehalt der Kunst als nötig.
In Diskussionen über Kunst und Ästhetik dauert es meist nicht lang, bis der Einwand geäußert wird, dass sich über Geschmack nicht streiten lasse. Schönheit liege nun mal im Auge des Betrachters und deswegen müsse jede Auseinandersetzung mit Kunst letztlich subjektiv bleiben, weil Geschmacksfragen keine objektiven Antworten, sondern nur ein pluralistisches Nebeneinander von Möglichkeiten oder allenfalls ein partielles Übereinkommen kennen. Wer demnach mit seiner subjektiv vorgenommenen Einschätzung eines ästhetischen Phänomens auch nur den Anspruch auf Allgemeingültig erhebt, gilt schnell als dogmatisch und borniert.
In der Ablehnung dieses vermeintlichen Dogmatismus wird einem Relativismus das Wort geredet, der überhaupt keine Qualitätsmerkmale, keine Werturteile und keinen spezifischen Anspruch an die Ästhetik mehr kennt – stattdessen eine endlose Unentschiedenheit, aus der gar kein neuer Erkenntnisgewinn mehr erwachsen kann, wenn von vornherein alles richtig und falsch, ergo egal, ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Kunst bei Adorno
3. Die Differenz von Wahrheit und Intention
4. Der Rätselcharakter als Konstituens des Kunstwerks
5. Kunst als Abbild und der utopische Charakter
6. Subjektive Erfahrung versus objektive Erkenntnis
7. Die Legitimation der Ästhetik gegen den Relativismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Adornos Verständnis vom objektiven Wahrheitsgehalt der Kunst in seiner "Ästhetischen Theorie". Das primäre Ziel ist es, die systematische Begründung aufzuzeigen, mit der Adorno einem ästhetischen Relativismus entgegentritt und die Notwendigkeit philosophischer Reflexion für das Verständnis von Kunstwerken belegt.
- Theodor W. Adornos "Ästhetische Theorie"
- Objektiver Wahrheitsgehalt vs. subjektive Geschmacksurteile
- Der Rätselcharakter von Kunstwerken
- Verhältnis von Kunst, Gesellschaftskritik und Utopie
- Die Ablehnung von Intention und beliebiger Interpretation
Auszug aus dem Buch
Der Rätselcharakter als Konstituens des Kunstwerks
Nach Adorno sei der Rätselcharakter konstitutiv für jegliches Kunstwerk, das dieser Bennenung gerecht werde: »Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine.«
Erst indem ein rätselhaftes Werk auf Lösung dränge, verweise es auf seinen zu entschlüsselnden Wahrheitsgehalt, der allein durch philosophische Reflexion zu gewinnen sei. Hier zeigt sich ebenso der hohe intellektuelle Anspruch, den Adorno an die Kunst stellte.
Dass ein Kunstwerk vollumfänglich verstanden werden könne, stellte er gleichwohl in Frage: »Je besser man ein Kunstwerk versteht, desto mehr mag es nach einer Dimension sich enträtseln, desto weniger jedoch klärt es über sein konstitutiv Rätselhaftes auf.«
Ästhetische Arbeiten gehen also weit über das hinaus, was beispielsweise ein Maler in seinem Gemälde ausdrücken möchte. Sie können mehr aussagen, nicht weil jeder frei und gleichwertig alles in sie hinein interpretieren kann, sondern weil sie in ihrem paradoxen Doppelcharakter als »autonome Gebilde« und »gesellschaftliche Phänomene« in sich bestimmt sind, wenn nicht allein durch ihren Schöpfer, so doch durch ihren Zeitkern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des ästhetischen Relativismus ein und stellt Adornos Programm als Gegenentwurf vor, der den objektiven Wahrheitsgehalt der Kunst betont.
2. Der Begriff der Kunst bei Adorno: Hier wird erläutert, dass Adorno den Kunstbegriff ex negativo bestimmt und Kunstwerke sowohl als autonome Gebilde als auch als gesellschaftliche Phänomene begreift.
3. Die Differenz von Wahrheit und Intention: Das Kapitel legt dar, dass die subjektive Intention des Künstlers nicht mit dem objektiven Wahrheitsgehalt des Werkes gleichzusetzen ist.
4. Der Rätselcharakter als Konstituens des Kunstwerks: Dieses Kapitel arbeitet heraus, warum der Rätselcharakter zentral ist und warum Kunstwerke sich einer vollständigen, rein subjektiven Auflösung entziehen.
5. Kunst als Abbild und der utopische Charakter: Hier wird diskutiert, warum Kunst keine bloße Abbildung der Realität ist, sondern durch ihren utopischen Charakter eine kritische Distanz zur bestehenden Gesellschaft wahrt.
6. Subjektive Erfahrung versus objektive Erkenntnis: Das Kapitel analysiert, dass die subjektive ästhetische Erfahrung lediglich als Ausgangspunkt dienen kann, um durch intellektuelle Durchdringung zum objektiven Gehalt vorzustoßen.
7. Die Legitimation der Ästhetik gegen den Relativismus: Abschließend wird begründet, warum die Ästhetik ohne den Anspruch auf Wahrheit ihre Bedeutung verliert und in reinen, beliebigen Zeitvertreib abgleitet.
Schlüsselwörter
Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Wahrheitsgehalt, Kunst, Rätselcharakter, Ästhetischer Relativismus, Autonomie, Gesellschaftskritik, Philosophie, Erkenntnis, Subjektivität, Objektivität, Utopie, Intention, Interpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Theodor W. Adornos "Ästhetischer Theorie" und seiner Auseinandersetzung mit der Frage, ob Kunst einen objektiven Wahrheitsgehalt besitzt oder ob sie im Sinne eines Relativismus rein subjektiv zu bewerten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bestimmung des Kunstbegriffs bei Adorno, der Rolle des Rätselcharakters, der Abgrenzung von subjektiven Empfindungen sowie dem Zusammenhang von Kunst und gesellschaftlicher Kritik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die systematische Rekonstruktion der Argumentation Adornos, um aufzuzeigen, wie er den objektiven Wahrheitsanspruch der Kunst gegenüber relativistischen Ansichten rechtfertigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der philosophischen Textanalyse und systematischen Rekonstruktion, um Adornos fragmentarische und sentenzenhafte Ausführungen in seiner "Ästhetischen Theorie" zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zentrale Aspekte wie die Kritik an der Intention des Künstlers, der Doppelcharakter von Kunst als autonomes Gebilde und gesellschaftliches Phänomen sowie die Funktion des Rätselcharakters diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Adorno, Ästhetische Theorie, Wahrheitsgehalt, Rätselcharakter, ästhetischer Relativismus und Gesellschaftskritik.
Wie unterscheidet Adorno zwischen subjektiver Erfahrung und objektivem Gehalt?
Adorno erkennt subjektive Erfahrung als notwendig an, betont jedoch, dass die eigentliche Erkenntnis der Wahrheit eine intellektuelle Durchdringung erfordert, die über bloße gefühlsmäßige Befriedigung hinausgeht.
Warum lehnt Adorno eine rein intentionale Interpretation ab?
Adorno lehnt dies ab, weil ein Kunstwerk nicht auf die subjektive Absicht des Urhebers reduziert werden darf; es verfügt über einen Wahrheitsgehalt, der über die bewussten Intentionen des Künstlers hinausreicht.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2019, Objektiver Wahrheitsgehalt der Kunst und ästhetischer Relativismus in Theodor Adornos "Ästhetischer Theorie", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/491613