Wie beeinflussten Frauenbilder die Frauenliteratur?

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart


Bachelorarbeit, 2018
82 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1. Vorwort

2. Frauenbilder
2.1 Was denken Philosophen über Frauen
2.1.1 Konfuzius
2.1.2 Aristoteles
2.1.3 Erasmus von Rotterdam
2.1.4 René Descartes
2.1.5 Jean-Jacques Rousseau
2.1.6 Johann Gottlieb Fichte
2.1.7 Arthur Schopenhauer
2.1.8 Karl Marx
2.1.9 Ernst Bloch
2.1.10 Arnold Gehlen
2.1.11 Vergleich
2.2 Frauenbilder in der Literatur
2.2.1 Schillers Jungfrau von Orleans-Inhaltsangabe
2.2.2 Lessings Emilia Galotti-Inhaltsangabe
2.2.3 Vergleich

3. Wegbereiterinnen der feministischen Literaturwissenschaft

4. Frauenliteratur
4.1 Literatur der Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart
4.1.1 Klöster und Höfe als Räume literarischer Selbstentfaltung
4.1.2 Die französische Salonkultur des 17. Jahrhunderts
4.1.3 Schreibende Frauen in der DDR
4.1.4 Feministische Aufbrüche
4.1.5 Heutige literarische Werke

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang.

Danksagung

An dieser Stelle möchten wir uns sowohl bei Frau Prof. Dr. Evi Petropoulou als auch bei der Autorin Frau Kathrin Bach für ihre wertvollen Ratschläge, kritischen Bemerkungen, ihre Geduld und Zeit, die sie uns gewidmet haben, sehr bedanken.

1. Vorwort

Die vorliegende Bachelorarbeit befasst sich mit zwei wesentlichen Bereichen, bei denen der eine, nämlich die Frauenbilder grundlegend den anderen, nämlich die Frauenliteratur entscheidend beeinflusst und entwickelt hat.

Wie denken berühmte Philosophen von der Antike bis zu neueren Zeiten über Frauen? Wie stellten berühmte Dramatiker bzw. Lyriker, wie Johann Christoph Friedrich von Schiller und Gotthold Ephraim Lessing in ihren Werken die Frauen dar? Wie entwickelte sich die feministische Literaturwissenschaft? Mit welchen Themen beschäftigten und beschäftigen sich die Frauen, wenn sie Literatur schrieben und schreiben und wann haben sie damit angefangen? Das sind Fragestellungen, die in der vorliegenden Arbeit behandelt werden.

Im ersten Teil und im ersten Kapitel werden berühmte Philosophen vorgestellt, wie Konfuzius, Aristoteles, Erasmus von Rotterdam, René Descartes, Jean-Jacques Rousseau, Johann Gottlieb Fichte, Arthur Schopenhauer, Karl Marx, Ernst Bloch und Arnold Gehlen, wobei der Schwerpunkt auf die Darstellung ihrer Meinungen über die Frauen gelegt wird. Im Anschluss daran, werden in einem zweiten Kapitel paradigmatische Lektüren zweier Werke vorgenommen, nämlich ein Werk von Schiller, die Jungfrau von Orleans und ein Werk von Lessing, Emilia Galotti, wobei ein Versuch unternommen wird, die Frauenbilder zu verdeutlichen. Abschließend und in einem dritten Kapitel geht es um die Wegbereiter der feministischen Literaturwissenschaft und wie diese beigetragen haben.

Der zweite Teil befasst sich mit dem Thema der Frauenliteratur und zwar vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Blütezeit der europäischen Kultur setzte sich im Mittelalter ein, wobei sich auch Frauen, besonders gehobenen Standes, mit dem Schreiben befassten. Gleich danach folgen die französische Salonkultur des 17. Jahrhunderts, die schreibenden Frauen in der DDR, die feministische Aufbrüche und abschließend heutige literarische Werke.

Die faszinierende Welt der Frauenliteratur kennt keine Grenzen mehr und dank des Beharrens der Frauen auf Emanzipations- und Befreiungsprozesse gewannen und gewinnen Autorinnen Anerkennung und einen festen Platz im künstlerischen Bereich des kreativen Schreibens.

2. Frauenbilder

2.1 Was denken Philosophen über Frauen

In diesem Kapitel werden berühmte Philosophen vorgestellt, die eine klare Meinung über die Frauen zum Ausdruck bringen. Die Epochen, die gewählt worden sind, reichen von der Antike, wie etwa von 551-479 v.Chr., da hat Konfuzius gelebt. Dann mit Platon, von 427-347 v. Chr. Es folgt Aristoteles, von 384-322 v.Chr., bis hin zum Mittelalter, mit Erasmus von Rotterdam, von 1467-1536, René Descartes, von 1596-1650. Dann bis ins 16.,17. und 18. Jahrhundert, mit Jean-Jacques Rousseau, von 1712-1778 , Johann Gottlieb Fichte, von 1762-1814, Arthur Schopenhauer, von 1788-1860, Karl Marx, von 1818-1883, Ernst Bloch von 1885-1977 und Arnold Gehlen, von 1904-1976.

2.1.1 Konfuzius

Kunfuzius ist ein chinesischer Philosoph und Justizminister, verheiratet, der von 551-479 v. Chr. gelebt hat. Man könnte ihn als einen Moralphilosophen nennen, der bis heute in China und auf der ganzen Welt populär geblieben ist. Seine ethischen Ideen nennt man als höchste menschliche Verhaltensweise, die Nächstenliebe und die Menschlichkeit. Diese Menschlichkeit könne durch Selbsterziehung erreicht werden, und zwar unabhängig von Geburt und Staatszugehörigkeit.1

Mann und Frau

Konfuzius stellt den Mann und die Frau folgendermaßen dar: Mann (Nan Dsi) bedeutet der Verantwortliche (Jen), Sohn (Dsi) bedeutet Nachwuchs (Dsi). Ein Mann heißt der, der dem Weltsinn von Himmel und Erde gegenüber die Verantwortung übernimmt und allen Dingen als Führer zu dem für sie Rechten versteht. Darum heißt er der männliche Führer (Dschang Fu). Dschang - Führen bedeutet walten und Fu -männlich bedeutet tragen. Das heißt: Er waltet über allen Dingen.

Er weiß, was man tun und was man nicht tun darf. Er weiß, was man reden und was man nicht reden darf. Er weiß, wie man handeln und nicht handeln darf. Wenn er irgendeine Theorie untersucht, so ist er über ihre Besonderheiten klar. Das nennt man wissen. Dadurch bringt er seine Geisteskräfte in Ordnung.

Frau (Nü Dsi) bedeutet die Ähnliche (Ju). Die Frau ist also die, die durch Belehrung dem Mann ähnlich wird, der über dem Aufbau ihrer Pflichten waltet. Darum heißt sie Ehefrau (Fu Jen). Fu Jen -Ehefrau ist die dem Manne unterworfene (Fu Yü Jen). Darum hat sie nicht das Recht auf selbstständige Entscheidung, sondern die Pflicht zu dreifachem Gehorsam. Zu Hause ist sie dem Vater unterworfen, in der Ehe dem Gatten und nach dem Tode des Gatten dem ältesten Sohn. Sie wagt in nichts ihrem Kopf zu folgen. Ihre Befehle dringen nicht über die inneren Gemächer hinaus. Ihre Beschäftigung beschränkt sich auf die Zubereitung des Essens. Bei Nacht geht sie nur mit Laterne. Die Seidenraupenzucht, das Spinnen und das Weben besorgt sie, und die Haustiere zieht sie innerhalb des Hauses auf. Das heißt ihre Zuverlässigkeit. Dadurch bringt sie die weiblichen Geisteskräfte in Ordnung, so Konfuzius.2

Während die Knaben mit zehn Jahren das Frauenhaus verlassen und außerhalb von einem Lehrer unterrichtet werden, verlassen die Mädchen mit zehn Jahren nicht mehr die inneren Gemächer. Die Erzieherinnen unterweisen sie in Grazie, in Wort und Haltung, Fügsamkeit und Gelehrigkeit. Sie lernen den Hanf behandeln, die Seidenfäden der Cocons schlichten, Gewänder weben, Bänder weben und Schnüre flechten. Sie lernen die Frauenarbeiten, um für die Kleidung sorgen zu können. Sie schauen beim Opfer zu und lernen es, Wein, Sauce, Platten aus Bambus und aus Holz, Salzgemüse und Essigeingemachtes richtig aufzustellen und bei den Riten im Darbringen der Gaben behilflich zu sein.

Mit fünfzehn stecken sie sich das Haar auf, entsprechend der Männerweihe, mit zwanzig werden sie verheiratet. Findet eine Hochzeit statt, so wird sie Hauptfrau, wenn sie ohne Feier Aufnahme findet, wird sie Nebenfrau.3

2.1.2 Aristoteles

Aristoteles ist ein griechischer Philosoph, Naturforscher und Erzieher von Alexander dem Großen, verheiratet, der von 384-322 v. Chr. gelebt hat. Er wendet sich von dem platonischen Ziel der reinen Ideenschau außerhalb der Dinge ab und forscht in den Dingen nach der Idee4. Er nimmt an, dass in jedem Gegenstand auch ein bestimmtes Ziel seines Werdens festliege-die Entelechie eines Dinges. So sei die Entelechie das innere Ziel, das Entwicklungsgesetz des einzelnen Menschen der Staat5.

Politik

Erstes Buch 6

Aristoteles berichtet in seinen Büchern Politik folgendes über Frauen und Männer: […] Als Erstes ist es notwendig, dass sich jene Wesen verbinden, die ohne einander nicht bestehen können, einerseits das Weibliche und das Männliche der Fortpflanzung wegen, und dies nicht aus freier Entscheidung, sondern weil es wie anderswo, bei den Tieren und Pflanzen, ein naturgemäßes Streben ist, ein anderes Wesen zu hinterlassen, das einem selbst gleich ist […].

[…] Von Natur sind das Weibliche und das Regierte verschieden. Es handelt sich also um die Wissenschaft vom Herrenverhältnis, vom ehelichen Verhältnis, denn die Verbindung von Mann und Frau hat keinen anderen Namen und vom väterlichen Verhältnis, auch dies hat keinen anderen Namen.

[…] Das eheliche Verhältnis so steht es dem Manne zu, über die Frau zu regieren, über die Frau als Staatsmann und über die Kinder als Fürst. Denn das Männliche ist von Natur zur Leitung mehr geeignet als das Weibliche7 […].

[…] Ganz im Allgemeinen ist bei dem von Natur Regierenden und Regierten zu untersuchen, ob sie dieselbe Tugend besitzen oder nicht. Es ist klar, dass beide an der Tugend teilhaben müssen, dass es aber einen Unterschied geben wird. Also es gibt von Natur mehrere Arten von Herrschendem und Dienendem. Denn anders herrscht der Freie über einen Sklaven, das Männliche über das Weibliche und der Erwachsene über das Kind. Der Sklave besitzt das planende Vermögen überhaupt nicht, das Weibliche besitzt es zwar, aber ohne Entscheidungskraft, das Kind besitzt es, aber noch unvollkommen. So ist es notwendig, die Kinder und die Frauen im Hinblick auf die Staatsverwaltung zu erziehen, sofern es für die Tüchtigkeit des Staates etwas ausmacht, dass auch die Kinder und die Frauen tüchtig sind. Denn die Frauen sind die Hälfte der Freien, und die Kinder die künftigen Teilhaber an der Staatsverwaltung8.

Drittes Buch

[…] Wie die Besonnenheit des Mannes und diejenige der Frau eine andere ist, so ist auch die Aufgabe im Haushalt für Mann und Frau verschieden: der eine erwirbt, der andere verwaltet.

Siebtes Buch

Da nun der Gesetzgeber von Anfang an darauf achten muss, dass die Körper der Säuglinge so tüchtig wie möglich werden, so muss er sich zuerst um die Ehe kümmern. Die Verbindung von ganz Jungen ist für die Kinderzeugung schädlich. Denn bei allen Lebewesen sind die Kinder von zu jungen Eltern schwächlich, überwiegend weiblich und von unansehnlicher Gestalt. Es ist auch im Hinblick auf die Zucht besser, wenn die Mädchen in etwas höherem Alter verheiratet werden. Denn die jungen Frauen sind, wie man meint, im Beischlaf gar zu zügellos. So ist es richtig, die Mädchen etwa mit achtzehn und die Männer um siebenunddreißig Jahre herum zu heiraten9.

2.1.3 Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam ist ein holländischer Philosoph, Sprachforscher und katholischer Theologe, ledig, der von 1467-1536 gelebt hat. Er ist ein Gegner der Reformationsbewegung von Luther und Zwingli, aber Kritiker der kirchlichen Missstände. Er will durch die neue Bearbeitung der Bibeltexte und der alten Kirchenväter zum wahren Urchristentum finden, und sieht den Weg der humanistisch-klassisch-griechischen Wissenschaft und Bildung als Erfüllung dahin an. Er argumentiert für die Freiheit des menschlichen Willens gegen die Auslieferung des Menschen an einen unbeeinflussbaren göttlichen Willen oder an die göttliche Vorsehung und Gnade.10

Seine Meinung über die Frauen wird in seinem Buch Vertraute Gespräche bzw. Gespräche im vertrauten Familienkreis (Colloquia familiaria) verdeutlicht, das von Hubert Schiel übersetzt worden ist11. Im Kapitel der Frauensenat, handelt es sich um Frauen, die politisch engagiert sein wollen.

Der Frauensenat

Cornelia: Ich nehme es als eine glückliche Vorbedeutung für unser Geschlecht und für die ganze Republik der Frauen, dass ihr euch heute so eifrig und zahlreich eingefunden habt. […] Ihr alle wisst, so darf ich annehmen, wie abträglich es für uns war, dass die Männer in täglichen Sitzungen ihre Angelegenheiten beraten, wir aber beim Spinnrocken und Webstuhl sitzen und unsere Sache im Stich lassen mussten. So ist es dahin gekommen, dass kein gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl unter uns bestand und die Männer uns gewissermaßen als Gegenstand des Sinnenkitzels betrachten und uns kaum des Namens Mensch für würdig erachten. […] Die Bischöfe haben ihre Synoden, die Mönchsherden ihre Privatkonzilien, die Soldaten ihre Appelle, selbst die Diebe ihre Winkelversammlungen, und schließlich halten sogar die Ameisen ihre Zusammenkünfte ab12. Unter allen Lebewesen kommen allein wir Frauen nicht zusammen. […] Irre ich nicht, so verfügte vor dreizehnhundert Jahren der hochpreisliche König Heliogabal einen Senat, auch seine kaiserliche Mutter sollte ihren Senat haben, in welchem über die Angelegenheiten des weiblichen Geschlechts verhandeln werden sollte. Die Männer nannten ihn aber aus Spott oder zur Unterscheidung das Senätlein. Dieses so viele Jahrhunderte unterbrochene Vorbild hätten wir in unserem eigenen Interesse erneuern sollen. Es kann jede von uns kalt lassen, dass der Apostel der Frau das Reden in der Versammlung verboten hat, die er Kirche nennt: er spricht von einer Versammlung der Männer, hier aber handelt es sich um eine Versammlung von Frauen. Wenn die Frauen immer schweigen sollten, warum hat uns die Natur nicht minder geläufige Zungen gegeben als den Männern und eine nicht weniger wohlklingende Stimme? Ohnehin tönt die Stimme der Männer rauher und erinnert mehr an die der Esel, als die unsere. Uns allen aber muss es das Hauptanliegen sein, unsere Sache so ernsthaft in Angriff zu nehmen, dass die Männer nicht wieder von einem Senätlein sprechen können oder sogar noch einen schlimmeren Spottnamen aushecken, bissig wie sie mit Vorliebe gegen uns sind. […] Die Herrscher sehen wir schon seit Jahren nichts anderes tun als Krieg führen. Zwischen den Priestern, Bischöfen und dem Volk fehlt jede Eintracht: soviel Köpfe, soviel Meinungen. Ihre Wankelmütigkeit ist mehr als weibisch. Hätten wir die Zügel in der Hand, die menschlichen Beziehungen würden sich weiß Gott erträglicher gestalten13. […] Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hängt unsere Würde von den Männern ab. […] Um ein Vermögen zu erwerben, ziehen sie, oft mit Leib- und Lebensgefahr, über Land und Meer. Im Krieg, wenn die Trompeten schmettern, stehen sie in der Schlachtreihe, wir aber sitzen sicher im Haus. Vergehen sie sich gegen die Gesetze, so wird streng mit ihnen ins Gericht gegangen. Letzen Endes liegt es zum großen Teil an uns, dass wir angenehme Ehemänner haben. […] Hört nun, worüber zu beraten sein wird. In erster Linie müssen wir auf unsere Würde bedacht sein. Diese beruht vorzugsweise auf der Kleidung. Das wird gegenwärtig derart missachtet, dass heutzutage kaum mehr unterschieden werden kann zwischen einer Adeligen und einer Bürgerin, einer Jungfrau und Witwe oder einer ehrbaren Matrone und einem Straßenmädchen. […]

2.1.4 René Descartes

Französischer Philosoph und Mathematiker, ledig, der von 1596-1650 gelebt hat. Sucht nach eindeutigen und sicheren Grundlagen der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten und erstrebt eine Reform der Philosophie, die als Einheitswissenschaft mit der mathematischen Methode zu wahren allumfassenden Erkenntnissen führen soll. Er entwickelt für die Mathematik die analytische Geometrie und dem Koordinatensystem. Unter einer strengen wissenschaftlichen Methode versteht er den Aufbau von Definitionen, Axiomen und Theoremen, die die Voraussetzung für alle Wissenschaften bilden sollen, auch der Philosophie, deren Resultate dadurch notwendig und nachprüfbar würden. Er gilt als Begründer der Philosophie der Neuzeit oder der bürgerlichen Philosophie 14 .

Seine Meinung über das weibliche Geschlecht wird in seinem Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz, Gräfin bei Rhein15, verdeutlicht.

Prinzipien der Philosophie Widmung an Elisabeth, Pfalzgräfin bei Rhein

Es ist der größte Vorzug, den ich meinen Schriften verdanke, dass sie mir die Ehre verschaffen, Ihre Hoheit kennen zu lernen und mich bisweilen mit Ihnen unterreden zu dürfen. Ich habe keinen gefunden, der meine Schriften so umfassend und so gut verstanden. Selbst unter den besten und gelehrtesten Köpfen gibt es viele, die sie sehr dunkel finden. Ich habe fast durchgängig bemerken müssen, dass die einen die mathematischen Wahrheiten leicht fassen, aber den metaphysischen verschlossen sind, während es sich bei den anderen gerade umgekehrt verhält. Der einzige Geist, soweit meine Erfahrung reicht, dem beides gleich leicht wird, ist der Ihrige. Darum muss ich diesen Geist unvergleichlich hoch schätzen. Und was meine Bewunderung steigert, es ist nicht ein bejahrter Mann, der viele Jahre auf seine Belehrung verwendet hat, bei dem sich eine solche umfassende wissenschaftliche Bildung findet, sondern eine noch jugendliche Fürstin, die in ihrer Anmut eher den Grazien, wie die Poeten sie beschreiben, als den Musen oder der weisen Minerva gleicht16.

An Elisabeth

Ich habe bisher nur zweimal die Ehre gehabt, die Königin zu sehen. Es scheint mir aber, als ob ich sie schon genügend kenne, um die Behauptung zu wagen, dass sie nicht weniger Verdienst und mehr Tugend hat, als der Ruf ihr zuschreibt. Mit der Hochherzigkeit und der Majestät, die aus allen ihren Handlungen hervorleuchten, sieht man eine milde und Güte verbunden, die alle, die die Tugend lieben und die Ehre haben, sich ihr zu nähern, dazu nötigen, gänzlich ihrem Dienste ergeben zu sein. […] Denn da ich die Stärke ihres Geistes bemerke, befürchte ich nicht, damit irgendeine Eifersucht bei ihr zu erregen, wie ich ebenfalls sicher bin, dass Eure Hoheit keine solche empfinden wird, wenn ich freimütig meine Meinung über diese Königin schreibe.

Sie hat außerordentliche Neigung für das Studium der schönen Wissenschaften. Weil ich aber noch nicht weiß, ob sie schon etwas von Philosophie kennt, kann ich über den Gefallen, den sie daran finden wird, nicht urteilen, auch nicht ob sie darauf wird Zeit verwenden können, und ob ich folglich imstande sein werde, ihr in etwas nützlich zu sein. Dieser große Eifer für die Kenntnis der Literatur regt sie jetzt vor allem an, die griechische Sprache zu pflegen und viele alte Bücher zu sammeln. Aber vielleicht wird sich dies ändern. Und wenn es sich nicht ändern würde, wird mich die Tugend, die ich an dieser Fürstin bemerke, immer veranlassen, die Nützlichkeit ihres Dienstes dem Wunsch, ihr zu gefallen, vorzuziehen, so dass es mich nicht hindern wird, ihr meine Meinungen offen zu sagen17.

2.1.5 Jean-Jacques Rousseau

Französischer Philosoph und Schriftsteller, verheiratet, der von 1712-1778 gelebt hat. Er versucht das Gefühl, die leidenschaftliche Innerlichkeit des Menschen, philosophisch aufzuwerten, in einer Zeit, in der die Vernunft als übergeordnete Instanz der Gefühle von zahlreichen Aufklärern veridealisiert wurde. Er setzt den Menschen als Natur-Wesen gegen den Menschen als Zivilisations-Wesen, womit er die damalige zivilisierte Gesellschaft als verderblich kritisiert18.

In seinem Brief an D´Alembert (frz.: Lettre a M. D'Alembert sur les spectacles), der als sehr persönlich für Rousseau angesehen wird, dessen Patriotismus und Affinität zu Genf durchscheinen, hat er die Absicht sein Land vor dem moralischen Verfall zu schützen. Indem Rousseau sich auf seinen Glauben an die natürliche Ordnung und Harmonie traditioneller Geschlechterrollen und -gemeinschaft konzentriert, schreibt er D'Alembert19 und der Öffentlichkeit in Genf, dass ein Theater eine Bedrohung für eine ideale, natürliche Lebensweise darstellt. In diesem Brief drückt er seine Meinung über die künstliche Dimension des weiblichen Geschlechts aus20.

Brief an D´Alembert

Die Frau liebt im Allgemeinen die Künste nicht, versteht sich auf keine einzige, und an Genie fehlt es ihr ganz und gar. Sie kann in kleinen Werken glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack, nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Sie kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit, und alle Talente erwerben, die sich durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer, welches die Seele erhitzt und entflammt, jenes um sich greifende, verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Begeisterung, die ihr Entzücken dem Innersten unseres Herzens mitteilt, wird stets in den Schriften der Frauen fehlen. Die Schriften der Frauen sind alle frostig, aber doch hübsch wie sie selber. Man lasse sie auch noch so geistvoll geschrieben sein, es ist doch keine Seele und kein Leben darin, tausendmal eher wird man vernünftige Gedanken als die Sprache der Leidenschaften darin finden. Die Frauen wissen nicht einmal die Liebe selbst zu beschreiben und zu fühlen. Einzig Sappho21, soviel ich weiß,…[…]22.

In seinem pädagogischen Hauptwerk Émile oder Über die Erziehung (frz.: Émile ou De l’éducation) schreibt er unter anderem in Bezug auf das weibliche Geschlecht folgendes23:

EMILE

Die Erforschung der abstrakten und spekulativen Wahrheiten, die Prinzipien und Axiome der Wissenschaften, alles, was auf die Verallgemeinerung der Begriffe abzielt, ist nicht Sache der Frauen. Ihre Studien müssen sich auf das Praktische beziehen. Ihre Sache ist es, die Prinzipien anzuwenden, die der Mann gefunden hat. Sie muss also bis auf den Grund den Geist des Mannes erforschen. Nicht den Geist des Mannes im Allgemeinen durch Abstraktion, sondern die Geister der Männer, denen sie unterworfen ist, sei es durch das Gesetz, sei es durch den gesellschaftlichen Zwang.

Männer philosophieren besser über das menschliche Herz. Sie lesen aber besser im Herzen eines Mannes. Es ist die Aufgabe der Frauen, gewissermaßen die praktische Moral zu finden. Unsere ist es, sie in ein System zu bringen. Die Frau hat mehr Witz. Der Mann mehr Genie. Die Frau beobachtet. Der Mann zieht Schlüsse24.

2.1.6 Johann Gottlieb Fichte

Deutscher Philosoph und Professor, verheiratet, der von 1762-1814 gelebt hat. Er glaubt die Welt der Dinge beherrschen zu können, indem er ihre Macht negiert und ignoriert und alle Macht dem denkenden Subjekt Ich gab (subjektiver Idealismus). Er will die Autonomie und Freiheit des Menschen dadurch beweisen, dass er annimmt, der Mensch könne frei nach seinen Ideen handeln. Eine Idee in Handeln umsetzen, das nennt er Freiheit und rief seine Gelehrten auf, den Fortschritt dieser Freiheit zu befördern25.

In Fichtes Rechtslehre wird unter anderem auch seine Ansicht gegenüber dem weiblichen

Geschlecht geäußert26:

Folgerungen auf das gegenseitige Rechtsverhältnis beider Geschlechter überhaupt im Staate

§ 32

Hat das Weib die gleichen Rechte im Staate, welche der Mann hat? Diese Frage könnte schon als Frage lächerlich scheinen. Ist der einzige Grund aller Rechtsfähigkeit Vernunft und Freiheit: wie könnte zwischen zwei Geschlechtern, die beide dieselbe Vernunft und dieselbe Freiheit besitzen, ein Unterschied der Rechte stattfinden?

Nun aber scheint es doch allgemein, seitdem Menschen gewesen sind, anders gehalten, und das weibliche Geschlecht in der Ausübung seiner Rechte dem männlichen nachgesetzt worden zu sein. […] Es wäre demnach vor allem Dingen nur das zu untersuchen: ob denn auch wirklich die Weiber so zurückgesetzt sind, als es einige unter ihnen, und noch mehr, einige unberufene Schutzredner derselben vorgeben27. […]

§ 33

Ob an sich dem weiblichen Geschlechte nicht alle Menschen- und Bürgerrechte so gut zukommen, als dem männlichen; darüber könnte nur der die Frage erheben, welcher zweifelte, ob die Weiber auch völlige Menschen seien. Wir sind darüber nicht im Zweifel, wie aus den oben aufgestellten Sätzen hervorgeht. Aber darüber: ob und inwiefern das weibliche Geschlecht alle seine Rechte ausüben und auch nur wollen könne, könnte allerdings die Frage entstehen28. […]

§ 34

Ist das Weib entweder noch Jungfrau, und dann steht sie unter der väterlichen Gewalt, wie der unverheiratete Jüngling ebenfalls. Hierin sind beide Geschlechter ganz gleich.

Oder das Weib ist verheiratet, und dann hängt ihre eigene Würde daran, dass sie ihrem Manne ganz unterworfen sei und scheine. Das Weib ist nicht unterworfen, so dass der Mann ein Zwangsrecht auf sie hätte, sie ist unterworfen durch ihren eigenen fortdauernden notwendigen und ihre Moralität bedingten Wunsch, unterworfen zu sein. Sie dürfte wohl ihre Freiheit zurücknehmen, wenn sie wollte; aber gerade hier liegt es, sie kann es vernünftigerweise nicht wollen.

Also, zufolge ihres eigenen notwendigen Willens ist der Mann der Verwalter aller ihrer Rechte. Er ist ihr natürlicher Repräsentant im Staate und in der ganzen Gesellschaft. Dies ist ihr Verhältnis zur Gesellschaft, ihr öffentliches Verhältnis. Ihre Rechte unmittelbar durch sich selbst auszuüben, kann ihr gar nicht einfallen. […] Was das häusliche und innere Verhältnis anbelangt, gibt notwendig die Zärtlichkeit des Mannes ihr alles und mehr zurück, als sie verloren hat. Nur auf ihren Mann und ihre Kinder kann eine vernünftige und tugendhafte Frau stolz sein. Nicht auf sich selbst, denn sie vergisst sich in jenen29.

2.1.7 Arthur Schopenhauer

Deutscher Philosoph und Privatgelehrter, ledig, der von 1788-1860 gelebt hat. Am bekanntesten durch sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung. Der Wille zum Leben sei der innerste Daseinstrieb von allem was existiert, sei es Pflanze, Stein, Tier oder Mensch. Das Sinnlose an diesem Willen sei die Tatsache, dass er immer wieder leben will, trotz Qual, Tod, Not und Sinnlosigkeit. Für Schopenhauer ist das Leben des Menschen tragisch und komisch zugleich, eine Tragikomödie30.

Seine Äußerung über die Frauen drückt er in seinen sämtlichen Werken Die Welt als Wille und Vorstellung aus. In Metaphysik und Geschlechtsliebe bei diesen Werken sagt er folgendes31:

Zuvörderst gehört hierher, dass der Mann von Natur zur Unbeständigkeit in der Liebe, das Weib zur Beständigkeit geneigt ist. Die Liebe des Mannes sinkt merklich, von dem Augenblick an, wo sie Befriedigung erhalten hat: fast jedes andere Weib reizt ihn mehr als das, welches er schon besitzt: er sehnt sich nach Abwechslung. Die Liebe des Weibes hingegen steigt von eben jenem Augenblick an. Dies ist eine Folge des Zwecks der Natur, welche auf Erhaltung und daher auf möglichst starke Vermehrung der Gattung gerichtet ist. Der Mann nämlich kann, bequem, über hundert Kinder im Jahre zeugen, wenn ihm ebenso viele Weiber zu Gebote stehen. Das Weib hingegen könnte, mit noch so vielen Männern, doch nur ein Kind im Jahr zur Welt bringen. Daher sieht er sich stets nach anderen Weibern um; sie hingegen hängt fest dem Einen an: denn die Natur treibt sie, instinktmäßig und ohne Reflexion, sich den Ernährer und Beschützer der künftigen Brut zu erhalten32.

Die oberste unsere Wahl und Neigung leitende Rücksicht ist das Alter. Im Ganzen lassen wir es gelten von den Jahren der eintretenden bis zu denen der aufhörenden Menstruation, geben jedoch der Periode vom achtzehnten bis achtundzwanzigsten Jahre entschieden den Vorzug. Außerhalb jener Jahre hingegen kann kein Weib uns reizen: ein altes, d.h. nicht mehr menstruiertes Weib erregt unseren Abscheu. Jugend ohne Schönheit hat immer noch Reiz; Schönheit ohne Jugend keinen. […]

Die vierte Rücksicht ist eine gewisse Fülle des Fleisches, also ein Vorherrschen der vegetativen Funktion, der Plastizität (Körperlichkeit); weil diese dem Fötus reichliche Nahrung verspricht: daher stößt große Magerkeit uns auffallend ab. Ein voller weiblicher Busen übt einen ungemeinen Reiz auf das männliche Geschlecht aus: weil er, mit den Propagations-(Fortpflanzungs-)funktionen des Weibs in direktem Zusammenhange stehend, dem Neugeborenen reichliche Nahrung verspricht. Hingegen erregen übermäßig fette Weiber unseren Widerwillen: die Ursache ist, dass diese Beschaffenheit auf Atrophie des Uterus, also Unfruchtbarkeit deutet. Erst die letzte Rücksicht ist die auf die Schönheit des Gesichts 33 .

Über die Weiber

§ 363-364

Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist. Es trägt die Schuld des Lebens nicht durch Thun, sondern durch Leiden ab, durch die Wehen der Geburt, die Sorgfalt für das Kind, die Unterwürfigkeit unter den Mann, dem es eine geduldige und aufheiternde Gefährtin sein soll. Die heftigsten Leiden, Freuden und Kraftäußerungen sind ihm nicht beschieden; sondern sein Leben soll stiller, unbedeutsamer und gelinder dahinfließen, als das des Mannes, ohne wesentlich glücklicher oder unglücklicher zu sein.

Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und mit einem Worte, Zeit Lebens große Kinder sind; eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist34.

2.1.8 Karl Marx

Deutscher Philosoph und Wirtschaftstheoretiker, verheiratet, der von 1818-1883 gelebt hat. Die menschliche Gesellschaft steht im Mittelpunkt seines Denkens. Eine befreiende Möglichkeit des Menschen sieht er nicht in der Vervollkommnung des ideellen Lebens. Er richtet sein Denken auf die Ding-Welt und findet dort Gründe für das menschliche Elend. Er fordert Veränderung im materiellen Lebensbereich und kritisiert die ideellen Ausrichtungen des Denkens, die das materielle Elend vieler Menschen nicht zu ändern imstande seien. Damit entsteht seine umfangreiche Untersuchung der ökonomischen Verhältnisse. Sein politisches Engagement begründet eine sich bis heute auswirkende marxistische Bewegung 35 .

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau illustriert er in seinem Werk Ökonomisch- Philosophische Manuskripte 36 . Er schreibt unter anderem folgendes:

Das Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt; endlich spricht sich diese Bewegung, dem Privateigentum das allgemeine Privateigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, dass der Ehe, welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist, die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegengestellt wird. Man darf sagen, dass dieser Gedanke der Weibergemeinschaft das ausgesprochene Geheimnis dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist. Dieser Kommunismus, indem er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert, ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist37.

In dem Verhältnis zum Weib, als dem Raub und der Magd der gemeinschaftlichen Wollust, ist die unendliche Degradation ausgesprochen, in welcher der Mensch für sich selbst existiert, denn das Geheimnis dieses Verhältnisses hat seinen unzweideutigen, entschiedenen, offenbaren, enthüllten Ausdruck in dem Verhältnisse des Mannes zum Weibe und in der Weise, wie das unmittelbare, natürliche Gattungsverhältnis gefasst wird. Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zur Natur, seine eigene natürliche Bestimmung ist. In diesem Verhältnis erscheint also sinnlich, auf ein anschaubares Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen geworden ist38.

Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungsweisen, als Mensch sich geworden ist und erfasst hat; das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen. In ihm zeigt sich also, inwieweit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm auch zur Natur geworden ist.

In diesem Verhältnis zeigt sich auch, inwieweit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andere Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellen Dasein zugleich Gemeinwesen ist39.

2.1.9 Ernst Bloch

Deutscher Philosoph und Professor, verheiratet, der von 1885-1977 gelebt hat. Er erhielt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Von Marx und älteren Sozialutopien ausgehend gelingt er zu einem System der Hoffnung als Gegenbild zu Angst und Verzweiflung. Er kritisiert die Herabsetzung der eigenen Zeit durch die Kulturpessimisten und Zivilisationskritiker und nennt das Die Müdigkeit einer untergehenden Klasse. Die Verteidigung des Stalinismus hat ihm Feindschaft in der gesellschaftskritischen Frankfurter Schule eingetragen40.

In seinem Werk Kampf ums neue Weib bringt er unter anderem zum Ausdruck, was sich in dem weiblichen Aufbruch bewegt hat41. Er berichtet folgendes:

Das Weib liegt unten, es wird seit langem dazu abgerichtet. Ist immer greifbar, immer gebrauchsfähig, ist die Schwächere und ans Haus gefesselt. Dienen und der Zwang zu gefallen sind im weiblichen Leben verwandt, denn das Gefallen macht gleichfalls dienstbar. Das Mädchen musste durch Ehe versorgt werden, so dass es auf der Stange, hatte auf den Mann zu warten. Oder fing sie mit List und sich selber als Köder Männer ein, blieb sie auch dann unmündig, ohne Jagdschein. Gelang der Fang nicht, oder war die Jungfrau zu wählerisch, dann kam zum Schaden ein dürrer Spott: das Weib rangierte als alte Jungfer42.

Sexuelles Leben, wenn vorhanden, wie meist, durfte nicht gezeigt werden, Beruf galt bis in untere kleinbürgerliche Schichten hinab als anstößig. Aber beherzte Mädchen und Frauen zogen einen anderen Schluss, Träume begannen vom neuen Weib. Um 1900, ein wenig vorher oder nachher, flackerte hier ein Licht auf, das seinen Reiz behält. Das freie Mädchen meldete sich an, ebenso aber auch die Männliche, beide nicht mehr geneigt, unterdrückt oder auch unverstanden zu sein. Der beginnende Zerfall des bürgerlichen Hauses, der wachsende Bedarf an Angestellten erleichterten oder begründeten diesen Weg ins Freie. Neue Liebe, neues Leben wurden verlangt, die Liebe durchaus als selbstgewählte, auch unabgestempelte. Aber wichtiger, sicher stärker bestätigend schien der Zugang zum öffentlichen Leben, zum Beruf43. […]

Die bürgerliche Jungfrau kam als erwerbstätige auf die eigenen Füße, doch sie wurde dadurch nur scheinbar unabhängiger. Statt Recht auf selbstgewählte Liebe, freies Leben kam die Öde des Büros, meist mit untergeordneter Stellung dazu. […]

Gemessen wurde nach Leistungen, vom Weib kam schließlich nur noch die Schmiegsamkeit in Betracht, die schon vor dieser sogenannten Emanzipation im Männerrecht vorhanden und geschätzt war. Sie taugte zu schlecht bezahlten Posten, zu freiwilliger Subalternität; die Frauenbewegung wurde auch von daher platt. Ja, eine ungeheure Nüchternheit des Weibs, die der Marienkult so gewaltig nicht wahrhaben wollte und die auch utopisch nicht vorbestimmt ist, wurde durch die kapitalistische Versachlichung prämiert. Und politisch hat sich durchs Frauenstimmrecht in der Tat nichts geändert, als dass die Stimmen aller bisherigen Parteien sich verdoppelt haben. Von explosiven oder auch nur sonderlich humanen Impulsen durchs politische Weib ist bürgerlich nichts verspürbar44. […]

Das weithin Vieldeutige bleibt übrig, das gärend halbentschiedene, falschentschiedene, unentschiedene Durcheinander und Ineinander am Weib, wie es die bisherige Gesellschaft in eine kommende einliefert. Es ist Sanftes und Wildes, Zerstörendes und Erbarmendes, ist die Blume, die Hexe, die hochmütige Bonze und die tüchtige Seele des Geschäfts. […] Ist schließlich, mit einem Bogen, den kein Mann kennt, die Spannung Venus und Maria. Das alles ist unvereinbar, aber lässt sich mit einem Federstrich durchs Inhaltsproblem Weib nicht berichtigen, gar abschaffen. […] Die Frauenbewegung reicht also immer noch dazu aus, eine partiale Utopie zu bilden…45

2.1.10 Arnold Gehlen

Deutscher Philosoph, Soziologe und Anthropologe, verheiratet, der von 1904-1976 gelebt hat. Kritiker der Industriegesellschaft und Technik, die den Untergang der Seele bewirken würde. Der Mensch würde eine Sonderstellung im Kosmos einnehmen und rechtfertige daher eine intensive anthropologische Forschung, in der der Mensch keine Instinktsicherheit und Selbstbegegnung käme. Da der Mensch keine Instinktsicherheit hätte, müsse ein Staat Institutionen schaffen, die dem einzelnen Menschen seinen Platz in der Gesellschaft anweisen könnten. Er kritisiert am Menschen der Industriegesellschaften, dass es sich nur an äußerliche Bequemlichkeiten anpassen würde, auf Kosten der Seele und der ursprünglichen Religion, die nur noch in künstlerischen Genies als etwas Isoliertes bemerkbar sei46.

[...]


1 Vgl. Kungfuze: Buch der Sitte, Diederichs Taschenausgabe Nr. 16, S. 272 ff.,314,323, Jena 1914.

2 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.11

3 Ebd. S.13.

4 Der Mittelpunkt der in Dialogen ausgeführten Gedanken von Platon ist die Unterscheidung der sichtbaren von der unsichtbaren Wirklichkeit. Das Sichtbare seien die Dinge, das Unsichtbare die Ideen und seelischen Fähigkeiten im Menschen. Durch ein sprachloses Anschauen der Ideen könne der Mensch Einsicht in das Gute, die Wahrheit und Vollkommenheit erreichen. Tugend sei, nach dieser idealen Wesensschau zu streben. Aristoteles war einer seiner Schüler.

5 Vgl. Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.23.

6 Vgl. Aristoteles: Politik, übers.: Olof Gigon, München 1971.

7 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.24.

8 Ebd. S.25.

9 Ebd. S.22.

10 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.56

11 Vgl. Erasmus von Rotterdam(1518): Vertraute Gespräche, übers.: Hubert Schiel, Köln 1947, S. 175ff.

12 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.56.

13 Ebd. S. 57-58.

14 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.99.

15 Vgl. Descartes, René: Briefe S. 100, 356 f., 432 f.,436 ff., übers. F. Baumgart, Köln 1949.

16 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.100.

17 Ebd. S. 102-103.

18 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 118.

19 Vgl. Rousseau schreibt im 1758 ein Essay als Opposition zum Artikel in der Encyclopédie von Jean d'Alembert.

20 Vgl. Rousseau, Jean J.: Schriften Bd. I, S.439, hrsg. H. Ritter, München 1978.

21 Antike griechische Dichterin. Gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums.

22 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 118-120.

23 Vgl. Rousseau, Jean J.:Emil, S. 420f., 447,425, übers.: L.Schmidts, Paderborn 1978.

24 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München 120-121.

25 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.

26 Vgl. Fichte, J. Gottlieb: Werke Bd. III, S. 343-353, Berlin 1971, hrsg. Fichte.

27 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S.141-142.

28 Ebd. S. 142.

29 Ebd. S. 143.

30 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 178.

31 Vgl. Schopenhauer, Arthur: Sämt. Werke, Bd. IV, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II; Bd. X2, Philosophische Schriften, Zürich 1977.

32 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 180.

33 Ebd. S. 181.

34 Ebd. S. 182-183.

35 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 210.

36 Vgl. Marx, Karl: Ökon.-phil. Manuskripte, S. 534f, Bd. I, Ergänzung, Berlin 1977,Kritik/Sue in, Marx/Engels, Über Kunst und Literatur, S. 127, Bd. II, Berlin 1968.

37 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 210-211.

38 Ebd. S. 211.

39 Ebd. S. 212.

40 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 308.

41 Vgl. Bloch, Ernst: Kampf ums neue Weib, aus: Das Prinzip Hoffnung, 2. Bd., S. 687-698, Ffm. 1959, Suhrkamp Verlag.

42 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 308.

43 Ebd. S. 309.

44 Ebd. S. 310.

45 Ebd. S. 311.

46 Stopczyk, Annegret (1980):Was Philosophen über Frauen denken. Matthes & Seitz Verlag. München. S. 329.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Wie beeinflussten Frauenbilder die Frauenliteratur?
Untertitel
Vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Hochschule
National & Kapodistrian University of Athens  (Fachbereich für deutsche Sprache und Literatur)
Note
1
Autoren
Jahr
2018
Seiten
82
Katalognummer
V492004
ISBN (eBook)
9783668973749
ISBN (Buch)
9783668973756
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenbilder, frauenliteratur, mittelalter, gegenwart
Arbeit zitieren
Maria Schreiber (Autor)Georgia Nikolaou (Autor), 2018, Wie beeinflussten Frauenbilder die Frauenliteratur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492004

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