Peter Novick, inzwischen emeritierter Professer für Geschichte an der Universität Chicago, veröffentlichte 1988 das Buch »That Noble Dream«, in dem er sich mit dem Problem der historischen Objektivität befasste. Die These lautete, dass die Darstellung und Interpretation historischer Ereignisse sowohl von politischen und intellektuellen Trends, als auch von geschichtswissenschaftlichen Paradigmenwechseln beeinflusst wird. Das heißt, dass eine Rekonstruktion der Vergangenheit, der Geschichte, immer von bewussten oder unbewussten Interessen der Gegenwart, von aktuellen wissenschaftlichen Methoden mitbestimmt ist, von Faktoren also, die dem historischen Ereignis selbst äußerlich sind.
Insofern ist es ihm »eine Binsenweisheit, dass wir nie mit den Ereignissen selbst zu tun haben, sondern immer nur mit Darstellungen der Ereignisse, aus denen sich unterschiedliche Versionen der Ereignisse gewinnen lassen. Je bedeutsamer und beziehungsreicher ein Ereignis ist, desto größer ist der Anreiz, verschiedene Versionen von ihm zu gewinnen« (S. 284). In »Nach dem Holocaust« geht Novick nun der Frage nach, in welchen Versionen das historische Ereignis der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland in den Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Krieg erinnert wurde. Ausgangspunkt dieser Fragestellung ist sein Erstaunen darüber, dass dieses Ereigniss, begrifflich gefasst mit dem Wort »Holocaust«, das in den Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren kaum thematisiert worden ist, inzwischen in der »amerikanischen Kultur der 1990er Jahre – Tausende von Kilometern vom Ort und 50 Jahre nach der Zeit des Geschehens« (11) eine »zentrale Stellung im amerikanischen Leben« (348) erlangt hat.
Im folgenden soll die sich wandelnde Diskussion und Bedeutung der Vernichtung der europäischen Juden in den Vereinigten Staaten anhand Novicks Darstellung zumindest in ihren Hauptlinien nachgezeichnet werden. Dabei folgt diese Arbeit den Zäsuren, die Novick vorgibt.
Da aber keine Debatte, und schon gar nicht eine von dieser Bedeutung und gesellschaftlichen Relevanz, allein durch einen Zugang nachvollzogen werden kann, werden zum Schluss einige Kritiken - vornehmlich aus wissenschaftlichen Zeitschriften - an Novicks Aufarbeitung des Themas dargestellt, bevor im Schlusskapitel eine Bewertung erfolgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der methodische Rahmen
3. Das Schweigen in der Kriegszeit
4. Der Kalte Krieg
5. Das Holocaustparadigma der Übergangszeit
6. Die Universalisierung des Holocaust
7. Novicks Kritiker
8. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der Thesen von Peter Novick, wie sich das kollektive Gedächtnis an den Holocaust in den Vereinigten Staaten von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre gewandelt hat und welche soziopolitischen Faktoren diesen Prozess beeinflussten.
- Die Entwicklung der Holocaust-Erinnerung in den USA.
- Die Rolle kollektiver Identitätsbildung bei amerikanischen Juden.
- Einflussfaktoren wie der Kalte Krieg, die Gründung Israels und innenpolitische Krisen.
- Die Popularisierung und Universalisierung des Holocaust-Begriffs.
- Wissenschaftliche Debatten und Kritik an Novicks theoretischem Ansatz.
Auszug aus dem Buch
3. Das Schweigen in der Kriegszeit
Entgegen der Erwartung, dass über ein so tragisches und weitrechendes Ereignis wie den Holocaust sofort nach seinem Bekanntwerden eine breite Diskussion hätte stattfinden müssen, konstatiert Novick für die Kriegszeit eine »marginale Rolle des Holocaust im Bewusstsein der Amerikaner« (35), auch unter den jüdischen. Einen Grund dafür sieht er darin, dass der Begriff »Holocaust«, der das komplexe Geschehen auf einen Nenner bringt und damit vereinheitlicht und zu einer »spezifischen Größe« (34) macht, eine retrospektive Konstruktion ist, die die damaligen Zeitgenossen nicht kannten. Zwar wusste man »ganz allgemein« (33) von den Greueltaten im nationalsozialistischen Deutschland, aber die Juden galten als eine unter vielen Opfergruppen. Zudem war das, was die Besonderheit der Vernichtung der europäischen Juden ausmacht, die administrative und verwaltungstechnische Durchführung mit den Mitteln der instrumentellen Vernunft noch nicht so ins Bewusstsein gedrungen, so dass man das Neue an diesem Verbrechen hätte erkennen können, und somit zu seiner Beurteilung auf die hergebrachten Deutungsmuster angewiesen war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie sich die Bedeutung des Holocaust im amerikanischen Bewusstsein entwickelte, basierend auf Peter Novicks theoretischem Ansatz zur historischen Interpretation.
2. Der methodische Rahmen: Dieses Kapitel erläutert Novicks methodischen Ansatz, der zwischen geschichtswissenschaftlicher Forschung und der ahistorischen, identitätsstiftenden Funktion des kollektiven Gedächtnisses unterscheidet.
3. Das Schweigen in der Kriegszeit: Hier wird analysiert, warum das Ereignis während des Krieges im öffentlichen Bewusstsein nur eine marginale Rolle spielte und warum der Begriff „Holocaust“ eine retrospektive Konstruktion darstellt.
4. Der Kalte Krieg: Dieses Kapitel beschreibt die politische Verschiebung nach 1945, in der geopolitische Interessen und die Integration der amerikanischen Juden die Thematisierung des Holocausts vorerst in den Hintergrund drängten.
5. Das Holocaustparadigma der Übergangszeit: Es wird untersucht, wie Ereignisse wie der Eichmann-Prozess und die Nahostkriege den Holocaust in den 1960er und 70er Jahren in das jüdisch-amerikanische Bewusstsein rückten.
6. Die Universalisierung des Holocaust: Dieses Kapitel widmet sich der Ausweitung des Holocaust-Begriffs auf andere Opfergruppen und der Popularisierung durch die Unterhaltungsindustrie, was zu einer inhaltlichen Entleerung des Begriffs führen kann.
7. Novicks Kritiker: Ein Überblick über verschiedene wissenschaftliche und politische Reaktionen auf Novicks Thesen, von methodischer Kritik bis hin zu ideologischen Gegendarstellungen.
8. Schlussbemerkung: Das Schlusskapitel resümiert, dass Novicks Arbeit trotz kontroverser Punkte eine notwendige Intervention darstellt, die den kritischen Blick auf die Instrumentalisierung von Geschichte schärft.
Schlüsselwörter
Holocaust, kollektives Gedächtnis, Peter Novick, amerikanische Kultur, Erinnerungskultur, Israel, Identitätspolitik, Instrumentalisierung, Geschichte, NS-Vergangenheit, Holocaust-Industrie, Norman Finkelstein, Zeitgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Thesen von Peter Novick über den Wandel des Holocaust-Gedenkens in den USA vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Konstruktion von Erinnerung, das jüdische Selbstverständnis in den USA, die politische Instrumentalisierung von Geschichte sowie die wissenschaftliche Debatte um diese Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Zäsuren und gesellschaftlichen Bedingungen nachzuzeichnen, die dazu führten, dass der Holocaust von einer zunächst vernachlässigten Thematik zu einem zentralen, omnipräsenten Element der amerikanischen Kultur wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine diskursanalytische Untersuchung von Novicks Thesen und setzt diese in Bezug zu zeitgenössischen wissenschaftlichen Rezensionen und anderen Erinnerungsstudien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zeitliche Phasen – von der Kriegszeit über den Kalten Krieg bis zur Universalisierung in den 70er Jahren – und diskutiert abschließend die kontroverse Kritik an Novicks Ansatz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kollektives Gedächtnis, Instrumentalisierung, Erinnerungskultur, amerikanisches Judentum und Historisierung sind maßgebliche Begriffe für die Arbeit.
Welche Bedeutung hatte der Eichmann-Prozess für die Erinnerungskultur?
Laut Novick war der Prozess ein entscheidender Wendepunkt, der den Holocaust als ein „Ereignis für sich“ im Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit verankerte.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Norman Finkelstein?
Die Arbeit ordnet Finkelstein als scharfen Kritiker ein, dessen Vorwurf einer „Holocaust-Industrie“ jedoch als methodisch einseitig und teilweise wissenschaftlich unseriös eingestuft wird.
Warum wird der Holocaust als „retrospektive Konstruktion“ bezeichnet?
Der Begriff wurde während des Krieges in dieser Form nicht verwendet; er entstand erst später, um komplexe historische Ereignisse unter einem Schlagwort für gegenwärtige identitätspolitische Zwecke zusammenzufassen.
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- Evelyn Oberhuber (Author), 2005, Der Holocaust im kollektiven Gedächtnis Amerikas - zu den Thesen von Peter Novick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49202