Der Zusammenhang zwischen der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Symptomatische und ätiopathogenetische Überschneidung und Abgrenzung sowie Komorbidität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

21 Seiten, Note: 1,0

S. H. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Differenzialdiagnostik

3. Komorbidität

4. Ätiopathogenese
4.1 Trauma und Risikofaktoren
4.2 Genetik
4.3 Neurobiologie

5. Diskussion

II Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS) wird im ICD-11 als eigenständige Diagnose erscheinen. Allerdings wird die KPTBS kontrovers disku- tiert; unter anderem auch im Zusammenhang mit der Borderline- Persönlichkeitsstörung (BPS). So wird einerseits diskutiert, ob die Konstrukte der beiden Störungen sich entsprechen. Ursächlich für diesen Diskurs sind sowohl symp- tombezogene Überschneidungen als auch Gemeinsamkeiten in ätiopathogenetischer Hinsicht. Andererseits werden Zusammenhänge der Störungsbilder und damit ein- hergehende Schwierigkeiten auf Basis von Komorbiditäten angeführt: Durch die häu- fige Komorbidität der BPS zu der KPTBS schließen sich die Störungsbilder nicht aus und sind aufgrund der genannten möglichen Ähnlichkeiten erschwert voneinander abgrenzbar. Das komorbide Auftreten der BPS zu der PTBS wird überdies als gleichbedeutend mit einer KPTBS diskutiert.

Um die angeführten Ansichten zu hinterfragen, wurden die Störungen bezüglich ihrer symptombezogenen sowie ätiopathogenetischen Zusammenhänge und Komorbiditä- ten untersucht. Hieraus resultieren folgende Erkenntnisse: Die Diagnostik der KPTBS ist im Gegensatz zur BPS ätiologisch orientiert. Grundsätzlich zeigen sich oberflächliche symptombezogene Gemeinsamkeiten, die durch die genauere inhaltli- che Betrachtung der einzelnen charakteristischen Ausprägungen jedoch zu einem großen Teil relativiert werden. Die häufigen Komorbiditäten zwischen PTBS und BPS konnten zwar bestätigt werden; jedoch wird die in der Literatur häufig ange- führte Annahme der KPTBS als gleichbedeutend mit PTBS und BPS in komorbidem Zusammenhang entkräftet. Außerdem lässt sich eine hohe Komorbidität der KPTBS zu der BPS feststellen, was die Schwierigkeit einer korrekten Diagnostik noch ein- mal unterstreicht. Traumata (insbesondere vom Typ-II) spielen sowohl für die KPTBS als auch für die BPS eine signifikante ätiopathogenetische Rolle. Für die Entstehung einer BPS sind sie jedoch nicht notwendig und deuten lediglich auf einen moderaten Zusammenhang hin. Für die Entstehung und Entwicklung der KPTBS sind Traumata (insbesondere ihr Typ und Ausmaß) von absolut zentraler Bedeutung; daneben sind außerdem verschiedene prä- peri- und posttraumatische Faktoren von Relevanz.

Die Erblichkeit scheint zunächst für beide Störungen eine bedeutende Rolle zu spie- len, wobei anzumerken ist, dass die Heritabilität der KPTBS bisher nicht hinreichend untersucht ist. Es wurden darüber hinaus deutliche Gemeinsamkeiten der neurobio-logischen Korrelate der heiden Storungen gefunden. Hierbei wird jedoch vermutet, dass die Gemeinsamkeiten (teilweise) eher auf iihnliche iitiopathogenetische Fakto­ ren (insbesondere Traumata) zuruckzufllhren sind als auf die neurobiologischen Ver­ iinderungen durch die Storungen selbst.

1. Einleitung

Nach Rosenfield et al. (2018) soll die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS) voraussichtlich als eigenständige Diagnose in der elften Version der Inter- nationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-11) erscheinen. Sie ist neben den Kernsymptomen der klassischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) durch Emotionsregulationsstörungen, einer negativen Selbstwahrnehmung sowie Bezie- hungsstörungen definiert. Das Konstrukt der KPTBS wird in vielerlei Hinsicht kont- rovers diskutiert. So geben Hecker und Maercker (2015) an, dass die differenzialdi- agnostische Abgrenzung der KPTBS zu anderen psychischen Störungen mit Schwie- rigkeiten verbunden ist. Die Überschneidung der KPTBS mit der Borderline- Persönlichkeitsstörung (BPS) ist laut Haberfellner (2008) sogar so ausgeprägt, dass eine Differenzierung zwischen den Konstrukten kaum mehr möglich ist und nach Giourou et al. (2018) und Lewis und Grenier (2009) diskutiert wird, ob die BPS der KPTS entspricht. Laut Palić und Elklit (2014) ähneln sich die Störungen neben den symptombezogenen Gemeinsamkeiten auch in ätiologischer und pathogenetischer Hinsicht (Reddemann & Sachsse, 2000). Kulkarni (2017) schlägt deshalb vor, die Diagnose der KPTBS anstatt der Diagnose BPS in der Praxis zu verwenden, da sie weniger stigmatisierend ist.

Ferner tritt die KPTBS häufig komorbid zu weiteren Störungen, insbesondere auch der BPS, auf, so dass die ohnehin ähnlichen Störungsbilder sich nicht ausschließen (Zehl et al., 2013). Cloitre et al. (2013) diskutieren hingegen, ob die KPTBS einer PTBS mit komorbider BPS entspricht.

Die Zusammenhänge der beiden Störungsbilder sind sowohl für den Diskurs über die wissenschaftliche Integrität als auch für die Diagnostik in der klinischen Praxis be- deutend. Denn nur durch das Bewusstsein über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Störungen mit solch ausgeprägten Überschneidungen kann korrekt diagnostiziert werden. Die genannten Zusammenhänge sind ebenfalls für die Diskussion über den Sinn der KPTBS als eigenständige, valide Diagnose in der klinischen Praxis bedeu- tend.

Um die Zusammenhänge zu hinterfragen, werden die Störungsbilder zunächst vergli- chen und differenzialdiagnostisch voneinander abgegrenzt. Daraufhin werden die Störungen mit Bezug zu ihren Komorbiditäten analysiert und in ätiopathogenetischer Hinsicht miteinander verglichen. Abschließend werden die Erkenntnisse in Bezug zueinander gesetzt und diskutiert.

2. Differenzialdiagnostik

Die einleitend genannte häufig kritisierte symptomatische Überschneidung der KPTBS und der BPS wird folgend untersucht, indem die Symptome miteinander vergleichen werden. Sie sind zur Veranschaulichung in Tabelle 1 gegenübergestellt.

Tabelle 1 Vergleich der Symptomatik der KPTBS und BPS, modifiziert nach Sack et al. (2011) und Maercker (2013; nach Hecker und Maercker, 2015)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die KPTBS ist eine ätiologisch orientierte diagnostische Kategorie, da sie typischer- weise aus einem Typ-II-Trauma resultiert. Typ I-Traumata beschreiben einmalige oder kurzfristige traumatische Erlebnisse mit akuter Lebensgefahr, charakterisiert durch Überraschung und Plötzlichkeit. Typ-II-Traumata hingegen stellen eine Folge an multiplen oder zeitlich andauernden und unvorhersehbaren traumatischen Ereig- nissen dar (Hecker und Maercker, 2015). Im Gegensatz zur KPTBS setzt die Diagno- se der BPS keinen traumatischen Stressor voraus. Das Zeitkriterium der (Borderline-) Persönlichkeitsstörung ist ein weiteres unterscheidendes Merkmal. So können trau- matische Ereignisse neben der Kindheit und Adoleszenz auch im Erwachsenenalter erlebt werden und ggf. zu einer KPTBS führen; die BPS setzt hingegen den Beginn der Erkrankung im Kindesalter oder in der Adoleszenz voraus.

Die Kernsymptome der PTBS (Erinnern und Wiedererleben des Traumas, Vermei- dung/Verdrängung/das Vergessen des Erlebten sowie Hyperarousal und Affektver- flachung/Interesselosigkeit) sind keine Voraussetzungen der BPS.

Die gestörte Affektregulation stellt sowohl ein Symptom der KPTBS als auch der BPS dar. Luxenberg et al. (2001) betonen hierbei, dass das Stimmungsspektrum der BPS-Patienten in der Regel deutlich breiter ist. So zeigt die Stimmung der BPS- Patienten eine Variation von negativen bis hin zu positiven Gefühlen. Die Stimmung der KPTBS-Patienten variiert in der Regel eher von depressiver Verstimmtheit und Ängstlichkeit bis hin zu Wut und Verzweiflung. Nach Cloitre et al. (2014) äußert sich die Störung der Emotionsregulation bei KPTBS-Patienten darüber hinaus in dysfunktionalen Copingstrategien (zum Beispiel Substanzmissbrauch) und emotiona- ler Sensibilität. Bei BPS-Patienten sind letztere Aspekte weniger kennzeichnend als selbstverletzendes Verhalten und suizidale Verhaltensweisen. Letztere treten zwar auch bei KPTBS-Patienten auf, sind aber deutlich weniger exemplarisch (Hecker und Maercker, 2015).

Das instabile Selbstbild der BPS-Patienten ist von Unsicherheit der eigenen Identität geprägt, das nicht selten zum Gefühl einer „inneren Leere“ führt. Es herrscht außer- dem eine Unsicherheit bezüglich der eigenen Ziele und Präferenzen. Das Selbstbild von KPTBS-Patienten ist hingegen geprägt von Schuld-, Scham- und Minderwertig- keitsgefühlen sowie der Überzeugung, ein irreparables, beschädigtes Leben zu füh- ren. Aufgrund der zuletzt genannten Überzeugung ist die wahrgenommene Zu- kunftsperspektive außerdem negativ. Nach Cloitre et al. (2014) ist das Selbstbild der Patienten mit KPTBS darüber hinaus eher konsistent negativ als wechselhaft wie bei BPS-Patienten.

Bezüglich der Beziehungsfähigkeit lässt sich feststellen, dass BPS-Patienten eine Tendenz des Suchens sozialer Kontakte, der Vermeidung des Verlassenwerdens so- wie zu intensiven aber instabilen Beziehungen zeigen. Die Patienten schwanken zwi- schen Idealisierung und Entwertung der Beziehungen sowie zwischen dem Wunsch nach intensiver Nähe und dem Beziehungsabbruch (Cloitre et al., 2014). Personen mit KPTBS hingegen weisen eine Tendenz zur Passivität, Vermeidung, Misstrauen und Ängstlichkeit gegenüber sozialen Kontakten auf (Hecker & Maercker, 2015). Eine Dissoziation kommt bei BPS-Patienten als Folge von extremer Belastung vor, insbesondere als Folge (der Vorstellung) des Verlassenwerdens oder von Kränkun- gen (Ford & Courtois, 2014). Die Dissoziationen sind nach Bronisch (2001) schwä- cher ausgeprägt und flüchtiger als bei Patienten mit KPTBS. Bei der KPTBS stellt die Dissoziation ebenfalls ein mögliches Symptom dar und kann sich in Form von anhaltenden Aufmerksamkeitsstörungen, wiederholten psychogenen Bewusstseins- trübungen, Amnesien oder Depersonalisationserleben zeigen (Hecker & Maercker, 2015).

Überdies stellen somatoforme Körperbeschwerden bei der KPTBS im Gegensatz zur BPS kein störungsspezifisches Symptom dar. So lässt sich im Symptomvergleich insgesamt erkennen, dass sich viele der Sympto- me der beiden Störungsbilder auf den ersten Blick überschneiden. Jedoch wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass sie in ihrer Charakteristik deutliche Unterschie- de aufweisen.

3. Komorbidität

Nach Cloitre et al. (2014) resultiert die Annahme, die KPTBS sei zusammengesetzt aus der PTBS mit komorbider BPS, aus deren häufig miteinander auftretenden Komorbidität. So zeigen verschiedene Studien an Patienten mit PTBS-Diagnose in 37-68% der Fälle eine komorbide BPS (Golier et al., 2003; Harned et al., 2010; Zanarini et al., 1998; nach Cloitre, 2014). Bei Patienten mit BPS-Diagnose tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von 25-58% eine komorbide PTBS-Diagnose auf (Heffern- an & Cloitre, 2000; Zlotnick, et al., 2002; nach Cloitre, 2014).

Lewis und Grenyer (2009) bestätigen zwar die überzufällige Häufigkeit der komor- biden PTBS bei BPS-Patienten, jedoch relativieren sie diese Erkenntnis: So kommt die BPS nicht nur zur PTBS, sondern auch zu vielen anderen Störungen der Achse I und Achse II komorbid vor. Zu einigen Störungen, wie beispielsweise der Depressi- on (86%), oder zum Substanzmissbrauch (62%) besteht sogar häufiger als zur PTBS eine Komorbidität. Ebenso tritt im Verlauf der PTBS-Erkrankung häufiger komorbid eine Depression (96%) oder Substanzmissbrauch (64%) auf als eine BPS (Bronisch, 2001).

Sack et al. (2013) fanden darüber hinaus in ihrer Studie heraus, dass 55% der Patien- ten mit diagnostizierter BPS gleichzeitig die Diagnosekriterien der KPTBS erfüllen. Des Weiteren legen die Ergebnisse ihrer Studie nahe, dass sich BPS-Patienten mit einer komorbiden KPTBS deutlich im Ausmaß ihrer Symptombelastung unterschei- den: So weisen Patienten mit BPS und komorbider KPTBS im Vergleich mit Patien- ten mit ausschließlicher BPS höhere Ausprägungen der depressiven, dissoziativen und somatoformen Beschwerden auf. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass die Stich- probe der Studie sich auf Patienten in spezialisierten Behandlungszentren bezieht; wodurch die Aussagekraft möglicherweise auf Patienten mit schwerer BPS- Symptomatik beschränkt ist.

Studien deuten außerdem darauf hin, dass eine BPS die Vulnerabilität, eine PTBS zu entwickeln, erhöht (Bateman & Fonagy, 2004; Golier et al., 2003; Zlotnick et al., 2003; nach Cartwright, 2008). Nach Frías und Palma (2013) gilt diese Erkenntnis nicht nur einseitig, es wird außerdem eine gewisse Reziprozität der beiden Störungen zueinander diskutiert. So führen sie als Beispiel an, dass Kriegsveteranen mit prä- morbider BPS nach ihrer Heimkehr stärkere posttraumatische Symptome zeigten. Die posttraumatischen Symptome waren umso stärker ausgeprägt, je stärker auch die BPS-Symptomatik ausgeprägt war (Axelrod et al., 2005; nach Frías und Palma, 2013). Diese Erkenntnisse beschreiben einen möglichen Grund für die hohe Komor- bidität der Störungen miteinander.

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass die These, die KPTBS sei eine PTBS mit komorbider BPS, genauerer Überprüfung nicht standhält. Außerdem wird aufgrund der hohen Komorbidität zwischen KPTBS und BPS im Zusammenhang mit der fest- gestellten oberflächlichen symptomatischen Ähnlichkeit der Konstrukte noch einmal die Schwierigkeit unterstrichen, eine korrekte Diagnostik durchzuführen.

4. Ätiopathogenese

Die Literatur erörtert eine vielfältige Komposition an Erklärungen für die Ursachen sowie Entstehung und Entwicklung der Störungsbilder der KPTBS und BPS. Es er- scheinen die Aspekte Trauma und Risikofaktoren sowie Neurobiologie und Genetik vorherrschend. Sie werden im Folgenden dargelegt.

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Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Untertitel
Symptomatische und ätiopathogenetische Überschneidung und Abgrenzung sowie Komorbidität
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V492136
ISBN (eBook)
9783668983953
ISBN (Buch)
9783668983960
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, Borderline, Persönlichkeitsstörung, KPTBS, Ätiopathogenese, Differenzialdiagnostik
Arbeit zitieren
S. H. (Autor), 2019, Der Zusammenhang zwischen der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und der Borderline-Persönlichkeitsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492136

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