Figurenhandeln im "Rosengarten zu Worms", Version A. Eine Figurenkomik par excellence?


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2. 1 Komik und Komiktheorien
2. 2 Textimmanente Merkmale des Komischen

3. Figurenhandeln im „Rosengarten“ A
3. 1 Kriemhild zwischen Frauendienst und Blutgier
3. 2 Ilsân als Mönchsheld
3. 3 Dietrich als Zauderer und Kritiker

4. Zusammenfassung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter aventiurehafter Dietrichepik ist eine schriftliterarische Gattung zu Zeiten des Mittelalters zu verstehen. Gegenstand dieser Gattung sind die Aventiuren Dietrichs von Bern, die meist Kämpfe gegen Zwerge, Riesen und anderen Helden beinhalten.

Der „Rosengarten“, oder auch „Rosengarten zu Worms“ stellt einen Sonderfall innerhalb der aventiurehaften Dietrichepik dar. Überliefert ist der „Rosengarten“ ab Anfang des 14. Jahrhunderts bis circa 1500. Der Verfasser blieb anonym. Der „Rosengarten“ ist in 21 Handschriften und in sechs Auflagen des ‚Gedruckten Heldenbuchs’ tradiert[1]. Es werden grob vier Versionen des „Rosengarten“ unterschieden: die Version A, mit der ich mich in dieser Arbeit näher beschäftigen möchte, Version DP, F und die Mischversion C. Heinzle zählt sogar noch eine fünfte, die Version der Handschrift R13, als eine eigene Fassung[2]. Der „Rosengarten“ ist im Hildebrandston verfasst. Der „Dresdner Rosengarten“ bildet eine Variante dessen mit Zäsurreimen (Heunenweise) ab[3]. Im „Rosengarten“ A kämpft Dietrich nicht gegen übernatürliche Gegner (Drachen oder Zwerge), sondern es geht hier um sogenannte Reihenkämpfe zwischen den Berner Helden, unter der Führung Dietrichs, und den Recken aus Worms, unter ihnen Kriemhilds Verlobter Siegfried. So treffen im „Rosengarten“ erstmals die „beiden größten Helden der deutschsprachigen heroischen Überlieferung“[4] aufeinander.

Aventiurehafte Dietrichepik geht auf eine mündliche Überlieferung zurück. Dies kann man auch dadurch bestätigt sehen, dass es viele verschiedene Fassungen des „Rosengarten“ gibt, die jeweils für sich alleine stehen. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass das Erzählen der Texte durchaus wichtig und verbreitet war und somit auch eine gewisse Unterhaltungsfunktion des Werkes nahe liegt[5]. Aus der Annahme, dass es sich beim „Rosengarten“ A um Unterhaltungsliteratur handele, resultiert mein Beobachtungsschwerpunkt sich mit dem Handeln der Figuren näher zu beschäftigen. Ich möchte in dieser Hausarbeit das Figurenhandeln im „Rosengarten“ A mit dem Fokus auf der Figurenkomik ausgewählter Figuren analysieren. Dazu muss erst einmal definiert werden, was unter Komik zu verstehen ist und die drei vorherrschenden Komiktheorien erläutert werden. Um zu untersuchen, inwiefern die Figuren im „Rosengarten“ A komisch handeln, lege ich mich mithilfe des Wissens aus den Komiktheorien auf einzelne Merkmale fest, anhand derer eine Figurenkomik überprüft werden kann. Das Figurenhandeln mit dem Fokus auf komischen Elementen werde ich mir exemplarisch an drei Figuren im „Rosengarten“ näher anschauen: die Kriemhild-Figur zwischen Frauendienst und ihrem Vergnügen an sinnlosem Blutvergießen, Ilsân als kämpfenden Mönch und die Rolle Dietrichs als Kritiker und Zauderer. In einem weiteren Schritt werde ich die Analyseergebnisse kurz zusammenfassen, um dann in meinem Fazit zu einem abschließenden Urteil zu gelangen. Zum Schluss möchte ich noch einen Hinweis darauf geben was für eine weitere Bearbeitung der Thematik spannend wäre.

2. Begriffsdefinitionen

Eine konkrete Entscheidung, ob es sich um eine Figurenkomik par excellence handelt, oder nicht, lässt sich nur dann treffen, wenn vorher festgelegt wird, nach welchen Kriterien beziehungsweise Merkmalen ein Figurenhandeln als komisch angesehen werden kann. Hierzu möchte ich zunächst die geltenden Komiktheorien aufzeigen und in einem zweiten Schritt allgemeine intertextuelle Merkmale von Komik aufzeigen.

2.1 Komik und Komiktheorien

Der „Rosengarten zu Worms“ gilt als ein „beliebtes Stück spätmittelalterlicher Unterhaltungsliteratur“[6]. Dies könnte implizieren, dass zu einem gewissen Unterhaltungswert auch Elemente des Komischen zählen, da ein bestimmter Unterhaltungswert vor allem das zeitgenössische Publikum ansprechen sollte. Auch sei überliefert, dass es schon im europäischen Mittelalter eine Vielzahl von unterschiedlichen Komikformen gegeben habe[7]. Dies legt die Frage nahe, ob dies auch in den Werken der aventiurehaften Dietrichepik, also in den „Rosengarten“ A, Einzug gefunden hat.

Ebenfalls für eine gewisse Komik im „Rosengarten“ A spricht der Nachweis von Werner Röcke, der besagt, dass es im Mittelalter und Früher Neuzeit sogenannte „Lachgemeinschaften“ gegeben haben soll, die sich auch literarisch inszeniert haben sollen. Interessant hierbei ist, dass viele von den sogenannten „Lachgemeinschaften“ gewaltförmig angelegt waren, sie also eine unterschiedliche Behandlung von Gewalt gewährten[8]. Schon Florian Kragl meinte: „Gewalt erzeugt Komik und Komik erzeugt Gewalt“[9]. Er unterstellt dem „Rosengarten“ A also mit einer gewissen Komik zu agieren, die gleichzeitig auch mit den Gewalttaten im „Rosengarten“ einhergehe. Ebenso spricht Kragl von einer „gewaltige[n] Komik“[10]. Damit kann zu den Haupthandlungssträngen des „Rosengarten“ A neben verschiedenen Gewalthandlungen auch eine gewisse Komik gezählt werden.

Eine Handlung, eine Figur oder eine sprachliche Äußerung wird meist als komisch bezeichnet, „die zum Lachen reizt“[11]. Komik ist eng verflochten mit dem Lachen als die bei komischen Äußerungen oder Handlungen ausgelöste emotionale Reaktion[12]. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sich die Komiktheorien auch überwiegend auf das Lachen beziehen.

Es gibt drei Komiktheorien, die uns eine Einordnung von eben solchen komischen Handlungen oder Äußerungen erlauben. Die erste ist die Überlegenheitstheorie. Diese ist die älteste der drei Theorien und versteht das Lachen, das oftmals eine Folge von komischen Handlungen ist, als eine Aggression beziehungsweise als ein Verlachen der behandelten komischen Figuren oder Handlungen. Die Vertreter der Entlastungstheorie hingegen gehen von der Funktion des Lachens aus, dass als „Ventil für Spannungen“[13] genutzt wird, und es so den Rezipienten des komischen Reizes in den Mittelpunkt rücke. Die letzte ist die Inkongruenztheorie. Sie ist laut Beate Müller die wohl Wichtigste, da sich die meisten komischen Handlungen, oder Figuren immer auf einen Moment der Inkongruenz beziehen. Inkongruenz bezeichnet dabei einen Moment des Zusammentreffens zweier Elemente, die für gewöhnlich inkompatibel seien oder nicht im selben Kontext vorkämen. Folglich resultiert eine so verstandene Komik aus einem Spannungsverhältnis und arbeitet mit einem gewissen Moment der Erwartungsbrechung. Dies spiegelt sich im „Rosengarten“ A insbesondere in der Vermischung der heldenepischen Welt mit der Welt der Nibelungenhelden[14].

Ebenfalls muss aber an dieser Stelle angemerkt werden, dass was von jemandem als komisch angesehen wird, meist von „kulturellen, (...) ästhetischen und ethischen Standards“[15] und von „persönlichen Erfahrungen“[16] abhängig sein kann. Das bedeutet, dass trotz der zahlreichen Überlieferungen des „Rosengarten“ und der Forschungsliteratur nicht eindeutig belegt werden kann, inwieweit die Elemente des Figurenhandelns auf das Publikum komisch gewirkt haben. Ich beschränke mich daher auf textinterne Merkmale, die eine erste Bestimmung von komischen Handlungen der Figuren im „Rosengarten“ A zulassen.

2.2 Textimmanente Merkmale des Komischen

Gegenstand dieser Arbeit ist es herauszufinden, inwiefern die Figuren und damit auch ihr Handeln im „Rosengarten“ A komisch sind beziehungsweise komisch wirken und an welchen Textstellen man dies ermitteln könnte.

Man differenziere bei der Analyse komischer Aspekte laut Müller „zwischen mehreren Ebenen, auf denen Komik erzeugt werden kann“[17]. Zum einen gibt es die duale Ebene. Hier sei vor allem der Wortwitz relevant. Zum anderen nennt Müller eine triadische Ebene, die sich mit der Sprach-, Figuren- und der Situationskomik befasse. Ich möchte mich bei der Analyse der komischen Elemente im „Rosengarten“ A überwiegend auf die zweite, die triadische Ebene konzentrieren und die Figuren- und Situationskomik der ausgewählten Figuren analysieren. Figurenkomik entstehe laut Müller auf Basis der Charaktereigenschaften einer meist typisierten Figur, die durch ihr Verhalten von der Norm abweiche[18]. Dies bezieht sich wiederum auf eine Normenkollision, die bereits bei der Inkongruenztheorie angesprochen wurde.

Nach Ariane Mhamood sind verschiedene Aspekte bei der Untersuchung von komischen Elementen in literarischen Werken von Bedeutung. Unter anderem nennt sie eine Funktion von Komik als Ergebnis eines Verarbeitungsprinzips[19]. Hierzu zählt ebenfalls der Aspekt, dass mit Komik und einem sich anschließenden Lacher eine gewisse Distanz zum Geschehen aufgebaut werden könnte. Diese theoretischen Annahmen gilt es in einem nächsten Schritt praktisch am „Rosengarten“ A anzuwenden.

3. Figurenhandeln im „Rosengarten“ A

Die gesamten „Rosengarten“-Versionen scheinen, begründet durch die langjährige Tradierung (bis in das 16. Jahrhundert hinein), ein Publikumserfolg gewesen zu sein.

Mhamood geht ebenfalls davon aus, dass Komik beziehungsweise eine gewisse parodistische Komik in allen Versionen eine feste, aber auch unterschiedlich gewichtete Größe sei[20]. In dem Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mich jedoch erst einmal auf die komischen Elemente in der Version A beschränken.

Zuerst möchte ich die Vorstellungen der Vertreter der Entlastungstheorie auf einzelne Handlungen der Kriemhild-Figur im „Rosengarten“ A beziehen und diesbezüglich untersuchen. In einem zweiten Schritt möchte ich bei der Figur des Mönchshelden Ilsân überprüfen, ob die Thesen der Inkongruenztheorie auch auf dessen Handlungen im „Rosengarten“ A zutreffen und, ob es sich bei seinem Handeln zwischen den Welten des Christen- und des Heldentums um eine Normkollision handelt. Des Weiteren möchte ich mich mit der Figur Dietrich von Bern im Hinblick auf seine Rolle als Zauderer und scharfer Kritiker Kriemhilds beschäftigen.

3.1 Kriemhild zwischen Frauendienst und Blutgier

Der „Rosengarten“ A lebt vor allem, im Gegensatz zu anderen Fassungen, von seiner massiven Frauenkritik, die sich überwiegend in den Gewalthandlungen um die Kriemhild-Figur abzeichnet. Im „Rosengarten“ A ist die Handlung, im Gegensatz zu den anderen Versionen, auf Kriemhild als Besitzerin des Rosengartens in Worms konzentriert. Denn es heißt im „Rosengarten“ A „ Krimhilt het eynen garten“ [21] und nicht ihr Vater Gibich wie in der Fassung D. Bemerkenswert scheint, dass ihr Zuständigkeitsbereich in keiner Weise von ihrem Vater oder von ihren Brüdern eingeschränkt wird. Sie gilt als alleinige „Initiatorin“[22] und setzt die Kampfbedingungen und Siegespreise fest, was bei Betrachtung der damaligen Auffassung der Frauenrolle höchst außergewöhnlich scheint.

[...]


[1] Vgl. Joachim Heinzle: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. Berlin, New York 1999, S. 169.

[2] Vgl. Joachim Heinzle: Art. ‚Rosengarten zu Worms’. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Hrsg. von Kurt Ruh u.a. Bd. 8. Berlin, New York 1992, Sp. 187f.

[3] Vgl. Heinzle (wie Anm. 1), S. 173.

[4] Ebd., S. 137.

[5] Vgl. Matthias Meyer: Die Verfügbarkeit der Fiktion. Interpretationen und poetologische Untersuchungen zum Artusroman und zur aventiurehaften Dietrichepik des 13. Jahrhunderts. Heidelberg 1994 (GRM 12), S. 281.

[6] Eckehard Simon: Rosengartenspiele. Zu Schauspiel und Turnier im Spätmittelalter. In: Entzauberung der Welt. Deutsche Literatur 1200-1500. Hrsg. von James F. Poag, Thomas C. Fox. Tübingen 1989, S. 197.

[7] Vgl. Werner Röcke/Helga Neumann (Hrsg.): Komische Gegenwelten. Lachen und Literatur in Mittelalter und Früher Neuzeit. Paderborn u.a. 1999, S. 9.

[8] Vgl. Werner Röcke/Hans Rudolf Velten (Hrsg.): Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Berlin, New York 2010 (Trends in Medieval Philology 4), S. XX.

[9] Florian Kragl: Heldenzeit. Interpretationen zur Dietrichepik des 13. bis 16. Jahrhunderts. Heidelberg 2013, S. 393.

[10] Ebd., S. 393f.

[11] Beate Müller: Art. ‚Komik und Komiktheorien‘. In: Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Hrsg. von Ansgar Nünning. 5. Auflage. Stuttgart 2013, S. 383.

[12] Vgl. Ariane Mhamood: Komik als Alternative. Parodistisches Erzählen zwischen Travestie und Kontrafaktur in den ‚Virginal’ – und ‚Rosengarten’-Versionen sowie in ‚Biterolf und Dietleib’. Trier 2012 (Literatur – Imagination – Realität 47), S. 20.

[13] Müller (wie Anm. 11), S. 383.

[14] Vgl. Müller (wie Anm. 11), S. 383.

[15] Klaus Grubmüller: Wer lacht im Märe – und wozu? In: Werner Röcke/Hans Rudolf Velten (Hrsg.): Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Berlin, New York 2010 (Trends in Medieval Philology 4), S. 111.

[16] Ebd.

[17] Müller (wie Anm. 11), S. 383.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. Mhamood (wie Anm. 12), S. 20.

[20] Vgl. Mhamood (wie Anm. 12), S. 137.

[21] „Rosengarten“ A, In: Das Dresdener Heldenbuch und die Bruchstücke des Berlin-Wolfenbütteler Heldenbuchs. Edition und Digitalfaksimile. Hrsg. von Walter Kofler. Stuttgart 2006, S. 202.

[22] Judith Klinger: Kriemhilds Rosen. Aushandlungen von Gewalt und Geschlecht im „Rosengarten zu Worms“. In: Heldinnen. 10. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Hrsg. von Johannes Keller/Florian Kragl. Wien 2010 (Philologica Germanica 31), S. 82.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Figurenhandeln im "Rosengarten zu Worms", Version A. Eine Figurenkomik par excellence?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Späte Heldenepik zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V492169
ISBN (eBook)
9783668985971
ISBN (Buch)
9783668985988
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rosengarten zu Worms, Heldenepik, Komik
Arbeit zitieren
Franziska Reuter (Autor), 2017, Figurenhandeln im "Rosengarten zu Worms", Version A. Eine Figurenkomik par excellence?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492169

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