Ethik der Banken. Wirtschaftsethik gestern und heute


Referat (Ausarbeitung), 2012
14 Seiten

Leseprobe

Von der zweifelhaften Moral in Finanzwirtschaft und Politik – nur ein europäisches Problem?

phrónesis1: Klugheit (griechisch φρόνησις phrónesis Vernunft, lat. prudentia) ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanten Faktoren, individueller Handlungsziele und sittlicher Einsichten.

Seit Platon zählt die Klugheit zu den vier Kardinaltugenden2.

Das Gute (prakton agathon) ist vielmehr, so beginnt die nikomachische Ethik, in jeder Kunst und jeder Handlung »das, wonach alles hinstrebt«, also der Zweck des betreffenden Dinges3:

Für die Heilkunst die Gesundheit, für die Kriegskunst der Sieg, für die Wirtschaftslehre der Reichtum: das heißt im Bankenbereich: Die Rendite.

So könnte sich Josef Ackermann4 mit seiner Vorgabe von 25% Rendite möglicherweise auf Aristoteles berufen, nicht jedoch auf den Vorstand der Munic RE, der das als „unanständig“ bezeichnet.

Aber Aristoteles sagt darüber hinaus, daß die Realisierung des Glücksstrebens dem Menschen dadurch gelingt, daß er Tugenden (a reté) durch praktische Handlungen erfüllt. Und höchstes Ziel ist bei ihm das Beste, das oberste Gute (ariston), das selbstlose Glück (eudaimonia)5. Gemeint ist hier sicherlich das geistige Glück der Selbsterkenntnis – wie im Buddhismus.

Aber: Phrónesis wird offensichtlich schon mal durch eine Art Wunderglauben (Hoffnung als eine Art Gottvertrauen) überlagert (Ludwig Wittgenstein)6, insbesondere dann, wenn Finanzprodukte noch nicht erprobt worden sind, aber Prominente, bisher erfolgreiche wie Morgan Stanley, das vormachen und in der Anfangsphase auch Erfolge vorweisen können.

Aber das gab es hierzulande schon in den fünfziger/sechziger Jahren des 20. Jhd. Da reüssierte hier ein Banker namens Münnemann, der machte aus kurzfristigem Geld - auch Spareinlagen -langfristige Kredite in der Hoffnung auf steigende Umsätze und Gewinne aus den daraus finanzierten Investitionen, um die aufgenommenen Kredite zu bedienen.

Münnemann ging pleite (und mit Ihm viele Kunden), als er in der Hochzinsphase kein billiges Tages- oder kurzfristiges Festgeld mehr bekam, das er aber in seinem System zur Zwischen-Finanzierung benötigte. Das heißt: die Hoffnung auf gleichbleibende Finanzierungsbedingungen hat getrogen.

Die Krise blieb aber dem Umfange nach noch überblickbar und das wirtschaftliche Umfeld war noch intakt und pulsierend.

Heute sieht das viel schlechter aus, wir stehen geschwächt, mit alten Systemen und hohen Schulden, neuen Vorschlägen gegenüber: Merkel & Macron wollen mit Transfer- und Schuldenunion (EWU), Eurobonds (neue Verbriefungen nach alten Verfahren der CEO und ABS) die Schulden-und Inflationspolitik des Draghi (SMP und OMT-Programme) auf die Spitze treiben: Dem nächsten Crash entgegen, der nicht so glimpflich wie der von 2007ff ablaufen wird, weil ja kaum noch Rettungsschirme aufgestellt werden können. Und nachdem Maastricht endgültig gescheitert ist, haben viele Länder den Euro als unbegrenzten Finanzierungsspielraum entdeckt, ohne eigene, schmerzliche, Reformen zur Angleichung der Finanz-, Wirtschafts- und Sozial-Strukturen einzuleiten, was eine einheitliche Währung aber unbedingt erfordert. Draghi, Juncker, Merkel und Macron wollen diese Schande mit viel Geld zukleistern, what ever it takes. Eine Anhebung der Zinsen, dringend geboten zur Finanzierung einer Alterssicherung abhängig Beschäftigter in Europa, würde eine ganze Reihe von Privat- und Staatspleiten in Europa auslösen. Das geht nicht, also müssen die Menschen in Europa weiter leben nach dem Motto: Altersarmut ist sicher, aber schändet nicht. Sie werden Opfer einer Währung und einer alternativlosen Politik schon vielmals gescheiterter Verfahren. Die „Junge Freiheit“ vom 18.04.2008 bringt die letzte Finanzkrise 2007/2008 an Hand einer Schlüsselposition moralisch auf den Punkt, nämlich am Verhalten des Finanzministers Steinbrück und der SPD im Fall KfW/IKB/Landesbanken und stellt sie in das Licht der Erkenntnisse in Goethes Faust:

Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, Unzahl vergrabenen Guts im Kaiserland", (Faust; Teil II, Lustgarten). Der Kaiser ahnt Betrug, aber der Schatzmeister erinnert ihn: "Hast selbst es unterschrieben."

Der Kanzler erläutert die neue Finanzmarktpolitik: "Damit die Wohltat allen gleich gedeihe, so stempelten wir gleich die ganze Reihe, zehn, dreißig, fünfzig sind parat, ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat."

Als sich sogar der Hofnarr "im Grundbesitze wiegt", zerstört Mephisto diese Illusion: "Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!" Aber er, Mephisto selbst und vorher auf der Kaiserpfalz? Hatte er nicht die Geldschöpfungsaktion angeregt als Lösung der aktuellen Finanzkrise des Kaiserreichs? „Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr; / Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer; / Es liegt schon da, doch um es zu erlangen, / das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?“; Schatzmeister: „Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht, / Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht“ Goethe führte eine Handlung vor, die wir heute "Verbriefung" nennen: Alle werden von der Geldillusion erfasst. Dies gab es immer wieder - von den "Assignaten" der Französischen Revolution bis zur inflationären Geldschöpfung von Notenbanken, wie hier im Deutschland der zwanziger Jahre und jetzt wieder durch Draghi von der EZB: Es ging niemals gut!!!

Nochmals zur Erinnerung: In Deutschland betrieb vor ca. 40 Jahren der Finanzmakler Münnemann das Geschäft mit sogenannten "Revolving-Krediten" unter der Devise "aus kurz mach lang", verdiente er gut an der Zinsdifferenz und scheiterte am Ende spektakulär, alles vergessen?

Die heutige (Dauer-)Finanzkrise gehört in diese Reihe. Wall-Street-"Berater" erfanden eine gigantische Geldschöpfung7 durch Verbriefung und Weiterverkauf langfristiger, im Wert nicht durchschaubarer "Kreditportfolios" (Collaterralized Debt Obligations; CDO8 ).

Deren Erwerber refinanzierten sich kurzfristig durch "Commercial Papers"9 über den Geldmarkt: also das Münnemann-Prinzip: Aus kurz mach lang.

Ein Spiel, das gegen die "Goldene Bankregel" verstößt: Danach soll der Umfang und die Fälligkeit der von einer Bank gewährten Kredite (im Falle der CDO´s unkalkulierbar) den dem Kreditinstitut zur Verfügung gestellten Einlagen entsprechen.10 Denn niemand finanziert seine Immobilie in der Erwartung auf hundertmalige Prolongation mit Drei-Monats-Wechseln.

Die langfristigen Kredite können "faul" werden oder die Anschlußfinanzierung der ausgegebenen kurzfristigen Papiere kann scheitern. Wenn beides zusammenfällt, ist die Katastrophe unabwendbar. Die Arbitrage (Geschäft mit Kursunterschieden) zwischen den niedrigen Zinsen der Commercial Papers einerseits und den höheren Zinsen der langfristigen Ausleihungen brachte den Banken - eine gewisse Zeit lang - hohe Gewinne (die sie meist unversteuert vereinnahmten, Anm.11 ) und verdeckte die Risiken.

Der Verkauf ihrer (bereits zweifelhaften, denn sie sollen das gewusst haben) Forderungen (an hoffnungsgläubige Kunden wie z. B. die KfW/ IKB, Anm.12 ) brachte den Banken Liquidität für neue Kreditvergaben.

In Deutschland erwärmten sich deshalb Bund und Länder für diese neue, von Bundes-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) so genannte "Finanzmarktpolitik" (Der redete immer wie der Blinde von der Farbe, Anm.).

Bund und Länder befürworteten sie nicht nur für die Banken (die sich noch im Hinblick auf die fehlende Staatshaftung, mit Ausnahme öffentlicher Banken, zu beschränken wussten), sondern auch als Grundlage für die Haushaltspolitik (die ohnehin schon ohne Netz und doppelten Boden geführt wurde, siehe Verschuldungssituation, über die auch kaum jemand außer Prof. Bernd

[...]


1 Peter Koslowski; Ethik der Banken – Folgerungen aus der Finanzkrise, Seite 13: „Es ist immer wieder richtig, den anderen zu folgen, noch immer richtig, den anderen nicht zu folgen“

2 verständig (sóphron), gerecht (díkaios), fromm (eusebés) und tapfer, gut (agathós) – Platon übernahm in seinen Dialogen Politeia und Nomoi die Idee der Vierergruppe (von Aischylos; Sieben gegen Theben). Er behielt die Tapferkeit (bei ihm ανδρεία, andreia), die Gerechtigkeit (δικαιοσύνη, dikaiosýne) und die Besonnenheit (σωφροσύνη, sophrosýne) bei, ersetzte aber die Frömmigkeit (εὐσέβεια, eusébeia) durch Klugheit (φρόνησις, phrónesis, nach Aristoteles) oder Weisheit (σοφία, sophía). Dadurch wurde die Frömmigkeit aus dem Tugendkatalog verdrängt. Noch Platons Zeitgenossen Xenophon, der wie Platon ein Schüler des Sokrates war, schrieb Sokrates einen Kanon von nur zwei Tugenden zu, nämlich Frömmigkeit (die die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern bestimmt) und Gerechtigkeit (die für die Beziehungen der Menschen untereinander maßgeblich ist). Kant hält sie für ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung der eigenen Glückseligkeit dienlichen Mittel, womit der Begriff eher die Bedeutung der „Verständigkeit“ annimmt. Klugheit ist in zwei Richtungen abzugrenzen: Im Gegensatz zu dem auf das Allgemeine gerichteten Wissen (epistéme) richtet sich die Klugheit auf den einzelnen konkreten Fall mit der Absicht, in ethischer Hinsicht das Gute, Zuträgliche und Angemessene zu erreichen. Auf der anderen Seite grenzt sie ihre Bindung an die moralische Lebensführung von Schlauheit, Gerissenheit, Tücke und Verschlagenheit ab. Letztere arbeiten zwar mit denselben Mitteln, haben jedoch nur einen praktischen Nutzen oder einen persönlichen Vorteil zum Ziel. Daher werden sie auch als minder wertvolle Formen der Handlungskompetenz betrachtet.

3 Entelechiebegriff bei Aristoteles: jedes Seiende (on und logos = Ontologie) hat ein Ziel, auf das es hinstrebt: etwas, das sein Ziel in sich selbst hat; die sich im Stoff verwirklichende Form; entelécheia = das wirkliche Tätig sein, zusammengesetzt aus entéles und echein = vollständig besitzen = eine im Organismus liegende Kraft, die seine Entwicklung bewirkt; Entelechie ist das Vermögen eines Individuums, sich bis zur Vollendung zu entfalten. Aktive Entelechie ist die Fähigkeit, die ausgeübt werden kann; passive Entelechie ist die Fähigkeit, etwas zu erdulden, zum Beispiel einem Druck standzuhalten. Aristoteles kannte drei Tätigkeiten eines „freien“ Mannes, der also wählen konnte (also nicht Sklaven, Metöken, Frauen und Männer unter 30). Neben der Arbeit des Handwerkers und dem Erwerbsstreben des Kaufmanns, die durch Zwang gekennzeichnet waren, wenn sie nicht freiwillig ausgeübt wurden, die geistige Kontemplation, die vita contemplativa (betrachten von Zusammenhängen) des Philosophen (siehe auch: Hannah Ahrendt; Vita activa oder Vom tätigen Leben; Seite 22-25; Piper, 1981)

4 Sofern der Mensch überhaupt frei im Willen ist, und nicht der Sklave seiner Zirbeldrüse und ständig dem Feuern der C-Fasern unterlegen; siehe: Freiheit und Verantwortung: Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und ordnungsökonomische Folgerungen; Viktor J. Vanberg Walter Eucken Institut: Wolfgang Prinz-MPI (2004:22): „Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen nicht zu rechtfertigen.“

5 Thomas Reisch, Éthika Nikomachia; in Franco Volpi (Hrsg.); Großes Werklexikon der Philosophie, Band I, Seite 70

6 Peter Koslowski; aaO; Seite 14

7 Als Vorbild diente der langjährige Chefideologe der Geldpolitik der USA und der westlichen Welt, Alan Greenspan mit der einfachen Formel: Konjunkturen und Krisen sind einzig und allein eine Frage der Geldmenge, sonst nichts: don´t worry about that: Und diese Entwicklung wird jetzt ungerührt in aller Welt fortgesetzt: „In der Finanzwelt scheint inzwischen weitgehend Konsens in der Einschätzung zu bestehen, dass die Europäische Zentralbank der US-Notenbank folgen und unter dem Druck der Regierungen versuchen wird, die Turbulenzen an den Märkten dadurch einzudämmen, indem sie Finanzmittel in unbegrenzter Höhe zur Verfügung stellt. „Es scheint, als hätten die Regierungen und Notenbanken in dieser Frage einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück zu anderen Lösungen mehr gibt“, sagt Christian Angermayer, Vorstandschef des Finanzdienstleisters ABL Group, im Handelsblatt-Gespräch: „Euro-Sorgen plagen den Dax“; HB vom 15.11.2011

8 Collaterralized (parallel laufend, auch gebündelt) Debt Obligations sind Fonds, in welchen (vergebene) Kredite von unterschiedlicher Qualität (gute und schlechte gemischt) gebündelt werden: sozusagen ein Forderungspaket. Diese CDO´s werden dann als Paket an Banken zur Nominalkapitalbeschaffung weiterverkauft. Nun werden diese CDO´s auch wieder zu neuen CDO´s von den erwerbenden Banken geschnürt, also sozusagen umgepackt. So kann also eine CDO ohne weiteres ein ganzes Paket anderer CDO's enthalten. Das führt dann dazu, dass am Schluss niemand mehr weiss, was in dem ganzen Paket steckt. Und darum wissen oder wussten die Banken auch nicht, welche Qualität von CDO's sie in den Büchern haben. Das gleicht einem Minenfeld, wo niemand weiss wo die Minen liegen. Das Risiko war zwar aus den Büchern der Kreditgeber verschwunden, aber nicht aus der Welt. Bis vor einigen Jahren hatten die Banken ganz normale Hypotheken in ihren Büchern und kannten die Risiken und ihre Kunden. Mit dem Aufkommen der CDO´s hat sich das verändert. Die CDO's wurden global verstreut und in viele Fonds als starke Renditebringer untergebracht. Nun weiss niemand mehr genau, wer welches Risiko im Portefeuille hat. Das war der Auslöser der Vertrauenskrise unter den Banken (denn diese CDO´s wurden zur Geldschöpfung unter Banken eingesetzt) da nun jede Bank befürchtete, dass die andere Bank faule Kredite in den Büchern hat. Die Banken trauen einander nicht und leihen sich untereinander kein Geld mehr.

9 Geldmarktpapiere, abgezinste Schuldverschreibungen zur Beschaffung kurzfristigen Kapitals

10 Ferner sagt die goldene Bankregel: Langfristige Investitionen (wie Grundbesitz) sollen nur mit Eigenkapital oder langfristig verfügbarem Fremdkapital finanziert werden.

11 Unversteuert auch insofern, als sie als Tantiemen (steuermindernde Gehälter) an die Investmentbanker ausgeschüttet wurden, ob die sie dann ordnungsgemäß als Gehalt versteuern, sei deren Sache.

12 Auf einer vergleichbaren Ebene lagen die Geschäfte der öffentlichen Hand im sogenannten Cross – Border – Leasing (CBL) mit amerikanischen Investoren: Statt Gedanken über eine sparsame Haushaltsführung machte man sich Geschäftspraktiken des übelsten Liberalismus mit unübersehbaren Risiken zu eigen (alles zu Lasten des Steuerzahlers), die glücklicherweise durch die amerikanische Steuergesetzgebung ab 2004 gestoppt wurden.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ethik der Banken. Wirtschaftsethik gestern und heute
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V492218
ISBN (eBook)
9783346019448
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein vorbereitets Vortragskonzept für ein Seminar in Praktischer Philosophie, das nicht mehr zur Ausführung kam.
Schlagworte
ethik, banken, wirtschaftsethik
Arbeit zitieren
Klaus Peter Kraa (Autor), 2012, Ethik der Banken. Wirtschaftsethik gestern und heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492218

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