Verbreitung sozialistischer Ideologie in der DDR mit Hilfe von Kinderliteratur am Beispiel von Erwin Strittmatters "Tinko"


Hausarbeit, 2019
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kinder- und Jugendliteratur in der DDR

2. Literatur zum staatlichen Zweck
2.1 Kinder- und Jugendliteratur als ideologisches Mittel
2.2 Sozialistische Wertvorstellungen

3. Erwin Strittmatter „Tinko“ - eine literaturwissenschaftliche Analyse
3.1 Inhalt
3.2 Figurenkonstellation
3.2.1 Tinko
3.2.2 Der Heimkehrer
3.2.3 Der Großvater
3.3 Semantische Räume

4. Wertesystem des Textes

Literaturverzeichnis

1. Kinder- und Jugendliteratur in der DDR

„Der aufgeklärtere Teil der Arbeiterklasse […]
[begreift] sehr gut, dass die Zukunft seiner Klasse
und damit die Zukunft der Menschheit völlig von
der Erziehung der heranwachsenden
Arbeitergeneration abhängt.“1
- Karl Marx -

Als die Deutsche Demokratische Republik (DDR) 1949 gegründet wurde, wurde das junge Volk schnell zum Hoffnungsträger des Sozialismus.2 Der Gedanke der SED war damals simpel: Die Kinder- und Jugendliteratur wird ideologisch aufgeladen. Auf diesem Wege können alle Kinder der DDR, die die Bücher als Pflichtlektüren in der Schule lesen zum folgsamen Sozialistennachwuchs erzogen werden. Nur so kann das Gemeinschaftswohl über das Privatwohl gestellt werden.3 In der vorliegenden Arbeit soll anhand eines Jugendromanes aus der DDR untersucht werden, inwieweit die Führung der DDR die Kinderliteratur instrumentalisierte, um ihre Ideologie an die nachfolgende Generation weiterzugeben.

Der Roman „Tinko“ von Erwin Strittmatter aus dem Jahr 1954 handelt von einem Jungen in der DDR, der zwischen der neuen, sozialistischen Ideologie und der alten, traditionellen Weltansicht schwankt. Strittmatter war Teil der SED, Geheimer Informant der Staatssicherheit und zeitweise erster Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes (DDR).4 Die Tatsache, dass Strittmatter Teil der Partei war für die er schrieb, macht die Analyse seines Buches besonders aufschlussreich.

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll zunächst das Genre der Kinder- und Jugendliteratur im Allgemeinen und in der deutschen Vergangenheit untersucht werden. Daraufhin werden die sozialistischen Wertvorstellungen behandelt, um sie in der darauffolgenden Analyse des Buches identifizieren zu können. Bei der Analyse des Jugendbuches soll zunächst knapp der Inhalt des Buches abgehandelt werden. Im Anschluss richtet sich das Hauptaugenmerk auf die Figurenkonstellation. Hierbei wird zum einen der Protagonist ‚Tinko‘ genauer betrachtet, wobei auch die beiden Antagonisten ‚Ernst Kraske‘ und ‚Großvater Kraske‘ genauer in den Fokus rücken. Vor allem die Ansichten des heimkehrenden Vaters werden für die Analyse der sozialistischen Aufladung interessant sein. Im Anschluss daran soll eine Analyse der semantischen Räume weiter Aufschluss über die Beziehungen geben. Schließlich wird in einem Fazit zusammengefasst, inwieweit die sozialistische Ideologie mithilfe von Kinderliteratur verbreitet wurde.

2. Literatur zum staatlichen Zweck

2.1 Kinder- und Jugendliteratur als ideologisches Mittel

Kinder- und Jugendliteratur kann Kinder stark beeinflussen. Dies macht sich heutzutage vor allem die Pädagogik zu Nutze. Kinderliteratur kann mit Bedeutung aufgeladen sein, um Kinder zu schulen und um sie als Material bei der Selbstbildung zu unterstützen. Die Intentionen eines Buches sind für die Kinder meist zunächst nicht ersichtlich. Oft muss der Protagonist der Geschichte, stellvertretend für den Rezipienten, Probleme lösen. Der Leser projiziert das Problem auf sich, ohne direkt damit konfrontiert zu werden. So können schwierige Themen bei Kindern und Jugendlichen anhand von passender Literatur therapiert werden. Literatur kann auf diese Weise auch Werte und Normen vermitteln. Auch hier werden die Protagonisten des Textes mit Werten und Normen ausgestattet, die entweder wünschenswert sind oder nicht. Wenn sie nicht wünschenswert sind, scheitert der Protagonist der Geschichte, um zu zeigen welche Einstellungen nicht zielführend sind. Problematisch ist in diesem Kontext, dass durch diese Art und Weise jegliche Werte und Normen kinderfreundlich verpackt werden können, um mitunter auch fragwürdige Ideologien zu verbreiten. Angenommen ein Buch, das für Kinder unersichtlich politische Hetze in eine schöne Kindergeschichte verpackt, muss in der Schule als Pflichtlektüre gelesen werden. Ein Regime könnte auf diese Weise ganze Generationen von klein auf mit politischer Ideologie indoktrinieren. Die Geschichte macht deutlich, dass dies keine Fiktion ist. Die Kinder- und Jugendliteratur wurde in der jüngeren deutschen Geschichte schon durch verschiedene politische Systeme instrumentalisiert. Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Instrumentalisierung der Kinder- und Jugendliteratur zwar schon begonnen, jedoch wurde sie in der Zeit des Nationalsozialismus auf ein bis dato unbekanntes Level gehoben.5 Hierzu wurde von den Nazis das gesamte literarische System überarbeitet und umgestellt. Dazu gehörten alle Bibliotheken und Verlage, sowie das Schulwesen. Dies wirkte sich stark auf die Kinder- und Jugendliteratur aus.6 1933 mussten alle Autoren, Verleger, Buchhändler und Bibliothekare Mitglied in der so genannten Reichsschrifttumskammer werden, wobei viele Menschen aufgrund rassistischer oder politscher Gründe ‚aussortiert‘ wurden.7 Die bestehenden Schulverbände wurden in den nationalsozialistischen Lehrerbund gezwungen.8 Dieser hatte unter anderem die Aufgabe, die Schulbücherbestände auf ideologiefeindliche Inhalte zu überprüfen und durch eigene ideologische Kinderliteratur aufzufüllen. 1933 entstand eine schwarze Liste: Darauf war Kinder- und Jugendliteratur zu finden, welche fortan verboten war und aus allen Bibliotheken des Reiches entfernt werden musste.9 Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges steigerte sich dieses Vorgehen, durch neue schwarze Listen und immer strengere Kontrollen: „Die Aufteilung Deutschlands in seine vier Besatzungszonen mit zwei verschiedenen politischen und literarischen Kulturen hatte auch Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur nach 1945.“10 Nach 12 Jahren NS-Propaganda blieb bei den älteren Kindern eine nachhaltige Prägung nicht aus. In der sowjetischen Besatzungszone wurde mit der faschistischen Literatur strikt gebrochen.11 Stattdessen gab es vor der Gründung der DDR, bis in das Jahr 1949, übersetzte Kinder-und Jugendliteratur aus der Sowjetunion in den Buchläden zu kaufen:12

„Mit der Gründung der DDR tritt nicht nur die Erzählung mit Gegenwartsstoffen in den Mittelpunkt, sondern sie ist auch eindeutig orientiert auf eine ideologische Erziehung der Heranwachsenden im Sinne der aufzubauenden sozialistischen Gesellschaft.“13

Die Kinder- und Jugendliteratur wird also erneut genutzt, um ideologisches Gedankengut unter das Volk zu bringen. Statt rechts nun links.

2.2 Sozialistische Wertvorstellungen

Zu Beginn der Besatzung Ostdeutschland durch die Sowjets, zwang sie die existierenden Parteien entweder ins Nichts oder aber zum Zusammenschluss zu einer Volkspartei, der SED. Durch das Herrschaftsmonopol einer einzigen Partei sollte sich in Ostdeutschland das Wertesystem erneuern.14 Weg von der NS-Ideologie und hin zum Realsozialismus. Die Regierung versuchte, dies unter anderem durch die Verstaatlichung der Industrie und die Kollektivierung der Landwirtschaft zu erreichen.15 Somit wurde eine vollständige Abhängigkeit vom Staat erzeugt, der das Volk zum Sozialismus zwang. Dieser Zwang stieß auch an seine Grenzen:

Der Sozialismus stellt an sich den Gegensatz zum Kapitalismus dar.16 Die drei Grundsäulen, auf die sich der Sozialismus stützt, sind zugleich die drei wichtigsten Werte, die ein Sozialist zu vertreten hat: Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität.17 Die strikte Durchsetzung dieser Werte bedeutete für Ost-Deutschland eine gänzliche Umstellung der Gesellschaft, die sich vom Arbeitsplatz bis in die Gedanken der Bürger zog. Nur die Befreiung der „Arbeiterklasse“ und die Etablierung sozialistischer Moralvorstellungen in der Bevölkerung würden gemäß Walter Ulbricht „eine glückliche Zukunft“ bringen.18 Diese Werte waren zunächst von Antifaschismus geprägt, welcher dann in neue, sozialistische Moralvorstellungen überging.19 Diese lassen sich gut an den Leitfäden zur Erziehung der jungen Sozialisten ablesen, da die SED vor allem durch die Ideologisierung des jungen Volkes ihre Herrschaft und Ideologie sichern wollte.20

„Das Erziehungskonzept der späten 1940er Jahre hatte den Anspruch, ein moralisches Wertesystem innerhalb der jungen Bevölkerung zu etablieren, das Normen und Verhaltensweisen des Einzelnen gegenüber Staat und Partei regelte. Die Jugendpolitik erstrebte im Rahmen des Erziehungsprozesses die Errichtung einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung.21

Einem Beschluss des sozialistischen Kinderbundes von 1949 ist zu entnehmen, dass die sechs bis vierzehn Jährigen zu „fortschrittlichen, lerneifrigen, arbeitsfreudigen, fleißigen, ehrlichen, lebensfrohen [und] demokratischen jungen Menschen“ erzogen werden sollten.22 Der Sozialismus wurde als Fortschritt und sehr sinnvoll verkauft, sodass die breite Bevölkerung mitmachte. Eine Wahl hatten sie jedoch nicht. Wer nicht wollte, wurde durch Enteignung und Verstaatlichung zur Teilhabe gezwungen. Die Armen bekam mehr, da das Kapital der reichen Kapitalisten aufgeteilt wurde. So wuchs die Akzeptanz des Sozialismus in der Arbeiterklasse.23

3. Erwin Strittmatter „Tinko“ - eine literaturwissenschaftliche Analyse

In der folgenden Analyse des Jugendromans „Tinko“, dass gut 350 Seiten umfasst, werden die Schwerpunkte zum einen auf die Figurenkonstellation und -charakterisierung, sowie auf die semantische Aufladung der Räume gelegt. Durch diese beiden Analyseschritte kann ein sehr gutes Bild vermittelt werden, inwieweit das Buch ideologische Inhalte weitergeben soll.

3.1 Inhalt

„Tinko“ von Erwin Strittmatter handelt von einem Jungen, der zwischen die Welt- und Wertevorstellungen zweier Generationen gerät und sich für eine dieser Seiten entscheiden muss. Die Geschichte spielt in Märzbach, einem Dorf in einer ländlichen Region in der DDR. In den 1950er Jahren ist Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die Sowjets wollen mit der DDR einen weiteren Staat aufbauen, in welchem der sozialistische Realismus gelebt wird. Tinko wächst bei seinen Großeltern auf, die einen großen Hof und das beste Land haben, welches sich der Großvater in seiner damaligen Funktion als Bürgermeister im Zuge der Bodenreform selbst unter den Nagel riss. Unter der strengen Hand des Großvaters wächst Tinko in einem harten Arbeitsalltag auf. Er hat Angst vor der täglichen, ermüdenden Feldarbeit, die die Knochen kaputt macht und die Menschen krumm laufen lässt. Tinkos Mutter wurde bei einem Angriff von Tieffliegern getötet und sein Vater, den er nie kennenlernte, ist in russischer Gefangenschaft. Als er zurückkommt, kommen auch andere Heimkehrer ins Dorf. Die sozialistische Ideologie war zwar bereits vorher im Dorf angelangt, doch wird sie durch seinen Vater nun an ihn und die Großeltern herangetragen. Tinko steht dem Heimkehrer zu Beginn sehr skeptisch gegenüber. Er merkt jedoch schnell, dass der Großvater und er verschiedene Menschen sein müssen. Es wird deutlich, dass die beiden eine gänzlich verschiedene Meinung zu allem haben. Tinko steht lange auf der Seite seines Großvaters, der ihn mit seiner alten, traditionellen und fortschrittsfeindlichen Art und Weise erzogen hat. Jedoch sieht er immer öfter die Vorteile der sozialistischen Ideologie des Vaters, den er stets Heimkehrer nennt. Es folgt Tinkos individueller Findungsprozess, in welchem er sich von beiden Seiten angezogen und abgestoßen fühlt. Tinko, und mit ihm das gesamte Umfeld, beginnt sich zu wandeln. Als er schließlich den Jungen Pionieren beitritt, ist seine neue, sozialistische Identität offensichtlich. Der Großvater wird immer verbitterter, da er seinen Standpunkt mittlerweile fast alleine vertreten muss. Er wird auch Tinko gegenüber immer feindseliger, weshalb dieser mit ihm bricht. Tinkos Vater findet eine neue Frau, die eine Tochter hat. Durch sie findet Tinko eine neue Familie und lebt glücklich mit den neuen Moralvorstellungen. Sein Großvater stellt sich gegen die Entwicklung und gegen die Moderne. Wenn sich alle einen Traktor kaufen, kauft er sich ein Pferd. Als der Großvater stirbt, stirbt mit ihm die veraltete, konservative Bauernschaft.

3.2 Figurenkonstellation

Der Protagonist in Strittmatters Kinder- und Jugendbuch ist Tinko. Die Handlung hat neben Tinko selbst im Wesentlichen zwei andere Charaktere, die besonders analyserelevant sind. Das ist zum einen der Großvater, der Tinko aufzieht, bis die Narration einsetzt. Hinzu kommt noch der „Heimkehrer“24, sein leiblicher Vater, der im Krieg mit anschließender Gefangenschaft in Russland war. Des Weiteren gibt es in dem Buch etliche Nebencharaktere, die die Handlung ebenfalls beeinflussen. Auf diese soll im Folgenden auch eingegangen werden. Die analyserelevanten Punkte bei den Nebenfiguren werden in der Charakterisierung der drei Hauptfiguren diskutiert.

3.2.1 Tinko

Strittmatter wählt in seinem Roman einen autodiegetischen Erzähler. Die Geschichte wird zum größten Teil von Tinko, beziehungsweise aus seiner Perspektive erzählt. Somit lässt der Autor eine sehr subjektive Erzählstruktur entstehen. Durch die Verbalisierung von Tinkos Gedanken, lässt er tief in seine Entscheidungen und in sein Gewissen blicken. Der oder die Leser/in kann sich somit besser in Tinko hineinversetzen und die Thematik besser verarbeiten, beziehungsweise verinnerlichen: „Da liegt meine Geige von vorhin. Ich mag sie nicht mehr. Ich laufe ins Dorf. Ich will den Heimkehrer nicht sehen. Ich will den Großvater nicht sehen.“25 Strittmatter verlässt diese Linie jedoch ab und an und bringt so Informationen mit ein, die Tinko nicht wissen kann. Der Erzähler wechselt vom autodiegetischen Erzähler zum heterodiegetischen. Dies geschieht beispielsweise, als der Erzähler den Fiebertraum des sterbenden Großvaters beschreibt.26 Der Charakter Tinko verändert sich im Laufe der Narration sehr stark. Erzogen von seinem Großvater, der ein sehr altmodischen, selbstzentrierten Blick auf die Dinge hat, internalisiert Tinko diese Werte und Normen zunächst für sich. Je näher er jedoch seinem Vater kommt, welcher für moderne Werte und ein sozialistisches Moralverständnis steht, desto stärker übernimmt er dessen Wertvorstellungen und verändert sein Verhalten, wie auch sich selbst. Im Folgenden wird seine Entwicklung detaillierter dargestellt.

Tinko, ein Junge im mittleren Kindesalter, wird von seiner Großmutter und seinem Großvater aufgezogen, weil seine Mutter im Krieg starb und der Vater in Gefangenschaft ist. Tinko ist der ganze Stolz des Großvaters, er soll einmal die Landwirtschaft übernehmen. Er selbst arbeitet viel auf dem Feld, was sich in seiner schulischen Leistung niederschlägt. Der Großvater hält jedoch nichts von der Schule und vom Lernen. Der Heimkehrer stellt hierzu einen Gegensatz dar. Er will, frei nach sozialistischen Grundsätzen, dass Tinko sich bildet, viel liest und in die Schule geht. Später wird sich zeigen, dass Tinkos Sitzenbleiben ein Symbol für die alte Zeit ist, in der er immerzu auf dem Feld arbeiten musste. In der neuen Zeit kann er alle seine Hausaufgaben erledigen und wird ein Musterschüler. Es fällt deutlich auf, dass Tinkos Gedanken zu Beginn die Werte des Großvaters wiederspiegeln. Tinko hat offensichtlich sein Wertesystem inne: „Großvater machte es ihnen vor, aber sie waren zu ungeschickt, es nachzumachen.“27 Die Beziehung zu seinem Großvater scheint zunächst sehr gut zu sein, doch mit der Zeit wird deutlich, dass er oft aus Angst gehorcht: „Großvaters Flüche bannen mich.“28 Tinko erkennt die Ratschläge des Heimkehrers als vernünftig an und sieht die Vorteile, doch er arbeitet weiter für den Großvater, mit vollem Bewusstsein dafür, dass er für ihn eine Arbeitskraft ist.29 Die Verinnerlichung von den Werten des Großvaters lässt sich auch sehr gut daran erkennen, dass Tinko dem Heimkehrer zunächst sehr skeptisch gegenübersteht, da der Großvater mit ihm streitet und er bisher nur schlechtes über die anderen Heimkehrer gehört hat: „Ich schau dich doch nicht an. Morgen wirst du mich schon verprügeln.“30

Um Tinkos Entwicklung im Gesamten betrachten zu können, müssen nun klar die Seiten zugewiesen werden. Jeder der beiden Männer, Großvater sowie Heimkehrer, möchte dass Tinko die jeweils eigene moralische Identität annimmt, beziehungsweise weiterträgt. Der Großvater steht auf der einen Seite und möchte, dass alles bleibt wie es war; sprich Tinko arbeitet weiter auf dem Feld, geht nicht in die Schule. Er macht keine Hausaufgaben und das Geerntete ist Privatbesitz und nicht für die Gemeinschaft. Auf der anderen Seite steht Tinkos Vater, der eine sehr sozialistische Einstellung innehat und sich auch in der Partei engagiert. Er will Tinko zu einem mündigen Sozialisten erziehen, der vor allem zukunftsorientiert handelt, fleißig zur Schule geht und die Gemeinschaft unterstützt wo er kann. Durch narrative Ereignisse schwankt Tinko zwischen beiden Positionen und weiß zunächst nicht, wie er sich verhalten soll.

Am Anfang mag Tinko den Heimkehrer nicht, doch schon bald hat er sich an ihn gewöhnt. Er soll für ihn etwas arbeiten und Tinko fragt sich was dagegen spricht.31 Er beginnt sich zu ihm hinzuorientieren. Es ist schwierig für Tinko, dass zwischen den beiden Autoritäten immer Streit herrscht. Sie sind sich nie einer Meinung und vertreten stets die gegenteilige Position. Oft fragt sich Tinko im Buch, warum der Heimkehrer alles anders machen müsse, wie der Großvater und ob er ein anderer Mensch sei, als der Großvater.32 Jedoch wird schnell ersichtlich, dass Tinko es seinem Vater recht machen möchte.33 Jedoch nennt er ihn noch nicht Vater, sondern immer noch Heimkehrer.34 Dies zeigt, dass er ihn noch nicht ganz akzeptiert hat. Er schläft auch noch immer bei seinem Großvater im Bett, ist ihm semantisch also noch sehr nahe.

[...]


1 Stübner / Zapf 1981. S.66 f.

2 Vgl. Strobel, 2005. S.1

3 Vgl. ebd. S.1

4 Vgl. Spiegel, 2014. o.S.

5 Vgl. Kümmerling-Meibauer, 2012. S.60

6 Vgl. ebd. S.60

7 Vgl. ebd. S.60

8 Vgl. ebd. S.60

9 Vgl. ebd. S.60

10 Ebd. S.66

11 Vgl. Opitz / Hoffmann, 2009. S.158

12 Vgl. ebd. S.67

13 Richter, 2011. S.59

14 Vgl. Neubert, o.J. S.1

15 Vgl. ebd. S.2

16 Vgl. Brie / Spehr, 2008. S.3

17 Vgl. ebd. S.3

18 Ulbricht, 1959. S.66

19 Vgl. Lehmann, 2019. S.141

20 Vgl. ebd. S.141

21 Lehmann, 2019. S.141

22 FDJ, 1986. S.86

23 Vgl. Lehmann, 2019. S.95

24 Strittmatter, 1989. S.16

25 Ebd. S.63

26 Vgl. ebd. S.347

27 Ebd. S.24 Zitat bezieht sich auf die Bodenreform, bei der der Großvater nur zu seinem eigenen Vorteil handelte.

28 Ebd. S.80

29 Ebd. S.112

30 Ebd. S.21

31 Vgl. ebd. S.38

32 Vgl. ebd. S.60, S.82, S.227

33 Vgl. ebd. S.63

34 Vgl. ebd. S.63

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Verbreitung sozialistischer Ideologie in der DDR mit Hilfe von Kinderliteratur am Beispiel von Erwin Strittmatters "Tinko"
Hochschule
Universität Passau  (Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft / Mediensemiotik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V492606
ISBN (eBook)
9783668995802
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tinko, DDR, Sozialismus, Ideologie, Strittmatter, Kinderliteratur, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Philip Schöneck (Autor), 2019, Verbreitung sozialistischer Ideologie in der DDR mit Hilfe von Kinderliteratur am Beispiel von Erwin Strittmatters "Tinko", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492606

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