Die zunehmende Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedingt einen Wandel der Wahrnehmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Künstler der Avantgarde setzen sich mit den veränderten Wahrnehmungsbedingungen auseinander wie der Bauhauskünstler László Moholy-Nagy. Er entwirft eine Theaterkonzeption, in der die Wahrnehmung die Grundlage für pädagogische Ziele und nicht zuletzt für die Lösung sozialer Probleme bildet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Ansatz
2.1 Auswirkungen der industriellen Revolution
2.2 Reaktivierung der sinnlichen Wahrnehmung
2.3 Raum und Zeit
3. Konstruktivistische Experimente
3.1 Das Kraftsystem
3.2 Material, Licht und Bewegung: der Licht-Raum-Modulator
4. Das ‚Theater der Totalität’
4.1 ‚Mechanische Exzentrik’
4.2 Der Mensch in der ‚mechanischen Exzentrik’
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmungskonzeption im Theater von László Moholy-Nagy und analysiert, wie dieser die durch Industrialisierung und Urbanisierung geprägten neuen Sehgewohnheiten des 20. Jahrhunderts in eine dynamische Theaterpraxis übertrug. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie die neuen Erfahrungen von Zeit und Raum als essenzielle Gestaltungsmittel in seinem Theaterkonzept zum Einsatz kommen.
- Wandel der menschlichen Wahrnehmung im 20. Jahrhundert
- Die Rolle industrieller Technologien in der modernen Kunst
- Das Konzept des ‚dynamisch-konstruktiven Kraftsystems’
- Der Licht-Raum-Modulator als Vorstufe zur Bühnengestaltung
- Die Transformation des Theaters zur ‚mechanischen Exzentrik’
Auszug aus dem Buch
3.2 Material, Licht und Bewegung: der Licht-Raum-Modulator
In dem Manifest Dynamisch-konstruktives Kraftsystem deuten die Autoren bereits den „Licht-Raum-Modulator“ an, eine Konstruktion, an der Moholy-Nagy insgesamt acht Jahre lang von 1922-1930 arbeitete. Dort heißt es: „Die ersten Entwürfe zu dem dynamisch-konstruktiven Kraftsystem können nur experimentelle und Demonstrationsapparate sein zur Prüfung des Zusammenhangs zwischen Materie, Kraft, Raum.“ Der „Licht-Raum-Modulator“ entstand hauptsächlich während seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus in Zusammenarbeit mit dem Mechaniker Otto Ball und dem Diplom-Ingenieur Stefan Sebök, einem ungarischen Architekten, der in Gropius’ Architekturbüro arbeitete.
Die Maschine wurde später wohl eher aus finanziellen Gründen innerhalb der Theaterabteilung der Berliner Elektrizitätsgesellschaft A.E.G. fertiggestellt, wo noch ein zusätzliches Lichtprogramm entwickelt wurde. Der „Licht-Raum-Modulator wurde auf der Werkbund-Ausstellung „de la Societé des Artistes Decorateurs im „Grand Palais“ in Paris im Sommer 1930 als „Lichtrequisit einer elektrischen Bühne“ zum ersten Mal ausgestellt. In der Zeitschrift des Deutschen Werkbundes veröffentlichte Moholy-Nagy einen Artikel, in dem er Aussehen und Funktionsweise des Apparates beschreibt:
Dieses Lichtrequisit ist ein Apparat zur Demonstration von Licht -und Bewegungserscheinungen. Das Modell besteht aus einem kubischen Kasten, 120 cm, mit einer kreisrunden Öffnung (Bühnenöffnung) auf der Vorderseite. Um die Öffnung herum, auf der Rückseite der Platte, sind eine Anzahl gelb-, grün-, blau-, rot-, weißfarbiger elektrischer Glühbirnen montiert (ca. 70 Illuminationsbirnen von je 15 Watt und 5 Stück Scheinwerferbirnen je 100 Watt).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den Wandel der menschlichen Wahrnehmung durch Industrialisierung und neue Medientechnologien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stellt die Verbindung zur Theateravantgarde sowie zu László Moholy-Nagy her.
2. Theoretischer Ansatz: Dieses Kapitel erörtert Moholy-Nagys Kritik an der industriellen Arbeitswelt und sein pädagogisches Ziel, die sinnliche Wahrnehmung des Menschen durch die Kunst zu rehabilitieren.
3. Konstruktivistische Experimente: Hier wird Moholy-Nagys Versuch analysiert, moderne Industriematerialien und Licht in ein ‚dynamisch-konstruktives Kraftsystem‘ zu überführen, maßgeblich realisiert im Apparat ‚Licht-Raum-Modulator‘.
4. Das ‚Theater der Totalität’: Dieser Abschnitt beschreibt die Übertragung filmischer und technischer Effekte auf die Bühne unter dem Begriff der ‚mechanischen Exzentrik’ und reflektiert die veränderte Rolle des Menschen innerhalb dieses Apparates.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Rezeption von Moholy-Nagys Theaterarbeit zusammen und würdigt seine Pionierrolle für das moderne Performance-Theater trotz anfänglicher technischer Hürden.
Schlüsselwörter
László Moholy-Nagy, Theater der Totalität, Wahrnehmung, Industriegesellschaft, Licht-Raum-Modulator, Avantgarde, mechanische Exzentrik, Raum-Zeit-Erfahrung, Filmästhetik, Konstruktivismus, technologische Innovation, visuelle Dynamik, Bauhaus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Theaterkonzeption des Bauhauskünstlers László Moholy-Nagy vor dem Hintergrund eines radikalen Wandels der menschlichen Wahrnehmung im frühen 20. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themen umfassen die Auswirkungen der Industrialisierung, die Entwicklung neuer künstlerischer Gestaltungsmittel wie Licht und Kinetik sowie die Neudefinition von Raum und Zeit im Theater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, herauszufinden, wie Moholy-Nagy die durch den modernen Alltag und neue Technologien geprägte „beschleunigte Wahrnehmung“ in sein Theaterkonzept integriert und gestalterisch umsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Die Arbeit stützt sich auf eine kunsttheoretische Analyse, insbesondere auf Moholy-Nagys eigene Schriften wie „Vision in motion“ sowie eine Untersuchung seiner praktischen Versuche wie dem „Licht-Raum-Modulator“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung der Kunstprogrammatik, die konstruktivistischen Experimente und die Überführung dieser Prinzipien in das „Theater der Totalität“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Wahrnehmung, Theater der Totalität, Konstruktivismus, Licht-Raum-Modulator und die Dynamisierung des Raumes.
Was genau versteht Moholy-Nagy unter der „mechanischen Exzentrik“?
Dies ist ein Konzept zur „Aktionskonzentration der Bühne“, das durch die mechanische Dynamisierung von Bühnenelementen, Filmprojektionen und Lichteffekten den traditionellen literarischen Theaterbegriff herausfordert.
Wie integriert Moholy-Nagy den Menschen in sein technisches Theatermodell?
Der Mensch fungiert nicht mehr als zentraler Bedeutungsträger des Stücks, sondern als gleichwertiges Gestaltungselement neben Licht, Ton und Mechanik innerhalb eines „Bühnenorganismus“.
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- Janine Dahlweid (Author), 2005, Die Wahrnehmung im Theater der Avantgarde. Analyse der Wahrnehmungskonzeption im Theater des Bauhauskünstlers László Moholy-Nagy, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49260