Demokratien führen Kriege. Nicht gegeneinander, aber gegen Staaten anderen Systemtyps. Der empirische Befund zum Demokratischen Frieden ist ein Zweifacher. Trotzdem scheint es als würde der Erkenntnis, dass Kriege auch für Demokratien kein auszuschließendes Instrument der internationalen Politik sind und prinzipiell eben so häufig von ihnen genutzt werden, wie von Nichtdemokratien, eine stiefmütterliche Rolle zugeschrieben werden. Im Zentrum der Aufmerksamkeit findet sich die weitaus positiver besetzte Aussage, dass Demokratien untereinander friedlich sind. Problematisch ist die Reduktion des Doppelbefundes nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern vor allem aufgrund der unvergleichbaren Popularität, die diesem Forschungsergebnis auch von Seiten der Politik zukommt. Mit dem Charakter eines Gesetzes ausgestattet, hat die empirische Erkenntnis der gegenseitigen Friedfertigkeit von Demokratien seit ihrem Aufkommen einen enormen Einfluss auf außenpolitische Strategiepapiere und Handlungsweisen genommen. Der Demokratische Frieden wird zur Handlungsanleitung, das durch ihn geförderte demokratische Selbstbewusstsein zur Konfliktursache.
Demokratisierung und damit die Erweiterung der Anzahl demokratischer Staaten im Internationalen System wird als einzige Möglichkeit gesehen, einen weltweiten Frieden im Kantschen Sinne zu installieren. Dabei wird das Mittel des Krieges immer seltener ausgeschlossen. Paradoxerweise soll der Krieg zum Garant des Friedens werden.
Diese spannungsvollen Auslegungen des Demokratischen Friedens sind auch ein Ergebnis der häufig einseitigen Auseinandersetzung mit dem Doppelbefund. Während verschiedenste Gründe für den Frieden unter Demokratien erforscht und verbreitet sind, werden viel zu selten Erklärungsmuster für das kriegerische Verhalten von Demokratien zu Nichtdemokratien gesucht und veröffentlicht. Relativ schnell wird jedoch bei der Betrachtung ersterer klar, dass sie ebenso als Begründung für den demokratischen Krieg fungieren könnten.
Es gilt zu klären, ob die begrenzte Forschungsarbeit bezüglich kriegerischer Auseinandersetzungen einen Anteil daran haben kann, dass der Befund des Demokratischen Friedens oftmals eine Legitimationsfunktion für den demokratisch geführten Krieg übernimmt. Gleichzeitig muss allerdings auch die Frage gestellt werden, inwieweit die Legitimation zum Krieg innerhalb des Demokratischen Friedens manifestiert worden ist.
Die vorliegende Arbeit setzt sich vor allem mit der Rechtfertigung von demokratischen Kriegen auseinander und versucht hierbei zu erläutern, inwieweit die aus dem Demokratischen Frieden gezogenen Argumente sowohl einen Krieg gegen eine Nichtdemokratie, als auch das friedliche Verhalten gegenüber einem demokratischen Staat erklären können. Hierfür werden die aus zentralen Theorien der Internationalen Beziehungen stammenden bekannten Erklärungsmuster für den Demokratischen Frieden dargelegt und es wird gleichzeitig aufgezeigt, inwieweit eben diese auch für den Krieg mit demokratischer Beteiligung gelten können. Zuvor wird allerdings kurz das Theorem des Demokratischen Friedens näher erläutert, wobei die dyadische Variante desselbigen für diese Arbeit entscheidend ist, weil analysiert werden soll, inwieweit dieser zur Legitimation von zwischenstaatlichen Kriegen herangezogen wird. Schließlich wird im vierten Abschnitt auf das zentrale Problem der Verwendung des Doppelbefundes für die Legitimation von kriegerischen Interventionen einzugehen sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept des Demokratischen Friedens
2.1 Der monadische Blickwinkel
2.2 Der dyadische Blickwinkel
3. Erklärungsansätze für den Doppelbefund
3.1 Der rationale choice Ansatz
3.2 Der institutionalistische Ansatz
3.3 Der normative Ansatz
3.4 Der konstruktivistische Ansatz
4. Demokratische Kriege legitimiert durch den Demokratischen Frieden?!
4.1 Das Selbstverständnis von Demokratien durch den Demokratischen Frieden
4.2 Die Vermittlung demokratischer Kriege mit Hilfe des Demokratischen Friedens
4.3 Befriedung durch kriegerische Demokratisierung
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Fragestellung, inwiefern das Paradigma des Demokratischen Friedens instrumentalisiert wird, um Kriege demokratischer Staaten gegen Nichtdemokratien zu legitimieren und außenpolitisch zu rechtfertigen.
- Analyse des Doppelbefundes des Demokratischen Friedens
- Untersuchung theoretischer Erklärungsmuster (Rational Choice, Institutionalismus, Normativität, Konstruktivismus)
- Reflexion über die Konstruktion von Gegnerschaft und "Freund-Feind-Projektionen"
- Kritische Beleuchtung der Legitimationslogik von kriegerischer Demokratisierung
Auszug aus dem Buch
3.4 Der konstruktivistische Ansatz
Das zentrale Argument des Konstruktivismus in Bezug auf das Ausbleiben von Kriegen zwischen Demokratien lautet, dass dieses nicht zurückzuführen ist auf regimetypische Wesenzüge, die von allen geteilt werden, sondern vielmehr das Ergebnis einer sozialen Konstruktion darstellt. Es geht also nicht um objektiv feststellbare Übereinstimmungen bezüglich Normen oder auch Interessen, sondern vielmehr um die wechselseitige subjektive Wahrnehmung der beteiligten Akteure. Entscheidend ist nicht wie das Gegenüber ist oder handelt, sondern welches Bild von ihm besteht. Wird ein anderer Staat als Demokratie angesehen, erfolgt eine Reflexion auf das eigene Herrschaftssystem und die mit ihm verbundenen Normen und Werte. Daraus schlussfolgernd werden diese auf die Erwartungen bezüglich des Verhaltens des anderen Staates übertragen. Das Ergebnis ist die Annahme der Friedlichkeit der gegenüberstehenden Demokratien aufgrund einer Projektion der eigenen Kriegsabneigung.
Offensichtlich führt also ein Lernverlauf dazu, dass sich Demokratien untereinander als friedlich anerkennen und sich daraus verstärkt Kooperationsmöglichkeiten erschließen. Diese Zusammenarbeit wiederum unterstützt die getätigten Annahmen über die Friedfertigkeit des Anderen und stößt weitere Kooperationen dadurch an. Somit wird ein sich ständig vertiefender Integrationsprozess initiiert, der dazu beiträgt, Vertrauen zu schaffen und eine kollektive Identität aufzubauen und sich damit gleichzeitig von anderen Regimetypen abzugrenzen. Jene Grenze entspricht einer Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Dies meint zunächst eine imaginäre, allerdings durch Taten auch materialisierbare Frontlinie zwischen einem positiv besetztem Wir und einem negativ konnotierten Sie. Auf der einen Seite bestehen stabile Beziehungen untereinander, die zu einer stetigen Zusammenarbeit führen, während Verbindungen zu Nichtdemokratien einer Situation des Misstrauens unterstehen und damit ein Sicherheitsdilemma provozieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Paradoxie, dass Demokratien einerseits als friedfertig gelten, andererseits jedoch häufig Kriege führen, und stellt die Frage der Legitimationsfunktion des Demokratischen Friedens.
2. Das Konzept des Demokratischen Friedens: Dieses Kapitel erläutert den empirischen Doppelbefund und unterscheidet zwischen der monadischen und der dyadischen Variante des Demokratischen Friedens.
3. Erklärungsansätze für den Doppelbefund: Hier werden vier zentrale Theorien (Rational Choice, Institutionalismus, Normativität, Konstruktivismus) vorgestellt, um das friedliche Verhalten unter Demokratien und das kriegerische Verhalten gegenüber anderen Staaten zu erklären.
4. Demokratische Kriege legitimiert durch den Demokratischen Frieden?!: Dieses Kapitel analysiert, wie der Demokratische Frieden als Instrument zur Rechtfertigung von Kriegen und zur Konstruktion einer kriegerischen Legitimationslogik gegenüber Nichtdemokratien genutzt wird.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass die Instrumentalisierung des Demokratischen Friedens als Handlungsanleitung für Kriege wissenschaftlich nicht haltbar ist und auf einseitigen Interpretationen beruht.
Schlüsselwörter
Demokratischer Frieden, Doppelbefund, Demokratische Kriege, Außenpolitik, Legitimationsgrundlage, Sicherheitsdilemma, Konstruktivismus, Normativer Ansatz, Institutionalismus, Rational Choice, Internationale Beziehungen, Kriegsführung, Regimetypus, Freund-Feind-Projektion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch, wie der wissenschaftliche Befund des "Demokratischen Friedens" politisch genutzt wird, um Kriege demokratischer Staaten gegen Nichtdemokratien zu rechtfertigen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Themen umfassen die Theorie des Demokratischen Friedens, die Dynamik zwischen Demokratien und Autokratien sowie die Mechanismen der politischen Legitimationsbeschaffung für Kriegseinsätze.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Berufung auf den Demokratischen Frieden zur Legitimierung von Kriegen eine einseitige Interpretation darstellt, die wissenschaftlich fragwürdig ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse führender Konzepte der Internationalen Beziehungen, die in der einschlägigen Fachliteratur breit diskutiert werden.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt theoretische Erklärungsansätze (wie Rational Choice und Konstruktivismus) und analysiert, wie diese Modelle zur Konstruktion von Gegnerschaften instrumentalisiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren den Text?
Wichtige Begriffe sind Demokratischer Frieden, Doppelbefund, Sicherheitsdilemma, Legitimationslogik und kriegerische Demokratisierung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen monadischer und dyadischer Sicht?
Die monadische Sicht betrachtet Demokratien als per se friedfertiger, während die dyadische Sicht betont, dass Demokratien primär untereinander friedlich interagieren, was für die Argumentation der Arbeit entscheidend ist.
Warum hinterfragt die Arbeit die Demokratisierung durch Krieg?
Die Arbeit argumentiert, dass der Übergang zur Demokratie instabil und kriegsanfällig ist, weshalb die kriegerische Demokratisierung das Ziel einer friedlicheren Welt eher gefährdet als fördert.
- Quote paper
- Claudia Felber (Author), 2005, Nur der Krieg garantiert den Frieden - Das Paradigma des Demokratischen Friedens als Legitimationsgrundlage demokratischer Kriege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49261