Realismus und Liberalismus. Ein Vergleich der Staatstheorien


Seminararbeit, 2019
16 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Realismus
2.1. Grundannahmen
2.2 Strukturwirkungen
2.3 Sicherheitsdilemma
2.4 Ordnung durch Zwang – Zwangsmacht

3 Liberalismus
3.1 Grundannahmen
3.2 Strukturwirkungen
3.3 Struktur- und Präferenzkonstellation
3.4 Die 2-Ebenen-Verhandlungsmacht

4 Fazit

4 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Gefüge der internationalen Beziehungen herrschen eine Vielzahl von unterschiedlichen, teils sehr komplexen Machtgefügen und -konstellationen. Um diese besser darzustellen, bedient sich die Forschung einer breiten Masse von Theorien und Modellen, um den Aufbau und die Wirkungsmechanismen der einzelnen Staatstheorien besser aufzuzeigen. In dieser Arbeit möchte ich die Theorie des Realismus und des Liberalismus genauer untersuchen. Dabei ist mir wichtig, ihre klaren Unterschiede aufzuzeigen, jedoch auch zu beweisen, dass es durchaus Parallelen zwischen den beiden Theorien gibt, die betrachtet werden sollten.

2 Realismus

Als einer der Hauptvertreter des klassischen Realismus gilt Hans Joachim Morgenthau. Die Staatstheorie Liberalismus war eine der ersten Theorien die publik wurden und durch die man versuchte aufzuzeigen, wie das internationale System funktioniert und im Laufe des 20. Jahrhunderts entstand. Nach Morgenthau sind die Staaten hierbei die Schlüsselakteure, die in einem anarchischen System um Macht kämpfen. Es herrscht eine existentielle Unsicherheit der Staaten, wobei das Maß an Unsicherheit an den Kriterien Machtverteilung und verfügbarer Technologie gemessen wird.

Das wohl wichtigste Konzept im Realismus um staatliche Entscheidungen nachvollziehen zu können, ist das Konzept der Macht. Das nationale Interesse der Staaten liegt im Behaupten ihrer äußeren Macht gegenüber anderen Nationalstaaten, denn Macht garantiert das höchste Maß an Sicherheit.

2.1. Grundannahmen

Im Zuge seiner Staatstheorie legte Morgenthau Grundannahmen fest, die seiner Theorie zu Grunde liegen.

Seine erste Grundannahme besagt, dass die Politik im Realismus von objektiven Gesetzen beherrscht wird, die ihre Wurzel in der menschlichen Natur hat. Hier wird eine Brücke zu Hobbes Mensch im Naturzustand geschlagen, denn die objektiven Gesetze seien „wahrnehmungsunabhängige Kausalitätsbeziehungen […] die allgemeine Gültigkeit besitzen.“1. Die Ziele eines Staatsmannes sind nach dieser Annahme also nur verständlich und nachvollziehbar, wenn man sie im Kontext mit politischen Handlungen betrachtet. Hierbei untersucht der Souverän seine Entscheidungen im Hinblick darauf, welche absehbaren Konsequenzen sie zur Folge haben könnten.

Der zweite Grundsatz legt fest, dass das Interesse nach Macht die entscheidende Kategorie in der Politik sei, da die internationale Politik ein stetiger Kampf um Macht ist. Schließlich macht „Macht […] Politik zu Politik“2. Des Weiteren versetzt Macht die Außenpolitik der Staaten in eine autonome Sphäre3, denn Außenpolitik ist nur möglich, wenn sie der innerstaatlichen, demokratischen Kontrolle entzogen wird.4 Definiert man Macht als Interesse, lässt man die Betrachtung von Motiven und ideologischen Neigungen außen vor.5 Das ist deshalb wichtig, da nicht die Motive des Staatsmannes für sein Verständnis von Außenpolitik bedeutsam sind, sondern seine geistigen Fähigkeiten, den Kern jener Politik zu verstehen, sowie seine politischen Fähigkeiten, die genutzt werden müssen, um sie in erfolgreiche, politische Handlungen zu übertragen.6 Nach Morgenthau ist rationale Außenpolitik die einzig Wahre Außenpolitik, denn sie minimiert Risiken, maximiert Gewinne und erfüllt zugleich moralische Verhaltensregeln und Klugheit.7 Doch erkennt der Staatstheoretiker ebenfalls die Gefahren, die das anarchische System den Staaten gegenüber darstellt8.

Morgenthaus dritter Grundsatz besagt, dass das Konzept der Macht eine objektive, universell gültige Kategorie sei, was wiederum bedeutet, dass es von Zeit und Ort unabhängig ist.9 Unter dem Machtbegriff versteht man hier die Herrschaft über Menschen durch Menschen mittels Staaten.10 In der anarchischen Welt herrscht ein stetiger Kampf der Nationalstaaten um Macht, womit das Überleben zum höchsten außenpolitischen Ziel wird.11 Aus diesem Grund sieht Morgenthau die Balance of Power als beständiges Element im System12 und als Mechanismus, der diesen reguliert.13

Der vierte Grundsatz besagt, dass moralische Prinzipien, die im Privaten gelten, nicht auf Staatshandlungen übertragen werden können.14 Staatliches Handeln müsse demnach an anderen Maßstäben gemessen werden, denn die Verpflichtung des Staates gegenüber seinen Bürgern, ihnen Schutz zu gewährleisten, erfordert eine andere moralische Beurteilung.15 Der Mensch allein orientiert sich an abstrakten, ethischen Prinzipien, wohingegen der Staatsmann die Folgen seiner Handlungen für andere bedenken und abwägen muss.16 Dieses Beurteilen und Abwägen bezeichnet Morgenthau als politische Moral, die wiederum politische Klugheit erfordert.17

Im fünften Grundsatz erklärt Morgenthau, dass das moralische Begehren einer Nation nicht mit den moralischen Gesetzen des Universums gleichzusetzen ist,18 denn lediglich Interesse in Form von Macht schützt vor moralischem Exzess und politischer Torheit.19 Der Staatstheoretiker betont, dass nur ein Staatsmann, der die Gesetzmäßigkeiten der Macht kennt, sowohl seine politische, als auch seine moralische Pflicht erfüllen kann.20

Der sechste und letzte Grundsatz besagt, dass der Realismus eine intellektuelle, also auch moralische Einstellung zur Politik besitzt.21 Mit intellektueller Einstellung ist gemeint, dass politische Handlungen ausnahmslos nach Machtkriterien beurteilt werden müssen, mit moralischer Einstellung meint Morgenthau das Einbeziehen der Facetten, die die menschliche Natur bietet, denn nach Morgenthau wäre „a man who was nothing but a „political man“[…] a beast“22.

2.2 Strukturwirkungen

Nach Kenneth Waltz Buch Theory of International Politics gibt es drei relevante Strukturen des Internationalen Systems: die anarchische Ordnung, fehlende Arbeitsteilung und Machtverteilung bzw. Polarität der Staaten. Ebenfalls wichtig zu benennen sind auch technologische Ressourcen, da sie ebenfalls eine wichtige Rolle in der realistischen Theorie spielen.

Die Abwesenheit von Herrschaft und Arbeitsteilung bezeichnet Schimmelfennig als strukturelle Konstante23 , Machtverteilung und Technologie als variable Konstanten im internationalen System, die die Wirkung der Anarchie modifizieren24. Walz sieht jene Strukturen auf zweierlei Arten wirken: einerseits durch die Sozialisation der Akteure, andererseits durch den Wettbewerb unter den Akteuren. Auch definiert Walz die Struktur im internationalen System über die Position eines Staates im Vergleich zu den anderen: "Relation" is used to mean both the interaction of units and the position they occupy vis -à-vis each other. [...] How units stand in relation to one another, the way they are arrangend and positioned, is not property of the units. The arrangement of the units is property of the system.“25

Das internationale System ist ein System souveräner Staaten.26 Die Ordnung, die das Internationale System bestimmt, ist die Anarchie, bei der es keine Arbeitsteilung unter den Staaten gibt. Davon ausgehend ist also jeder Staat sowohl gleichrangig, als auch gleichartig, denn sie üben auf ihrem eigenen Gebiet die jeweils gleichen souveränen und umfassenden Herrschaftsfunktionen aus.

Diese Strukturwirkungen der Anarchie hat gleich zwei gravierende Folgen.

2.2.1 Primat der Autonomiesicherung

Durch die permanent vorherrschende existentielle Unsicherheit wird Sicherheit zum obersten Ziel eines jeden Staates. Dabei bedeutet Sicherheit für die Nation politische Autonomie und Souveränität zu sichern, also weiterhin eine unabhängige Herrschaft zu führen. Ist das gewährleistet, kann der Staat innen- und außenpolitische Ziele und Interessen, wie zum Beispiel Umweltschutz oder Menschenrechte, verfolgen. Es lässt sich feststellen, dass ein Staat immer seine ökologischen und ideologischen Ziele den sicherheitspolitischen Zielen unterordnen wird, um seine Unabhängigkeit zu bewahren.

2.2.2 Selbsthilfe und Machtstreben

In der Literatur wird von einem System der „Selbsthilfe“27 gesprochen. Um also Sicherheit zu gewährleisten benötigt der Staat Macht, wobei militärische und militärisch nutzbare Ressourcen das wohl wichtigste Instrument zum Erhalt der Macht darstellen. Diese Verfügbarkeit physischer Zwangsgewalt, also beispielsweise durch bewaffnete Streitkräfte, gilt als wichtigste Machtressource im internationalen System28. Mit ihr verteidigen sich die Nationalstaaten gegen die Herrschafts- und Kontrollansprüche anderer Staaten im System. Diese Selbsthilfe und das stetige Machtstreben führen damit unweigerlich zu Machtkonkurrenz, indem anhand von militärischer Macht die Position eines Staates zu anderen gemessen wird. Ein Staat gilt demnach als „mächtig“, wenn er mehr oder bessere militärische Mittel vorweisen kann als seine Konkurrenten. Resultierend daraus muss ein jeder Staatsmann Betrug, Abhängigkeit und relative Verluste durch andere Staaten fürchten.

Das wiederum führt auch zur Unfreiheit der Bürger hinsichtlich ihrer eigenen politischen Autonomie: die Sorge des Souveräns um Sicherheit, seine staatliche Verfügungsgewalt über gesellschaftliche Ressourcen und politische Geschlossenheit haben zur Folge, dass er seine staatlichen Kompetenzen auf Kosten der individuellen Freiheit und Rechte seiner Bürger ausdehnt29.

Die internationale Machtverteilung ergibt sich aus der Zahl der Großmächte, die es im System gibt. Man spricht von einem unipolaren System, wenn es nur eine Großmacht im System gibt, von einem bipolaren, wenn gleich zwei Großmächte den Rang erreichen und von einem multipolaren System, wenn drei oder mehr Staaten zu Großmächten werden. Ein Staat gilt dann als „Großmacht“, wenn ihm überlegene Machtressourcen obliegen. Eine Machtkonzentration auf eine Großmacht verringert die von der Anarchie generierte Unsicherheit und Machtkonkurrenz, wo hingegen Machtdifferenz Unsicherheit und Konkurrenz begünstigt, also einen gegenteiligen Effekt hat.

2.3 Sicherheitsdilemma

Prinzipiell wäre ein Frieden möglich, wenn sich alle Staaten einander gegenüber defensiv verhalten würden, doch die Unsicherheit, dass Staat A das defensive Verhalten von Staat B ausnutzen könnte, um sich einen relativen Machtvorsprung zu verschaffen, ist groß. Staat B hat also folgende Möglichkeiten: er könnte einerseits das Risiko eingehen oder andererseits darauf vertrauen, dass sich Staat A ebenfalls defensiv verhält. Doch scheinen beide Möglichkeiten wenig umsetzbar, da es hier immerhin um die Existenz des eigenen Staates geht, was wiederum ein eher risikoscheues Verhalten seitens des Souveräns erfordert. Des Weiteren wäre es ebenfalls sehr unklug darauf zu vertrauen, dass sich ein gegnerischer Nationalstaat defensiv verhält, denn „woher sollen sie diese Gewissheit nehmen, wenn außen - und sicherheitspolitische Entscheidungen unter großer Geheimhaltung gefällt werden und kein souveräner Staat sich internationaler Kontrolle unterwirft?“30. Man geht also lieber vom „worst case“ aus und beginnt, zum Schutz des eigenen Staates, aufzurüsten. Der gegnerische Staat wiederum rüstet darauf hin mehr auf, um seinen Konkurrenten im Falle eines Krieges schlagen zu können. Dieser Konkurrent tut wiederum das gleiche, dessen Konkurrent wiederum ebenfalls und so beginnt eine andauernde Spirale des Wettrüstens. Dieses wechselseitige Misstrauen bedingt die anarchisch begründete Machtkonkurrenz, die „Wettrüsten“ als Interaktionsmechanismus zur Folge hat. So kommt es auch, dass Staaten, die gar nicht nach Machtgewinn streben in diesen Interaktionsmechanismus einsteigen müssen, da sie sonst Gefahr laufen, von anderen, mächtigeren Staaten unterworfen zu werden.

Auf der anderen Seite gibt es wiederum auch offene Positionalisten, also Staaten, die daraufhin arbeiten die Rolle des Hegemons im internationalen System einzunehmen. Sie sind dem Mechanismus des Machtgleichgewichts unterworfen, der in der Literatur oft balancing genannt wird. Beispielsweise gewinnt ein Staat A durch Bevölkerungswachstum, Territorialgewinne oder neue Energieressourcen an Macht. Staat B betreibt daraufhin Gleichgewichtspolitik und versucht seinen Machtverlust durch die Mobilisierung eigener Machtressourcen, wie zum Beispiel der Förderung eigener Industrie oder der Entwicklung überlegener Waffen, auszugleichen. Diesen Prozess nennt man auch internes balancing.

[...]


1 Zürn 1994, S.309

2 Krell 2004, S. 154

3 Vgl. Morgenthau 1985, S. 5

4 Vgl. Krell 2004, S. 154

5 Vgl. Morgenthau 1985, S. 5

6 Vgl. Morgenthau 1985, S. 6

7 Vgl. Morgenthau 1985, S.10

8 Vgl. Morgenthau 1985, S. 9

9 Vgl. Morgenthau 1985, S. 10

10 Vgl. Morgenthau 1985, S. 10

11 Vgl. Dougherty/Pfaltzgraff 2001, S. 78

12 Vgl. Morgenthau 1985, S. 11

13 Vgl. Dougherty/Pfaltzgraff 2001, S. 71

14 Vgl. Morgenthau 1985, S.12

15 Dougherty/Pfaltzgraff 2001, S. 77

16 Vgl. Krell 2004, S. 154

17 Morgenthau 1985, S. 12

18 Vgl. Morgenthau 1985, S. 13

19 Vgl. Morgenthau 1985, S. 13

20 Vgl. Krell 2004, S.155

21 Vgl. Morgenthau 1985, S. 13

22 Morgenthau 1985, S.16

23 Schimmelfennig 2017, S.68

24 Vgl. Schimmelfennig 2017, S.68

25 Waltz 1979, S. 80

26 Vgl. Schimmelfennig 2017, S. 69

27 Vgl. Waltz 1979, S. 104

28 Vgl. Schimmelfennig 2017, S.70

29 Vgl. Schimmelfennig 2017, S. 73

30 Schimmelfennig 2017, S. 80

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Realismus und Liberalismus. Ein Vergleich der Staatstheorien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
2,3
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V492685
ISBN (eBook)
9783668994409
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internationale Beziehungen, Realismus, Liberalismus, Staatstheorien, Vergleich, Liberalismus und Realismus, Realismus und Liberalismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Realismus und Liberalismus. Ein Vergleich der Staatstheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492685

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