Bei meiner persönlichen ersten Lektüre von Borges' Kurzgeschichte assoziierte ich zunächst unwillkürlich gegensätzliche Begriffspaare, die nicht miteinander vereinbar schienen: das Römische Reich und Germanien, etwas Wildes, Unkultiviertes und etwas Städtisches.
Mit dem Abschluss der Lektüre kam meine klare Begriffsgegenüberstellung allerdings in Wanken. Auf welche Seite stelle ich mich? Ist es eine Torheit, dem europäischen Ideal den Rücken zu kehren oder stelle ich mich auf die Seite der blutschlürfenden Engländerin? Nach dem Motto: Zurück in die Wildnis, raus aus der Zivilisation? Kann man überhaupt zwei klare Pole bilden? Was für eine Meinung vertritt Borges? Was hat die Geschichte mit Argentinien zu tun?
Eine material- und gedankenreiche Arbeit. Prof. Dr. Wolfram Nitsch, Universität zu Köln, Romanisches Seminar
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ANALYSEVONHISTORIADELGUERREROYDELACAUTIVA
2.1. STRUKTURALSSCHLÜSSELZUMVERSTEHEN LITERARISCHERTEXTE
2.2. TEXTALSABBILDEINESKULTURMODELLS
2.3. TRADITIONDERAUFTEILUNGDESRAUMS INZIVILISATIONUNDBARBAREI
2.4. AUFTEILUNGDESRAUMSDURCHEINEEINDEUTIGEGRENZE UND IHREÜBERSCHREITUNG
2.5. GRENZENUNDHERAUSFORDERUNGEN DERANGEBOTENENLESWEISE
3. SCHLUSS
4. BIBLIOGRAPHIE
4.1. TEXTE
4.2. SEKUNDÄRLITERATUR
4.3. SONSTIGELITERATUR
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Kurzgeschichte "Historia del guerrero y de la cautiva" von Jorge Luis Borges unter Anwendung der strukturalistischen Literaturtheorie von Juri M. Lotman, um Borges’ Reflexionen über argentinische Identität und kulturelle Traditionen zu erschließen.
- Analyse der narrativen Struktur und des Konzepts der "Grenze" bei Borges.
- Untersuchung der Dichotomie von "Zivilisation" und "Barbarei" im argentinischen Kontext.
- Vergleich von Borges’ literarischer Verarbeitung mit historischen Identitätsmodellen (Sarmiento, Hernández).
- Erörterung der Rolle des Autors als distanzierter Beobachter und Spieler mit kulturellen Symbolen.
Auszug aus dem Buch
2.1. Struktur als Schlüssel zum Verstehen literarischer Texte
Lotman beschäftigt sich in seinem Buch Die Struktur literarischer Texte mit der Frage nach der Notwendigkeit der Kunst, dabei stellt er u.a. die These auf, Kunst als Generator von Sprache zu sehen. Dieser Generator von Sprache leiste der Menschheit einen unersetzlichen Dienst, indem sie einen der kompliziertesten und noch nicht bis ins letzte erforschten Bereiche des menschlichen Wissens versorge.
Interessant finde ich hier, Borges’ Interpretationsansatz seiner Geschichte, die von einem „geheimen Drang“ spricht und die eben genannte These Lotmans zusammenzuführen. Unter Geheimem verstehe ich etwas, das über den Bereich des menschlich erforschten Wissens hinausgeht, von dem wir vielleicht eine Ahnung haben, aber wir es nicht genau mit unserem bislang erforschten Wissen erklären können.
Betrachten wir die zwei Seiten der Münze, von denen Borges spricht, mit dem Bereich des menschlichen Wissens, das bereits erforscht ist, dann kann man die zwei Seiten sehr wohl unterscheiden, und sie sind eben nicht gleich. Historia del guerrero y de la cautiva ist gekennzeichnet durch eine seltsame Asymmetrie. Droctulft wechselt von der Barbarei in die Zivilisation über, die Gefangene bewegt sich in entgegengesetzter Richtung. Die Geschichten sind nur in diesem Punkt gleich, dass in beiden eine Grenze überschritten wird, und jemand die Seite wechselt. Balderston bemerkt in seiner kritischen Würdigung zu Borges’ Geschichte, dass für Gott vielleicht beide Erzählungen gleich sind, für uns allerdings, im Hier und Jetzt, die Gegensätze von Zivilisation und Wildnis, gut und böse, sauber und dreckig sehr wohl eine Bedeutung haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Autorin führt in Borges' Kurzgeschichte ein und erläutert ihren Ansatz, diese mithilfe strukturanalytischer Methoden neu zu erschließen.
2. ANALYSEVONHISTORIADELGUERREROYDELACAUTIVA: Das Hauptkapitel widmet sich der Anwendung von Lotmans Theorie auf die Kurzgeschichte, wobei zentrale Begriffe wie Struktur, Raumaufteilung und Ereignis beleuchtet werden.
2.1. STRUKTURALSSCHLÜSSELZUMVERSTEHEN LITERARISCHERTEXTE: Es wird untersucht, wie die künstlerische Textstruktur als "Generator" fungiert und Borges' Konzept des "geheimen Drangs" mit Lotmans Theorien verknüpft.
2.2. TEXTALSABBILDEINESKULTURMODELLS: Die innere Zweigliederung der Geschichte und ihre Rolle als Modell für die unbegrenzte Welt werden analysiert.
2.3. TRADITIONDERAUFTEILUNGDESRAUMS INZIVILISATIONUNDBARBAREI: Hier wird der historische Kontext der Dichotomie von Zivilisation und Barbarei in der argentinischen Identitätsdebatte erörtert.
2.4. AUFTEILUNGDESRAUMSDURCHEINEEINDEUTIGEGRENZE UND IHREÜBERSCHREITUNG: Das zentrale topologische Merkmal der Grenze wird als Ort der Gefahr und der Transformation zwischen kulturellen Identitäten definiert.
2.5. GRENZENUNDHERAUSFORDERUNGEN DERANGEBOTENENLESWEISE: Die Autorin reflektiert kritisch über die Grenzen ihres eigenen methodischen Ansatzes und hinterfragt die Dichotomie von Wildnis und Zivilisation.
3. SCHLUSS: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei Borges' Spiel mit Identitätskonzepten und sein distanzierter Umgang mit der europäischen Tradition hervorgehoben werden.
4. BIBLIOGRAPHIE: Verzeichnis der herangezogenen Texte, Sekundärliteratur und sonstigen Quellen.
Schlüsselwörter
Jorge Luis Borges, Historia del guerrero y de la cautiva, Juri M. Lotman, argentinische Literatur, Zivilisation, Barbarei, Identität, Struktur, Raummodellierung, Grenzüberschreitung, europäische Tradition, Literaturtheorie, kulturelle Semantik, Sujet.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Borges-Kurzgeschichte "Historia del guerrero y de la cautiva" und untersucht, wie der Autor komplexe kulturelle Identitätsfragen innerhalb eines literarischen Rahmens verhandelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Zivilisation und Barbarei, die Bedeutung von Raumgrenzen in der Literatur sowie die kritische Reflexion argentinischer Identität gegenüber europäischen Einflüssen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch eine strukturanalytische Lesart nach Juri M. Lotman ein tieferes Verständnis für die "Spielregeln" und den künstlerischen Code von Borges’ Erzählung zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen vorwiegend strukturanalytischen Ansatz, gestützt auf die Literaturtheorie von Juri M. Lotman, ergänzt durch soziokulturelle und geschichtliche Perspektiven.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird die Kurzgeschichte in zwei Blocke unterteilt analysiert, das Konzept der Grenze als transformativer Ort untersucht und die Einordnung der Erzählung in den Diskurs der argentinischen Literaturgeschichte vorgenommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Zivilisation, Barbarei, Raummodellierung, Identität, Grenzüberschreitung und das strukturalistische Textverständnis.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Borges?
Borges wird als ein Autor charakterisiert, der aus einer distanzierten Randposition heraus spielerisch mit Motiven europäischer und argentinischer Tradition jongliert, anstatt sich einem spezifischen ideologischen Modell unterzuordnen.
Welche Bedeutung kommt der "Grenze" in der Analyse zu?
Die Grenze wird als das entscheidende topologische Merkmal definiert; sie ist nicht nur ein Trennungselement, sondern ein Ort der Gefahr und die notwendige Bedingung für eine dramatische Veränderung (Ereignis) der literarischen Figuren.
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- Nadine Wörner (Author), 2002, Borges und argentinische Literatur in - Historia del guerrero y de la cautiva -, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4928