Bildungs- und Lerngeschichten in Kindertagesstätten. Beschreibung, Bewertung und Förderung kindlicher Selbstbildungsprozesse


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Bildungs- und Lerngeschichten
1.1 „Learning Stories“ ein Vorbild aus Neuseeland
1.2 Adaption nach neuseeländischem Vorbild
1.3 Voraussetzungen für die Arbeit mit „Bildungs- und Lerngeschichten“

2. Konzeptionelle Grundlinien des Ansatzes
2.1 Die 5 Lerndispositionen
2.2 Ressourcenorientierung und der „progressive Filter“

3. Die Arbeit mit „Bildungs- und Lerngeschichten“

4. Bedeutung der „Bildungs- und Lerngeschichten“

5. Fazit

II. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Kinder sind Forscher und Entdecker. Jeden Tag erschließen sie sich ihre Welt, er- kunden diese und gestalten sie aktiv mit. Die Beobachtung der Kinder dabei, gibt Auskunft über ihre Entwicklung und ihre Interessen. Die pädagogischen Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen unterstützen und begleiten dabei die Entwicklung des Kindes. Beobachtung gehört somit zum Alltag in einer Kindertagesstätte. Auch in den Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland- Pfalz (BEE) bekommt die Bildungs- und Lerndokumentation ein eigenes Kapitel. Darin heißt es: „Beobachtungen des einzelnen Kindes in zeitlichen Abständen mehrfach durchgeführt ergeben eine Reihe von ‚Blitzlichtern‘ in der Lern- und Entwicklungsge-schichte des Kindes“ (Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen, Rheinland- Pfalz 2014, 109). Der anschließende Austausch ermöglicht den Fachkräften den Vergleich der Einschätzungen, die sich aus den Beobachtungen er- geben. Nach der Diskussion werden Entscheidungen getroffen, wie die Bildungspro- zesse des einzelnen Kindes weiter unterstützt und gefördert werden können. Somit leisten Bildungs- und Lerndokumentationen einen wesentlichen Bestandteil zur Qua- litätssicherung und deren Entwicklung in der pädagogischen Arbeit in Kindertages- einrichtungen (vgl. ebd. 109f.) und werden auch in der Zukunft immer wichtiger wer- den. Die Beobachtung und Beschreibung der kindlichen Selbstbildungspro- zesse nimmt einen hohen Stellenwert in der pädagogischen Arbeit ein. Deshalb gibt es auch eine Bandbreite an Methoden und Konzepten zur Förderung frühkindlicherBildungsprozesse. Diese Arbeit beschäftigt sich mit den „Bildungs- und Lernge-schichten“, die auf den Ansatz der „Learning Stories“ von Margaret Carr aus Neusee- land zurückgreifen. In Lerngeschichten werden alltägliche Selbstbildungsprozesse beschrieben, bewertet und gefördert. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Kommunika- tion zwischen den Fachkräften, den Eltern und den Kindern. Deshalb rückt diese Ar- beit das Thema in den Fokus und betrachtet zuerst die Entstehung der „Bildungs-und Lerngeschichten“ mit Hilfe des neuseeländischen Vorbildes. Anschießend wer- den die Voraussetzungen für die alltägliche Arbeit erläutert. Danach erfolgt eine Ein- führung in die konzeptionellen Grundlagen, der fünf Lerndispositionen und der Res- sourcenorientierung. Danach erfolgt eine Übersicht über das ganze Verfahren dieser Methode. Die Zielsetzung erfolgt als letztes Kapitel vor dem Fazit. In diesem werden alle Inhalte kurz zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.

1. Bildungs- und Lerngeschichten

In diesem Kapitel wird zuerst die Thematik der „Learning Stories“ behandelt. Im An- schluss wird darüber aufgeklärt warum eine Adaption für Deutschland erfolgt ist und wie das DJI dieses umsetzen möchte.

1.1 „Learning Stories“ ein Vorbild aus Neuseeland

Lernen wird im neuseeländischen Bildungsplan für Frühpädagogik nicht allein als indi- viduelle Leistung betrachtet, sondern findet in Beziehungen zu Menschen, Orten und Dingen statt. Hierbei umschreibt der Begriff Ort z.B. Eigenschaften des Raumes oder Schauplätze der frühen Kindheit einschließlich ihrer Routinen. Sprache, Bildung, Kom- munikationstechnologie sowie Materialien oder Werkzeuge werden unter dem Begriff Dinge zusammengefasst. Durch diese unterstützenden Ressourcen vollzieht sich das Lernen. Um dieser Sicht des Lernens zu entsprechen, muss sich das Erfassen und Bewerten ebenfalls auf Menschen, Orte und Dinge beziehen. Deshalb wurde in Neu- seeland das Konzept der „Learning Stories“ entwickelt. Dieses berücksichtigt und re- flektiert diese Gesichtspunkte. Lerngeschichten beschreiben und analysieren das Ler- nen, ohne es dabei von der Beziehung zu Menschen, Dingen oder Orten zu trennen. Das Ziel der Dokumentation in Kindertagesstätten in Neuseeland ist die Identifikation von Lernprozessen. Diese werden dokumentiert und geklärt, welche kontextuellen Be- dingungen (Menschen, Ort und Dinge) die Lernprozesse gefördert haben. Außerdem wird die zukünftige Richtung für dieses Lernen vorgeschlagen. Dies wird als Bildungs- assisment bzw. als Erfassen und Bewerten von Lernprozessen bezeichnet. Im neu- seeländischen Bildungsplan sind vier Prinzipien verankert, die mit den Lerngeschich- ten umgesetzt werden können. Diese lauten wie folgt:

- Beziehungen: Responsive und wechselseitige Beziehungen mit Menschen, Or- ten und Dingen ermöglichen das Lernen der Kinder
- Befähigung (Empowerment): Das Kind wird durch den frühpädagogischen Bil- dungsplan befähigt zu lernen und zu wachsen
- Ganzheitliche Entwicklung: In diesem Bildungsplan wir die ganzheitliche Art und Weise des kindlichen Lernens und Wachsens reflektiert
- Familie und Gemeinde (Community): Die Familie und die weitere Welt ist ein wesentlicher Bestandteil des Bildungsplans.

Für Erzieherinnen in Neuseeland ist die Orientierung an diesen Prinzipien alltäglichen Praxis. Lerngeschichten geben dem Kontext einen klaren Rahmen (Beziehung zu Menschen, Ort und Dingen), heben Lerndispositionen hervor und ermutigen Kinder sich an Evaluationen zu beteiligen, indem sie selbst eigene Geschichten erzählen kön- nen. (vgl. Carr 2007, 42-51).

1.2 Adaption nach neuseeländischem Vorbild

Voraussetzung für eine erfolgreiche Adaption eines pädagogischen Ansatzes ist die Übereinstimmung wichtiger Grundpunkte (vgl. Leu et al. 2001, 20). Dazu gehört zum einen aufzuzeigen, was in Kindertageseinrichtungen (und zu Hause) an Lernen ge- schieht bzw. von den Kindern geleistet wird und zu anderen den Akzent auf individu- elle Lernprozesse und -fortschritte zu legen. Ziel dieses Assessment- Verfahren ist nicht wie bei vielen anderen Methoden die Prüfung des Entwicklungsstandes nach festgesetzten Kriterien, sondern die Unterstützung individueller Lernprozesse des Kindes. Im Mittelpunkt des Interesses steht das Konzept der „Lerndispositionen“ (siehe 2.1). Damit werden Aktivmuster bezeichnet, die für die Auseinandersetzung mit Lernmöglichkeiten und das individuelle Lernen wichtig sind. (vgl. Carr 2007, 59)

Im Rahmen des Projekts „Bildungs- und Lerngeschichten“ wurde das Verfahren der „Learning Stories“ überarbeitet und auf deutsche Verhältnisse angepasst. Diese wurde dann vom DJI- Team in 25 Kindertageseinrichtungen im Zeitraum vom 01.02.2004 - 31.01.2007 erprobt. Ergänzend dazu fanden Workshops mit ca. 120 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren statt, die die Aufgabe hatten Einrichtungen bei der Einführung dieses Ansatzes zu unterstützen. Um auch bundesweit Erfolge zu er- zielen wurde im Mai 2007 Beobachtungs- und Fortbildungsmaterial zu dem Thema publiziert. (vgl. Deutsches Jugendinstitut, 08.02.2018).

Der Ansatz der „Bildungs- und Lerngeschichten“ beherbergt die Themen Lernen und das Bemühen, Lernfortschritte bei Kindern festzuhalten. Kinder sollen so beim Über- gang in die Grundschule einige Lerngeschichten mitnehmen können und sich als kompetenten Lernenden wahrnehmen. Ein weiterer Punkt, der für diesen spricht, sind die Lerndispositionen. (vgl. Leu et al. 2011, 22) Das sind Strategien, aufgrund derer Personen in charakteristischer Weise Situationen strukturieren, Lernmöglich-keiten wahrnehmen, auswählen, auf sie antworten oder ihnen ausweichen, sie su- chen oder schaffen (vgl. Carr 2001, 9f.) Diese Lerndispositionen lassen sich unab- hängig vom Inhalt einer Tätigkeit beobachten und bilden somit einen weiteren Vorteil für dieses Modell. Außerdem ist der Austausch zwischen allen Beteiligten sehr wich- tig. Darunter zählen pädagogische Fachkräfte, die Kinder und die Eltern. So wird Ler- nen zu einem wichtigen Gegenstand gemeinsamer Reflexion, der die Wertschätzung von Lernen und die Lernmotivation stärkt.

Damit sind die wichtigsten Gründe für die Adaption der „Bildungs- und Lerngeschich- ten“ benannt. Der Bildungsbegriff wurde zusätzlich zu dem des Lernens in die Be- zeichnung dieses Verfahrens aufgenommen, um zu verdeutlichen, dass es bei den beobachteten Aktivitäten nicht nur um das Erlernen einzelner Fähigkeiten oder Wis- senselemente geht, sondern die umfassende Persönlichkeit der Kinder angespro- chen wird. (vgl. Leu et al. 2011, 22f.)

1.3 Voraussetzungen für die Arbeit mit „Bildungs- und Lern-geschichten“

Die Einführung des Verfahrens der „Bildungs- und Lerngeschichten“ in den pädago- gischen Alltag beinhaltet für die Fachkräfte in Kindertagestätten neue Aufgaben und Anforderungen, die zur Veränderung der bisher bekannten Arbeitsabläufe führen können. Die Motivation der Pädagogen, diesen Ansatz in ihr bereits bestehendes System zu integrieren, wird durch die beschreibende, nicht wertende Beobachtung, den ressourcenorientierten Blick und die intensive Auseinandersetzung mit dem ein- zelnen Kind gestärkt. Denn durch das Schreiben der Lerngeschichte entsteht eine in- tensivere Beziehung zu dem Kind. Die Erfahrungen aus der Projektphase in ver- schiedenen Kindertageseinrichtungen haben gezeigt, dass es neben der Bereitschaft und Motivation des Einrichtungsteams noch weitere Voraussetzungen wichtig sind um diesen Ansatz nachhaltig umzusetzen. Diese werden in „strukturelle Rahmenbe- dungen“ und „pädagogische Haltungen und Kompetenzen gegliedert“. Die nun be- schrieben werden. (vgl. Frankenstein 2009, 35)

Strukturelle Rahmenbedingungen

Die Arbeit mit den Bildungs- und Lerngeschichten beinhaltet verschiedene Arbeits- schritte der Bildungsdokumentation und des zielgerichteten Austausches über kindli- che Lernprozesse. Auf dessen Grundlage lässt sich die individuelle Unterstützung der Kinder planen. Teile der Aufgaben, wie die Analyse nach den Lerndispositionen oder der kollegiale Austausch, benötigen ausreichend kinderfreie Zeit und können während der mittelbar pädagogischen Zeit bzw. Vorbereitungszeit der Fachkräfte er- ledigt werden. Bei der Einführung des Verfahrens ist die Kompetenz der Leitung ge- fragt. Sie informiert den Träger über die erforderlichen strukturellen Rahmenbedin- gungen für die Methode und sorgt für die technische und materielle Ausstattung (Di- gitalkamera, Kopierer, Computer, Drucker, Laminiergerät) die für die Umsetzung er- forderlich sind. Gemeinsam mit dem Team werden dann die verschiedenen Arbeits-schritte der Methode thematisiert. Auch im Teamgespräch sollte Zeit für den kollegia- len Austausch zur Verfügung gestellt werden. Bei der Umsetzung der Methode im Alltag ist Zeit ein wichtiger Faktor. Außerdem sollte der Träger über dieses Verfahren informiert und wie das Team ausreichend über die Möglichkeiten im Bilde sein. (vgl. Leu et al. 2011, 31f.)

Pädagogische Haltungen und Kompetenzen

Wenn sich das Team für die Arbeit mit den „Bildungs- und Lerngeschichten“ ent- schlossen hat, müssen je nach Stand des Teams, vier bis sechs Weiterbildungstage für das gesamte Team eingeplant werden. An diesen wird die Arbeit mit der Methode erlernt und geklärt wie die ersten Beobachtungen konkret in die Praxis umgesetzt werden können. Angesetzt wird dabei an dem Lern- und Bildungsverständnis der Er- zieherinnen. (vgl. Leu, Fläming 2007, 72) Die Analyse kindlicher Lernprozesse ba- siert auf der Grundlage von Lerndispositionen. Dabei werden die Stärken und Res- sourcen des Kindes fokussiert. Deshalb ist die Bereitschaft und Offenheit der Fach- kräfte gegenüber einem solchem ressourcenorientierten pädagogischen Ansatz eine weitere Grundvoraussetzung für dieses Verfahren. Außerdem ist eine positive Grund- einstellung der Fachkräfte zu den Themen „Bildung“ und „Lernen“ wichtig. Diese be- gleiten und unterstützen das Kind professionell. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Bildungsbiographie und die Aufarbeitung individueller Lernhemmnisse können einen wichtigen Teil für eine erfolgreiche Förderung und Unterstützung des Kindes im Rahmen der „Bildungs- und Lerngeschichten“ sein. Zudem ist ein theoreti- sches Grundwissen und -verständnis über das Lernen in der frühen Kindheit wichtig, da die pädagogischen Fachkräfte individuelle Interpretationen und Einschätzungen im Hinblick auf die kindlichen Lernprozesse fachlich untermauern müssen, um dar- aus fundierte Unterstützung für jedes Kind ableiten zu können. (vgl. Leu et al. 2011, 32f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Bildungs- und Lerngeschichten in Kindertagesstätten. Beschreibung, Bewertung und Förderung kindlicher Selbstbildungsprozesse
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V492826
ISBN (eBook)
9783668995925
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungs- und Lerngeschichte, Beobachung, Dokumentation, Kita
Arbeit zitieren
Lena Schischke (Autor), 2018, Bildungs- und Lerngeschichten in Kindertagesstätten. Beschreibung, Bewertung und Förderung kindlicher Selbstbildungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492826

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