"[N]o major event in modern history was less predicted than the fall of the Berlin wall in 1989 or the hauling down of the red flag for the last time from the Kremlin in 1991”, schreibt der Historiker Mark Almond. In Anbetracht dessen liegt es nahe, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Welt aussehen könnte, in der diese Ereignisse nie stattgefunden haben. Eine solche entwirft sowohl Simon Urban in seinem 2011 erschienen Roman "Plan D" als auch Thomas Brussig in seinem Roman "Das gibts in keinem Russenfilm" aus dem Jahr 2015.
In der Geschichtswissenschaft ist umstritten, ob das Entwerfen kontrafaktischer Szenarien ein sinnvolles Werkzeug ist, um Erkenntnisse über die reale Geschichte zu gewinnen, oder eine unwissenschaftliche Spielerei. Geschichtswissenschaftliche kontrafaktische Texte unterliegen einer Reihe von Kriterien, während es Hermann Ritter zufolge für die Literatur keine Regeln für das Spiel mit der Geschichte gibt. Seiner Meinung nach können kontrafaktische Romane keine Fragen über die faktuale Geschichte beantworten. Dies ist Jörg Helbig zufolge aber auch nicht das primäre Interesse von Autoren kontrafaktischer literarischer Werke. Sowohl Ritter als auch Helbig sehen die Unterhaltung der Leser als Hauptanliegen kontrafaktischer Romane. Helbig spricht jedoch auch von anderen Wirkungsabsichten neben dem Aspekt der Unterhaltung.
Im Rahmen des Vergleichs von "Plan D" und "Russenfilm" soll zudem diskutiert werden, welche Wirkungsabsichten möglicherweise damit verbunden sind, die DDR in den beiden Romanen wiederauferstehen zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gestalterische Rahmenbedingungen
2.1 Erzählzeitraum
2.2 Erzählperspektive
2.3 Ort der Handlung
3 Ursachen des Fortbestehens der DDR
3.1 Das Nicht-Stattfinden historischer Ereignisse in Das gibts in keinem Russenfilm
3.2 Einführung eines Spielmachers in Plan D
3.3 Veränderung der außenpolitischen Umstände in beiden Romanen
4 Entwicklung des geteilten Deutschlands
4.1 Entwicklung der DDR
4.2 Die Gegenüberstellung von Ost und West
4.3 Bekannte Persönlichkeiten
5 Weltgeschichtliche Ereignisse
5.1 Verflechtung mit privaten Ereignissen
5.2 Hätte sich nichts geändert?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die literarische Umsetzung des kontrafaktischen Szenarios einer über 1990 hinaus fortbestehenden DDR in den Romanen "Plan D" von Simon Urban und "Das gibts in keinem Russenfilm" von Thomas Brussig. Dabei wird analysiert, durch welche erzählerischen Mittel und inhaltlichen Ansätze die Autoren das fiktive Weiterleben des sozialistischen Staates gestalten und welche Wirkungsabsichten, etwa in Bezug auf Gegenwartskritik oder die Rolle des Schriftstellers, damit verbunden sind.
- Vergleichende Analyse kontrafaktischer Erzählstrategien in der zeitgenössischen Literatur.
- Untersuchung der strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen der DDR-Darstellung in "Plan D" und "Das gibts in keinem Russenfilm".
- Analyse der Rolle von Staatssicherheit und Systemüberwachung in den Romanen.
- Diskussion der literarischen Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung und ihren ausbleibenden Folgen.
- Erörterung der systemkritischen Perspektiven auf BRD und DDR durch das Stilmittel der Alternativwelt.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Nicht-Stattfinden historischer Ereignisse in Das gibts in keinem Russenfilm
Wie genau es zu diesem gekommen ist, ist in Russenfilm vage gehalten. Die jeweils interne Fokalisierung auf eine Figur, die innerhalb der kontrafaktischen Welt lebt und folglich nicht wissen kann, was sich in der faktualen Welt zugetragen hat, erschwert es, innerhalb beider Romane zu begründen, warum etwas nicht stattgefunden hat. In Russenfilm heißt es:
Ich war mir bewußt, einen besonderen, wichtigen Tag zu erleben. Mein Leben würde nun eine andere Richtung nehmen, und zwar eine, die ich mir sehr wünschte. Um den Tag zu adeln, der in einer grauen Masse von Tagen sonst untergegangen wäre, beschriftete ich die Schublade der Kommode meiner Erinnerungen, die diesen Tag aufbewahrt, mit seinem Datum, dem 9. November 1989.
Was diesen Tag in Brussigs fiktiver Autobiographie so besonders macht, ist keinesfalls die Öffnung der Grenzen, die sich in der realen Geschichte an diesem Tag ereignet hat, sondern sein erstes Treffen mit seiner Lektorin. Indem er ein wichtiges privates Ereignis beschreibt und mit dem Datum des Mauerfalls versieht, verdeutlicht Brussig, dass dieser in seiner kontrafaktischen Welt nicht stattfindet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Genre des kontrafaktischen Romans ein und stellt die beiden zu untersuchenden Werke sowie die zentrale Forschungsfrage vor.
2 Gestalterische Rahmenbedingungen: Dieses Kapitel vergleicht formale Aspekte wie Erzählzeitraum, Perspektive und den Handlungsort in beiden Romanen.
3 Ursachen des Fortbestehens der DDR: Hier werden die literarischen Mechanismen analysiert, mit denen die Autoren das Ausbleiben der Wiedervereinigung und die Stabilität des DDR-Regimes begründen.
4 Entwicklung des geteilten Deutschlands: Das Kapitel untersucht die interne Entwicklung der DDR, den Vergleich zwischen Ost und West sowie die Einbindung prominenter Persönlichkeiten.
5 Weltgeschichtliche Ereignisse: Es wird diskutiert, wie die Autoren globale Ereignisse in ihre kontrafaktischen Welten integrieren oder vernachlässigen.
Schlüsselwörter
Kontrafaktische Geschichte, DDR, Plan D, Das gibts in keinem Russenfilm, Simon Urban, Thomas Brussig, Uchronie, Alternativweltroman, Wiedervereinigung, Staatssicherheit, Gegenwartskritik, Literaturwissenschaft, DDR-Literatur, Systemkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert zwei kontrafaktische Romane, die eine Welt entwerfen, in der die DDR nach 1990 weiterbesteht.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die literarische Gestaltung des DDR-Fortbestehens, die Rolle der Staatssicherheit, der Vergleich zwischen DDR und BRD sowie die Reflexion der Schriftstellerrolle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Vergleich der unterschiedlichen Herangehensweisen von Urban und Brussig an das kontrafaktische Szenario und die Identifizierung ihrer jeweiligen Wirkungsabsichten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die primär auf den Texten der beiden Romane sowie einschlägiger Forschungsliteratur zum Genre der Uchronie basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Rahmenbedingungen, Ursachen des DDR-Überlebens, die gesellschaftliche Entwicklung beider deutscher Staaten sowie die Bedeutung weltgeschichtlicher Ereignisse.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind kontrafaktische Geschichte, Divergenzpunkt, Wiedervereinigung, Uchronie und Systemkritik.
Inwiefern unterscheiden sich die beiden Autoren in der Darstellung der Stasi?
Während Urban die Stasi als allmächtige und bedrohliche Macht in einer Dystopie inszeniert, erscheint sie bei Brussig eher als lästiges, aber teils inkompetentes Hindernis im Leben eines Schriftstellers.
Welche Rolle spielen bekannte Persönlichkeiten in den Romanen?
Die Autoren nutzen reale Personen (wie Gysi oder Merkel), um Authentizität zu erzeugen oder satirische Effekte zu erzielen; bei Brussig sind sie oft in die private Welt des Autors integriert, bei Urban eher in politische Machtgefüge.
- Arbeit zitieren
- Anne Zeiß (Autor:in), 2019, "Und ich weiß, und ich weiß, das geht nie vorbei." Die Umsetzung des kontrafaktischen Szenarios einer weiterbestehenden DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492837