Autismus-Spektrum-Störung. Das ABA-Konzept als erzieherische Hilfestellung


Hausarbeit, 2018

34 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Hausarbeit

1. Einleitung
1.1 Stellenwert und Intension

2. Autismus(-Spektrum-Störungen)
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Autismus-Spektrum-Störungen
2.3 Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
2.4 Klassifikationssysteme ICD-10/ DSM-IV
2.5 Klassifikation der tiefgreifenden Entwicklungsstörung nach ICD-
2.5.1 Frühkindlicher Autismus (F84.0)
2.5.2 Asperger Syndrom (F84.5)
2.5.3 Atypischer Autismus (F84.1)
2.6 Triade
2.6.1 Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
2.6.2 Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation
2.6.3 Eingeschränkte Interessen und stereotypes Verhalten
2.7 Epidemiologie

3. Erziehung und Therapie bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen
3.1 Definition Erziehung
3.2 Definition Therapie
3.3 Verhaltensanalyse
3.4 Verhaltenstherapie
3.5 Applied Behavior Analysis (ABA)
3.5.1 ABA-Methode
3.6 Autismus-Spektrum-Störungen und Erziehung

4. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die vorliegende Arbeit mit dem Thema „Autismus-Spektrum-Störung - das ABA-Konzept als erzieherische Hilfestellung“, setzt sich mit dem Spannungsfeld tiefgreifender Entwicklungsstörungen bei Kindern und dem damit verbundenen therapeutischen und erzieherischen Handeln der Bezugspersonen auseinander. Die Leitfrage der Arbeit lautet: „Welche Aspekte aus den therapeutischen ABA-Methoden, können übertragbar für die Erziehung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen angesehen und welche können daraus folgernd wiederum verworfen werden?“ Die These dieser Arbeit lautet demnach, dass den Autismus-Spektrum-Störungen zwar keine Heilung in Aussicht gestellt wird, es durch eine therapeutische Behandlung jedoch zu einer Entlastung der Eltern bei der Erziehung kommen kann. Wenn demnach Aspekte aus der Therapie in die Erziehung einfließen, scheint daraus vor allem eine Verbesserung von familiärem Leben erreichbar zu sein. Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt: Zu Beginn wird eine Einführung in das Bearbeitungsgebiet des Autismus1 dargelegt. Dazu werden eine Definition sowie eine Klassifizierung anhand zweier Systeme aufgestellt. Weiterführend wird anhand dieser Klassifikationssysteme auf ausgewählte Autismus-Spektrum-Störungen eingegangen. Anschließend wird ein Blick auf die statistische Signifikanz von Autismus-Spektrum-Störungen geworfen. Darüber hinaus wird genauer auf die sogenannte Triade eingegangen, die die stereotypen Beeinträchtigungen von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen darstellt. Um mit den gewonnenen Aspekten arbeiten zu können, wird im zweiten Abschnitt dieser Arbeit auf den Themenkomplex der Erziehung und Therapie bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen eingegangen. Dazu werden einerseits eine Arbeitsdefinition von Erziehung und andererseits eine von Therapie herausgearbeitet. Da Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen neben der Beeinträchtigung der Kommunikation und der sozialen Interaktion auch Defizite im Verhalten aufweisen, stellt das ABA-Konzept, die Verhaltensanalyse, eine Methode für den erzieherischen und therapeutischen Umgang mit eben jenen dar. Die aus dem ABA-Konzept erschlossenen therapeutischen Hilfestellungen werden letztlich auf die Erziehung übertragen, sodass eine Entlastung der gesamten Familienverhältnisse ermöglicht werden kann. Abschließen wird diese Arbeit mit einem Fazit.

1.1 Stellenwert und Intension

„In besonders klaren Nächten kommen die Elfen auf die Erde und betrachten die Menschenkinder. In das schönste verlieben sie sich und entführen es in ihre Welt. Damit die Wiege nicht leer zurückbleibt, legen sie eines der ihren hinein. Den Menschen aber bleiben diese Elfenkinder, so das Märchen, für immer Wesen aus einer fremden Welt“ (Seeger 1993). Ungeachtet der Tatsache, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen keine äußerlichen Merkmale aufweisen, scheinen sie dennoch andersartig zu sein. Sie haben ein anderes Gedankenkonstrukt, unterschiedliche Lernstrategien und treten generell vielfältig in ihrem Verhalten in Erscheinung (vgl. O´Neill 2001, S.14). Beim Autismus lässt sich demnach kein Verhalten finden, das beständig in Erscheinung tritt und ebenso keines, das eine Diagnose des Autismus von vornherein ausklammert (vgl. National Research Council 2001, S.8). Gerade durch Filme wie „Rain Man“, der häufig der einzige Berührungspunkt von Menschen ohne zu Menschen mit Autismus ist, verschafft sich jeder ein eigenes Bild von Autisten. Obwohl sich in den letzten Jahren zudem vermehrt in der Heilkunde, der Beschäftigung mit dem menschlichen Verhalten und der Erziehung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen auseinandergesetzt wurde, sind Begegnungen in der Gesellschaft noch kaum vorhanden (vgl. Cloerkes 2001, S.76ff.).

Insbesondere der Anstieg an Diagnosen von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen ließ in den vergangenen Jahren das Interesse an eben diesen steigen (vgl. autismus Deutschland e.V. o.J.). Häufig geht mit diesem Interesse jedoch eine Kritik vonseiten der Umwelt, anderer Eltern, einher. Das abweichende Verhalten eines äußerlich unauffälligen Kindes wird demnach fälschlicherweise auf die Eltern, durch eine schlechte Erziehung, projiziert (vgl. Rollett/Kastner-Koller 2007, S.1f.). Doch wie verhält es sich mit der Erziehung wenn nicht von „dem“ Kind gesprochen werden kann. Jedes Kind mit Autismus-Spektrum-Störung ist einzigartig und stellt eine eigene Erschwernis für die Eltern und das Umfeld dar (vgl. Schuster 2016, S.9). Daher existiert parallel dazu eine Vielzahl von Förder- und Therapieprogrammen, die sich den autistischen Beeinträchtigungen widmen. Obgleich die Defizite von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen im Vordergrund stehen, sollte ebenso mit jenen in Form von Therapie und Erziehung gearbeitet werden, um die Möglichkeit eines eigenständigen Lebens zu gewährleisten. Demzufolge ist es wichtig den Begriff in seiner Vielfältigkeit als Autismus-Spektrum-Störung zu verstehen und zudem das Recht der Menschen mit Behinderung auf Teilhabe am Leben und einen barrierefreien Zugang am allgemeinen Bildungssystem (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung 2017, S.21ff.) nicht außer Acht zu lassen.

2. Autismus(-Spektrum-Störungen)

Um in den Begriff des Autismus einzusteigen, erscheint es notwendig die Veränderungen, die in Bezug auf den Begriff über die Jahre hinweg bis heute weitergeführt werden, zu erwähnen. Einerseits gibt es Erneuerungen hinsichtlich der Klassifikationssysteme, andererseits wird sich vermehrt außerhalb der Medizin, beispielsweise in der Gesellschaft, mit Autismus-Spektrum-Störungen beschäftigt. Betrachtet man Veröffentlichungen zu diesem Thema, können die Jahre 1998 und 2018 als Produkt einer tatsächlichen Zunahme gesehen werden. Wurden im Jahr 1998 auf der Internetseite PubMed2 lediglich 300 Neuerscheinungen zum Thema Autismus festgehalten, übersteigen die Ergebnisse der Neuerscheinungen 2018, die um die 3000 Publikationen liegen, regelrecht die Erwartungen. Das Interesse an und die Beschäftigung mit den Autismus-Spektrum-Störungen sind somit nachweislich gestiegen. Im folgenden Unterkapitel geht es darum, einen Einblick in die Entstehung möglicher Ausprägungsformen und die Symptomatik zu erhalten, wodurch die späteren Handlungsmöglichkeiten des ABA-Konzepts verständlicher werden. Um einen wichtigen Aspekt vorwegzunehmen, ist es wegweisend sich vor Augen zu halten, dass die Autismus-Spektrum-Störungen das ganze Leben überdauern. Sie können zwar durch Fördermaßnahmen verbessert, dennoch nie geheilt werden.

2.1 Begriffsbestimmung

Etymologisch stammt der Begriff Autismus von dem griechischen Wort „autos“, das so viel wie selbst oder persönlich bedeutet sowie der Endung „ismos“, die als Zustand oder Orientierung übersetzt wird. Somit lässt sich Autismus als Selbstbezogenheit oder persönlicher Zustand verstehen (vgl. Kuhles 2007, S.2). Autismus ist demnach keine Krankheit, da Heilung bisher ausgeschlossen ist, sondern eine abnorme Wesensart. Betrachtet man ältere Beschreibungen, die heute diese Selbstbezogenheit darstellen und somit unter Autismus gefasst werden, stößt man auf die des französischen Arztes Jean-Marc Gaspard Itard, der 1799 den verwilderten Wolfsjungen Victor aus Aveyron beschrieb. Die Verhaltensweisen des circa 12-jährigen Jungen wiesen nach heutigen Erkenntnissen autistische Züge auf. Laut Itard zeigte der Junge Verhaltensauffälligkeiten, wenn es um die Anordnung gewisser Gegenstände in seinem Zimmer ging (vgl. Itard 1965, S.12ff.).

Erst ein Jahrhundert später fand der Begriff Einkehr in der Forschung. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler beschäftigte sich 1911 mit dem Gebiet um Schizophrenie und fasste dazu einige Verhaltensauffälligkeiten unter dem Adjektiv „autistisch“ zusammen. Autismus war für ihn somit kein eigenständiges Syndrom, sondern konnte der Schizophrenie zugeordnet werden. Er beschrieb damit einen Rückzug in ein eigenes Gedankenkonstrukt, gepaart mit einer Vermeidung von Kontakt zu anderen (vgl. Dinges/Worm/Walter 2001, S.19f.).

Des Weiteren sind vor allem die Wegbereiter Leo Kanner und Hans Asperger zu nennen, die unabhängig voneinander ein Kollektiv von Menschen als Autisten beschrieben und den Autismus als ein autonomes Syndrom verstanden (vgl. ebd.). In der Literatur wird mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen, dass sich Kanner und Asperger nie zuvor begegneten und somit auch die jeweilige Arbeit des Anderen nicht kannte. Dies beruht nach Auffassung der Autorin auf den relativ zeitgleich erschienenen Arbeiten und deren Ähnlichkeit in der Darstellung sowie der Verwendung der Begrifflichkeit des Autismus. Die Verwendung dieser Begrifflichkeit lässt sich jedoch anhand der Beeinflussung beider durch die vorangegangene Ausführung Bleulers erklären.

Leo Kanner, der amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater, veröffentlichte 1943 seine Arbeit „Autistic disturbances of affective contact“ (vgl. Knippers 2016, S.13). Geprägt von Gesell3 betrachtete Kanner den Autismus in Distinktion zur sozialen Reife nicht betroffener Kinder. Gesell beobachtete ein angeborenes Verlangen von Säuglingen und Kleinkindern nach einer emotionalen Wechselbeziehung zwischen ihnen und ihrer Mutter. Dieses Verlangen fehlte den elf Kindern, acht Jungen und drei Mädchen, die Kanner während seiner Forschung vorgestellt wurden. Für ihn war Autismus somit offenkundig ein gefühlsmäßiger Defekt, bei dem eine erhebliche Zurückgezogenheit erkennbar war (vgl. Bölte 2009, S.21f.). Über Bleuler hinaus, der den Autismus der Schizophrenie zuordnete, fasste Kanner diesen primär als ein von Geburt an existierenden eigenständigen Symptomkomplex. Ging er anfangs noch von einer Dysfunktion des Stoffwechsels aus, änderte er seine Annahmen über die Jahre hinweg. Beispielsweise ging er eine Zeit lang von einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung als Grundlage des Autismus aus. Unter Beeinflussung von Gesell´s Arbeit ging Kanner von einer in den frühen Kinderjahren auftretenden Bezugs-Kälte der Mutter zu ihrem Kind aus, wodurch dieses in seiner gesamten Entwicklung eingeschränkt wird. Später benannte er das von ihm beobachtete Verhalten als frühkindlichen Autismus (vgl. Nissen 2005, S.478f.).

Hans Asperger, der österreichische Kinderarzt veröffentlichte, etwa zeitgleich zu Kanner noch während des zweiten Weltkriegs 1944 seine Schriften in Deutsch. Gerade durch die Veröffentlichung in deutscher Sprache blieb jedoch eine internationale Beschäftigung mit seiner Abhandlung für einige Jahre unerkannt. Asperger schrieb in „autistische Psychopathen“ über vier normal begabte Jungen, im Alter zwischen sechs und elf Jahren, die abweichendes soziales Verhalten aufwiesen. Obwohl Kanner und Asperger beide auf eine Vererbung von Autismus hindeuteten, unterschieden sich ihre Ansätze beispielsweise im Auftreten einer Verzögerung der Sprachentwicklung. Asperger nahm an, dass die Erkennbarkeit des Krankheitsbildes erst ab dem dritten Lebensjahr möglich ist. Für ihn stellte der Autismus einen Defekt in der Persönlichkeit dar (vgl. Bölte 2009, S.23). Wenngleich sowohl Kanner als auch Asperger heutzutage einen Stellenwert um den Autismus eingenommen haben, ist anzumerken, dass Aspergers Sichtweise erst durch die Übersetzertätigkeit von Frith in die englische Sprache und einer Beschäftigung damit von Wing (1981), international bekannt wurde (vgl. ebd., S.25).

Im medizinischen Umfeld wird seither darüber beraten, ob es sich beim Kanner- und Asperger-Autismus, nicht vielmehr um quantitative Varianten ein und derselben Erscheinung handelt (vgl. Frith 2004, S.672ff.).

Der Umgang mit Autismus erstreckt sich somit über einen langen Zeitraum hinweg. Auch nach den Ausarbeitungen Bleulers, Kanners und Aspergers beschäftigten sich Forscher weiterhin mit dem Autismus, worauf an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen wird, da es den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde.

Wie anhand der verschiedenen Ausprägungen in Richtung Kanner- und Asperger-Autismus zu sehen war, stellt sich dieser Begriff vielmehr mit fluiden Grenzen dar. Aus diesem Grund wird in der vorliegenden Arbeit auch nicht mehr allein von Autismus, sondern von den Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen. Dies dient zudem als hilfreiche Randnotiz, wenn es um die Therapie und Erziehung von autistischen Kindern geht.

2.2 Autismus-Spektrum-Störungen

Wie zuvor erkennbar wurde, handelt es sich beim Begriff des Autismus um das Vorkommen vielfältiger Variationen an Störungen (vgl. Kuhles 2007, S.15). Sie können demnach bei jedem autistischen Menschen in diverser Form und Ausprägung auftreten. Einige Autisten weisen beispielsweise Sprachstörungen auf oder sprechen gar nicht, während andere vielmehr Probleme in Bezug auf Sozialkontakte aufweisen. Um diese Vielfältigkeit greifbar zu machen, wird seit einiger Zeit von Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen. Der Ausdruck Spektrum wird dazu vor allem mit den umfangreichen Symptomen in Verbindung gebracht. Einige Autisten weisen nur einzelne Symptome auf, während andere mitunter eine mehrfache Behinderung ausbilden. Jeder autistische Mensch hat demnach eine individuelle Zusammensetzung von Symptomen, die sich über die Lebensdauer hinweg umgestalten können (vgl. Bernard-Opitz 2005, S.13). Außerdem ermöglicht der Begriff der Autismus-Spektrum-Störung auch jene Störungen zu diagnostizieren, die unklar in Erscheinung treten (vgl. Urbaniak 2017, S.13). Deshalb ist die Bezeichnung der Autismus-Spektrum-Störung für den heutigen Stand als angemessen und empfehlenswert zu verstehen.

Stümpfig zählt zu den Autismus-Spektrum-Störungen, den frühkindlichen und atypischen Autismus, das Asperger- und Rett-Syndrom sowie die Desintegrationsstörungen (vgl. Stümpfig 2010, S.110ff.). Jede einzelne dieser Autismus-Formen wird, wenn auch unter abweichender Bezeichnung, beim ICD-10 und DSM-IV zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen eingeordnet (vgl. Kusch/Petermann 2001, S.18). Wurden darin zuvor noch die einzelnen Störungsbilder voneinander getrennt, geht man derzeit im DSM-54, von fluiden Grenzen aus (vgl. Trefzger 2009, S.44f.). Somit herrschen mehr Gemeinsamkeiten bezüglich der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie der repetitiven Verhaltensweisen, als Unterschiede im Hinblick auf den sprachlichen Bereich oder die Intelligenz vor (vgl. Urbaniak 2017, S.13). Im DSM-5 wird der Autismus nun unter neuronale Entwicklungsstörungen gefasst. Demnach jene Aspekte die neurologisch bedingt und seit der Geburt oder den frühen Lebensjahren verankert sind (vgl. Urbaniak 2017, S.14f.). Dazu zählen die Intelligenzminderung, Kommunikationsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, spezifische Lernstörungen und Störungen der Motorik. Anhand der neusten Klassifikationssysteme DSM-5 (2013) und ICD-11 (2018) werden nicht mehr wie bei den Vorgängermodellen die verschiedenen Autismus-Formen unterschieden, sondern lediglich von Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen (vgl. Knippers 2016, S.40f.). Der autismus Deutschland Verein versteht unter den Autismus-Spektrum-Störungen demnach jene „[...] Störungen der Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirken“ (autismus Deutschland e.V. o.J.).

Trotz der immer schwerer voneinander abtrennbaren Grenzen der verschiedenen Autismus-Ausprägungen, werden für die vorliegende Arbeit die Vorgänger dieser Klassifikationssysteme, das ICD-10 und das DSM-IV, vorgestellt. Da das ICD-11 erst vor kurzem erschien und als Pendant zum DSM-5 gesehen wird, erweist sich diese Handhabung als sinnvoll. Viele Betroffene oder Interessierte betrachten vordergründig die vielfältigen Veröffentlichungen über Autismus-Spektrum-Störungen, die noch von einer Unterteilung ausgingen. Sie werden durch Filme, wie Fack ju Göhte 2 mit Begrifflichkeiten zum Asperger-Autismus konfrontiert, ohne Näheres darüber zu erfahren. Aufgrund dessen scheint im Hinblick auf die intersubjektive Nachvollziehbarkeit die Bezugnahme auf die Unterteilung anhand des ICD-10 sinnvoll.

Da die im Unterkapitel 2.4 vorgestellten Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV als Vorgängermodelle die Autismus-Spektrum-Störungen in die verschiedenen Formen unterteilt haben, wird im folgenden Kapitel der Begriff der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen dargelegt, worunter diese Störungen gefasst wurden.

2.3 Tiefgreifende Entwicklungsstörungen

Während Bleuler die autistischen Störungen noch unter kindlicher Schizophrenie fasste, werden sie im ICD-10 und DSM-IV unter den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen verortet. Die Weltgesundheitsorganisation, die das ICD-10 initiiert hat, definiert die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen als „qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten“ (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2004). Die Verwendung des Wortes „tiefgreifend“ bezieht sich auf die Existenz der Störung seit den ersten Atemzügen beziehungsweise deren Entstehung im frühen Kindesalter (vgl. Poustka et al. 2004, S.8). Die oben genannten qualitativen Beeinträchtigungen werden auch unter der Bezeichnung Trias oder Triade geführt, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit jeweils eingegangen wird. Diese Trias zeigen im Wesentlichen die bezeichnenden autistischen Verhaltensweisen auf, die als ein grundlegendes Merkmal autistischer Personen gelten, jedoch unterschiedlich stark in Erscheinung treten können. Außerdem können daneben weitere Ausprägungen auftreten, die jedoch nicht als spezifisch gelten, um autistische Verhaltensweisen ausfindig zu machen (vgl. Remschmidt/Kamp-Becker 2005, S.186).

Um jedoch vorab einen Eindruck über die schon erwähnten Klassifikationssysteme zu erhalten, wird im nächsten Abschnitt dieser Arbeit sowohl auf das ICD-10 als auch auf das DSM-IV eingegangen. An einigen Stellen dieser Arbeit wird zudem auf das DSM-5 hingewiesen, da sich die Autorin dieser Arbeit ebenso intensiv mit diesem Klassifikationssystem auseinandergesetzt hat.

2.4 Klassifikationssysteme ICD-10/ DSM-IV

Das Wort Klassifikation beschreibt die Einteilung von Erscheinungen, die identische Merkmale aufweisen, in ein nach Klassen geordnetes Schema (vgl. Wittchen/Lachner 1996, S.3ff.). Aus diesem Grund führen Klassifikationssysteme Prototypen, eine Art Modellvorstellung an, anhand derer eine Person diagnostiziert wird. Um in der medizinischen und wissenschaftlichen Arbeit über psychische Störungen Beobachtungen messbar zu machen, werden das ICD-10 und DSM-IV zur Hilfe genommen (vgl. Bölte 2009, S.35). Unter den beiden Abkürzungen versteht man einerseits die International Classification of Diseases der World Health Organization in zehnter Ausgabe und andererseits das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association in vierter Ausgabe (vgl. Knippers 2016, S.37ff.). Wie die Namen vermuten lassen, bezieht sich das DSM ausschließlich auf Störungen der Psyche, wohingegen das ICD eine Fülle an Krankheiten darlegt und beschreibt. Die beiden Klassifikationssysteme dienen flächenübergreifend der Codierung von Erkrankungen und sind somit im klinischen Bereich besonders im Hinblick auf die Verständigung unter den Ärzten hilfreich. Diese Tatsache beinhaltet gleichzeitig eine Verschlüsselung der Erkrankungen für Außenstehende (vgl. Bölte 2009, S.34f.).

Nachdem nun ein Einblick in die Klassifikationssysteme, deren Unterteilungen und Zuordnungen ebenso wie in ihren Anwendungsbereich gewährt wurde, wird im weiteren Schritt die Unterteilung dreier Autismus-Formen dargestellt.

2.5 Klassifikation der tiefgreifenden Entwicklungsstörung nach ICD-10

Wie in den vorherigen Kapiteln festgehalten, fassen die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV den Autismus unter den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zusammen, die sie in einem weiteren Schritt nochmals unterteilen. Werden bei der Weltgesundheitsorganisation die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen als F84 bezeichnet, findet man in zusätzlichen Schlüsselnummern die folgende Unterteilung der Autismus-Formen, beispielsweise unter F84.0 den frühkindlichen Autismus. Aufgrund des Rahmens dieser Arbeit wird die folgende Unterteilung lediglich auf das ICD-10 eingehen. Dies spielt jedoch im Hinblick auf die nahezu übereinstimmende Unterteilung keine Rolle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab 1: Vergleich ICD-10 und DSM-IV (Poustka et al. 2004, S.9)

Die im Folgenden dargestellten Beschreibungen stellen lediglich eine Modellvorstellung dar, die einige typische Auffälligkeiten aufweist. Denn einen Allumfassenden, jeweils einer Form des Autismus entsprechenden Menschen, gibt es nicht. Jeder autistische Mensch ist, sowohl im Schweregrad als auch in der Möglichkeit an Zusammensetzungen, individuell.

2.5.1 Frühkindlicher Autismus (F84.0)

Diese tiefgreifende Entwicklungsstörung, auch unter Kanner-Syndrom oder infantilem Autismus bekannt, zeigt sich bereits vor dem dritten Lebensjahr. Sie äußert sich durch eine Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, Kommunikation und im eingeschränkten repetitiven Verhalten, der sogenannten Triade. Häufig treten weitere Begleiterscheinungen wie Ängste, Essstörungen und Wutanfälle auf (vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2004).

Kindern mit frühkindlichem Autismus fällt es häufig schwer mit anderen, darunter auch den Eltern, in Kontakt zu treten. Sie verfallen vielmehr in eine Art akribische Beschäftigung mit der sachlichen Umgebung. Die Begleiterscheinungen wie Angstzustände treten beispielsweise durch Veränderungen im gewohnten Tagesablauf auf. Außerdem weisen Kinder mit frühkindlichem Autismus häufig eine abnorme Sprache, bezogen auf Echolalie, eine monotone Stimme und die Erkenntnis der Ichpersönlichkeit auf (vgl. Remschmidt 2008, S.18).

2.5.2 Asperger Syndrom (F84.5)

Das Asperger-Syndrom auch als Autistische Psychopathie sowie Schizoide Störung des Kindesalters bekannt, weist ebenfalls, wenn auch in einer weniger starken Ausbildung, Beeinträchtigungen in allen Bereichen der Triade auf (vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2004). Eine verspätete Entwicklung im Hinblick auf den Verstand sowie die Sprache ist nicht zu erkennen. Die Sprache stellt allein eine Problematik bei der Verständigung im sozialen Bereich dar, da Personen mit Asperger-Syndrom Ausdrücke buchstäblich verstehen (vgl. ebd.).

Menschen mit Asperger-Syndrom zeigen kaum Interesse an anderen Menschen sowie dem damit verbundenen zwischenmenschlichen Agieren. Vielmehr bilden sie starke Neigungen für Themen aus, die für andere Kinder eher unüblich erscheinen, wie beispielsweise eine Vorliebe für das Sonnensystem (vgl. Remschmidt/Kamp-Becker 2006, S.19). Abschließend ist festzuhalten, dass diese Autismus-Spektrum-Störung häufig erst in späteren Lebensjahren diagnostiziert wird und nicht mit deren Störungen in Bezug gesetzt werden kann (vgl. ebd.).

2.5.3 Atypischer Autismus (F84.1)

Einerseits kann sich der atypische Autismus durch das Lebensjahr bei Auftritt der Symptome oder durch die geringfügigere Anzahl an bestimmenden Kennzeichen der Triade von anderen Formen des Autismus abgrenzen (vgl. Amorosa 2010, S.21). Wenn demnach die Anzeichen einer Beeinträchtigung erst nach dem sechsunddreißigsten Lebensmonat auftreten und nicht alle Kriterien der Triade, die für eine Bestimmung von Autismus notwendig ist, erfüllt sind, wird von atypischem Autismus gesprochen. Dieser lässt sich besonders durch eine begrenzte und verspätete Entwicklung der Sprache bestimmen (vgl. Bölte 2009, S.40).

[...]


1 An einigen Stellen dieser Arbeit wird ausdrücklich nur von Autismus gesprochen. Dies beruht auf der Tatsache, dass die Benennung der Autismus-Spektrum-Störung erstmals 1988 für den Artikel „Autistic spectrum disorders: clinical presentation in preschool children“ von D.A. Allen aufkam.

2 PubMed ist die Internetseite der US amerikanischen Bibliothek über Medizin. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/

3 Arnold Lucius Gesell war Psychologe und Kinderarzt. Er entwickelte die „Gradients of groth“, die einen Anhaltspunkt an erwartetes Verhalten zu bestimmten Lebensstufen darstellt. Außerdem vertrat er die Auffassung, dass Eltern als Vorbilder für Nachahmungen von Verhalten dienen.

4 Für das DSM-5 wird nicht mehr wie zuvor eine römische, sondern eine arabische Nummerierung vorgenommen.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Autismus-Spektrum-Störung. Das ABA-Konzept als erzieherische Hilfestellung
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V492964
ISBN (eBook)
9783668973589
ISBN (Buch)
9783668973596
Sprache
Deutsch
Schlagworte
autismus-spektrum-störung, aba-konzept, hilfestellung, Autismus
Arbeit zitieren
Selina Pröhl (Autor), 2018, Autismus-Spektrum-Störung. Das ABA-Konzept als erzieherische Hilfestellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492964

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