Welche Auswirkungen hat Koorientierung auf die Qualität des Journalismus? Der "Fall Sebnitz"


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Koorientierung im Journalismus
2.1 Definition
2.2 Massenmedien als Quellen
2.3 Ursachen und Funktionen
2.4 Wirkungen

3. Der Fall Sebnitz
3.1 Chronologie
3.2 Rolle der Medien
3.3 Folgen für den Journalismus

4. Diskussion

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Der Journalismus des 21. Jahrhunderts ist ein schneller Journalismus, geprägt von Zeitdruck, Konkurrenzkampf und Unsicherheit. Im ständigen Wettlauf mit der Konkurrenz um die exklusivste Schlagzeile steht Aktualität an erster Stelle. Der Onlinejournalismus hat diese Brisanz enorm verstärkt. Wie entscheidet ein Journalist unter solchem Druck, was publikationswürdig ist? Welche Quellen werden bevorzugt? Wo liegen ethische Grenzen? Wie kommt es zu Medienskandalen wie dem des Falls Sebnitz, mit dem die meisten Journalisten und angehenden Journalisten sehr gut bekannt sein dürften? In der Geschichte der deutschen Presse ist ein derartiges Fehlverhalten der Medien, wie es im Fall Sebnitz geschah, einmalig. Nahezu die gesamte deutsche Presse übernahm die Geschichte über einen angeblichen Neonazi-Mord in der sächsischen Kleinstadt Sebnitz von der Bild -Zeitung, die sich wenig später als unwahr herausstellte.

Was hier vor 18 Jahren geschah, ist aktueller denn je; am Beispiel von Sebnitz wird die Problematik des heutigen Journalismus deutlich: Über ein solches Ereignis nicht zu berichten, ist angesichts des Konkurrenzdrucks unmöglich. Dafür jedoch auf eine sorgfältige Eigenrecherche zu verzichten und vorschnell eine Geschichte zu publizieren, ohne deren Glaubwürdigkeit zu prüfen, ist schlichtweg fahrlässig. Mit dem Ziel, auf dem Medienmarkt mithalten zu können, haben Medien voneinander abgeschrieben und dabei journalistische Werte und Pflichten vernachlässigt.

Dass sich Journalisten aneinander orientieren, ist in der Praxis keine Seltenheit, vielmehr gehört dies zur Routine der redaktionellen Arbeit. In der Kommunikations- und Medienwissenschaft spricht man von Koorientierung: Journalisten beobachten andere Journalisten und deren Berichterstattung, orientieren sich an ihnen und werden davon wiederum in ihrer eigenen Berichterstattung beeinflusst. Gerade in unsicheren Situationen, wenn schnell Publikationsentscheidungen getroffen werden müssen und die Faktenlage unklar ist, steigt das Bedürfnis nach Koorientierung. Im schlimmsten Falle werden dann Informationen ungeprüft von anderen Medien übernommen.

Mit den kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen von Koorientierung setzt sich diese Arbeit auseinander, wobei der Fokus auf den Printmedien liegt. Zum Schluss soll die Frage beantwortet werden, wie sich Koorientierung auf die Qualität des Journalismus auswirkt. Der erste Teil beschäftigt sich eingehend mit der Koorientierung, angefangen mit einer Begriffserklärung, der Relevanz von Leitmedien und schließlich mit den Funktionen und Folgen von Koorientierung. Im zweiten Teil wird der Fall Sebnitz in diesem Zusammenhang betrachtet: Nach einer kurzen Einführung in die Ereignisse soll es vor allem darum gehen, wie der Fall von den Medien aufgenommen wurde, welche Fehler dabei gemacht wurden und wie sich dies auf den Journalismus ausgewirkt hat. In einer anschließenden Diskussion sollen die Argumente für und gegen Koorientierung, der Nutzen und die Risiken gegeneinander abgewogen werden, um letztlich zu erkennen, wie die journalistische Qualität davon beeinflusst wird.

2. Koorientierung im Journalismus

Um den Prozess der journalistischen Koorientierung zu verstehen, ist es zunächst nötig, den Begriff genauer zu definieren und zwischen den verschiedenen Formen zu differenzieren. Im zweiten Schritt soll untersucht werden, an welchen Medien sich Journalisten vorrangig orientieren und was diese auszeichnet. Anschließend werden mögliche Ursachen für Koorientierung aufgezeigt und die verschiedenen Funktionen für den journalistischen Arbeitsprozess dargestellt. Im letzten Teil sollen mögliche Wirkungen und damit verbundene Gefahren von Koorientierung festgestellt werden.

2.1 Definition

In der Journalismusforschung kann Koorientierung als die gegenseitige Beobachtung, Ausrichtung und Einflussnahme zwischen Journalisten bei ihren publizistischen Entscheidungen verstanden werden (vgl. Bentele et al. 2013: 169). Die Berichterstattung anderer Journalisten dient dabei als Orientierungs-, Kontroll- oder Evaluierungsinstanz (vgl. Reinemann 2003: 33). Koorientierung ist nicht gleichzusetzen mit Kollegen- und Medienorientierung, wenngleich diese Begriffe manchmal synonym verwendet werden. Während Kollegenorientierung sich direkt auf die journalistischen Kollegen und deren Verhalten und Einstellungen bezieht, meint Medienorientierung das Ausrichten an der Berichterstattung von Journalisten anderer Medien (vgl. Reinemann 2003: 65). Koorientierung kann als Oberbegriff dieser beiden Formen verstanden werden.

Donsbach unterscheidet verschiedene Wege, auf denen Koorientierung stattfinden kann: über die Kommunikation und Interaktion im Beruf oder außerhalb des Berufs; über professionelle Kommunikation, also mittels veröffentlichter oder noch unveröffentlichter journalistischer Arbeitsprodukte; indem die Orientierung an Kollegen die Publikumsorientierung ersetzt; oder auch in institutionalisierter Form über Berufsorganisationen (Donsbach 1981: 284–315, zit. nach Reinemann 2003:33 f.). Reinemann folgert daraus verschiedene Typen der Koorientierung: Zum einen kann die Kommunikation zwischen Journalisten interpersonal, massenmedial oder rein virtuell sein, zum anderen kann sie innerhalb einer oder aber zwischen verschiedenen Redaktionen, also mit der Konkurrenz, stattfinden (vgl. Reinemann 2003:41).

Koorientierung erfolgt auf allen Stufen des journalistischen Arbeitsprozesses: bei Themensuche, Themenwahl und Recherche (vor der Publikation), sowie bei Evaluation und Kontrolle der eigenen Berichterstattung (nach der Publikation) (vgl. Reinemann 2003: 50–55). Dabei muss nicht zwingend eine Anpassung der eigenen Berichterstattung geschehen, Koorientierung kann auch eine Abgrenzung bewirken.

Sichtbar wird Koorientierung erst, „wenn eine Normierung der eigenen Einstellungen und des eigenen Verhaltens stattfindet und nachgewiesen wird“ (Donsbach 1981: 253). Dies ist dann möglich, wenn sie sich in Medieninhalten niederschlägt: zum Beispiel explizit in Form von Medienzitaten, aber auch – von außen nicht erkennbar – über intermediales Agenda- oder Frame-Setting (Reinemann & Huismann 2007: 466 f.).

Bevor genauer auf die Gründe für Koorientierung und ihre Folgen eingegangen werden soll, widmet sich das nächste Unterkapitel der Quellenwahl der Journalisten und der Frage, was andere Medien in dieser Hinsicht besonders auszeichnet und welche Bedeutung den Leitmedien zukommt.

2.2 Massenmedien als Quellen

Der Selektionsdruck der Journalisten beginnt nicht erst bei der Publikationsentscheidung, sondern bereits bei der Wahl der Quellen. Angesichts der enormen Bandbreite der verfügbaren Informationsquellen und aufgrund der zeitlichen, technischen und finanziellen Beschränkungen ist es unmöglich, sie alle zu nutzen (vgl. Reinemann 2003: 48 f.). Zudem gibt es keine objektive, allgemeingültige Regel dafür, was publikationswürdig ist (vgl. Herrmann 2012: 110). Journalisten suchen nach verfügbaren und geeigneten Quellen, das heißt, sie beurteilen deren Nützlichkeit nach Kriterien wie der Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Informationsmenge, und sie wählen den schnellsten, günstigsten und am wenigsten Quellen umfassenden Weg (vgl. Reinemann 2003: 56).

Massenmedien sind als journalistische Informationsquellen wegen folgender Charakteristika äußerst beliebt (vgl. hierzu Reinemann 2003: 57 f.): Ihnen wird erstens eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben, da sich alle Journalisten gleichermaßen an die Sorgfaltspflicht halten müssen, so dass die Berichterstattung anderer Medien im Idealfall nicht mehr geprüft werden muss. Zweitens zeichnen sich massenmediale Quellen durch ihre Aufladung mit Nachrichtenfaktoren aus. Auf Grundlage der vorangegangenen journalistischen Selektionsprozesse ist es demnach sehr wahrscheinlich, auf ein berichtenswertes Thema zu stoßen. Drittens sind die journalistischen Darstellungsregeln erfüllt, so dass die bereits aufbereitete Geschichte in ihrem Aufbau mehr oder weniger übernommen werden kann. Massenmedien sind viertens multifunktional: Sie liefern wichtige Informationen in allen Phasen des redaktionellen Arbeitsprozesses, die zum Teil, beispielsweise für die Evaluation oder die Konkurrenzbeobachtung, nur sie anbieten können. Und fünftens zeichnen sie sich durch ihre ständige Verfügbarkeit und die geringen Kosten der Informationsbeschaffung, sowohl zeitlich als auch finanziell, aus.

Welchen Medien wenden sich Journalisten nun aber im Spezifischen zu? Hier werden die Leitmedien zentral. Diese nehmen eine Vorreiterrolle sowohl in der gesellschaftlichen als auch in der journalistischen Koorientierung ein, haben also eine anleitende und orientierende Funktion (vgl. Blum et al. 2011: 18 f.). Was genau ein Leitmedium zu einem solchen macht, darüber ist sich die Forschung uneinig, folgende Merkmale können jedoch als kennzeichnend betrachtet werden (vgl. hierzu Ligensa et al. 2009: 32–43; Weischenberg et al. 2006: 133 f.): Leitmedien können erstens anhand ihrer Reichweite oder Verbreitung bestimmt werden, bei den Printmedien wäre dies also eine hohe Druckauflage. Zweitens kann die Verbreitung bzw. Reichweite in der gesellschaftlichen Elite als Kriterium angesehen werden, da hierzu die Gruppen mit Leitungsfunktionen gehören. Auch die subjektive Bindung der Rezipienten kann, drittens, für Leitmedialität sprechen. Gemeint sind dann solche Medien, die ihnen persönlich am wichtigsten sind. Als viertes Merkmal kann die Nutzung durch Journalisten herangezogen werden, also welche Medien sie besonders stark zur Orientierung und als Informationsquelle nutzen, oder auch durch andere Experten, zum Beispiel politische Akteure oder Pressesprecher. Ablesbar ist Leitmedialität fünftens an der Zitierhäufigkeit durch andere Medien, was dafür spricht, dass in dem Leitmedium besonders exklusive Themen oder neue Blickwinkel zu finden sind.

Je nachdem, welcher Definition man folgt, gelangt man zu verschiedenen Leitmedien (vgl. hierzu Ligensa et al. 2009: 32–41): Unter den Zeitungen und Zeitschriften stehen, betrachtet man die Auflagenhöhe, Bild und Spiegel ganz oben, bei der Elite sind es gemessen an der Reichweite Focus, Spiegel und Stern. Unter den Journalisten sind Süddeutsche Zeitung, FAZ und Bild als Tageszeitungen, Spiegel, Stern und Bild am Sonntag als Wochenmedien am beliebtesten. Als Leitmedien auf Grundlage der Zitierhäufigkeit können Spiegel und Bild betrachtet werden.

Nachdem nun geklärt ist, an welchen Medien Journalisten sich orientieren, soll es im nächsten Unterkapitel darum gehen, wie es zu Koorientierung kommt und was deren Funktion im redaktionellen Arbeitsprozess ist.

2.3 Ursachen und Funktionen

Einige Besonderheiten des journalistischen Berufes führen zu einer intensiven und ebenso folgenreichen Koorientierung, verglichen mit anderen Berufsgruppen (vgl. hierzu Reinemann 2003: 34–40; Krämer et al. 2009: 96–99). So ist die journalistische Entscheidungsfindung geprägt von Komplexität und Unsicherheit, die noch verstärkt werden durch Zeit- und Konkurrenzdruck. Die Orientierung an anderen Journalisten und Medien dient dazu zu erkennen, was diese für berichtenswert halten und welchen Standpunkt sie einnehmen. Eine Funktion von Koorientierung ist demnach die Rationalisierung der eigenen Publikationsentscheidungen. Zweitens weist Reinemann auf das Zusammenspiel von Koorientierung und Publikumsorientierung hin: Wie bereits oben erwähnt, deutet die Veröffentlichung in einem anderen Medium auf den potenziellen Publikumserfolg eines Themas hin. Zudem kann durch die Beobachtung anderer Medien die Anschlussfähigkeit der eigenen Berichterstattung sichergestellt werden. Ökonomische Zwänge und Konkurrenzdruck machen es weiterhin nötig, die Konkurrenz zu beobachten. Der publizistische Wettbewerb verlangt es, „aktueller, umfassender und exklusiver [zu] berichten“ (Reinemann 2003: 39) als die direkte Konkurrenz. Krämer weist außerdem auf eine Effizienzsteigerung durch Koorientierung hin: Aufwändige eigene Recherchearbeit wird in Teilen erspart, die journalistische Arbeitsroutine somit vereinfacht. Nicht zu vernachlässigen ist die Legitimationsfunktion: Leitmedien können als Beispiel für erfolgreiche, in diesem Sinne rechtlich folgenlose Berichterstattung dienen. Wenn also die Quellenlage in einem Fall unklar ist, kann durch einen Verweis auf das andere Medium dennoch zeitnah darüber berichtet werden, ohne die Grenze der Rechtmäßigkeit zu überschreiten.

Ein weiterer Aspekt findet sich bei Herrmann (2012: 123–125), der Organisationskrisen als mögliche Ursache für ein verstärktes Bedürfnis nach Koorientierung ansieht. Bei unerwarteten, plötzlich eintretenden Ereignissen ist die Unsicherheit der Journalisten höher: Häufig müssen Publikationsentscheidungen getroffen werden, obwohl die Hintergründe noch unklar sind. Um dennoch berichten zu können – schließlich haben Krisen einen hohen Nachrichtenwert – und den passenden Interpretationsrahmen zu finden, kann die Orientierung an anderen Medien oder der Austausch mit den Kollegen hilfreich sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Welche Auswirkungen hat Koorientierung auf die Qualität des Journalismus? Der "Fall Sebnitz"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Journalistische Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V493062
ISBN (eBook)
9783668991477
ISBN (Buch)
9783668991484
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Journalismus, Koorientierung, Herdenjournalismus, Qualitätsjournalismus, Sebnitz, Journalistische Ethik
Arbeit zitieren
Laura Kurtz (Autor), 2018, Welche Auswirkungen hat Koorientierung auf die Qualität des Journalismus? Der "Fall Sebnitz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493062

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