1. Einleitung
Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Deutschland 1220 begann Friedrich II. damit, sein Südreich mit einem dichten Netz von Bauten zu überziehen. Es handelte sich dabei nicht nur um Wehrbauten, sondern auch um persönliche Rückzugspunkte, sogenannte loca solaciorum, sowie um Paläste in wichtigen Residenzorten wie Lucera oder Foggia.
Die Festigung seiner Herrschaft auf dem italienischen Festland und in Sizilien manifestiert sich gerade in Friedrichs Bautätigkeit besonders deutlich: Auf den Hoftagen von Capua 1220 und von Messina 1221 verkündete er die Gesetze „de novis edificiis deruendis“, die beinhalteten, dass Wehrbauten, die während der Zeit seiner Unmündigkeit und seiner Abwesenheit ohne ausdrückliche Genehmigung von Lehensträgern erbaut worden waren, entweder an ihn selbst zurückgegeben werden müssten oder ohne Nachsicht zerstört werden würden1. Bereits diese Gesetze werfen ein Licht darauf, welche Bedeutung herrschaftlichen Gebäuden zugemessen wurde.
Nachdem sich Friedrichs Bautätigkeit zunächst aufs Festland konzentriert hatte, begann er nach der Rückkehr vom Kreuzzug 1228 mit dem Ausbau einer Kastellkette an der Ostküste Siziliens. Bereits seit 1220 bemühte er sich, die uneingeschränkte Gewalt über Sizilien wiederzuerlangen, wie sie König Wilhelm II. bis 1189 innehatte2 Zu dieser Machtkonzentration kam es jedoch erst in den dreißiger Jahren, als Friedrich sich mit dem Papst zunächst ausgesöhnt hatte, nachdem dessen Truppen während seiner Abwesenheit im Heiligen Land 1228 in Sizilien eingefallen waren. In dieser Zeitspanne entstanden die drei Kastelle von Catania, Augusta und Syrakus. Sie befinden sich alle drei in exponierter Lage zum Meer hin und erheben sich über regelmäßigem, annähernd quadratischem oder zumindest rechteckigem Grundriss, was sie von den vorhergehenden Bauwerken Friedrichs II. abhebt, bei denen zwar Regelmäßigkeit angestrebt, aber nie ganz verwirklicht war. Diese Bauten weisen bereits auf das streng stereometrisch gebildete Castel del Monte hin.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Castel Maniace in Syrakus
3. Das Kastell von Augusta
4. Castel Ursino in Catania
5. Zur Frage nach Zweck und Bedeutung der drei Kastelle
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die staufischen Kastellbauten in Syrakus, Augusta und Catania, um deren architektonische Merkmale zu analysieren und ihre historische Funktion vor dem Hintergrund der Herrschaftskonzeption Kaiser Friedrichs II. zu interpretieren.
- Architektonische Analyse der Kastellanlagen auf Sizilien
- Untersuchung der Wehrhaftigkeit versus Repräsentationsanspruch
- Einordnung der Bauten in den Kontext der staufischen Herrschaftssymbolik
- Diskussion möglicher architektonischer Vorbilder und Einflüsse
- Rekonstruktion der ursprünglichen Erscheinungsformen unter Berücksichtigung des Forschungsstandes
Auszug aus dem Buch
5. Zur Frage nach Zweck und Bedeutung der drei Kastelle
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, welchem Zweck ein Gebäude wie Castel Ursino diente, dessen Räume nur vom einen zum anderen oder quer über den Hof begehbar waren und dessen Obergeschoss lediglich durch zwei schmale Wendeltreppen erreichbar war. Friedrich bemerkte zwar in seinem Brief an Lentini, daß das Kastell zur Verteidigung erbaut sei, jedoch sollten alle drei Kastelle hinsichtlich ihrer Wehrhaftigkeit untersucht werden:
Bei Betrachtung des Außenbaues fällt bei Maniace, Augusta und Ursino die Blockhaftigkeit und das massive Mauerwerk auf sowie die zahlreichen Türme, besonders bei den beiden letzteren. Diese Merkmale erscheinen für die Wehrhaftigkeit des Baues zunächst günstig, jedoch fällt bei näherem Hinsehen auf, dass für eine Verteidigung im Angriffsfall notwendige Vorrichtungen wie Schießscharten, Zinnen, Plattformen, Wehrgänge, Gusserker und ähnliches fehlen.
Möglicherweise hätten auf den Türmen Verteidiger postiert werden können, dies wäre aber auch die einzige Möglichkeit gewesen. Zieht man dazu in Betracht, dass die Türme zumeist nur durch relativ enge Wendeltreppen begehbar waren, erscheint auch diese Möglichkeit als äußerst eingeschränkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Friedrich II. begann ab 1220 mit einer umfangreichen Bautätigkeit in seinem Südreich, um seine Herrschaft zu festigen und Macht zu demonstrieren, wozu auch die Kastellkette an der sizilianischen Ostküste zählt.
2. Castel Maniace in Syrakus: Das Kastell wurde als völlig neuer staufischer Bau auf der Halbinsel Ortygia errichtet und zeichnet sich durch einen regelmäßigen, quadratischen Grundriss mit Ecktürmen sowie eine prachtvolle Säulenhalle aus.
3. Das Kastell von Augusta: Trotz starker Beschädigungen durch spätere Umbauten und Naturkatastrophen lässt sich diese größte der drei Anlagen als geometrisch konzipierte Vierflügelanlage mit Zwischentürmen rekonstruieren.
4. Castel Ursino in Catania: Dieses besterhaltene Kastell besticht durch seine hohe Symmetrie und mathematisch-geometrische Ausbildung, die als Synthese der Erfahrungen aus Syrakus und Augusta interpretiert werden kann.
5. Zur Frage nach Zweck und Bedeutung der drei Kastelle: Die Kastelle dienten aufgrund fehlender militärischer Verteidigungseinrichtungen weniger der praktischen Wehrhaftigkeit als vielmehr als Symbole kaiserlicher Macht und Präsenz.
6. Zusammenfassung: Die regelmäßigen Kastellbauten Friedrichs II. stellen eine einzigartige Architekturform dar, die den Machtanspruch des Kaisers symbolisiert und sich bewusst über praktische Zweckgebundenheit hinwegsetzt.
Schlüsselwörter
Friedrich II., Staufer, Kastelle, Sizilien, Castel Maniace, Castel Ursino, Augusta, Wehrarchitektur, Herrschaftssymbolik, Burgenforschung, mittelalterliche Architektur, quadratischer Grundriss, Repräsentationsbau, Bautätigkeit, Architekturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der baugeschichtlichen Analyse der drei staufischen Kastelle in Syrakus, Augusta und Catania, die unter Kaiser Friedrich II. entstanden sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die architektonische Gestaltung, die Rekonstruktion des ursprünglichen Zustands sowie die Interpretation der Kastelle als Symbole kaiserlicher Macht.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, zu klären, welchen Zweck diese architektonisch anspruchsvollen Bauten erfüllten, da sie für rein militärische Verteidigungszwecke nur bedingt geeignet waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine kunsthistorische Analyse, stützt sich auf vorhandene Bauforschung und Literatur zu Friedrich II. und vergleicht die baulichen Merkmale mit historischen Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung und Untersuchung der drei einzelnen Kastelle sowie eine diskursive Erörterung ihrer Funktion und stilistischen Vorbilder.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem staufische Bautätigkeit, Herrschaftsrepräsentation, Geometrie in der Architektur und der historische Kontext der Stauferzeit in Sizilien.
Warum wird die militärische Funktion der Kastelle angezweifelt?
Die Autorin argumentiert, dass wichtige Verteidigungselemente wie Schießscharten, Wehrgänge oder Zinnen fehlen und die prunkvollen Portale eher als "optische Visitenkarte" des Kaisers dienten.
Welche Rolle spielten die Zisterzienser beim Bau der Kastelle?
Es wird diskutiert, ob Friedrich II. zisterziensische Bauleute einsetzte und ob deren Wölbtechniken und Vorlieben für geometrische Klarheit die Gestaltung der Kastelle beeinflusst haben könnten.
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- Dr. phil. Birgit Wagner (Author), 1998, Die Kastelle von Syrakus, Augusta und Catania, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49335