Chancenungleichheit in der Bildung. Warum Arbeiterkinder benachteiligt sind

Ein Erklärungsversuch nach Bourdieu


Hausarbeit, 2019
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Differenz und Ungleichheit nach Prengel

3 Verteilung gesellschaftlicher Akteur*innen nach Bourdieu
3.1 Sozialer Raum
3.2 Kapital
3.2.1 Kulturelles Kapital
3.2.2 Soziales Kapital
3.2.3 Kapitalumwandlung und Nutzung
3.3 Habitus

4 Bildungswege im Vergleich

5 Entstehung von Chancenungleichheit in der Bildung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Immer mehr Menschen machen mittlerweile Abitur und wagen den Schritt an die Universität. Denn ein akademischer Abschluss öffnet die Türen zu hohen Positionen, die ein hohes Einkommen mit sich bringen. Dennoch spielt die soziale Herkunft immer noch eine Rolle bei der Wahl des Bildungsweges und Unterschiede in der Herkunft bilden sich auch in den Chancen für einen erfolgreichen akademischen Abschluss ab. Universitäten sind die Bildungsinstitutionen, an denen die Ungleichheiten zwischen den einzelnen sozialen Schichten besonders deutlich sind (vgl. Müller & Pollak 2016, S. 345).

Diese Arbeit soll am Beispiel von Arbeiterkindern an Universitäten die Frage klären, wie Ungleichheiten in der Bildung entstehen. Dazu soll Bourdieus Theorie zum Sozialraum und den Kapitalarten herangezogen werden und anhand dessen die unterschiedlichen Bildungswege, die sich aus den unterschiedlichen sozialen Hintergründen ergeben, erörtert werden.

Prengels Definition von Ungleichheit soll klären, was dieser Begriff überhaupt meint und wie in der Gesellschaft generell mit Ungleichheit umgegangen wird. Durch diese Definition soll der Begriff Ungleichheit außerdem von ähnlichen Begriffen abgegrenzt werden. Anschließend soll eine Übersicht über Bourdieus Theorie zu Sozialraum, Kapital und Habitus dazu beitragen, die späteren Zusammenhänge zwischen dieser Theorie und Ungleichheiten in der Bildung und die dazugehörigen Erklärungsansätze zu verstehen. Diese Erklärungsansätze und die Darstellung der Zusammenhänge von sozialer Herkunft und Bildungswegen folgen auf eine Zusammenfassung der unterschiedlichen Bildungswege von Menschen aus unterschiedlichen Schichten.

2 Differenz und Ungleichheit nach Prengel

Um darüber diskutieren zu können, ob Chancenungleichheit in der Bildung je nach sozialer Herkunft vorliegt, muss zuerst definiert werden, was Ungleichheit überhaupt meint. Dazu soll Prengels Ansatz zu Differenz und Ungleichheit herangezogen werden. Sie benennt dabei zuerst die Unterschiede zwischen diesen beiden Begriffen: während Differenz eher das Nebeneinander (z.B. Diversität, Gleichberechtigung etc.) eingeht, meint Ungleichheit das Unter- und Überordnen (z.B. Hierarchien, Zwang etc.). Auch Macht spielt in ihrer Definition eine Rolle. Macht meint „wirksame Einflussmöglichkeiten von einzelnen oder Gruppierungen“ und kann dabei in unterschiedlichen Formen auftreten bzw. von unterschiedlichen Gruppen ausgehen (Prengel 2017, S. 32). Dabei spielt die Position in der hierarchischen Ordnung nicht immer eine Rolle und Macht kann auch jenen ausgehen, welche global gesehen eher ohnmächtig sind, sich jedoch gegenseitig stärken und unterstützen (vgl. Prengel 2017, S. 32).

Der Umgang mit Ungleichheit kann durchaus unterschiedlich ausfallen. So kann das Bestreben, diese Ungleichheiten aufzuheben und gleiche Verhältnisse zu schaffen, solidarisch begründet werden, während das Streben danach, andere unterzuordnen, eher auf einen Mangel an Solidarität hinweist. Da Hierarchien in bestimmten Kontexten allerdings auch die Produktivität erhöhen können, sind sie nicht prinzipiell als falsch anzusehen. Die Schwierigkeit in der Theorienbildung besteht also darin, zwischen notwendigen und überflüssigen Hierarchien zu unterscheiden. Dennoch können sich „soziale Verhältnisse […] schon durch das Abflachen von Hierarchien für alle Beteiligten entscheidend verbessern“ (Prengel 2017, S. 33 f). Gleichzeitig wurde Hierarchien bisher dadurch gerechtfertigt, dass Unterschiede zwischen Menschen von Natur aus existieren. In der Moderne soll nun aber viel mehr die individuelle Leistung junger Menschen gewichtet werden, wenn es darum geht, sich in den hierarchischen Strukturen zu positionieren (vgl. Prengel 2017, S. 32, 36 f.).

In der Bekämpfung von Ungleichheiten muss es zwangsläufig zu einer Priorisierung kommen. Nicht alle Ungleichheiten können gleichzeitig bekämpft werden. Häufig muss abgewogen werden, ob hierarchische Strukturen notwendig sind und ob die Kosten, die zur Bekämpfung nötig sind, in der aktuellen Situation tragbar sind (vgl. Prengel 2017, S. 34).

Ungleichheiten und Hierarchien sind globale Themen und können – je nach Inhalt – unterschiedlich benannt werden. Sexismus, (kultureller) Rassismus, Ableismus oder Homophobie sind nur einige Separationen, welche international kritisiert werden. Diese Kritik wird vor allem durch die Menschenrechte ausgeübt, welche auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität fußt (vgl. Prengel 2017, S. 35).

3 Verteilung gesellschaftlicher Akteur*innen nach Bourdieu

3.1 Sozialer Raum

Ein seinen Werken schreibt Bourdieu über die Positionierung eines Individuums im Raum. Seine Grundannahme beruht darauf, dass die soziale Welt aus einem mehrdimensionalen, abstrakten objektiven Raum besteht. Diesen bezeichnet er als Sozialraum, der mit zwei übereinander gelegten Folien abgebildet werden kann. Die erste Folie zeigt den Raum der sozialen Positionen mit drei Dimensionen, in welchen sich die Akteur*innen verteilen. Die erste Dimension bildet die Verteilung der Akteur*innen nach dem Gesamtumfang ihres Kapitals (siehe 2.2) ab. In der zweiten Dimension verteilen sich die Akteur*innen nach der Zusammensetzung ihre Kapitalsorten. Die dritte Dimension ist die Zeit. Sie bildet die Entwicklung der sozialen Position ab. Bourdieu bezeichnet diese Dimension auch als Laufbahn. Die sozialen Akteur*innen nehmen nur eine einzige Stellung im Raum ein und werden durch diese definiert (vgl. Rehbein 2011, S. 168).

Die zweite Folie bildet den Raum der Lebensstile/Raum der sozialen Praxen und damit die sozialen Ungleichheiten im Raum ab. Empirisch rekonstruierbar wird dieser Raum zum Beispiel durch Wertvorstellungen, Gewohnheiten, Freizeitaktivitäten, politische Orientierung etc. Verbunden werden diese beiden Folien durch das Habituskonzept. (siehe 3.3) (vgl. Rehbein 2011, S. 168).

Bourdieu beschreibt noch zwei weitere Arten von Räumen. Zum einen den angeeigneten physischen Raum oder auch bewohnten Raum, welcher die Verdinglichung bzw. die physische Darstellung des sozialen Raums ist. Soziale Strukturen lassen sich aus den räumlichen Manifestationen herauslesen. Der physische Raum zum anderen ist nur dann zu denken, wenn davon abgesehen wird, dass er eine soziale Konstruktion oder eine Projektion des sozialen Raums ist. In Bourdieus Überlegungen finden rein geographische Räume allerdings häufig keine Relevanz (vgl. Bourdieu 1997, S. 160 f.).

Die Räume stehen in wechselseitigem Verhältnis zueinander. Da der soziale Raum selbst nicht sichtbar, abstrakt und nicht-physisch ist, wird er in Form räumlicher Gegensätze sichtbar. Bourdieu sieht im angeeigneten physischen Raum „eine Art spontane Symbolisierung des Sozialraums“ (Bourdieu 1997, S. 160). Er sagt außerdem, dass es in einer hierarchischen Gesellschaft keinen Raum ohne Hierarchien geben kann. Der bewohnte Raum bildet Distanzen und Hierarchien, die im Sozialraum zu finden sind also ebenfalls ab. Aus dem Ort (in Relation zu anderen Orten) und dem Platz (Volumen eines Akteurs oder Gegenstandes), die ein Akteur im bewohnten Raum einnimmt, kann seine Stellung im sozialen Raum abgeleitet werden. So lässt sich beispielsweise aus dem Wohnort oder der Größe und Art des Wohnraumes auf die soziale Stellung geschlossen werden. Dadurch, dass sich die Position eines Akteurs im sozialen Raum auch im angeeigneten physischen Raum widerspiegelt und somit auch die darin liegenden Distanzen, entstehen für die Akteure im angeeigneten physischen Raum Distanzen zu bestimmten Gütern oder sozialen Gruppen, wodurch ihre Position verstärkt wird (vgl. Bourdieu 1997, S. 160 f.).

3.2 Kapital

Das Kapital eines Akteurs entscheidet über seine Position im Sozialraum und kann den Lebenslauf beeinflussen, da der Gesamtumfang und die Verteilung der Kapitalsorten den Zugang zu gewissen Positionen oder Personen verwehren oder eröffnen kann. Dadurch entsteht eine Chancenungleichheit, da nicht jedes Individuum die gleichen Voraussetzungen erfüllt. Durch Kapital sind Vorgänge im gesellschaftlichen Leben aber auch vorhersehbar. Bourdieu beschränkt sich in seiner Theorie jedoch nicht nur auf Kapital in ökonomischer Form, welches sich in Form von Waren austauschen und direkt in Geld konvertieren lässt. Da gesellschaftlicher Austausch sich seiner Meinung nach nicht darauf beschränken und somit vereinfachen lässt. Ökonomisches Kapital lässt sich nicht nur durch Waren austauschen und übertragen, sondern auch vererben und einfach in andere Kapitalsorten umwandeln. Er kritisiert den wirtschaftswissenschaftlichen Ansatz, dass nur der Austausch von Waren und damit von ökonomischem Kapital ein gesellschaftlicher Austausch wäre und führt deshalb zwei weitere Kapitalsorten ein, welche in wechselseitigem Verhältnis zueinanderstehen (vgl. Bourdieu 1983, S. 183 ff.).

Folgende weitere Kapitalsorten finden bei Bourdieu Beachtung:

3.2.1 Kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital lässt sich in drei Kategorien einteilen: inkorporiertes, objektiviertes und institutionalisiertes kulturelles Kapital.

Inkorporiertes kulturelles Kapital besteht zum einen aus der Komponente der Bildung zum anderen aus Sozialisation bzw. Erziehung in der Familie. Diese Art des Kulturkapitals ist körpergebunden/verinnerlicht. Um es zu verinnerlichen, muss ein*e Akteur*in selbst Zeit investieren. Bei der Bildung spielt vor allem die Dauer des Prozesses eine Rolle. Durch diese Investition wird das inkorporierte Kulturkapital zum Habitus des/der Akteur*in. Dadurch lässt es sich – anders als ökonomisches Kapital – nicht einfach an andere Akteur*innen vererben. Dennoch ist es verschleiert übertragbar: ist in der Familie bereits starkes kulturelles Kapital vorhanden, lässt sich inkorporiertes kulturelles Kapital schneller ansammeln. Die Erziehung in der Familie kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Zum einen kann sie, wenn sie gut investiert ist, einen Vorsprung erbringen. Zum anderen kann sie sich jedoch auch negativ auswirken und muss möglicherweise später korrigiert werden.

Ein besonders wichtiger Aspekt für die Akkumulation von verinnerlichtem Kulturkapital ist die Zeit. Sowohl der Beginn als auch die Dauer des Bildungsprozesses sind ausschlaggebend für den Umfang dieser Kapitalart (vgl. Bourdieu 1983, S. 187 ff.).

Objektiviertes Kulturkapital kann wie ökonomisches Kapital übertragen werden. Allerdings gilt dies nur für das eigentliche Eigentum des Gegenstandes (z.B. Gemälde). Die Fähigkeit sich diesen Gegenstand symbolisch anzueignen ist allerdings nicht so einfach übertragbar. Dies geschieht auf dem gleichen Weg wie die Übertragung von inkorporierten Kulturkapital. Objektiviertes kulturelles Kapital lässt sich also auf zwei Arten aneignen. Zum einen auf materielle Weise mit Hilfe von ökonomischem Kapital. Zum anderen auf symbolische Weise mit Hilfe von inkorporiertem kulturellem Kapital. Letzteres ist für die Nutzung des objektivierten Kulturkapitals unabdingbar (vgl. Bourdieu 1983, S. 189 ff.).

Institutionalisiertes Kulturkapital tritt in Form von Titeln auf. Dabei ist institutionalisiertes kulturelles Kapital allgemein gültig und anders als inkorporiertes Kulturkapital muss der Akteur nicht unter Beweis stellen, im Besitz dieses Kapitals zu sein. Durch diese Titel werden ihre Träger vergleichbar (vgl. Bourdieu 1983, S. 190 f.).

3.2.2 Soziales Kapital

Die Höhe des Sozialkapitals eines Individuums hängt von der Größe seines Netzwerks ab, da das soziale Kapital auf der Gruppenzugehörigkeit basiert. Grundlage hierfür sind materielle und symbolische Tauschbeziehungen, welche die Beziehungen innerhalb des Netzwerks erhalten und stärken. Neben der Größe des Netzwerkes spielt aber auch der Gesamtumfang des kulturellen und ökonomischen Kapitals der Mitglieder im jeweiligen Netzwerk eine Rolle. Das Gesamtkapital dient als Sicherheit für alle Akteur*innen in einem Netzwerk. Durch beispielsweise Familien oder Parteien kann das soziale Kapital institutionalisiert werden. Die Institutionalisierung ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. Viel mehr handelt es sich dabei um einen stetigen Prozess, in dem das Individuum in die Erhaltung von Beziehungen investieren muss. Die Beziehungen, die durch bewusste oder unbewusste Institutionalisierungsarbeit entstehen, bringen jedoch auch Verpflichtungen mit, die sowohl auf Rechtsansprüchen als auch auf subjektiven Gefühlen fußen können.

Die Profite, die durch das Netzwerk entstehen, sind Basis für die Solidarität, welche ebendiesen Profit ermöglicht (vgl. Bourdieu 1983, S. 191 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Chancenungleichheit in der Bildung. Warum Arbeiterkinder benachteiligt sind
Untertitel
Ein Erklärungsversuch nach Bourdieu
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Veranstaltung
Soziale Differenzen, Ungleichheiten und Machtverhältnisse
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V493403
ISBN (eBook)
9783668988613
ISBN (Buch)
9783668988620
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Ungleichheit, Machtverhältnis, Macht, soziale Ungleichheit, Differenz, soziale Differenz, Bourdieu, Chancengleichheit, Arbeiterkinder, Studium, Bildungschancen, Kapital, Sozialraum, Habitus, Bildungswege
Arbeit zitieren
Saskia Albrecht (Autor), 2019, Chancenungleichheit in der Bildung. Warum Arbeiterkinder benachteiligt sind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493403

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