Der Reizbegriff Politische Korrektheit und die Macht der "richtigen" Wortwahl


Akademische Arbeit, 2019

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort
1.1 Warum dieses Thema?
1.2 Sprache und Denken - Denken und Sprache

2 Politische Korrektheit
2.1 Was ist Politische Korrektheit und was soll sie leisten?
2.2 Politische Korrektheit: Sprache - Denken - Handeln
2.3 (Gegen-)Positionen
2.4 Ausgewählte Schwerpunkte der PK
2.4.1 Geschlechtergerechtes Formulieren - Gendern
2.4.2 PK in der Kinder- und Jugendliteratur

3 Erklärungsversuche - Wie kam es zu dieser Kontroverse?

4 Vorschläge - die Lösung des Problems!?

5 Nachwort

6 Bibliografie

1 Vorwort

Das wird man wohl noch sagen dürfen. Ich bin kein Rassist, aber... Das muss doch mal gesagt werden. Ich habe nichts gegen Ausländer, aber... Ich will ja nicht frauenfeindlich sein, aber... Ich habe nichts gegen Schwule, aber... Ich bin nicht rechts, aber... Endlich traut sich jemand, das auszusprechen. Ich möchte ja nicht politisch inkorrekt sein, aber... Das darf man zwar nicht laut sagen, aber... Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber... Lass uns doch die Dinge beim Na­men nennen.

In den Medien, in der Politik, aber auch in privaten Gesprächen unter Bekannten oder beim Smalltalk zwischen Unbekannten, im Kaffeehaus, im Zug, an der Supermarktkassa - das Ringen um die richtigen Worte geht an kaum jemandem spurlos vorüber. Die obigen Aussagen zeigen, dass die Menschen der Sprache mehr oder weniger bewusst eine gewisse Macht oder zumin­dest Bedeutung zuerkennen. Die beschwichtigenden Floskeln, denen meist ein „Aber" folgt, zeugen von einer Art schlechtem Gewissen gegenüber dem, was danach gesagt wird. Aber machen Worte einen zu einem guten/ schlechten Menschen? Gibt es moralisch richtiges/ fal­sches Sprechen? Wie soll/ darf man sprachlich handeln? Oder spielt der Ausdruck doch keine so wichtige Rolle im Zusammenleben?

Die Politische Korrektheit - kurz PK - ist ein Reizbegriff in diesem Zusammenhang. Sie wird eingefordert, sanktioniert, verteufelt, belächelt, hochgepriesen, verabscheut, abgelehnt. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesem strittigen und umkämpften Thema. Sie zeigt allgemeine Informationen sowie verschiedene Positionen auf. Auch werden Erklärungsversu­che für die aktuelle Kontroverse geliefert und mögliche zukünftige Vorgehensweisen darge­stellt.

Diese Arbeit dient als Vertiefung für die Berufspraxis als Ethiklehrperson, wo es nicht darum gehen soll, den Schülern/ Schülerinnen PK beizubringen, sondern ihr kritisches und vor allem eigenständiges Denken im Hinblick auf die Thematik anzuregen und anzuleiten.

1.1 Warum dieses Thema?

Gerade in einer Höheren Schule mit einer Schulleitung, welche großen Wert auf Politische Korrektheit legt, kann dem Ruf bzw. dem Bestreben um richtiges Sprechen sowie Schreiben kaum jemand entgehen. Nicht nur offizielle Schriftstücke, sondern auch die Diplomarbeiten der Schüler/innen und sogar Wortmeldungen in Konferenzen sollen den Anforderungen einer diskriminierungsfreien Sprache gerecht werden. Sowohl als Deutschlehrerin als auch als Ethik­lehrerin werde ich diesbezüglich laufend mit Fragen und Unsicherheiten konfrontiert: Wie sagt man das denn jetzt richtig? Darf ich das so schreiben? Was ist denn falsch daran, wenn ich das so schreibe? Was denken Sie/ Was denkst du denn über das Gendern? Muss das sein? Was bringt es uns denn, wenn wir XY (nicht) sagen?

Auf der anderen Seite werde ich auch immer wieder über sprachliche „Fehltritte" von Mitschü­lern/ Mitschülerinnen oder sogar aus dem Kollegium informiert: Der hat XY gesagt. Hast du gehört, wie die über Ausländer spricht? Darf der das so sagen? Sie soll doch ein Vorbild sein, da kann sie zu ihren Schülern/Schülerinnen doch nichtXYsagen.

Wie schon zu Beginn des Vorwortes erwähnt, scheinen die meisten von uns die Sprache für eine mächtige Instanz zu halten, welche auch davon zeugt, ob man ein guter oder schlechter Mensch ist. Es herrschen Verunsicherungen, man möchte keine Fehler machen, nichts Falsches sagen. Zugleich ist aber auch zu beobachten, dass ein enormer Redebedarf vorhanden ist: Man will über gewisse Themen sprechen, will kritisch sein, will Dinge beim Namen nennen dürfen.

Der Ethikunterricht könnte zumindest den jungen Menschen an der Schule einen geschützten Ort bieten, an welchem ihre Bedenken und Gedanken geäußert, geordnet, diskutiert werden. Zu wissen, was Politische Korrektheit ist, wo sie herkommt und was sie (nicht) leistet, sich auch mit positiven sowie negativen Standpunkten zu PK zu beschäftigen, kann bei den Jugendlichen zur eigenen Meinungsbildung beitragen - und auch zum Verstehen, wieso das richtige und falsche Sprechen heute so eine besondere Rolle einnimmt.

1.2 Sprache und Denken - Denken und Sprache

Wenn man sich mit Politischer Korrektheit beschäftigt, sollte ein kurzer Blick auf das Zusam­menspiel von Sprache und Denken im Allgemeinen nicht fehlen. Gibt es Sprache ohne das Denken? Gibt es Gedanken ohne Sprache? Wie hängen Sprache und Wirklichkeit zusammen, Sprache und das Individuum, Sprache und Weltwahrnehmung, Sprache und Gesellschaft? Und wie sieht das Zusammenwirken von Sprache und Handeln aus?

Mit diesen Fragen haben sich schon viele Philosophen/ Philosophinnen und Wissenschaft­ler/innen auseinandergesetzt, wie beispielsweise Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Hum­boldt und auch Ludwig Wittgenstein, welcher in seinem „Tractatus logico-philosophicus" den berühmten Satz äußerte:

Dass die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, dass die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten. (WWW1)

Ist die eigene Sprache also eine Art eigener Zugang zur Welt? Auch die Professorin für kogniti­ve Psychologie an der Stanford University in Kalifornien, Lera Boroditsky, erforscht den Zu­sammenhang zwischen Sprache und Denken. Sie ist davon überzeugt, die Strukturen der un­terschiedlichen Sprachen „prägen in ungeahntem Ausmaß die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen". (WWW2) Somit führen verschiedene Sprachen zu unterschiedlicher Weltauf­fassung, also anderem Denken. Boroditskyführt aus:

[Zahlreiche Forschungen - unter anderem in meinem Labor - haben inzwischen ge­zeigt, dass die Sprache sogar die grundlegenden Dimensionen menschlicher Erfahrung prägt: Raum, Zeit, Kausalität und die Beziehung zu anderen. (WWW2)

Diese Behauptung belegt sie anhand von verschiedenen Beispielen. Unter anderem erklärt sie, dass in der Sprache der Aborigines die Himmelsrichtungen eine Hauptrolle bei Angaben über die Position - z.B. eines Gegenstandes - spielen. Boroditsky fand heraus, dass sich diese be­troffenen Sprecher/innen auch erstaunlich gut in fremden Umgebungen orientieren können.

Auch in der Beschreibung von Ereignissen konnten sprachliche Unterschiede beispielsweise zwischen dem Spanischen, Englischen und Japanischen aufgezeigt werden. Während befragte englischsprachige Studienteilnehmer/innen sowohl absichtliche als auch zufällige Handlungen eines Geschehens Wiedergaben, konzentrierten sich die Vertreter/innen der beiden anderen Sprachen lediglich auf beabsichtigte Taten, wohingegen Unabsichtliches tendenziell eher weg­gelassen wurde. Laut dieser Studie aus dem Jahr 2010 „beeinflussen [...] [linguistische] Unter­schiede die Rekonstruktion von Ereignissen, was beispielsweise Konsequenzen für Zeugenaus­sagen hat" (WWW2).

Des Weiteren spielt laut Boroditsky im Hebräischen das Geschlecht in vielen Bezeichnungen eine Rolle, während es im Finnischen beispielsweise vernachlässigt wird, was dazu führt, dass hebräische Kinder wesentlich früher wissen, ob sie Jungen oder Mädchen sind.

Außerdem wurde unter anderem an arabisch-hebräisch-bilingualen Sprechern/ Sprecherinnen zum Thema Vorurteile geforscht. Dabei stellte sich heraus, dass die jeweils in der Studie ver­wendete Sprache Einfluss auf die Haltung gegenüber den Juden/ Jüdinnen bzw. Arabern/ Ara­berinnen hat. Boroditsky resümiert die Ergebnisse dieser zwei Studien aus dem Jahr 2010 fol­gendermaßen:

Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung. [...] Nachweislich ändern bilinguale Personen ihre Weitsicht je nach­dem, welche Sprache sie gerade verwenden. (WWW2)

Die Studien ergaben also, dass die Art, wie gesprochen wird, auch das Denken beeinflusst, was wiederum für das Thema der vorliegenden Arbeit von Bedeutung ist. Diese These wird nämlich von Gegnern und Gegnerinnen der Politischen Korrektheit abgelehnt bzw. ignoriert. Ob es nun um Farbunterscheidungen, Zeitwahrnehmung, das Zahlensystem oder die Wiedergabe von Erlebnissen und das Aufkommen von Vorurteilen geht - für Lera Boroditsky steht fest:

[Es] wirken die Kategorien und Unterscheidungen, die in speziellen Sprachen existie­ren, stark auf unser geistiges Leben ein. [...] Jede [Sprache] enthält eine Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, sie zu begreifen und mit Bedeutung zu füllen. (WWW2)

Und wie sieht es nun mit Änderungen in einer Sprache aus? Kann ein anderer, beispielsweise sensiblerer, Wortschatz einen veränderten Umgang mit den bezeichneten Menschen, Themen oder Tatsachen bewirken? Kann politisch korrekte Sprache etwas an der Wirklichkeit verän­dern? Wie wirken Worte? Im Abschnitt 2.2 wird versucht, einen möglichen Zusammenhang zwischen Politischer Korrektheit, Sprache, Denken und Handeln aufzuzeigen. Darüber hinaus werden im Kapitel 2.3 ausgewählte aktuelle Positionen in der Debatte aufgezeigt, indem diver­se Kritiker/innen sowie Verfechter/innen der Politischen Korrektheit zu Wort kommen. Zuerst soll aber die Politische Korrektheit im Allgemeinen definiert und erklärt werden.

2 Politische Korrektheit

Der erste Teil dieses Kapitels soll allgemeine Informationen zur Politischen Korrektheit, ihrer Entstehung und der Begriffsgeschichte liefern. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage beantwortet, was PK leisten soll bzw. worin Befürworter/innen ihre Stärken sehen. Das Haupt­augenmerk im zweiten Teil dieses Kapitels liegt auf der kontroversen Diskussion, welche schon lange rund um das Thema geführt wird. Es werden aktuelle (Gegen-)Positionen dem erstrebten Ideal der Politischen Korrektheit entgegengehalten.

2.1 Was ist Politische Korrektheit und was soll sie leisten?

Unter dem Begriff Politische Korrektheit (PK) oder Political Correctness versteht man die Be­strebungen, durch einen veränderten Sprachgebrauch Diskriminierungen zu verhindern und Minderheiten zu schützen. Es geht ganz allgemein um eine „Sensibilisierung für rassistische, sexistische oder anderweitig diskriminierende Sprache" (WWW3). Besonders in den Bereichen der Ethnie, Krankheitsbezeichnungen sowie Geschlechterzugehörigkeit gibt es zahlreiche For­derungen und Bemühungen um einen sensibleren Sprachgebrauch. Michael Dippelreiter be­schreibt PK und ihr Ziel wie folgt:

Political Correctness ist ein Konstrukt, das aus Sprache Welt zu erschaffen sucht; sie zielt auf kollektive Reflexion und sensible Sprachverwendung ab. Somit wird sie Schlagwort im Kontext der insbesondere in Nordamerika, Australien und Europa und seit dem späteren 20. Jahrhundert vorhandenen gesellschaftlichen Tendenz, Interes­sen von Minderheiten stärker zu vertreten sowie Diskriminierung insbesondere im Sprachgebrauch zu vermeiden, die in der Vergangenheit akzeptiert oder schlicht uner­kannt waren. Mit der Aussage, dass etwas „politisch nicht korrekt" bzw. „politisch in­korrekt" sei, soll dementsprechend ausgedrückt werden, dass eine Norm verletzt wur­de, eine Äußerung (oder Handlung) allgemeinen moralischen Normen zuwiderhandelt oder gar ein Tabu gebrochen wurde. Die allgemeine Ausdrucksweise vernachlässigt durch abwertenden oder gedankenlosen Sprachgebrauch Menschen mit abweichen­den Merkmalen (beispielsweise Frauen) oder diskriminiert soziale Minderheiten (nach Abstammung, Herkunft, körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, sexueller Veranla­gung, religiösen Bekenntnissen, sozialer Stellung usw.). Dieses Gesellschaftsbild sollte über den Weg der Sprachnormierung korrigiert werden. (Dippelreiter 2015, S. 36)

Entwickelt hat sich die PK-Bewegung ab den 60er-Jahren an US-amerikanischen Universitäten, wo sich sowohl Professoren/ Professorinnen als auch Studierende für mehrToleranz, Offenheit und Vielfalt auf den Campussen und in den Hörsälen einsetzten. „Ihr Anliegen war es, über einen sprachlichen Wandel einen Bewusstseinswandel zu erreichen." (WWW4)

Die Bezeichnung Politische Korrektheit stammt jedoch nicht von den Vertretern/ Vertreterin­nen der Bewegung, sondern wurde als Reizwort von ihren Gegnern/ Gegnerinnen in die Welt gesetzt, (vgl. WWW3) Ursprünglich sollte sich der Begriff über das Phänomen lustig machen, es kritisieren. Doch mit der Zeit bürgerte sich der Terminus als gängige Bezeichnung ein.

Heute wird der Ausdruck PK nicht nur positiv für ein Prinzip des Zusammenlebens und als Mahnung gegen sprachliche Verfehlungen verwendet, sondern auch negativ als Kampfbegriff im Zusammenhang mit Zensur und Meinungsfreiheit. Politische Korrektheit ist somit zu einem beliebten Totschlagargument in öffentlichen sowie privaten Diskussionen geworden.

2.2 Politische Korrektheit: Sprache - Denken - Handeln Wie schon im Abschnitt 1.2 aufgezeigt wurde, haben verschiedene Wissenschaftler/innen - unter anderem Lera Boroditsky - gezeigt, dass Sprache und Denken unmittelbar Zusammen­hängen. Auch die PK-Befürworter/innen gehen davon aus, dass unsere Sprache ein Teil unserer Lebenswelt ist, sie spiegelt unsere Überzeugungen wider und ist auch ein Mittel, um beides - Lebenswelt und Überzeugungen - zu prägen bzw. zu verändern.

In diesem Sinne zielen die Bemühungen um Politische Korrektheit darauf ab, die Welt durch Sprache zu verändern bzw. die gesellschaftlichen Gegebenheiten durch Sprache zu verbessern. Veränderungen im Sprechen/ Schreiben sollen zu Bewusstseinsänderungen führen und sich auch auf das Verhalten auswirken, sodass es zu mehr Akzeptanz, Integration, Gleichheit - kurz: zu einer Annäherung zwischen verschiedenen Gruppen, einem Miteinander - kommt.

Gunther Hartwig versucht in seinem Essay „Politische Korrektheit und die Macht der Sprache" den schmalen Grat zwischen Sprache, Sprechen und Handeln aufzuzeigen:

Die Sprache selbst kann weder lügen noch abwerten, Worte sind als Rohmaterial der Kommunikation ambivalent. Erst durch den menschlichen Gebrauch werden sie aufge­laden zu „Sprechakten", also zu Handlungen, die in Form „verbaler Gewalt" nicht we­niger gravierende Folgen auf die psychische und die körperliche Verfassung von Perso­nen haben können als „Stalking" oderTätlichkeiten. (WWW5)

Auch für die Neurolinguistin Elisabeth Wehling steht fest, dass eine diskriminierende, gewalt­tätige Sprache die Hemmungen vor physischer Gewalt senkt:

Nicht zuletzt steht hinter dem sprachlichen Aspekt der politischen Korrektheit das Be­wusstsein darüber, dass Worte oft Handlungen bedingen - etwa wenn nach Hetze ge­gen Menschen auf der Flucht schließlich ein Flüchtlingsheim brennt oder wenn der sprachlichen Gewalt an Frauen die tatsächliche Gewalt an Frauen folgt. (WWW6)

Gerade im Zusammenhang mit Minderheiten lässt sich das Zusammenspiel von einer diskrimi­nierenden Wortwahl und darauffolgenden tätlichen Handlungen gegen die betroffene Gruppe im Laufe unserer Geschichte mehrfach aufzeigen.

Im Zusammenhang mit PK wird des Weiteren davon ausgegangen, dass Sprache bzw. eine be­stimmte Wortwahl zwei (manchmal voneinander unabhängige) Richtungen - eine Handlungs­richtung und eine Wirkungsrichtung - hat: Auf der einen Seite kann der gewählte Wortschatz des Sprechers/ der Sprecherin dazu dienen, jemanden zu diskriminieren (= Handlung). Auf der anderen Seite kann ein geäußerter Sprechakt auch beim Empfänger/ bei der Empfängerin als Diskriminierung interpretiert werden (= Wirkung).

Durch einen sensibleren, freundlicheren, respektvolleren, diskriminierungsfreien Wortschatz soll auf beiden Seiten etwas bewirkt werden. Den Sprechern/ Sprecherinnen wird eine neue Perspektive ermöglicht, welche in weiterer Folge (bestenfalls) zum Abbau von Vorurteilen, zu neuen Überzeugungen und einer Veränderung in ihrem Verhalten führen könnte. Auch auf der Seite der Empfänger/innen kann ein politisch korrekter Wortschatz Wirkung zeigen, und zwar in Form von einem neuen, gesteigerten Selbstbewusstsein, welches die eigene Lebenssituation dieses Individuums schon verbessern kann. Anatol Stefanowitsch erklärt dies anhand von poli­tisch inkorrekten Formulierungen:

Wenn ich diese Wörter benutze, werden diese Leute immer wieder daran erinnert, dass es strukturelle Gründe gibt, aus denen sie nicht diskriminierungsfrei leben. Und ich trage auch die Begründung für diese Diskriminierung, die diesen Gruppen entge­gengebracht wird, die ja nicht auf die Sprache begrenzt ist, ich trage die durch die Sprache immer weiter. (WWW7)

Diese Erklärung ließe sich auch auf den umgekehrten Fall anwenden: Wenn diskriminierte Gruppen immer wieder mit politisch korrekten Begriffen konfrontiert werden, könnten sie daraus ein neues Selbstbewusstsein schöpfen und die Diskriminierungsgründe könnten nach und nach in ihrem Selbstbild verblassen.

Auf der Seite der Sprecher/innen sieht Stefanowitsch derzeit das Problem, dass beispielsweise im Parlament immer öfter politisch inkorrekte Sprache geduldet bzw. sogar verwendet wird, was aus ihr eine Selbstverständlichkeit macht und dazu führt, dass sich bestimmte Leute auf einmal bestätigt fühlen in ihrem Denken und Sprechen. Aber auch Menschen, welche nieman­den diskriminieren (wollen), könnten sich nach und nach an derartige Formulierungen gewöh­nen und diese dann nicht mehr in Frage stellen. Stefanowitsch sieht hier folgendes Problem:

Selbst wenn wir noch widersprechen, kommt es uns nicht mehr ungeheuerlich vor, was da eigentlich gesagt wird, und das ist vielleicht sogar die größere Gefahr, dass eine Normalisierung des Ungeheuren hier eintritt durch dieses ständige Wiederholen und das ständige sanktionsfreie Wiedergeben dieser teilweise direkt an den Nationalsozia­lismus anschließenden Sprachmuster. (WWW7)

Auch in diesem Fall würde der Umkehrschluss bedeuten, dass sich der Mensch an diskriminie­rungsfreie Sprache gewöhnen und sie dadurch zu einer Selbstverständlichkeit werden könnte. Jüngere Generationen, welche mit politisch korrekten Formulierungen aufwachsen, werden somit viel weniger Widerstand gegen beispielsweise eine geschlechtergerechte Sprache ver­spüren, da diese für sie normal ist. Und auch in ihrem Denken könnte das gleichberechtigte Nennen von Männern und Frauen etwas bewirken, was sich eventuell sogar im Verhalten nie­derschlagen könnte.

Eine der bedeutendsten Feministinnen und Philosophinnen der Gegenwart, Judith Butler, er­klärt das Zusammenspiel von (Selbst-)Bewusstsein und Sprache wie folgt:

Um leben zu können oder gar gut leben zu können, um sich selbst auszudrücken oder Teil der Gesellschaft zu sein, braucht es eine gewisse Anerkennung. [...] Die Fähigkeit, anerkannt zu werden oder andere anerkennen zu können, hängt davon ab, ob es eine Sprache gibt, durch welche Anerkennung möglich ist. (WWW8)

2.3 (Gegen-)Positionen

Im Zusammenhang mit Politischer Korrektheit haben sich sofort nach der Entstehung dieser Bewegung zwei gegnerische Lager gebildet, welche sich seitdem bekämpfen. In der vorliegen­den Arbeit sollen aktuelle Positionen aus der Literatur gesammelt und nach Schwerpunkten geordnet wiedergegeben werden.

Im Lager der PK-Gegner/innen finden sich neben Experten/ Expertinnen aus verschiedenen Bereichen auch sehr prominente Persönlichkeiten, wie beispielsweise der umstrittene Autor Thilo Sarrazin sowie der Norwegen-AttentäterAnders Behring Breivik (vgl. Dippelreiter 2017, S. 35). Wichtig zu betonen ist in diesem Zusammenhang aber, dass die Kritik an Politischer Kor­rektheit zwar vielfach, jedoch nicht ausschließlich aus dem rechten politischen Lager kommt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Der Reizbegriff Politische Korrektheit und die Macht der "richtigen" Wortwahl
Hochschule
Pädagogische Hochschule Tirol in Innsbruck
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
29
Katalognummer
V493476
ISBN (eBook)
9783346004147
ISBN (Buch)
9783346004154
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Korrektheit
Arbeit zitieren
Mag. Sylvia Gasser (Autor), 2019, Der Reizbegriff Politische Korrektheit und die Macht der "richtigen" Wortwahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493476

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