Misogynie im Futurismus. Geschlecht als Identifikationskategorie


Bachelorarbeit, 2014
26 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie Marinetti

3. Biographie Valentine de Saint – Point

4. Charakteristika der Avantgarde

5. Futuristinnen

6. Zwischen Frauenfeindlichkeit und Feminismus

7. Die Verachtung des Weibes im Futurismus

8. Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus

9. Das Manifest des Futurismus und das Manifest der futuristischen Frau

10. Die Gebärfähigkeit des Mannes

11. Zusammenfassung

12. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit, welches im Rahmen des Seminars „ Die Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert“ gehalten wurde, gibt einen Überblicke über die Biographie und das Schaffen des Schriftstellers Filippo Tommaso Marinetti und der avantgardischen Künstlerin Valentine de Saint-Point. Im besonderen Fokus stehen ihre beiden Manifeste, die europaweit für Aufsehen gesorgt haben. In der vorliegenden Arbeit soll vor allem der Frage nachgegangen werden, welche allgemeinen Möglichkeiten für Frauen bestanden haben, sich in der futuristischen Avantgarde zu positionieren.

Zu Beginn der Arbeit wird ein kurzer Überblick über die wichtigsten Stationen Marinettis und Saint – Points Leben gegeben. Im Folgenden werden die Charakteristika der Avantgarde dargelegt, insbesondere des Futurismus und zwischen Frauenfeindlichkeit und Feminismus diskutiert. Außerdem werden vier Futuristinnen vorgestellt, und es werden Beispiele dafür aufgeführt wie sich Futuristinnen zur Verachtung des Weibes verhielten. Anschließend folgt eine Analyse des „ Manifeste de la Femme Futuriste“. Um die Analyse besser veranschaulichen zu können habe ich noch Marinettis Manifest des Futurismus beigefügt. Zum Schluss möchte ich noch auf die Stellung der Männer eingehen durch die den Artikel der Autorin Christine Kunze „ Die Gebärfähigkeit des Mannes“.

2. Biographie Marinetti

Filippo Tommaso Marinetti wurde am 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten geboren. Er war ein italienischer Schriftsteller, faschistischer Politiker und Begründer des Futurismus.1

Seine Jugend verbrachte er in Ägypten, wo er französisch erzogen wurde. Nach seiner Relegierung aus der örtlichen Jesuitenschule wegen religionskritischer Aktivitäten beendete er sein Gymnasialstudium in Paris.

Nach seinem Abitur studierte er Rechtwissenschaften in Pavia und Genua. Seine Schriftstellerischen Anfänge waren zunächst in Paris wo er seine Arbeiten in französischer Sprache schrieb. Ebenso war Redaktionssekretär der Pariser Zeitungen „ La Vogue“ und „ La Plume“ tätig.

Sein erstes, vom Symbolismus geprägtes Buch, La Conquête des Étoiles, erschien 1902. Es folgten „ Destruction “ (1904), „ La ville charnelle “ (1908) und das Theaterstück „Le Roi Bombance“. Diese frühen Arbeiten spiegeln vorwiegend die Aspekte Leere und Verlogenheit des großbürgerlichen Lebens des Fin de siècle wider.

Sein Leben war geprägt durch Symbolisten und Anarchisten. Vor allem beeinflussten ihn sein Freundeskreis wie Guillaume Apollinaire, Joris-Karl Huysmans, Stéphane Mallarmé und Paul Valéry. Mit ihnen teilte er neben der Verachtung für das als korrupt erachtete Bürgertum auch die Vorliebe für das Extravagante, die Gefahr und die Gewalt. Friedrich Nietzsches Übermensch aus „Also sprach Zarathustra“, der gegen die Vernunft und alle gesellschaftlichen Regeln seinen Willen gewaltsam durchsetzt, war mit den Helden im Sinne Marinettis weitgehend deckungsgleich. Durch französische Schriftsteller wie Gustave Kahn und Paul Adam wurde seine Begeisterung für das „moderne Leben“ entfacht und führte zur Gründung des Futurismus.

Das erste Manifest des Futurismus veröffentlichte Marinetti im Februar 1909 in der Pariser Zeitschrift „ La Figaro “, in dem er die Schönheit von Bewegung und Geschwindigkeit postulierte. Das veröffentlichte Manifeste hatte das Ziel, das statische Weltbild des 19. Jahrhunderts durch ein dynamisch-modernes zu ersetzen, in dem die Faszination der modernen Technik, insbesondere der modernen, schnellen Fortbewegung vorherrschten.

Marinetti experimentierte außerdem mit Wörtern, die von jeglicher Grammatik und Syntax befreit waren und beeinflusste somit die futuristischen Maler, die in ihren Bildern mit Wörtern arbeiteten. Am 2. Dezember 1944 starb Marinetti in Bellagio, Italien.

3. Biographie Valentine de Saint – Point

Valentine de Saint-Point, Urgroßnichte des Dichters Alphonse de Lamartine, ist Literatin, Malerin, Dramaturgin, Choreographin, und Journalistin und bekannt als erste Frau der Misogynen Bewegung des Futurismus.2

Am 16. Februar 1875 wird sie in Lyon geboren. Als Einzelkind wächst Saint-Point, dessen tatsächlicher Name Anna Jeanne Valentine Marianne Deglans de Cessiat-Vercell lautet, in Macon auf, wo sie, nach dem frühen Tod ihres Vaters, vornehmlich von ihrer Großmutter und ihrem Hauslehrer erzogen wird. Im Alter von 18 Jahren heiratet sie Florian Théophile Perrenot, der jedoch 1899 stirbt. Die junge Witwe lässt sich in Paris nieder, wo sie 1900 Charles Dumont, den späteren Minister der Dritten Republik, heiratet.

Valentine de Saint-Point wusste immer schon durch ihre emanzipierte, provokante Art in Paris aufzufallen. Sie organisiert 1902 ihren ersten „ Salon littéraire “, der es ihr ermöglicht mit politischen Persönlichkeiten und Künstlern des Symbolismus in Kontakt zu treten. Vor allem den französischen Bildhauer und Zeichner Auguste Rodin, der als Wegbereiter der Moderne gilt, achtet sie sehr. Zusammen haben sie ein „ projet de livre intime “.

1903 lernt sie Ricciotto Canudo, italienischer Schriftsteller und fortschrittlicher Filmtheoretiker, kennen. Saint-Point lässt sich von ihrem Ehemann scheiden, nimmt ihren Künstlernamen an und lebt in wilder Ehe mit Canudo, der sie in ihren literarischen Anfängen unterstützt. Das Paar verbindet ein großes Interesse am Symbolismus sowie das Streben nach einem universalen Konzept der Sprache.

1905 beginnt die Künstlerin mit der Veröffentlichung literarischer Abhandlungen in verschiedenen avantgardistischen Zeitschriften (u.a. in der Nouvelle Revue Française), die ihr die Möglichkeit bieten, ihr literarisches Können unter Beweis zu stellen. Saint-Point betätigt sich auf lyrischer Ebene, im Rahmen des Theaters „ Le Théâtre de la Femme “, sowie im malerischen und tänzerischen Künstlerfeld. Ihre Werke lösen empörende Kritik unter der Leserschaft und Presse aus.

Ihr europaweit Aufsehen erregendes „ Manifeste de la Femme Futuriste “, eine Antwort auf den Misogynen Inhalt des „ Manifesto del Futurismo “ von Filippo Tommaso Marinetti, verfasst sie in selbigem Jahr.

Nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Liebhabers Canudo lässt sie sich in Kairo nieder, engagierte sich vornehmlich politisch und versuchte durch die Gründung des „ centre déiste “ ihren Wunsch der Fusion von abendländischer und orientalistischer Kultur zu verwirklichen. Sie ergreift Partei für die islamische Welt, unterstützt den arabischen Nationalismus und verurteilte den europäischen.

Sie wird beschuldigt, gegen die Interessen Frankreichs zu handeln. Auch in Ägypten führt ihr politisches Engagement zu Konflikten, so dass ihr untersagt wird, sich weiterhin politisch zu engagieren. Ihre letzten Lebensjahren verbrachte sie in großer Armut und beschäftigte sich intensiv mit Religionen sowie Meditation. 1958 stirbt sie im Alter von 78 Jahren und wird nach islamischer Tradition unter dem Namen Rawhiya Nour-Er-Dine begraben.

4. Charakteristika der Avantgarde

Der italienische Futurismus ist die früheste avantgardistische Bewegung im 20. Jahrhundert. 1909 wurde sie von Filippo Tommaso Marinetti und seinen futuristischen Mitstreitern ins Leben gerufen.

Die avantgardische Bewegung ist eine Reaktion auf die Erfahrung, dass die Kunst unter den Bürgern wahren Charakter angenommen hat und dass die Antwort der Künstler hierauf, die Haltung der l’art pour l’art (Symbolismus), also der Autonomie der Kunst, in eine Ausweglosigkeit mündet.3

Paris galt damals als Zentrum der Avantgarden. In der französischen Hauptstadt wurde den jungen Männern deshalb mehr Aufmerksamkeit zu Teil als in ihrer eher konservativ geprägten Heimat. Den Umbruch allerdings wollten sie in Italien herbeiführen.

Die Dekadenz des Fin-de-siècle hatte Intellektuelle vorgebracht, die in einem Elfenbeinturm lebten – so der Vorwurf der Futuristen. Verträumte Poeten, die des Nachts durch die Einsamkeit der Natur streiften und ihren Träumen nachhingen, anstatt sich für einen künstlerisch-gesellschaftlichen Umsturz einzusetzen. Mit einer ungeheuren Wucht wollten die Futuristen einen radikalen Wechsel. Anstelle der Natur wandten sie sich dem schnellen, entgrenzten Leben der Großstadt zu.4

Auch die hierarchische Ordnung der Künste wurde in Frage gestellt. Professoren, Archäologen, Kuratoren und Antiquare solle es nicht mehr geben, denn die moderne Welt brauche keine Museen mehr. Die Avantgardisten reagieren auf die rasanten Veränderungen der sozialen und industriellen Umwelt. Technische Veränderungen sind für sie die Entwicklung neuer Kunst-Techniken.5

Die Bewegung ist gekennzeichnet durch die Verherrlichung des modernen Lebens und des zukünftigen, durch Antitraditionalismus, Postivierung der Maschine als Befreiungsinstrument, durch die Verachtung des Nachahmens, den Hass auf Vergangenes, der Hinwendung zur Gefahr und Gewalt sowie durch die Verherrlichung des Patriotismus und des Krieges.6 Um diese kulturelle Revolution herbeizuführen, galt den Futuristen der Krieg als probates und einziges Mittel. Deshalb zogen die jungen Männer begeistert in den Krieg und nahmen dabei schwere Opfer in Kauf. Interessanterweis wird die Verherrlichung des Krieges bereits im Gründungsmanifest in direktem Zusammenhang mit der Forderung nach der Verachtung der Frau genannt.

Die Misogynie in der ersten Phase der italienischen Avantgarde ist ein zentraler Punkt im futuristischen Programm. Um die eigene Aggressivität zu unterstreichen, gab sich die Bewegung betont frauenfeindlich: Alles angeblich Weibliche wurde vehement abgelehnt. Die Futuristen verachteten die zugeschriebene Gebrechlichkeit des „ schwachen Geschlechts “ und die damit einhergehende „ Sentimentalität “. Das Ziel, die Bourgeoisie mit seiner „ Verachtung der Frau “ zu schockieren, erreichte Marinetti. Doch erntete dieses reaktionäre Frauenbild auch Kritik aus den eigenen Reihen.

Die intellektuelle Elite Europas reagierte ablehnend auf die Provokation des futuristischen Dichters. Dennoch etablierte sich das Klischee der futuristischen Misogynie. Dass die Künstler sich – im Zuge ihres Versuches die Gesellschaft grundlegend zu modernisieren – auch für das Wahlrecht der Frauen, gleiches Gehalt in der Arbeitswelt und ein Recht auf Scheidung aussprachen, geriet darüber leider in Vergessenheit.

5. Futuristinnen

Futuristinnen waren in so gut wie jedem Bereich des Futurismus vertreten. Es gab unter ihnen Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Malerinnen, Herausgeberinnen, Tänzerinnen und sogar Köchinnen, die sich der futuristischen Küche widmeten.7

Enif Robert wurde 1886 in Prato geboren und war Schauspielerin und Schriftstellerin. Unter dem Nachnamen ihres Mannes veröffentlichte sie Artikel in der „ Italia Futurista“, in denen sie über die Rolle der Frau und über die Emanzipation schrieb. Ihre Artikel wurden 1918 in der zweiten Auflage von Marinettis Buch „ Come si seducono le donne“ gesammelt veröffentlicht. Sie starb 1974 in Bologna.

Marietta Angelini war Zimmermädchen im Hause Marinettis und durch ihre Literatur fand sie in Futuristenkreisen große Anerkennung. Durch die Ermutigung Marinettis und Cangiullos schrieb sie futuristische Gedichte, die u. a. in der futuristischen Zeitschrift „ Vela Latina “ veröffentlicht wurden.

Giannina Censi wurde 1913 geboren und studierte Tanz in Paris. 1930 trifft sie Marinetti und beeinflusst von Isadora Duncan experimentiert sie mit Tanz, um bald darauf den futuristischen Mythos der Maschine tänzerisch zu interpretieren. Ihre zu diesem Zweck verwendeten metallischen, badeanzugähnlichen Kostüme wurden von Enrico Prampolini kreiert. Sie interpretierte unter anderem auch zwei Stücke von Depero. 1935 war sie aus gesundheitlichen Gründen gezwungen mit dem Tanzen aufzuhören. Sie starb 1995.

[...]


1 Vgl.: moma

2 Vgl.: poemhunter

3 Vgl.: Wagner,

4 Vgl.: Bundeskusthalle

5 Vgl.: Mathy

6 Vgl.: Mathy: 89/92

7 Vgl.: Il futurismo e la donna, Il disprezzo della donna

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Misogynie im Futurismus. Geschlecht als Identifikationskategorie
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V493845
ISBN (eBook)
9783668996700
Sprache
Deutsch
Schlagworte
misogynie, futurismus, geschlecht, identifikationskategorie
Arbeit zitieren
Elisabeth Grasi (Autor), 2014, Misogynie im Futurismus. Geschlecht als Identifikationskategorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493845

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