Diese Arbeit befasst sich mit einer Textanalyse von Roland Schimmelpfennigs Werk "Alice im Wunderland".
In der vorliegenden Arbeit werden dabei zunächst postdramatische Kennzeichen zusammengetragen, um anschließend Schimmelpfennigs "Alice im Wunderland" auf die Verwendung solcher Elementen zu untersuchen. In Erweiterung dieser Fragestellung sollen allgemeine und wiederkehrende Charakteristika von Schimmelpfennigs Theatertexten erarbeitet werden, um Alice im Wunderland auch im Kontext seines Œuvres zu betrachten. Der Text bietet die besondere Chance, Merkmale und Prinzipien von Schimmelpfennig zu identifizieren, da Abänderungen der Vorlage direkt nachvollziehbar und auf ihre Intention und Wirkung hin untersuchbar sind.
Der Gegenwartsdramatiker Roland Schimmelpfennig wird von Tom Mustroph als "der Vielseitige" charakterisiert. Vielseitig, da neben atmosphärischen auch wie selbstverständlich magische Elemente auftauchen. Zudem handle es sich bei seinen Theatertexten nach Christine Laudahn nicht mehr um klassische Dramen. Darin liegen auch die Herausforderung für Literaturwissenschaftler: Roland Schimmelpfennigs Theatertexte lassen sich aufgrund ihrer Vielseitigkeit und ihrer individuellen Textgestaltung nur schwer mit den "normierten Dramenbegriffen". Aufgrund des ihm zugeschrieben Erfolges vom strebt die Forschung einerseits nach der Einordnung seiner Texte in die historische Dramenentwicklung und andererseits wird sein Œuvre auf individuelle Merkmale hin untersucht, um ihn im gegenwärtigen Diskurs verorten zu können.
Im Fokus steht insbesondere die Debatte, ob sich Schimmelpfennigs Werke als dramatisch oder als postdramatisch charakterisieren lassen. Da er überwiegend selbstständig Theaterstücke entwirft, ist es besonders auffällig, wenn ein Roman als direkte Vorlage dient: 2003 uraufgeführt, präsentierte Schimmelpfennig ein Stück, das gekennzeichnet durch den Titel, seine textliche Vorlage im gleichnamigen und weltbekannten Roman Alice im Wunderland (1865) von Lewis Carroll, alias Charles Dogson, fand.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überblick: Postdramatik und Roland Schimmelpfennigs Theatertexte
2.1. Merkmale des postdramatischen Theaters
2.2. Wiederkehrende Elemente in Roland Schimmelpfennigs Theatertexten
3. Textanalyse von Roland Schimmelpfennigs „Alice im Wunderland“
3.1. Im Kontext von postdramatischen Merkmalen
3.2. Im Kontext seines dramatischen Œuvres
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Theaterstück „Alice im Wunderland“ von Roland Schimmelpfennig im Hinblick auf seine Zuordnung zum postdramatischen Theater und analysiert dabei, wie sich das Werk in das dramatische Œuvre des Autors einfügt.
- Analyse der Merkmale des postdramatischen Theaters nach Hans-Thies Lehmann.
- Untersuchung wiederkehrender stilistischer Elemente in Schimmelpfennigs Texten.
- Analyse der Identitätssuche von Alice durch spezifische Mittel wie Musik und Liedeinlagen.
- Vergleich der dramaturgischen Gestaltung mit der literarischen Vorlage von Lewis Carroll.
- Diskussion der ästhetischen Mittel zur Erzeugung von Unbestimmtheit und Surrealität.
Auszug aus dem Buch
3. Textanalyse von Roland Schimmelpfennigs „Alice im Wunderland“
Roland Schimmelpfennigs bezieht sich mit seinem Theatertext Alice im Wunderland (2003) nicht ausschließlich auf den gleichnamigen Roman, sondern auch auf den nachfolgenden Roman von Lewis Carroll Alice hinter den Spiegeln (1872). Das erste Lied in Schimmelpfennigs Text ist mehrsprachig - Deutsch, Englisch und Französisch (vgl. S. 510-513) was zusätzlich eine Referenz auf die englische Originalfassung und andere Übersetzungen beinhaltet. Des Weiteren kann unter anderem durch die Figurennamen von Diedeldum und Diedeldei eine Beeinflussung durch die Romanverfilmung von Disney (1951) angenommen werden.
Das Konglomerat insbesondere der beiden verschiedenen Romangeschichten wird bereits in der Auflistung der Personen deutlich: Besonders Nebenfiguren aus Carrolls Alice im Wunderland vernachlässigt Schimmelpfennig, dazu gehören die Maus, die Eidechse Egon, der Hund, die Taube im Baum, der Lakai mit Fischgesicht, der Frosch, das Kind der Herzogin, die drei Gärtner und weiteres Personal der Königin, die Falsche Suppenschildkröte und den Greif. Stattdessen erfindet Schimmelpfennig die kleinen Nebenrollen von Alices Mutter und Vater und baut die Figuren Diedeldum, Diedeldei und Humpty Dumpty aus Carrolls Alice hinter den Spiegeln in seine Version von Alice im Wunderland mit ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Rezeption von Roland Schimmelpfennigs Werk ein und stellt das Forschungsinteresse an der Einordnung seines Stils zwischen Drama und Postdramatik dar.
2. Überblick: Postdramatik und Roland Schimmelpfennigs Theatertexte: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen des postdramatischen Theaters nach Lehmann und identifiziert wiederkehrende formale Aspekte in Schimmelpfennigs Dramatik.
3. Textanalyse von Roland Schimmelpfennigs „Alice im Wunderland“: Der Hauptteil analysiert das Stück konkret hinsichtlich seiner dramaturgischen Struktur, der Identitätssuche der Protagonistin und der Integration von Musik und Nonsense.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet, inwiefern die Zuweisung zum postdramatischen Theater für dieses spezifische Stück argumentativ haltbar ist.
Schlüsselwörter
Postdramatik, Roland Schimmelpfennig, Alice im Wunderland, Theateranalyse, Identitätssuche, Nonsense, Dramaturgie, Figurengestaltung, Musiktheater, Postmoderne, Lewis Carroll, Bühneninszenierung, Epik, Sprachverwendung, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Roland Schimmelpfennigs Theaterstück „Alice im Wunderland“ und prüft dessen Verortung innerhalb der postdramatischen Theaterströmung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Abkehr von linearen Handlungen, die Bedeutung von Nonsense-Strukturen, der Einsatz von Liedern und Musik sowie die Darstellung der Identitätssuche der Figur Alice.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Schimmelpfennigs Umgang mit seiner literarischen Vorlage zu untersuchen und zu klären, wie er postdramatische Merkmale in seine spezifische Handschrift integriert.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine textanalytische Methodik, die den Theatertext unter Rückgriff auf die theoretischen Kategorien von Hans-Thies Lehmann und die Sekundärliteratur zu Schimmelpfennig systematisch untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Überblick über postdramatische Merkmale und eine detaillierte textimmanente Analyse, die insbesondere auf Regieanweisungen, Liedtexte und die Figurenanordnung fokussiert.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind postdramatisches Theater, Identität, Intertextualität, Schimmelpfennigs Theaterpoetik und strukturelle Fragmentierung.
Wie geht Schimmelpfennig mit den literarischen Vorlagen von Lewis Carroll um?
Er kombiniert Motive aus zwei verschiedenen Romanen von Carroll, verdichtet diese und unterbricht die vertraute Geschichte durch moderne, teils surreale theatrale Mittel.
Welche Rolle spielen die Lieder im analysierten Theatertext?
Die Lieder fungieren nicht nur als Unterbrechung, sondern bilden eine eigenständige strukturelle Ebene, die die Identitätssuche von Alice musikalisch unterstreicht und das Stück in die Nähe eines Musicals rückt.
Warum wird das Stück als „postdramatisch“ diskutiert?
Aufgrund seiner fragmentarischen Struktur, der Absage an eine lineare Handlungslogik und der Verwendung von Mitteln, die die Bedeutung des Textes zugunsten der Bühnenästhetik dekonstruieren.
- Quote paper
- K. Vell (Author), 2018, Roland Schimmelpfennigs "Alice im Wunderland". Postdramatisches Theater oder Wiedererkennung durch eine eigene Handschrift?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493907