Forensische Linguistik. Analyse des Drohbriefs an das Stadtparlament Neu-Isenburg


Hausarbeit, 2019
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Forensische Linguistik

2. Analyse des Drohbriefs an das Stadtparlament Neu-Isenburg
2.1. Typografie
2.2. Orthografie und Interpunktion
2.3. Morphologie und Morphosyntax
2.3.1. Konjugation und Transitivität
2.3.2. Kongruenz von Nomen, Artikeln und Adjektiven
2.3.3. Pronomina und Attribute
2.3.4. Kongruenz
2.4. Syntax
2.5. Lexik und Semantik
2.6. Register, Stil, Genre

3. Schlussbetrachtung

4. Anhang
4.1. Quellenverzeichnis
4.2. Literaturverzeichnis
4.3. Anhang 1: Analysebeispiel, Original
4.4. Anhang 2: Analysebeispiel, Transkript
4.5. Anhang 3: Liste der Verben, morphologische Analyse
4.6. Anhang 4: Liste der Nomen mit Artikeln und Adjektiven, morphologische Analyse
4.7. Anhang 5: Liste der Pronomina, morphologische Analyse
4.8. Anhang 6: Transkript mit Markierung und Satzstruktur nach Satzgliedfunktion
4.9. Anhang 7: Liste der Verben mit Adverbien
4.10. Anhang 8: Satzstruktur, grafisch – Haupt- und Nebensätze mit Satzarten
4.11. Anhang 9: Bezugsworte und Attribute, Attribution

1. Einleitung: Forensische Linguistik

Die forensische Linguistik ist eine „Verbindung des Sprachlichen mit seinen rechtlichen Implikationen“ (Fobbe 2011: 15) und gehört in den Bereich der Angewandten Linguistik in der Sprachwissenschaft (vgl. Thormann 2018: 1). Dabei beschäftigt sich die forensische Linguistik mit der Rechtssprache im Allgemeinen sowie mit pragmalinguistischen und interpretativen Aspekten sprachlicher Interaktionen im Rechtskontext und in deren Auswirkungen. Grundlage einer sprachlichen Analyse ist dabei ein strittiger und juristisch relevanter Gegenstand. Teildisziplinen sind dabei die Untersuchungen von Verhalten und Kommunikation im Gerichtssaal, Verständlichkeitsforschung, die Beurteilung von Sprachkompetenzen, das Dolmetschen und die Autorenerkennung bzw. -bestimmung (vgl. Fobbe 2011: 16-18). Äußerungsbedeutung, Wortbedeutung, Ähnlichkeit und Markenrecht, Beleidigungen, Warnhinweise auf Produkten sowie Autorenschaftsnachweise und -analysen sind die Arbeitsfelder und Tätigkeitsbereiche der forensischen Linguistik. Der Analysegegenstand wird hinsichtlich des Verfassers und des Rezipienten, der Textsorte, des Stils, der Fehler und des Inhalts untersucht. Den Erkenntnissen dieser Untersuchungen wird in gerichtlichen Verfahren eine große Relevanz beigemessen. Eine Analyse im Kontext der Autorenerkennung ist dann notwendig, wenn es sich bei dem Text um eine „anonyme[r] Bedrohung, Verleumdung, üble[r] Nachrede, Erpressung, Cyberkriminalität, mutmaßlich gefälschte[n] Urkunden, Testamente[n] etc.“ (Thormann 2018: 2) handelt. Im Vordergrund einer solchen Analyse steht das Erkennen von individuellen sprachlichen Merkmalen und Ausdrucksweisen, einem individuellen Stil oder einem Idiolekt des Autors, welcher unerkannt bleiben will und sich womöglich sogar verstellt (vgl. Thormann 2018: 2-4). Die Merkmale werden anhand der Untersuchung von Typographie, Orthografie, Interpunktion, Morphologie, Morphosyntax, Syntax, Lexik, Semantik und der Analyse des benutzten Stils oder Genres ausgearbeitet und nach Wahrscheinlichkeiten bewertet (vgl. Thormann 2018: 9); danach kann eine Aussage getroffen werden, wie wahrscheinlich ein bestimmter Text von einer bestimmten Person verfasst wurde. Jedoch ist dabei ein authentischer und zeitnah verfasster Text bzw. sind bestenfalls mehrere Texte derselben Textsorte nötig, um einen adäquaten Vergleich zu ermöglichen. Textinterne und -externe Merkmale spielen bei der textsortenbedingten Unterscheidung zwischen Texten eines Autors ebenfalls eine Rolle (vgl. Thormann 2018: 9). Bei der hier vorliegenden Textsorte Erpresserbrief sind besonders die kontextuellen Merkmale, d.h. der situative und soziale Kontext, die Erwartungen und Konsequenzen, der Funktionstypus (in diesem Fall eine Drohung mit konkreter Forderung) und die Textthematik, das thematische Muster des Briefes sowie die Themenhierarchie zu beachten (vgl. Fobbe 2011: 73)

2. Analyse des Drohbriefs an das Stadtparlament Neu-Isenburg

Der Drohbrief fordert die sofortige Unterlassung der Unterstützung von Muslimen in Neu-Isenburg; bei Nichtbeachtung sollen Muslime und Kommunalpolitiker erschossen werden. Das Schreiben wurde dem Bürgermeister Neu-Isenburgs, Herbert Hunkel, und mit demselben Wortlaut auch dem Bürgermeister von Dreieich, Dieter Zimmer, im März 2016 zugeschickt. Die Gruppe „Refugees welcome – Neu-Isenburg“ veröffentlichte in Absprache mit dem Bürgermeister den Drohbrief auf Facebook. Zeitgleich wurden beide Briefe der Polizei übergeben. Von beiden Bürgermeistern wurde Anzeige erstattet; der Staatsschutz übernahm daraufhin die Ermittlungen. Die Polizei stufte den Brief als ungefährlich ein; von ihm ginge keine akute Gefahr aus (vgl. IslamiQ: Morddrohungen wegen Einsatz für Muslime). Der Autor des Briefes strukturiert dessen Hauptteil wie folgt: Zunächst nennt er die Adressaten seines Schreibens und die Forderung (Satz 1 und 2)1 ; danach werden die vorherrschenden „Missstände“, die für den Adressaten relevant sind, aufgezählt (Satz 3-6) und abschließend werden die Konsequenzen formuliert (Satz 7-13) und der Wahnhinweis wiederholt (Satz 14).

2.1. Typographie

Der Brief ist in der Schriftart „New Times Roman“ verfasst. Der Text steht zwischen einer Überschrift (dem Signalwort „Achtung“) und einem fett geschriebenen Abschlusssatz (Satz 14), welcher ebenfalls mit „Achtung“ beginnt. Die Überschrift und der Abschlusssatz (Satz 14) sind im Gegensatz zum linksbündigen Mittelteil auf der Seite zentriert ausgerichtet und durch einen Absatz vom Haupttext (Satz 1-13) getrennt. Die Überschrift „Achtung“ ist fett und in Großbuchstaben mit jeweils einer Leerstelle zwischen jedem Buchstaben geschrieben. Sie ist vermutlich in Schriftgröße 48 der Schrift „New Times Roman“ verfasst. Zwischen der Überschrift und dem Mittelteil (Satz 1-13) sind ungefähr zwei Leerzeilen Abstand. Der folgende erste Satz ist ebenfalls durch einen Absatz von dem übrigen Fließtext (Satz 2-13) getrennt. Der Fließtext ist vermutlich in Schriftgröße 16 und der Abschlusssatz (Satz 14) fett in Schriftgröße 24 der Schrift „New Times Roman“ gehalten. Der Abschlusssatz ist durch eine größere Leerstelle (ungefähr drei bis vier Leerzeilen) vom Fließtext getrennt. Eine Silbentrennung ist beim Verfassen des Textes nicht eingeschaltet und nicht manuell getätigt. Der Verfasser verwendet lediglich für die Christlich Demokratische Union (CDU) und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) die gängigen Abkürzungen und für die Parteien Bündnis 90/Die Grünen und die Linke oder die linksgerichteten Parteien die üblichen Kurzformen „die Grünen“ und „die Linken“ (Satz 1). Es wird keine Grußformel oder Datumsangabe verwendet; auch eine Umrandung oder Einrückung des Textes ist nicht zu finden. Der sich oberhalb des Brieftextes abzeichnende Stempel und der handschriftliche Vermerk stammen von der polizeilichen Aufnahme des Erpresserbriefes.

2.2. Orthografie und Interpunktion

Die Überschrift „Achtung“ weist keine Interpunktion auf - desgleichen der Abschlusssatz (Satz 14), obwohl dort das Signalwort Achtung vom Rest des Satzes getrennt sein müsste. Dies könnte durch einen Punkt oder ein Ausrufezeichen erfolgen – „dies“ müsste in diesem Fall (Satzanfang) großgeschrieben werden. Außerdem müsste der Satz mit einem Punkt am Ende des Aussagesatzes „dies ist eine Warnung“ (Satz 14) beendet werden. Der Verfasser verwendet in dem Brief lediglich Punkte (Markierung des Satzendes) und Kommata (in Aufzählungen und zur Trennung von Haupt- und Nebensätzen); andere Satzzeichen werden nicht verwendet. In Satz 1 erfolgt eine Aufzählung der Adressaten im Stadtparlament „CDU, SPD, die Grünen und die Linken“ welche durch zwei Kommata und eine nebenordnende Konjunktion getrennt sind. Der Satz wird wie alle folgenden Sätze des Fließtextes (Satz 1-13) mit Großschreibung begonnen und mit einem Punkt beendet. Im folgenden Satz werden Haupt- und Nebensatz nicht durch ein Komma getrennt; das Personalpronomen euch ist - abweichend von der Norm der deutschen Rechtschreibung - zu Beginn des Nebensatzes groß geschrieben (Satz 2). Auch im dritten Satz werden die prädikativ verwendeten Adjektive aggressiv und böse groß geschrieben, statt klein. Das scheiß- in „scheiß Religion“ kann laut Duden (Duden online: scheiß-) nur als Präfix fungieren, nicht - wie in diesem Fall (Satz 3) - als Adjektiv. Im vierten Satz wird das Adjektiv deutschen ebenfalls groß geschriebenen. Außerdem wird der zweite Hauptsatz „wir haben die Schnauze voll“ nicht von dem folgenden Nebensatz durch ein Komma getrennt. In der nachstehenden Aufzählung „ anfeinden, *defarmieren und beleidigen “ findet sich aber wieder die Trennung durch Komma und Konjunktion (Satz 4). Im anschließenden Satz wird zunächst der Hauptsatz „Wir haben es auch satt“ nicht vom ersten Nebensatz und dieser nicht vom zweiten Nebensatz durch ein Komma getrennt und die Konjunktion dass nicht mit Doppel-s geschrieben; dasselbe ist zwischen dem konzessiven Nebensatz „obwohl wir alle wissen“ und dem abschließenden Nebensatz zu finden. Vom vorangegangenem Satz erfolgt allerdings eine Trennung vor der Konjunktion obwohl (Satz 5). Im Satz 6 werden keine Satzzeichen (außer dem abschließenden Punkt) benötigt oder verwendet – dasselbe gilt für die Sätze 7 und 8. Ähnlichkeiten in Satzstruktur und Wortlaut mit dem zweiten Satz sind in Satz 9 zu finden. Auch hier wird der Hauptsatz „Hört auf damit“ nicht vom folgenden Nebensatz durch ein Komma getrennt, das euch ist hier jedoch klein geschrieben. Der Nebensatz ist normgemäß vor dem Adverb andernfalls durch ein Komma vom folgenden Hauptsatz getrennt (Satz 9). In Satz 10 werden die beiden Hauptsätze nicht durch ein Komma voneinander getrennt, außerdem fehlt das Hilfsverb ist bei der Perfektbildung von vergehen (3. Person, Singular, Perfekt, Indikativ, Aktiv)2. Im folgenden Satz wird der vorangestellte Nebensatz nicht von dem Hauptsatz durch ein Komma vor der Konjunktion so getrennt; überdies wird das Verb weitermachen in werden weitermachen (1. Person, Plural, Futur I, Indikativ, Aktiv) regelwidrig getrennt geschrieben (Satz 11). In Satz 12 wird der Infinitiv islamisieren (Passivform mit sich lassen) normwidrig großgeschrieben (Satz 12). Der vorletzte Satz wird mit einem Punkt beendet. Der Verfasser verwendet die neue deutsche Rechtschreibung: Schluss (alte Rechtschreibung: Schluß). Auffällig ist, dass der Verfasser an geeigneten Stellen die Möglichkeit der Betonung seiner Sätze durch ein Ausrufezeichen auslässt. Dies wäre bei den kurzen Sätzen 7, 8, 12, 13 und dem Abschlusssatz erwartbar. Hervorhebung einzelner Wörter scheint der Autor durch die Großschreibung des Anfangsbuchstabens bewirken zu wollen – so werden die den Muslimen zugeschriebenen Attribute „Aggressiv und Böse“ (Satz 3), die Landeszugehörigkeit der „Deutschen Konfessionen“ (Satz 4) und die gefürchtete Bedrohung, das „Islamisieren“ (Satz 12) fälschlicherweise großgeschrieben. Dass der Autor dergestalt reflektiert arbeitet, dass er „Deutsche Konfessionen“ bewusst großschreibt, um eine Etablierung des mehrteiligen Eigennamens zu erwirken, ist m.E. im Hinblick auf die Gesamtheit des schriftlichen Könnens nicht anzunehmen. Das Verb diffamieren „*defarmieren“ scheint dem Verfasser klanglich, aber nicht schriftlich bekannt (Kompetenzfehler) zu sein; immerhin ähnelt die Schreibweise der Aussprache (Satz 4). Außerdem dürften Kenntnisse von korrekter Kommasetzung nur rudimentär vorhanden sein – Kommata werden in Aufzählungen (Satz 1 und 4) gesetzt, aber nicht zwischen Haupt- und Nebensätzen (Satz 4 und 11). Lediglich in Satz 9 wird ein Komma an der richtigen Stelle (zur Trennung von Nebensatz und folgendem Hauptsatz) gesetzt; allerdings ist dies auch das einzige Mal, dass auf einen Nebensatz ein Hauptsatz folgt. Dieser Umbruch wird durch die wenn-dann-Satzaussage hervorgehoben und ist deshalb besonders auffällig. Wegen der nicht normentsprechenden Verwendung von Kommata kann von einem Kompetenzfehler ausgegangen werden.

Der letzte Satz scheint dem Verfasser besonders wichtig zu sein; deshalb hat er ihn hervorgehoben und nicht mit einem Punkt beendet.

2.3. Morphologie und Morphosyntax

2.3.1. Konjugation und Transitivität (siehe Anhang 3)

Der Verfasser verwendet überwiegend Verben im Präsens, Indikativ, Aktiv mit unterschiedlicher Valenz. Formen des Verbs sein werden neunmal als Kopulaverben mit prädikativem Nomen oder Adjektiv und damit besonders häufig verwendet. Insgesamt gebraucht der Schreiber elf Kopulaverben, die zwei übrigen mit den Verben machen und haben. Die Forderung Hört auf formuliert der Verfasser zweimal in fast identischem Wortlaut - vermutlich, um die Dringlichkeit seiner Forderung zu betonen (Satz 2 und 9). Der Verfasser gebraucht insgesamt 25 konjugierte Verben - ungefähr zwei pro Satz (1, 7), davon 21 im Präsens, zwei im Präteritum und eins im Perfekt. Der Indikativ wird ebenfalls bevorzugt (20 Mal insgesamt); daneben wird zweimal der Imperativ bei der Forderung (Satz 2 und 9) und zweimal der Konjunktiv II (Satz 3 und 5) benutzt. In Satz 5 sollte jedoch eher sei (3. Pers., Sg., Präsens, Konjunktiv I, Aktiv) statt wäre (3. Pers., Sg., Präteritum, Konjunktiv II, Aktiv) verwendet werden, um innerhalb des Satzes in der gleichen Zeitform zu bleiben; das beachtet der Verfasser nicht. Das Passiv umschreibt der Verfasser dreimal mit den Passiv-Ersatzformen lassen + Infinitiv (mit zu) (Satz 4 und 12) und bekommen + Partizip II (Satz 5), anstatt die Passivformen angefeindet, diffamiert und beleidigt zu werden (Partizip II + werden, Vorgangspassiv), islamisiert werden (Partizip II + werden, Vorgangspassiv) für Satz 4 und (es) wird (uns) gesagt (werden + Partizip II) für Satz 5 zu verwenden. Daraus lässt sich ableiten, dass der Verfasser mit der Bildung des Passivs wenig vertraut ist und deshalb die Ersatzformen und die aktive Schreibweise bevorzugt.

2.3.2. Kongruenz von Nomen, Artikeln und Adjektiven (siehe Anhang 4)

Im Brief sind insgesamt 38 Nomen zu finden; davon stehen 23 im Singular und 17 im Plural. Ein Eigenname „Neu-Isenburg“ wird in Satz 2 verwendet. Der Verfasser schreibt bevorzugt Nomen in Begleitung bestimmter Artikel (13-mal) oder verwendet keinen Artikel (12-mal). An dritter Stelle stehen die Possessivartikel mit vier und die unbestimmten Artikel, Demonstrativartikel und Indefinitartikel mit drei Verwendungen. Der Autor verwendet nur fünf attributive Adjektive; alle weisen eine schwache Flexion auf. Der Autor präferiert außerdem den Nominativ (17-mal) und den Akkusativ (12-mal) bei der Wahl des Kasus; danach stehen der Dativ (7-mal) und der Genitiv (3-mal). Adjektive und Artikel sind in jedem Satz (ausgenommen Satz 4) kongruent. In Satz 4 ist das Nomen Konfessionen (Akkusativ, Pl., Femininum) nicht mit dem begleitenden schwachen Adjektiv kongruent, da dieses im Nominativ, Pl., Femininum) benutzt wurde und nicht im Akkusativ [kongruent wäre: deutscher (Akkusativ, Pl., Femininum]; allerdings kann man in diesem Einzelfall von einem Performanzfehler ausgehen. Bei der Betrachtung der verwendeten Artikel sind keine Auffälligkeiten erkennbar – Artikel werden nicht besonders selten oder häufig verwendet und auch die Kasusnutzung weist keine eindeutigen Tendenzen auf. Lediglich der vierte Satz (wie zuvor erläutert) und Satz 1 stechen aus dem Gesamtbild hervor. In Satz 1 wäre vor der Abkürzung SPD ebenfalls ein bestimmter Artikel (wie bereits vor CDU und weiter auch vor Grünen und Linken) zu benutzen, fehlt aber; das Vergessen des Artikels ist auch hier mangelndem Sprachgefühl zuzuschreiben.

2.3.3. Pronomina und Attribute (siehe Anhang 5)

Der Schreiber verwendet im Brief insgesamt 22 Pronomina - 18 Personalpronomen und jeweils zwei Demonstrativ- und Indefinitpronomen. Alle Pronomen sind mit den jeweiligen Bezugswörtern oder zugehörigen Verben kongruent oder entsprechen der vom Verb geforderten Konjugation. Besonders auffällig ist die Verwendung des Personalpronomens wir: dieses wird im gesamten Text 11-mal benutzt, davon 6-mal am Satzanfang. 3-mal werden flektierte Personalpronomen (uns/unsere/unser) gebraucht. Der häufige Gebrauch dieser Wörter soll suggerieren, dass eine breite Masse hinter den Forderungen steht. Jedoch wirkt diese starke Betonung einer Kollektivhandlung insbesondere durch das sechsfache Nennen am Satzanfang sehr gezwungen und bewusst platziert. Es scheint daher wahrscheinlich, dass eine eher kleine Gruppe oder sogar eine Einzelperson die Existenz eines Kollektivs vermitteln möchte, um Angst vor vielen Menschen und stärkeren Druck auf Behörden und Politiker zu erzeugen. Die Betonung der „Gruppe“ (Satz 4) und das Indefinitpronomen „alle“ (Satz 5) sollen ebenfalls ein Kollektiv vermuten lassen. „Wir alle“ könnte außerdem nicht nur die Angehörigen der „Gruppe Christen“ implizieren, sondern auch auf die Gesamtheit der Menschen hindeuten, die (so der Autor) weiß, dass der Islam schlecht ist, aber nichts dagegen tut, wie es in Satz 6 weiter heißt.

2.3.4. Kongruenz (siehe Anhang 6)

Subjekt und Prädikat sind in jedem Fall kongruent – in Satz 2 und 9 ist das Subjekt aufgrund der Verwendung des Imperativs dem Prädikat inhärent. Bei der Verwendung von Präpositionen hält der Verfasser die Standards der deutschen Rechtschreibung ein und realisiert beim Bezugswort (siehe Anhang 6: Kongruenz von Präposition und Bezugswort) immer den geforderten Kasus. Auch bei der Nutzung von Konjunktionen und Partikeln sind weder Auffälligkeiten noch offensichtliche Tendenzen erkennbar; der Autor verwendet insgesamt neun Konjunktionen, davon 4-mal die beiordnende Konjunktion und und 3-mal die beiordnende Konjunktion dass, einmal so und einmal die unterordnende Konjunktion obwohl. Eine Häufung der Konjunktion dass ist in Satz 5 zu finden. Außerdem verwendet der Verfasser insgesamt zwölf Adverbien (siehe Anhang 7: Liste der Verben mit Adverbien), anhand derer eine deutliche Tendenz zur Nutzung von Modaladverbien (8-mal) zu erkennen ist. Alle Adverbien sind mit dem Bezugsverb kongruent.

2.4. Syntax

Der Drohbrief an das Stadtparlament Neu-Isenburg besteht aus 14 Sätzen und einer Überschrift. Insgesamt umfasst der Brief 183 Wörter. Er weist eine durchschnittliche Satzlänge von 13 Wörtern pro Satz auf und liegt damit deutlich über der Obergrenze der optimalen Verständlichkeit (laut dpa) von neun Wörtern pro Satz; auch nach anderen Theoretikern bewegt er sich im oberen Bereich des Satzlängenrankings. Die längsten Sätze sind die Sätze 5 mit 29 Wörtern (laut dpa die Obergrenze des „Erlaubten“) und 4 mit 21 Wörtern, laut dpa über der Obergrenze der erwünschten Länge von 20 Wörtern. Die Sätze 7 mit 4 Wörtern und 8, 12 und 14 mit 5 Wörtern sind die kürzesten Sätze im Text. Dabei verwendet der Verfasser überwiegend einfache Satzkonstruktionen: 5-mal handelt es sich um einen reinen Hauptsatz, 4-mal um eine Aneinanderreihung zweier Hauptsätze, welche parataktisch angeordnet sind, und 2-mal um eine Hauptsatz-Nebensatz-Struktur, in der der Nebensatz dem Hauptsatz untergeordnet ist (Hypotaxe) (siehe Anhang 8: Satzstruktur, grafisch – Haupt- und Nebensätze mit Satzarten). Lediglich die Sätz3 4 und 9 bestehen aus zwei Hauptsätzen und einem Nebensatz; in Satz 4 sind die beiden Hauptsätze parataktisch und der Nebensatz (nachgestellt) hypotaktisch angeordnet, in Satz 5 sind die Hauptsätze ebenfalls parataktisch, aber mit einem eingeschobenen, hypotaktischen Nebensatz realisiert. Satz 5 weist das komplexeste Satzgefüge aus einem Hauptsatz und drei dem Hauptsatz und jeweils dem vorangestellten untergeordneten Nebensätzen auf. Der Verfasser bevorzugt bei der Wahl der Nebensätze besonders Objektsätze. Die überdurchschnittliche Satzlänge ist auf die übermäßige Verwendung von Ergänzungen und Objekten zurückzuführen – in 8 der 14 Sätze finden sich insgesamt 13 Ergänzungen, in 12 Sätzen insgesamt 32 Objekte. Davon sind die Mehrzahl Akkusativobjekte (13-mal). Der Verfasser bevorzugt Subjekterststellung; innerhalb der 14 Sätze steht das Subjekt 9-mal an erster Stelle (Satzbeginn) und in Satz 3 an erster Stelle im zweiten Hauptsatz (siehe Anhang 6: Transkript mit Markierung und Satzstruktur nach Satzgliedfunktion). 2-mal steht ein Imperativ am Satzanfang; in Satz 7 ist es ein Objekt, in Satz 11 ein Prädikat und in Satz 14 ein Signalwort. Die in Satz 11 gebrauchte Formulierung hebt sich durch die Verbstellung hervor, könnte allerdings eher abgeschrieben sein und nicht zur regulären Schriftsprache des Autors gehören. Insgesamt werden 19 Subjekte verwendet, von denen 13 direkt vor dem Verb stehen. Verbklammern sind in den Sätzen 2, 3, 9, 11 und 12 zu finden. Satz 10 enthielte ebenfalls eine Verbklammer, wenn das ist der Perfektform von vergehen geschrieben worden wäre; dass dies nicht der Fall ist, ist vermutlich eher einem Performanzfehler zuzurechnen. Alle verwendeten Verben sind transitiv und beide Valenzstellen werden realisiert (siehe Anhang 3: Liste der Verben, morphologische Analyse). Der Autor bevorzugt im Fall der 10 verwendeten Attribute die Rechtsattribution, wie man anhand der Darstellung in Anhang 9 (siehe Anhang 9: Bezugsworte und Attribute, Attribution) erkennen kann. Dabei verwendet er vor allem Präpositionalgruppen (5-mal) und Substativgruppen (3-mal) – Inhaltssatz und Infinitivgruppe verwendet er nur jeweils einmal. Hier ist zu bemerken, dass der Autor in Satz 4 das Bezugswort davon nicht realisiert, obwohl dies in der Schriftsprache zu erwarten wäre.

2.5. Lexik und Semantik

Der Verfasser verwendet keine besonders auffälligen Fachbegriffe, die einem bestimmten Lebensbereich zugeordnet werden können. Die Worte Achtung (Überschrift und Satz 14), „Dies ist eine Warnung“ (Satz 1 und 14), „Hört auf damit euch so stark für Muslime einzusetzen/zu engagieren“ (Satz 2 und 9) und Erschießungen (Satz 9 und 11) werden im Text wiederholt, da Signalwörter wie Achtung und Warnung zunächst auf die Aufmerksamkeit des Rezipienten abzielen. Die Forderung und die Konsequenz werden ebenfalls zur Betonung und zur Erzeugung von Angst bei der Adressatengruppe wiederholt. Im ersten Satz werden jedoch nicht alle Parteien im Stadtparlament von 2016 angesprochen; der Umgang der AfD, der FDP und der FWG mit und die Haltung gegenüber Muslimen scheinen für den Verfasser vertretbar zu sein (vgl. Wikipedia: Neu-Isenburg, Stadtverordnetenversammlung). In Satz zwei verwendet der Autor das am weitesten verbreitete und nicht abschätzige Wort für Angehörige des islamischen Glaubens (vgl. Christen und Muslime: Heißt es richtig „Moslems" oder „Muslime"?). Die folgende Formulierung „ der Löwenanteil “ (Satz 3) wirkt hochgestochen und wird häufig im wirtschaftlichen Kontext verwendet; falls diese Formulierung zum Standardwortschatz des Autors gehört, könnte er in einem Wirtschaftsberuf oder Ähnlichem tätig sein. In Satz 4 meint der Verfasser mit den beiden „ Deutschen Konfessionen“ vermutlich den Protestantismus und den Katholizismus; demnach erkennt er die anderen Ausprägungen des Christentums in Deutschland (Orthodoxe, Neuapostolische Kirche ...) nicht als Teil der deutschen Kultur an (vgl. Wikipedia: Religionen in Deutschland). Im gleichen Satz verwendet der Verfasser drei semantisch fast identische Verben, um so das Ausmaß der Belastung durch die besagte Gruppe darzustellen bzw. hervorzuheben (vgl. Synonyme.de: Beleidigung). Es scheint in der islamfeindlichen Szene üblich zu sein, den Islam mit Dreck gleichzusetzen (Satz 5), wie es z.B. auch der Nutzer „Techmodrome“ in einem anonymen Forum tut; es lässt sich vermuten, dass der Verfasser entsprechende Artikel und Beiträge liest, in denen diese Formulierung verwendet und seine Meinung widergespiegelt wird (vgl. Techmodrome: Wo Islam, da Problem!). Mit Satz 6 könnte der Autor auf das 2015 beschlossene Schulprogramm der Goetheschule Neu-Isenburg mit der Neueinführung des Unterrichtsprojekts „Dem Islam begegnen“ in den Jahrgängen 6 und 7 anspielen. Es beinhaltet u.a. Besuche von Moscheen und soll zu Urteilsfindung, religionskundlicher Bildung und Reflexionsbefähigung (vgl. Schulprogramm der Goetheschule Neu-Isenburg) beitragen. Auch das Islamkundeprojekt der Aueschule in Neu-Isenburg und 26 weiterer Schulen, das im Jahr 2014 ins Leben gerufen wurde und immer noch auf großes Interesse stößt (vgl. Hartmann, Andreas: Großes Interesse an Islamkunde), könnte gemeint sein. Dies und die explizite Erwähnung der Kinder in Satz 6 könnten darauf hindeuten, dass der Verfasser selbst Kinder hat oder sich Kindern verbunden fühlt. Der Artikel die sowie die Formulierung „in diesem Land“ in Satz 10 könnten zu der Vermutung Anlass geben, dass der Autor selbst kein gebürtiger Deutscher ist, aber schon sehr lange in Deutschland lebt. Die Verwendung der Wörter Erschießungen (Satz 9 und 11) und „ bewaffnet“ (Satz 8) wirkt, als wolle der Verfasser besondere Angst vor der Verwendung von Waffen machen; dabei wirkt die dreimalige Erwähnung von Schusswaffen (Satz 8, 9, 11) übertrieben. Aus Satz 13 geht hervor, dass der Verfasser sich vom Islam und dessen Anhängern bedroht fühlt und sich deshalb verteidigen muss; daraus könnte man ableiten, dass der Autor eventuell auf unschöne Weise mit einem Muslim oder einer muslimischen Gemeinde in Kontakt gekommen ist. In Neu-Isenburg gibt es viele Migranten, aber auch eine große Toleranz und keine besonderen Probleme im Umgang mit der muslimischen Gemeinde, so Wolfgang Günter Lerch, Buchautor und Islamwissenschaftler und wohnhaft in Neu-Isenburg, gegenüber der Frankfurter Zeitung (vgl. Frankfurter neue Presse: MITTWOCHSINTERVIEW – Pegida ist auf dem falschen Dampfer). „Etwa 1 700 Türken leben in Neu-Isenburg, der Moscheeverein zählt aktuell 104 Mitglieder, wobei meist nur ein Mitglied pro Familie verzeichnet ist“. In Neu-Isenburg kann man somit von einer großen muslimischen Bevölkerungsgruppe sprechen (Op-online.de: Türkisch-Islamische Gemeinde zieht Bilanz: „Besser vernetzt als vorher“), die sich in Form zweier islamischen Gemeinden und einer Moschee ins Stadtbild einfügen (Stadt Neu-Isenburg: Kirchen und Religionsgemeinschaften). In den lokalen Medien und Stellungnahmen sind keine negativen Vorkommnisse in Verbindung mit dem Islam oder Muslimen veröffentlicht worden, wie W.G. Lerch bestätigte.

[...]


1 Diese und weitere Satzangeben beziehen sich auf die Angaben in 4.4. Anhang 2: Analysebeispiel, Transkript

2 Weiterhin abgekürzt mit: Pers. = Person, Sg.= Singular / Pl. = Plural

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Details

Titel
Forensische Linguistik. Analyse des Drohbriefs an das Stadtparlament Neu-Isenburg
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Germanistik)
Veranstaltung
Forensische Linguistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
37
Katalognummer
V493926
ISBN (eBook)
9783668997110
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forensische Linguistik, Drohbrief, Drohbriefanalyse, Textanalyse, Linguistik, Forensische Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Mara Kesting (Autor), 2019, Forensische Linguistik. Analyse des Drohbriefs an das Stadtparlament Neu-Isenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493926

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