Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der noch immer vorherrschenden Konkurrenzsituation von Geschlecht als sozialer Konstruktion und dem biologische identifizierbaren Geschlecht im Rahmen von (Biologie)-Unterricht an Schulen.
Im aktuellen Diskurs um Geschlecht spielt die biologische Determinierung von Geschlechtern und damit verflochten das Argument der Natürlichkeit von Geschlecht vor allem bei Gendergegnern eine große Rolle. Die Idee des Geschlechts als soziale Konstruktion wird als "unwissenschaftlich" diffamiert und ihr wird das angeblich eindeutig biologisch identifizierbare natürliche Geschlecht entgegengesetzt. Da auch Schule als Sozialisierungsraum nicht unabhängig von Geschlecht betrachtet werden kann und die Lehrperson aktiv an den vermittelten Geschlechtervorstellungen der Schülerinnen und Schüler mitwirkt, bietet sich hier gerade der Biologieunterricht an, um das Konkurrenzverhältnis der beiden Auffassungen aufzuzeigen und durch die Thematisierung des Geschlechts als soziale Konstruktion bestehende Vorstellungen einer binären heteronormativen Ordnung aufzubrechen.
Im Weiteren wird zunächst die strukturelle Situation analysiert, welche die Unterrichtsinhalte im Fach Biologie maßgeblich bestimmt. Daraufhin soll die Notwendigkeit aufgezeigt werden, jene Themen in der Schule zu behandeln. Es folgen Ansätze, dieses Vorhaben tatsächlich umzusetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturelle Situation
2.1 Genderaspekte in Kerncurricula und Lehrplänen
2.2 Gendernormen in Lehrbüchern
2.3 Genderveranstaltungen in der Lehramtsausbildung
3. Sinnhaftigkeit einer Thematisierung
3.1 Aufbrechen normativer Strukturen und Abbau von Vorurteilen
3.2 Das bio-logische Geschlecht ist ungenügend
3.3 Das Thema betrifft und interessiert die Schüler_innen
4. Umsetzungsansätze
4.1 Unterschiedliche Bestimmungsmöglichkeiten von Geschlecht
4.2 Geschlechterwandel im Tierreich
4.3 Aufzeigen kultureller Unterschiede
4.4 Umsetzung in der Lehrer_innenbildung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Umsetzbarkeit eines gendersensiblen Biologieunterrichts. Dabei wird analysiert, inwiefern bestehende Curricula, Lehrmaterialien und die Lehrerausbildung geschlechtliche Vielfalt berücksichtigen und welche Möglichkeiten bestehen, normative Zweigeschlechtlichkeit im Unterricht kritisch zu reflektieren und aufzubrechen.
- Strukturelle Verankerung von Genderaspekten in Lehrplänen und Schulbüchern
- Kritische Analyse der biologischen Determination von Geschlecht
- Didaktische Ansätze zur Thematisierung sozialer Konstruktion von Geschlecht
- Einbindung von Beispielen aus der Biologie zur Förderung von Akzeptanz und Vielfalt
Auszug aus dem Buch
3.2 Das bio-logische Geschlecht ist ungenügend
Das Geschlecht im Biologieunterricht wird meist verstanden als naturhafte, konstante und dichotome Kategorie: Es wird davon ausgegangen, dass Geschlecht biologisch eindeutig festgelegt ist (naturhaft), sich im Laufe eines Lebens nicht verändert (konstant) und die Menschen entweder Frauen oder Männer sind (dichotom). Historische und kulturelle Vergleiche zeigen jedoch, dass eine Bandbreite an unterschiedlichen Kategorisierungen von Geschlecht existiert und Geschlecht verschiedene Bedeutungen besitzt.
Jene Vergleiche zeigen die Wandelbarkeit des Geschlechterbegriffes auf und lassen die klaren Kategorisierungen des bio-logischen Geschlechts verschwimmen. Untersucht man genannte Kategorisierungen näher, so stellen sich sowohl die Alltagstauglichkeit wie auch die Praktikabilität einer solchen Zuordnung schnell als sehr gering heraus. Definieren wir demgemäß beispielsweise den Begriff „Frau“ als einen Menschen, der Vagina, Brüste, Eierstöcke und Gebärmutter besitzt, so stoßen wir schnell an Grenzen. Das Unterfangen, einen Menschen diesem Schema entsprechen als Frau zu identifizieren, scheitert im Alltag schon daran, dass wir nur selten mit nackten Körpern konfrontiert werden und selbst wenn uns dieser vorliegt, wir nicht ohne medizinische Apparaturen alle Merkmale abarbeiten können.
Doch nicht nur die Nichttrivialität dieses Erkennungsschemas markiert das bio-logische Geschlecht als ungenügend. Während dieses im Biologieunterricht meist binär ausgestaltet ist, ist das tatsächliche Geschlecht des Menschen weitaus komplexer und lässt sich nicht in ein „Entweder-oder“ aufspalten. Denn Geschlecht ist nicht einfach existent, sondern wird viel mehr alltäglich durch den diskurssprachlichen Bedeutungskontext ständig neu konstruiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der biologischen Determinierung von Geschlecht ein und skizziert das Ziel, den Biologieunterricht als Ort der kritischen Reflexion über soziale Geschlechterkonstruktionen zu etablieren.
2. Strukturelle Situation: Dieses Kapitel analysiert die aktuellen Rahmenbedingungen in Curricula, Lehrbüchern und der Lehramtsausbildung, wobei ein Mangel an verpflichtenden Gendersensibilisierungen festgestellt wird.
3. Sinnhaftigkeit einer Thematisierung: Es wird argumentiert, warum die Thematisierung von Gender notwendig ist, um normative Vorurteile abzubauen, das biologische Geschlechterverständnis zu hinterfragen und die Interessen der Schüler_innen aufzugreifen.
4. Umsetzungsansätze: Hier werden konkrete didaktische Strategien vorgestellt, wie z.B. das Aufzeigen biologischer Vielfalt im Tierreich oder die Kontextualisierung von Geschlecht, um den Unterricht gendersensibel zu gestalten.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz struktureller Defizite ein dringender Bedarf für einen gendersensiblen Biologieunterricht besteht, der durch explizite Thematisierung und Lehrerbildung realisiert werden kann.
Schlüsselwörter
Gender, Biologieunterricht, soziale Konstruktion, Geschlechterrollen, Heteronormativität, Lehrplan, Intersexualität, Transsexualität, Biologische Determination, Gendersensibilität, Lehrer_innenbildung, Sexualität, Geschlechtervorurteile, Biologische Vielfalt, Identitätsfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Sinnhaftigkeit und der praktischen Umsetzung eines gendersensiblen Biologieunterrichts an Schulen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Analyse von Lehrplänen und Schulbüchern, die Problematisierung der biologischen Geschlechterbinarität sowie Ansätze zur Förderung geschlechtlicher Akzeptanz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Biologielehrkräfte durch fachlich fundierte Thematisierung bestehende normative Geschlechterstrukturen aufbrechen und Freiräume für Schüler_innen schaffen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine strukturierte Analyse der bestehenden curricularen Rahmenvorgaben und Lehrmaterialien sowie eine Auswertung einschlägiger Fachliteratur zur Geschlechterforschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestandsaufnahme der strukturellen Situation, die Begründung der Sinnhaftigkeit einer Genderthematisierung und die Vorstellung konkreter unterrichtlicher Umsetzungsansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Gendersensibilität, soziale Konstruktion von Geschlecht, Heteronormativität und die kritische Hinterfragung biologischer Dichotomien.
Warum wird der Biologieunterricht als besonders geeignet angesehen?
Der Biologieunterricht ist prädestiniert dafür, da er das Fach ist, in dem „Geschlecht“ primär als biologisch determiniert vermittelt wird, was eine direkte kritische Auseinandersetzung mit diesen Vorstellungen ermöglicht.
Welche Rolle spielt das Tierreich in den Umsetzungsansätzen?
Beispiele aus dem Tierreich (z.B. Geschlechterwechsel bei Fischen oder gleichgeschlechtliches Verhalten bei Vögeln) dienen als Exempel, um die biologische Komplexität jenseits der menschlichen Binarität aufzuzeigen.
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- Leon Pezzica (Author), 2018, Gender in Schule und Unterricht. Sinnhaftigkeit und Umsetzung eines gendersensiblen (Biologie-)Unterrichts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493937