Wie gelingt strukturierte Kommunikation während der Pflegeübergabe eines Hospizes? Erfolgsfaktoren und Erfolgsbedingunen


Bachelorarbeit, 2018

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemdarstellung

3. Stand der Forschung
3.1 Methodik der Datenerhebung und Datenauswertung
3.2 Grundlagen der Kommunikation und Gesprächsführung
3.2.1 Was ist Kommunikation?
3.2.2 Bedeutung und Inhalte der Pflegeübergabe in einem Hospiz
3.2.3 Die Bedeutung kommunikativer Kompetenz im hospizlichen Setting bezogen auf die Pflegeübergabe
3.3 Rahmenbedingungen und gesetzliche Grundlagen für die Pflegeübergabe
3.4 Vorstellung der Praxisprojektarbeit: „Evaluation der Dienstübergabe am Beispiel der Hospiz Nordheide gGmbH“
3.4.1 Kurzdarstellung und Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Welche Faktoren können den Kommunikationserfolg im Allgemeinen und bezogen auf die Pflegeübergabesituation im Hospiz positiv oder negativ beeinflussen?
4.1 Mögliche Störfaktoren bei der Pflegeübergabe
4.2 Schwierigkeiten oder Hindernisse in der Kommunikation zwischen den Pflegekräften
4.3 Voraussetzungen und Hilfen für eine „gelungene“ Kommunikation

5. Kommunikationshilfen – Kommunikationstools
5.1 Grundsätzliches für eine wirksame Informationsweitergabe
5.2 Das SBAR-Konzept – Vorstellung und Stand der Forschung
5.3 Mögliche Struktur der Pflegeübergaben im Hospiz mit SBAR als Tool zur fokussierten Kommunikation
5.4 Modellvorstellung des Übergabeablaufes im Hospiz in Anlehnung an das SBAR-Konzept
5.4.1 SBAR-Anwendungsbeispiel für die Pflegeübergabe in einem Hospiz

6. Zusammenfassung, Diskussion und Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis
8.1 Tabellenverzeichnis

9. Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abb. – Abbildung

AltPflG – Gesetz über die Berufe in der Altenpflege

DGAI – Deutsche Gesellschaft für Anästhesie- und Intensivmedizin

DGP – Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin

e.V. – eingetragener Verein

et al. – et alii

etc . – et cetera

Gast – Bewohner/Patient im Hospiz Nordheide gGmbH

Hg. – Herausgeber

HOPE – Hospiz- und Palliativerfassung

KrPflG – Gesetz über die Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege

JC – Joint commission; veraltet: JCAHO:

JCAHO – Joint commission of Health Care Accreditation (USA)

PFK – Pflegefachkraft

SBAR – Akronym aus S (Situation), B (Background), A (Assessment), R (Recommendation), ein Kommunikationsmodell

SG B – Sozialgesetzbuch StGB - Strafgesetzbuch Tab. – Tabelle

WHO – World Health Organisation

1. Einleitung

Ohne „sie“ läuft gar nichts! Ohne „sie“ ist keine Verständigung unter sozialen Wesen möglich. Wie selbstverständlich nutzen wir „sie“ täglich in unserem Leben und Alltag. Oft unbemerkt in zwischenmenschlichen Kontakten oder Situationen, weil „sie“ so selbstverständlich zu unserem Leben und Sozialverhalten dazugehört. Mit „ihr“ verständigen wir uns und bauen soziale Netz- werke auf.

Die Kommunikation – eine verbale und nonverbale Austauschmöglichkeit unter Individuen o- der ein Miteinander, welches einen entscheidenden existentiellen Bestandteil unserer mensch- lichen Sozialkultur ausmacht und darstellt. Die Fähigkeit zu kommunizieren bildet die Basis sozialer Interaktion. Die Kompetenz kommunizieren zu können, bildet eine Grundlage für in- dividuelle Lebensbewältigung und Lebensgestaltung. Folglich ist alles Verhalten in einer zwi- schenmenschlichen Begegnung oder Situation als Kommunikation zu verstehen. Kommunika- tives Handeln ist somit von hoher Komplexität gekennzeichnet und wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt. Es nimmt in allen sozialen Berufen eine immer wichtigere Position ein. Zu den Schlüsselqualifikationen in pflegerischen Berufen zählt die kommunikative Kompetenz (vgl. Hoburg 2017, S. 8ff). Die Pflege von Menschen ist stets in einen kommunikativen Rahmen eingebettet. Die kommunikativen Fähigkeiten einer Pflegefachkraft bestimmen maßgeblich die Pflegequalität und damit das Wohlbefinden eines Patienten. Eine gelungene Kommunikation hat sowohl Auswirkungen auf die Genesung, Gesundheitsförderung und Zufriedenheit der Pa- tienten als auch auf die Berufszufriedenheit der Pflegenden (vgl. Darmann 2000). Kommuni- kation und Wertschätzung der betreuten Patienten und der Pflegefachkräfte untereinander sind aus dem Pflegealltag nicht mehr wegzudenken. Auch in den täglich mehrmals stattfindenden Pflegeübergaben spielt die Thematik Kommunikation eine sehr große Rolle. Im hospizlichen Setting ist Kommunikation über und mit dem Patienten sowie innerhalb des multiprofessionel- len Teams von zentraler Bedeutung. Insbesondere bei der mehrmals täglich stattfindenden Dienstübergabe spielt Kommunikation innerhalb des Pflegeteams eine wichtige Rolle. Durch unprofessionelle oder unstrukturierte Kommunikation kommt es unweigerlich zu Verständi- gungsschwierigkeiten und mangelndem Informationsfluss zwischen den Übergabebeteiligten. Es entstehen Missverständnisse und die Qualität vermindert sich.

Diese Bachelorarbeit geht der Frage nach, wie eine strukturierte Kommunikation für den Ablauf der Dienstübergabe in einem Hospiz erreicht werden könnte. In einem Hospiz bildet die Pfle- geübergabe Raum für den Austausch im multiprofessionellen Team über die Wünsche und Be- dürfnisse der Patienten und ihrer Angehörigen. Ein Ziel in der täglichen Betreuung und Versorgung schwerkranker Menschen ist, auf ihre individuellen Wünsche und Bedürfnisse ein- zugehen und ihnen in der Sterbephase unter guter Symptomkontrolle und umfassender Beglei- tung eine möglichst hohe Lebensqualität zu ermöglichen (vgl. Deutsche Gesellschaft für Palli- ativmedizin: Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland, 2010).

Diese Fragestellung oder Problematik ist aus der Bearbeitung des im vorangegangenen Semes- ters durchgeführten Praxisprojektes entstanden, welches die Übergabesituation im Hospiz eva- luiert hat und versucht im Rahmen von Qualitätszirkeln und qualitativer Mitarbeiterbefragung unter Berücksichtigung eines vorhandenen Qualitätsstandards ein Konzept zu entwickeln, um die Übergabesituation zu optimieren. Hierdurch soll vermieden werden, dass im Laufe des Pfle- gealltages patientenbezogene und organisatorische Informationen verloren gehen oder nur un- zureichend weitergegeben werden. Ziel ist es die Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern und möglichst für alle Mitglieder des multiprofessionellen Teams eines Hospizes eine übersichtliche Übergabestruktur durch ein beispielhaftes Konzept zu schaffen, welches prob- lemlos und zügig von allen an der Pflegeübergabe beteiligten Personen erlernt und angewendet werden kann.

Die Grundlage der Konzeptentwicklung bildet die Struktur des SBAR-Konzeptes, welches von Trentham et al. (2010) am 2nd Edition Toronto Rehabilitation Institute in Toronto/Kanada als ein Modell für den interprofessionellen Austausch entwickelt wurde, um Schnittstellenproble- matiken in Krankenhausübergaben, beispielsweise bei Stationswechseln oder nach Operationen zu minimieren und möglichst eine lückenlose Informationsweitergabe zu gewährleisten und damit eine optimale Weiterversorgung in unterschiedlichen Behandlungssettings des/der Pati- enten zu erreichen. Die Kernaussagen des SBAR-Konzeptes sollen an die inhaltliche Struktur der Pflegeübergabe in einem Hospiz angepasst werden und einen klar ersichtlichen Ablauf die- ser gewährleisten.

In dieser Arbeit erfolgt zunächst in Kapitel 2 eine Problemdarstellung mit Herausarbeitung der Forschungsfrage.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Stand der Forschung. Zunächst geht es auf die allgemeinen Grundlagen von Kommunikation ein. Es wird definiert, was Kommunikation ausmacht und der Bezug zu notwendigen kommunikativen Kompetenzen für das hospizliche Setting hergestellt. Inhalt und Bedeutung der Pflegeübergabe werden auf der Basis der verwendeten Literatur de- finiert. Es wird die Methodik und Vorgehensweise der Datenerhebung beschrieben und anhand dessen wird nachfolgend der aktuelle Forschungsstand dargestellt. Danach wird erörtert, wie sich Theorie und Praxis miteinander verhalten. Anschließend werden die aus dem im vorange- gangenen Semester durchgeführten Praxisprojekt gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse vorgestellt.

Kapitel 4 beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten und Hindernissen, welche die Kommunika- tion im multiprofessionellen Team eines Hospizes beeinflussen können und gibt Empfehlungen für eine gelungene Kommunikation unter optimalen Rahmenbedingungen.

Im Rahmen des im Vorwege durchgeführten Praxisprojektes wurde herausgefunden, dass im Laufe eines Arbeitstages während der Pflegeübergaben im Hospiz immer wieder für den opti- malen Arbeitsablauf notwendige patientenbezogene und organisatorische Informationen aus unterschiedlichsten Gründen verloren gehen und somit auch eine Menge Zeit, welche für eine Begleitung der Gäste und ihrer An- und Zugehörigen sinnvoller genutzt werden könnte. Dies gilt auch für die Zeit, welche aufgewendet werden muss, um diese Fehler zu beheben. Es er- folgte eine Analyse der möglichen Ursachen. In Anlehnung an die aus dem vorangegangenen Praxisprojekt „Evaluation der Dienstübergabe am Beispiel der Hospiz Nordheide gGmbH“ ge- wonnenen Ergebnisse aus den dort durchgeführten Qualitätszirkeln und der qualitativen Mitar- beiterbefragung mittels eines teilstandardisierten Fragebogens soll in dieser Bachelorarbeit ein Konzept für die Durchführung der Pflegeübergabe in einem Hospiz entwickelt und dargestellt werden. Ein Ziel wäre, im Rahmen des Qualitätsmanagements durch die Konzeptionierung eine Verbesserung der Übergabequalität und der Teamzufriedenheit zu erreichen.

Die Grundlage dafür bildet das SBAR-Konzept als Tool zur fokussierten Kommunikation, wel- ches in Kapitel 5 vorgestellt und evaluiert wird. Es soll strukturell und inhaltlich an die in der hospizlichen Pflegeübergabe notwendigen weiterzugebenden Informationen angepasst werden und die Form der Übergabe optimieren.

Abschließend erfolgt in Kapitel 6 eine Zusammenfassung und Diskussion der hier bearbeiteten Thematik.

Der Genderaspekt wird in dieser Arbeit insofern berücksichtigt, dass für die verwendeten Be- griffe „Pflegefachkraft“, „Patient“, „An- und Zugehörige“, „Mitarbeiter“ und „Gast“ vorausge- setzt wird, dass die hiermit gemeinte Person sowohl weiblichen als auch männlichen Ge- schlechts sein kann, ohne dass die Geschlechtsform weiter ausgeführt wird, da dies für die Grundlagen, Forschungsfrage, Ziele oder Problemstellungen in diesem Fall keine Konsequen- zen hat.

2. Problemdarstellung

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, hat sich die Thematik dieser Bachelorarbeit aus dem im sechsten Hochschulsemester durchgeführte Praxisprojekt „Evaluation der Dienstübergabe am Beispiel der Hospiz Nordheide gGmbH“ entwickelt. Der Anlass zu dem Praxisprojekt ergab sich aus der täglichen Arbeit im Hospiz. Auffällig war hier, dass im letzten Jahr vor dem Start des Projektes im September 2017 viele organisatorische und patientenbezogene Informationen im Laufe der täglichen Dienstübergaben von einer Schicht zur nächsten verloren gingen oder einfach aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter gegeben wurden. Hierdurch entstand oft ein zusätzlicher zeitlicher Arbeitsaufwand für die Mitarbeiter der übernehmenden Schicht oder Unmut seitens der Patienten, Angehörigen oder Mitarbeiter, da beispielsweise Dinge wieder- holt abgefragt wurden oder Telefonate mit gleichem Inhalt geführt werden mussten, um Infor- mationsdefizite auszugleichen. Diese Zeit geht dann in der Betreuung und Versorgung der Pa- tienten und ihrer An- und Zugehörigen verloren.

Die im Rahmen dieses Projektes durch Mitarbeiterbefragungen, teilnehmende Beobachtung und Qualitätszirkel gewonnenen Erkenntnisse, beziehungsweise Ergebnisse ließen beobachten, dass es notwendig sein könnte, den Fokus auf eine strukturierte Kommunikation während der täglichen Pflegeübergabe zu legen. Aus der erfolgten Mitarbeiterbefragung ging hervor, dass alle an der Übergabe beteiligten Personen aus dem multiprofessionellen Team des Hospizes großen Wert auf eine strukturierte, wertschätzende Kommunikation untereinander und über die Patienten und ihre An- und Zugehörigen legen. Dies wird jedoch nicht immer von allen Über- gabebeteiligten verbindlich ein- oder durchgehalten. Dadurch gehen regelmäßig organisatori- sche oder/und wichtige patientenbezogene Informationen im Tagesablauf verloren oder müssen erneut evaluiert werden. Daher soll hier der Frage nachgegangen werden, wie dieser Informa- tionsverlust so gering wie möglich gehalten werden kann und welche Kommunikationshilfen oder Konzepte die Mitarbeiter in der Strukturierung ihrer jeweiligen patientenbezogenen Pfle- geübergabe unterstützen können.

Wie kann die Pflegeübergabe strukturiert und inhaltlich gestaltet werden, damit sowohl die Be- dürfnisse der Patienten und ihrer An- und Zugehörigen sowie die der Teammitglieder befriedigt werden können?

Da Dienstübergabe zu den zeitintensivsten Routinetätigkeiten in der Pflege zählen, sollte das Ziel sein, eine die Patienten-, Mitarbeiter- und Angehörigenzufriedenheit zu steigern, sowie einen möglichst lückenlosen Informationsfluss zu erreichen, um Nachfragen zu vermeiden und die dadurch gewonnene Zeit sinnvoll in der Versorgung der Patienten und ihrer Angehörigen nutzen zu können. Die hospizliche Pflegeübergabe soll zukünftig strukturiert, ressourcenscho- nend und patientenorientiert gestaltet werden (vgl. Blanck & Zittlau 2017, S. V). Gleichzeitig könnte damit eine allgemeine Qualitätsverbesserung des Pflegealltags einhergehen.

3. Stand der Forschung

3.1 Methodik der Datenerhebung und Datenauswertung

Die Datenerhebung zu dieser Arbeit berücksichtigt drei verschiedene Bereiche, welche mit dem Thema unmittelbar verbunden sind. Zum einen wurde Literatur zu den Begriffen „Kommuni- kation“ und „Dienst- beziehungsweise Pflegeübergabe“ und nach möglichen Verknüpfungen von beiden Substantiven gesucht, zum anderen nach Forschungen oder Studien, welche sich mit dem Prinzip und der Anwendung des SBAR-Konzeptes beschäftigen oder auseinanderset- zen, welches im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu einer möglichen Strukturierung der Pflege- übergabe im Hospiz vorgestellt und genutzt werden soll.

Im Rahmen der im Vorwege durchgeführten Literaturrecherche wurde deutlich, dass es nur wenig deutschsprachige Literatur zum Thema „Kommunikation in der Dienst- oder Pflegeüber- gabe“ gibt. Es scheint in der Ausbildung oder Fort- und Weiterbildung von Pflegefachkräften eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dies ist umso erstaunlicher, da die Übergabesituation mehrmals täglich einen festen Bestandteil des Pflegeprozesses darstellt und mit einem oft hohen zeitlichen Aufwand einher geht (vgl. Lauterbach 2008, S. 10). Dennoch gerät das Thema „Über- gabe“ in regelmäßigen Abständen immer wieder in den Fokus einiger Autoren, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung und Fragestellungen.

Da in dieser Arbeit wie bereits oben erwähnt, ein weiterer Fokus auf eine gute Übergabestruktur gelegt werden soll, wurde ebenfalls zum Begriff des „SBAR-Konzeptes“ und seiner Ursprünge und Inhalte recherchiert.

Auf der Basis der in der Problemdarstellung beschriebenem Fragestellung fand zunächst eine Literaturrecherche statt. Um pflegerelevante und möglichst evidenzbasierte Literatur zu suchen, wurden die Datenbanken Cochrane, Medline (Pubmed) sowie deutschsprachige Datenbanken beispielsweise Google Scholar hinzugezogen. Ebenso wurde in der Teilbibliothek für Gesund- heit und Soziales der Hochschule Hannover recherchiert.

Die Tabelle 1 zeigt die verwendeten Suchbegriffe für die Datenbanken in deutscher und engli- scher Sprache.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Suchstichworte für die Literaturrecherche in Datenbanken

Nach einer quantitativen Inhaltsanalyse der Abstracts der gefundenen Texte erfolgte zunächst eine Vorauswahl über die letztlich verwendete Literatur. Es wurden Texte ausgewählt, deren Inhalt die Thematik „Übergabe“ und „SBAR-Konzept“ ausführlicher beschreiben und untersu- chen. Speziell für das Setting „Hospiz“ gibt es diesbezüglich keine Literatur in Form von Stu- dien oder Berichten.

Auffällig war in der Recherche, dass Veröffentlichungen zum Thema „Übergabe“ vor 1970 sich eher mit dem Thema „Schweigepflicht“ beschäftigen, als direkt etwas zur Übergabesitua- tion auszusagen, sodass dieses Material nicht in der abschließenden Textauswahl berücksichtigt wurde. Beiträge bis Anfang der achtziger Jahre haben eher die Delegation ärztlicher Tätigkeiten im Fokus. Erst ab Ende der achtziger Jahre, Anfang der neunziger beginnt die wirkliche Aus- einandersetzung mit dem Begriff und der Bedeutung der Übergabe für und in der Pflege (vgl. Fuhrmann/Trill/Witzenberger 1987 und Juchli 1991). Sie beschäftigen sich mit der Qualität der Übergabe vorwiegend im Bereich des Krankenhauses beziehungsweise im Rahmen der Pflege- ausbildung. Inhalte sowie Störungen in dem Ablauf und der Organisation einer Übergabe wer- den thematisiert und diskutiert. Mit der anfang der neunziger Jahre beginnenden Professionali- sierung und Akademisierung der Pflege nehmen auch die Beiträge zur Thematik „Übergabe“ zu, da dieses auch ein Spektrum zur Qualitätsverbesserung und -sicherung in der Pflege bietet (vgl. Walther 1997). Ab dem Jahr 2000 gibt es regelmäßiger deutsch- oder englischsprachige Literatur zum Thema „Übergabe“. In der Regel ist dieses dann in unterschiedliche Themenbe- reiche eingebettet, beispielsweise im Rahmen der Berufsausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege oder in der Altenpflege, im Rahmen eines Qualitätsmanagements einer Einrich- tung (vgl. Lauterbach 2008, S. 341ff), sowie in Konzeptstudien wie das SBAR-Konzept oder in Forschungen, welche sich mit der Schnittstellenproblematik im Gesundheitswesen beschäf- tigen oder auseinandersetzen.

Die Literaturrecherche bezogen auf das „SBAR-Konzept“ ergab mehrere Studien, welche seine Anwendung in der Pflegepraxis beleuchten, sowie die Umsetzung in unterschiedlichen Settings (klinisch, ambulant oder im Rehabilitationsbereich). Der Hauptfokus lag hier auf der lückenlo- sen Weitergabe patientenbezogener Informationen und der Optimierung des Pflegeprozesses.

3.2 Grundlagen der Kommunikation und Gesprächsführung

3.2.1 Was ist Kommunikation?

Umgangssprachlich bedeutet „kommunizieren“ etwa „miteinander sprechen“ oder „Kontakt zu einem Gegenüber aufnehmen“ und sich mit diesem auszutauschen. Kommunikation kommt aus der lateinischen Sprache, communicare = „teilen“, „gemeinschaftlich tun“, „sich besprechen“ (vgl. Rogall-Adam et al. 2011, S.16). Kommunikation kann als eine Form menschlichen Ver- haltens beschrieben werden, welches der Informationsvermittlung, der wechselseitigen zwi- schenmenschlichen Verständigung mittels Sprache (verbal) oder durch Mimik und Gestik (non- verbal) dient. Hierbei ermöglicht die Sprache die miteinander verbundenen Aspekte über den Ausdruck eigener Gefühle und das Verstehen von Gefühlen anderer Menschen (vgl. Wingchen 2006, S. 18). Kommunikation und Interaktion können als „in Beziehung sein“ mit anderen ver- standen werden (vgl. Hoffmann-Gabel 1999, S.11). Hierdurch entsteht eine Form von „sozialer Wahrnehmung“ und andererseits eine „subjektive Wahrnehmung“, welche situationsgebunden häufig in zwischenmenschlichen Begegnungen nebeneinander existieren. Durch subjektive Wahrnehmung schafft sich jeder Mensch ein individuelles Bild von der Welt, um die eigene Person daran zu orientieren und Einstellungen für das Handeln zu finden. Selbst -und Fremder- fahrung, Erlebnisse von Austausch und Verständnis sowie das Nähe- und Distanzgefühl zu sich selbst und zu anderen werden über die soziale Wahrnehmung erfahrbar. Bei allen Zusammen- treffen von Menschen kommt ein Kontakt zwischen ihnen zustande. Sie senden wechselseitig Signale in ihrer Begegnung auch ohne miteinander zu sprechen. Sie beeinflussen sich gegen- seitig bewusst oder unbewusst und lösen Reaktionen aus, welche ausdrücklich bestätigt oder wortlos hingenommen werden können – sie kommunizieren (vgl. Hoffmann-Gabel, S. 17).

Kommunikation schafft eine Verbindung zu anderen Menschen, deshalb hat sie eine dialogi- sche Struktur, was bedeutet, dass immer mindestens zwei Menschen beteiligt sind (vgl. Rogall- Adam et al. 2011). Jeder Kommunikationspartner ist immer zugleich Sender und Empfänger von verbalen und nonverbalen Informationen. Die Wahrnehmung ist gegenseitig und löst wech- selseitige Reaktionen bei dem jeweiligen Gegenüber aus (vgl. Hoffmann-Gabel 1999, S. 19).

„Man kann nicht nicht kommunizieren!“ ist das wohl bekannteste und bedeutendste der fünf Axiome des Kommunikationstheoretikers Paul Watzlawik, welcher den oben beschriebenen Zusammenhang in Kurzform ausdrückt (vgl. Watzlawik et al. 2007). Er stellt ebenfalls fest, dass Kommunikation keineswegs nur aus Worten besteht. Sie umfasst auch andere Phänomene, wie beispielsweise Tonfall, Geschwindigkeit des Sprechens, Pausen, Gestik und Mimik des Sprechenden, Gefühlsausdrücke wie Lachen oder Seufzen, Körperhaltung, sowie Ausdrucks- bewegungen (Körpersprache) und Verhalten jeder Art (vgl. Watzlawik et al. 2007, S.51ff). Diese Aussage beinhaltet auch, dass jede Kommunikation einen Inhalts- und Beziehungsaspekt hat sowie immer Ursache und Wirkung gleichzeitig ist.

Anmerkung der Redaktion: Abbildung 1 wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt

Abb. 1: Paul Watzlawik: Die fünf Axiome der Kommunikation (Quelle: www.emotionen-lesen- lernen)

Das „Vier-Ohren-Modell“ von Friedemann Schulz von Thun (2016) geht hier noch einen Schritt weiter, indem es zu dem Inhalts- und Beziehungsaspekt noch zwei zusätzliche Ebenen definiert, nämlich die Selbstoffenbarung und den Appell. Er verknüpft in seinem Modell diese Ebenen mit den ex- und impliziten Botschaften, welche in einer Nachricht enthalten sein kön- nen und je nach Befinden des Senders oder Empfängers unterschiedlich interpretiert und auf- genommen werden können (vgl. Schulz von Thun 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Vier – Ohren – Modell von F. Schulz von Thun (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell)

Die grafische Darstellung des Modells visualisiert die Aussagen von Schulz von Thun (2016).

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit ist eine Darstellung der umfangreichen Thematik Kommuni- kation im Sinne einer umfassenden Auseinandersetzung mit den verschiedenen theoretischen Modellen und Ansätzen, beziehungsweise den verschiedenen Möglichkeiten der Gesprächs- techniken aufgrund des begrenzten vorgegebenen Seitenumfanges nicht möglich. Daher wird auf Literatur von Schulz von Thun (2016), Watzlawik, Beavin und Jackson (2011) verwiesen. Die Konzepte beider Kommunikationswissenschaftler werden in dieser Arbeit als bekannt vo- rausgesetzt.

Kommunikation und Sprache dienen der Verständigung zwischen Menschen und bilden so auch eine existentielle Grundlage für zwischenmenschliche Beziehungen im Bereich der Pflege, so- wohl zwischen der Pflegefachkraft und den Patienten als auch zwischen den unterschiedlichen Professionen und im Pflegeteam. Kommunikative Kompetenz in der Pflege ist ein wichtiger Aspekt, welcher bereits in der Pflegeausbildung einen hohen Stellenwert einnehmen sollte (vgl. Darmann 2000, S. 211ff). Pflegerische Handlungen sind eine Interaktion zwischen Pflegeper- sonen und Patienten. Sie sind ohne verbale oder nonverbale Kommunikation undenkbar und nicht durchführbar. Hieraus leitet sich ab, dass Kommunikation ein essenzieller Bestandteil der pflegerischen Tätigkeit sein muss (vgl. Elzer & Sciborski 2007). Da onkologisch erkrankte und sterbende Menschen in ihrer letzten Lebensphase hoch sensibel sind, spüren sie Unsicherheiten im Team und in der Teamkommunikation sofort und reagieren darauf manchmal mit Unsicher- heiten und Unruhe. Daher ist es wichtig, einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander im Team und mit den Patienten und ihren An- und Zugehörigen zu pflegen, weil dadurch das Vertrauen zwischen den am Pflegeprozess beteiligten Personen unmittelbar geför- dert wird und vorhandene Ressourcen auf allen Seiten optimal genutzt werden können.

3.2.2 Bedeutung und Inhalte der Pflegeübergabe in einem Hospiz

Eine Übergabe kann auch als Informationsinstrument bezeichnet werden. Sie dient dazu, die pflegerische Versorgung eines Patienten/eines Gastes kontinuierlich und lückenlos sicherzu- stellen. Sie ist in den jeweiligen pflegerischen Settings in der Regel ritualisiert, unerlässlich und gehört zwingend zum Pflegealltag. Neben der Weitergabe von patientenbezogenen Informati- onen müssen hier auch organisatorische Fragen, wie Dienstplangestaltung, Regelung von Ar- beitsabläufen, sowie die Erfahrung von Lob, Wertschätzung oder kritische Anmerkungen für die geleistete Arbeit, Raum bekommen (vgl. Blanck & Zittlau 2017, S. 10ff). Oft wird der Übergabe auch eine „psychohygienische Funktion“ zugesprochen. Sie dient als „Ventilfunk- tion“ der notwendigen emotionalen Entlastung der Pflegekräfte. Sabine Walther (1987) kam in ihrer Studie ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Pflegende in vor allem in der Übergabesituation die Chance nutzen, neben der sachbezogenen Informationsvermittlung auch ihren Unmut über verschiedene Themen im Pflegealltag kundzutun (vgl. Walther 1987, S.177ff). Je nachdem in welchem Setting Pflegende arbeiten, gestalten sich auch die Dienstübergaben inhaltlich und formell unterschiedlich. Im Hospiz Nordheide gGmbH wird überwiegend eine patientenferne Übergabe in einem für alle einzusehenden „Dienstzimmer“ durchgeführt. Es wird mit Unter- stützung durch die computergestützte Pflegedokumentation über den Patienten/Gast und seine/ihre An- und Zugehörigen gesprochen und nicht mit ihm oder ihr. Dadurch erfolgt eine subjektive Situationseinschätzung durch die zuständige Pflegefachkraft. Der Patient /der Gast wird nicht unmittelbar erlebt, sondern es wir über ihn/sie berichtet (vgl. Blanck & Zittlau 2017, S. 12). Eine Übergabe besteht immer aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Informationen, welche oft ohne das Setzen von Prioritäten oder Struktur weitergeben werden. Es findet häufig keine Unterscheidung von wichtigen zu unwichtigen Informationen seitens der Pflegkräfte statt und ist stets von subjektiven Interpretationen geprägt. Das Zusammenführen von verschiedenen Informationen bildet jedoch die Grundlage für die weiterführende Pflege und den daraus abzu- leitenden Pflegeprozess. Sie liefert im Rahmen der Übergabe der schichtübernehmenden Pfle- gekraft ein komplexes Bild über den Patienten/Gast und schafft die Basis für den Pflegeprozess. Somit können Pflegeprobleme benannt und analysiert, sowie Ressourcen erkannt und em- powernd genutzt werden. Dies ist für die die Pflegepraxis und ihre Professionalisierung von immenser Wichtigkeit, da der Ist-Zustand des Patienten/Gastes professionell eingeschätzt wer- den kann und eine konsequente Bewertung des Pflegebedarfs möglich wird (vgl. Blanck & Zittlau 2017, S. 20ff). Eine gut geplante und strukturierte Übergabe dient als Qualitätsindikator einer Einrichtung. Sie lässt Rückschlüsse auf die Organisation einer Pflegeeinrichtung oder ei- nes Pflegebereiches und die dortige Pflegequalität zu (vgl. Blanck & Zittlau 2017, S. 57).

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Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Wie gelingt strukturierte Kommunikation während der Pflegeübergabe eines Hospizes? Erfolgsfaktoren und Erfolgsbedingunen
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
41
Katalognummer
V494197
ISBN (eBook)
9783346038180
ISBN (Buch)
9783346038197
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Fr. W. hat mit ihrer Arbeit gezeigt, dass sie sehr gut in der Lage ist, (pflege) wissenschaftliche Wissensbestände auf die eigene Praxis anzuwenden und weiter zu entwickelt. Es folgt eine gelungene Darstellung des Grundproblems bei Übergaben. Abschliessend wird das SBAR-Konzept anhand eines Fallbeispiels gut nachvollziehbar verdeutlicht. Dabei gelingt es der Autorin, dieses sehr gut auf die Hospizsituation zu übertragen und eigenständig weiter zu entwickeln. Es ist der Autorin zu wünschen, dass die Ergebnisse Eingang in die Praxis finden."
Schlagworte
Kommunikation Struktur Pflege Übergabe Hospiz
Arbeit zitieren
Martina Wesseloh (Autor), 2018, Wie gelingt strukturierte Kommunikation während der Pflegeübergabe eines Hospizes? Erfolgsfaktoren und Erfolgsbedingunen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494197

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