Der moralische Status der Tiere im Wandel der Zeiten. Theorien zur Tierethik aus Vergangenheit und Gegenwart


Bachelorarbeit, 2016
36 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der prähistorische Glaube an das Verhältnis von Mensch und Tier

3. Der moralische Status des Tieres in der abendländischen Geistesgeschichte
3.1 Die Ausgangsituation zu Beginn der Antike
3.2 Die Stellung des Tieres in der Tugendethik des Aristoteles
3.3 Der christliche Ansatz des Tierschutzes
3.3.1 Das Tier im Alten Testament
3.3.2 Das Tier im Neuen Testament
3.3.3 Neue Ansätze für einer christlichen Mitleidsethik

4. Die moralische Status des Tieres in der Neuzeit
4.1 Der anthropozentrische Tierethik in Kants deontologischer Ethik
4.1.1 Die Ausgangssituation zu Beginn der Neuzeit
4.1.2 Kants Pflichtenethik
4.1.3 Die Stellung des Tieres in Kants Ethik
4.1.4 Anthropozentrische Tierethik heute
4.2 Die pathozentrische Tierethik in Peter Singers Präferenz Utilitarismus
4.2.1 Der moralische Statuts des Tieres in der Mitte des 20. Jahrhundert
4.2.2 Peter Singers neuer tierethischer Ansatz
4.2.3 Die Grenzen der Akzeptanz von Singers pathozentrischer Tierethik

5. Fazit und Schlussbetrachtung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Historische Betrachtungen unseres Umganges mit Tieren sind für die heutige tierschutzethische Diskussion wichtig, weil sonst leicht aus der Vergangenheit Behauptungen abgeleitet werden können, die nicht den Tatsachen entsprechen. Es ist richtig, dass in der Vergangenheit eine anthropozentrische Mensch-Tier-Beziehung im Vordergrund stand, und erst in der Gegenwart in der westlichen Welt andere Maßstäbe für eine Tierethik an Bedeutung gewannen, ja die modernen Diskussionen zu diesem Thema zu dominieren begannen. Doch verlief diese Entwicklung hin zu einer Tierethik, in der dem Tier ein moralischer Wert zugesprochen wurde, nicht gradlinig. Heute gibt es auch in unserer westlichen Welt sehr unterschiedliche Auffassungen, welchen moralischen Wert wir einem Tier zumessen sollten. Und es gibt eine große Ambivalenz, Tiere als Gefährten des Menschen zu verstehen aber gleichzeitig Tiere zu töten und als Nahrung zu nutzen.

Es hat sich in der philosophischen Literatur etabliert, unter Tierethik die moralische Haltung des Menschen gegenüber den Tieren zu verstehen. Diesem Verständnis von Tierethik wird auch in dieser Arbeit Rechnung getragen. Ob ein Tier eine moralische Haltung gegenüber Artgenossen entwickeln kann, ist nicht sicher zu bestimmen. Es gibt Hinweise im Verhalten von hoch entwickelten, nicht menschlichen Primaten, dass einzelne Individuen solche Grundsätze entwickeln können. Welche Bedeutung das im Sozialleben der Tiere hat, ist umstritten. Neuere Untersuchungen belegen mehr und mehr Einzelbeispiele, dass Bonobos und Schimpansen Empathie und Altruismus entwickeln können, die für die Sozialisation innerhalb der Gruppe notwendig sind. Fraglich ist auch, ob domestizierte Tiere eine moralische Haltung gegenüber ihren dominanten Herren entwickeln können. Doch ist hier eher ein antrainierter Gehorsam als verantwortlich anzusehen und nicht ein aus eigenem Willen hervorgehendes Handeln.

Ich beziehe mich in dieser Ausarbeitung im Wesentlichen auf die Tierethik im westlichen Kulturkreis. Zwar ist diese westliche Kultur mittlerweile weltweit dominierend, doch darf das nicht den Blick dafür verstellen, dass in manchen Regionen der Welt, historisch gewachsen, eine andere Auffassung vom Mensch-Tier-Verhältnis besteht als bei uns.

Ich will keinen Anspruch erheben, eine differenzierte Erarbeitung des historisch gewachsenen Mensch-Tier-Verhältnisses und der verschiedenen Theorien zur Tierethik vorzulegen. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf wichtige ethische Konzeptionen der Vergangenheit und auf zwei heute in der Gesellschaft dominierende Theorien zur Tierethik - die anthropozentrische Theorie von Kant und die pathozentrische Theorie von Singer. Beide Theorien werden in ihren Grundzügen dargestellt, eine Diskussion der umfangreichen Kritik und den aus dieser Kritik resultierenden Abwandlungen und Ergänzungen der ursprünglichen Theorien unterbleibt. Aktuell diskutierte Fragen zur Tierethik werden in diese Arbeit nur insoweit einbezogen, wie sie von grundsätzlicher Bedeutung für die behandelten Theorien sind.

2. Der prähistorische Glaube an das Verhältnis von Mensch und Tier

In der Urzeit, vor der Domestikation der Haustiere, war das Tier Jagdbeute für die Menschen. Besonders diejenigen Tierspezies, die als Beute in Betracht kamen, waren von Interesse. Dabei verehrten die urgeschichtlichen Jäger diese Tiere. Sie waren die Sicherheit für das eigene Überleben, das Überleben der menschlichen Gemeinschaft war von ihnen abhängig. (Dierauer, 1977, pp 2-4) Die Frage, ob sich die Menschen den Tieren überlegen oder unterlegen fühlten, ist nicht klar zu beantworten. Aus alten Mythen geht hervor, dass die Tiere mit den Menschen kooperierten, ja ihnen halfen. Den Tieren wurde dabei manchmal ein höheres Wissen zugesprochen als den Menschen, und sie halfen den Menschen mit ihrer Weisheit und ihren Zauberkräften. Sälzle (1965, p 33) berichtet von einem südamerikanischen Mythos, in dem die Menschen von einem Hirsch gelehrt werden, wie sie eine Pflanzung anzulegen haben, damit sie die nächste Hungersnot überleben werden. Des Weiteren berichtet er von den Pueblo-Indianern in Nordamerika, die auf einem Gemälde Tiere darstellen, wie diese die Menschen vor dem Verhungern retten, indem sie sich selbst als Speise für die Menschen darbringen.

In einem Mythos der Eskimos wird von einem ganz ursprünglichen Verhältnis des Menschen zum Tier berichtet. (Röhrich, 1953, p 167) Das Tier ist nicht ein Wesen zweiter Ordnung, sondern es ist dem Menschen gleichgestellt: Eine junge Frau hatte kein eigenes Kind und keine Angehörigen. Als sie eines Tages einen jungen Polarbären geschenkt bekam, versorgte sie ihn wie ein eigenes Kind. Nachdem der Bär herangewachsen war, ging er auf die Jagd und versorgte seine Ziehmutter mit Nahrung. Doch die anderen Dorfbewohner wurden daraufhin neidisch und wollten den Bären töten. Als die Frau davon hörte, verabschiedete sie sich von ihrem Bären und der Bär ging fort in die Wildnis. Die Frau traf sich aber noch oft mit ihm, und der Bär schenkte ihr dann immer reichlich Nahrung. In dieser Mythos ist das Tier nicht wie heute ein Wesen zweiter Ordnung, sondern es ist dem Menschen gleichgestellt. In Erzählungen wie dieser sah der Mensch sich selbst als handelndes Subjekt, das sein Tun kontrollieren konnte. Er projizierte dieses Tun und Handeln auf das Tier, und es resultierte daraus ein „Du-auf-Du-Stehen“ (Sälzle, 1965, p 477) mit dem Tier.

Aus ethnologischen Beobachtungen geht hervor, dass Jägervölker in erster Linie die Ähnlichkeit des tierischen Organismus mit dem des Menschen empfanden. Ein wichtiger Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier wurde nicht gesehen, Tiere und Menschen waren nur verschieden ausgestattete „Personen“. Wichtige Organe wie Augen, Mund, Nase und Ohren sind bei beiden sichtbar vorhanden. Physiologische Grundprozesse wie Atmung und Verdauung gibt es bei Mensch und Tier, und auch der innere Körperaufbau ist grundsätzlich ähnlich. Damit war die Grenze zwischen Mensch und Tier fließend. (Dierauer, 1977, p 2) Doch sowohl die Menschen als auch die Tiere waren prinzipiell von den Göttern verschieden. Götter waren unsterblich und konnten die Vorgänge in der Welt lenken. Die Menschen teilten mit den Tieren die Vergänglichkeit und die beschränkte Kraft.

In den Jagdriten der urgeschichtlichen Menschen kommt eine Schuld zum Ausdruck, das Tier getötet zu haben und eine Furcht vor dessen Rache. Für den prähistorischen Jäger liegt die größte Gefahr des Lebens darin, dass die Nahrung der Menschen eine Seele hat. Alle Tiere, die er tötet und isst, haben Seelen, wie wir sie haben. Diese Seelen vergehen nicht mit dem Körper. Sie müssen versöhnt werden, damit sie sich nicht rächen, weil man ihnen den Körper genommen hat. (Gallig, 1959, p 512) Von Völkern, bei denen Tiere Jagdbeute waren, wurden Rituale entwickelt, die den Jäger von seiner Schuld, das Tier getötet zu haben, befreien sollten. Von den Bärenfesten nordischer Völker ist bekannt, dass der getötete Bär mit Großzügigkeit bewirtet und mit Liedern besungen wurde. Der Bär sollte sich bei seinen Jägern wohl fühlen. Dazu gehörte dann auch die Bestattung der Bärenknochen nach der Jagd, damit sich der Bär aus diesen Knochen erneuern konnte. (Dierauer, 1977, p 3) Von nordamerikanischen Indianern wurden bis in das 19. Jahrhundert hinein die Knochen erlegter Bisons auf der Prärie ausgebreitet, um die Wiederauferstehung des Tieres zu ermöglichen. (Meyer, 1990, p 23)

Dieses Verhalten der prähistorischen Jäger darf man aber nicht als den Beginn einer moralischen Auseinandersetzung mit dem Status des Tieres verstehen. Eher war es ein Schuldgefühl gegenüber dem getöteten Tier, geboren aus Angst. Einer Angst, dass die ganze Tierspezies ausgerottet würde, und damit die Nahrungsquelle der Menschen verschwände. Und ebenfalls einer Angst, dass sich die Seelen der Tiere an den Jägern rächen könnten. Und nicht zuletzt war da die Angst, dass die Götter den Menschen bestrafen könnten, weil er Tiere tötete, die unter ihrem Schutz standen. Denn wenn jemand als Herr der Tiere zu betrachten sei, dann traf das nicht auf die Menschen zu, sondern auf die Götter oder auf eine bestimmte Gottheit. (Dierauer, 1977, p 3) Aber all dies waren keine moralischen Erwägungen. Der prähistorische Jäger tötete seine Beute nicht „mit schlechtem Gewissen“ (Badura, 1999, p 14).

Es bleibt eine Tatsache, dass der Mensch auch Jagdbeute erlegte, die ihm an Kraft deutlich überlegen war. Musste sich hieraus nicht zwangsläufig ein Gefühl der Überlegenheit über die Tiere entwickeln? Doch ist hier zu bedenken, dass der Mensch nicht dank seiner Kraft, seiner Schnelligkeit oder der Leistungen seiner Sinnesorgane das Tier besiegte. Ausschlaggebend für das Erlegen der Jagdbeute waren die Waffen und Fallen, die der Mensch einsetzte, und ausschlaggebend für den Jagderfolg war die Jagd in Gruppen. So konnten zwar auch große, schnelle und starke Tiere erbeutet werden, aber der einzelne Mensch konnte sich dem Tier nicht überlegen fühlen. Damit einhergehend wurden den Tieren übermenschliche Kräfte zugesprochen. Jäger trugen bei der Jagd Felle von Tieren, um sich deren Kräfte anzueignen. (Dierauer, 1977, p 3)

Damit es zu einem grundsätzlichen Überlegenheitsgefühl des Menschen über die Tiere kommen konnte, waren tiefgreifende Veränderungen im geistigen Verständnis der Welt erforderlich. Die in prähistorischer Zeit gewachsene gefühlsmäßige Einstellung des Menschen zur Tierwelt musste auf eine rationale Basis gestellt werden. Dazu war ein vereinfachtes Bild des „Tieres“ erforderlich, bei dem die Unterschiede zwischen den Spezies verschwanden. Die Menschen mussten sich auf diejenigen Eigenschaften und Fähigkeiten besinnen, die sie vom Tier unterschieden. (Dierauer, 1977, p 6) Dieser Prozess wurde im aristotelischen und im christlichen Weltbild realisiert.

3. Der moralische Status des Tieres in der abendländischen Geistesgeschichte

3.1 Die Ausgangsituation zu Beginn der Antike

Im Mittelmeerraum bestimmten zu Beginn des antiken Zeitalters um 800 vor Christus die Folgen der Domestizierung der Nutztiere das Verhältnis des Menschen zum Tier. Durch diese Domestizierung war der Mensch zum Nutzer der Tiere geworden, und sie waren ihm dauerhaft verfügbar. Sie mussten ihn mit tierischen Erzeugnissen wie Milch, Eier und Wolle versorgen. Er bestimmte über ihr Leben und ihre Reproduktion. Und er nutze das Fleisch und andere Teile des geschlachteten Tieres wie Leder, Sehnen und Horn. Die von den Haustieren stammenden Produkte waren die Basis für das Überleben des Einzelnen und das Überleben der menschlichen Gemeinschaft. Die Haustiere wurden zum wertvollen Besitz der Menschen, die ähnlichen lateinischen Ausdrücke für Geld und Vieh – pecunia und pecus – untermauern dies.

Mit der Domestikation ergab sich, abgesehen von der Möglichkeit der effektiven Tiernutzung, die Voraussetzung für einen engen Kontakt des Menschen mit seinem Nutztier. Damit gab es eine rudimentäre „kommunikative Beziehung“ (Badura, 1999, p 15), und damit war die Bedingung für das Entstehen moralischer Beziehungen des Menschen zum Tier gegeben. Erst mit der Domestikation wurde es einer großen Gruppe von Menschen möglich, das Ausdrucksverhalten von Tieren zu verstehen und daraus auf die mentalen Zustände des Tieres, wie Angst, Schmerz, Wohlbefinden oder Aggressivität, zu schließen. Diese Mensch Tier Beziehung sieht man deutlich auch bei der heutigen Haltung von Haustieren. Hunde- und Katzenhalter erkennen die mentalen Zustände ihrer Haustiere. Aus dieser Erkenntnis erwachsen für sie moralische Pflichten gegenüber den ihnen anvertrauten Tieren. (Badura S. 16) Aber schon in den homerischen Epen gibt es Hinweise für die fürsorgliche Behandlung von Hunden und Pferden, deren Versorgung nicht der Dienerschaft überlassen wurde, sondern die der Herr selbst übernahm. (Leven, 1999, p 13)

Unter diesen Bedingungen hatte der prähistorische Glaube an eine Gleichstellung von Mensch und Tier nicht länger Bestand. Der Mensch entwickelte ein Überlegenheitsgefühl, und eine rationale Basis für solch ein Überlegenheitsgefühl wurde geschaffen.

3.2 Die Stellung des Tieres in der Tugendethik des Aristoteles

Im antiken Griechenland kam es zu grundsätzlichen Überlegungen zur Stellung des Menschen in der Welt, und in philosophischen Schulen wurden komplexe ethische Theorien entwickelt. Diese Theorien wirkten fort in der abendländischen Geschichte und beeinflussten die Entwicklung unserer modernen Ethik und unserer gesamten Philosophie entscheidend. Einer der wichtigsten Philosophen der griechischen Antike war Aristoteles (*384 v.Ch. † 322 v.Ch.). In seiner Nikomachischen Ethik entwarf er ein umfassendes Bild über die Ziele, die dem menschlichen Handeln zu Grunde liegen und über die menschlichen Tugenden. Seine Tugendethik wurde in großen Teilen von der christlichen Kirche übernommen und bestimmte bis ins Mittelalter die Moralvorstellungen im christlichen Abendland. Darüber hinaus, gehen auf Aristoteles Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften, der Logik, der Staatsphilosophie und der Poetik zurück.

Während in der Urzeit der Unterschied zwischen Tier und Mensch nicht klar gefasst war, entwickelte Aristoteles in seiner Seelenlehre eine Theorie, wie sich Pflanzen, Tiere und Menschen unterscheiden. Die Seele ist für Aristoteles kein Ding mit Teilen, sondern sie stellt das einheitliche Prinzip von allem Lebendigen dar. Im einfachsten Fall der Pflanze sind das der Stoffwechsel und das daraus resultierende Wachstum. (Wolf, 2002, p 45) Begrifflich unterscheidet Aristoteles jedoch Seelenteile, und teilt die Seele gemäß ihren Funktionen in einen vernunftlosen und einen vernünftigen Teil. Er findet hier eine Metapher, die das Verhältnis der beiden Teile der Seele anschaulich macht: „Ob diese so getrennt sind wie die Teile des Körpers oder wie alles Teilbare, oder ob sie der Definition nach zwei sind, aber von Natur aus untrennbar - wie das Konvexe und das Konkave im Fall einer gewölbten Oberfläche -, spielt für unsere gegenwärtige Untersuchung keine Rolle“. (NE I, 1102a, 29-33)

Der vernunftlose (vegetative) Teil der Seele steuert bei Mensch, Tier und Pflanze die vegetativen Funktionen, welche die Ernährung, das Wachstum und die Fortpflanzung beinhalten. „Die Gutheit (arete) dieses Vermögens ist offenbar allen Lebewesen gemeinsam und nicht spezifisch menschlich“. (NE I, 1102b, 3-4) Der vernünftige (intellektuelle) Teil der Seele existiert nur beim Menschen. Zwischen vernunftlosem und vernünftigem Teil der Seele, beeinflusst von beiden Seelenteilen, siedelt Aristoteles das Strebevermögen (oretikon) an. Man kann dieses Strebevermögen auch als den sensitiven Teil der Seele bezeichnen, der Wahrnehmung und Vorstellung steuert. Vereinfacht dargestellt, lässt sich die Seele in der aristotelischen Ethik nach Leven (1999, p 51) funktionell dreigeteilt darstellen:

1. Vegetativer Teil: verantwortlich für Ernährungs- und Fortpflanzungsvermögen. Existiert bei Pflanze, Tier und Mensch.
2. Sensitiver Teil: verantwortlich für Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen. Existiert bei Mensch und Tier.
3. Intellektueller Teil: verantwortlich für Überlegungsfähigkeit und Denkvermögen. Existiert nur beim Menschen

Gemeinsam sind Pflanzen, Tieren und Menschen vegetative Funktionen, der Stoffwechsel, das Wachstum, das Fortpflanzungsvermögen sowie das Altern und Sterben. Tier und Menschen unterscheiden sich von den Pflanzen durch Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen, die zu Antrieben und Emotionen führen. Nur der Mensch hat eine intellektuelle vernünftige Seele. Damit fixiert Aristoteles die Vernunft als das Kriterium, was Mensch und Tier unterscheidet. Dieses Kriterium der Vernunft als Unterscheidungsmerkmal des Menschen vom Tier hatte bis in die Neuzeit Bestand und wird auch heute noch von vielen Menschen vertreten.

Aristoteles definierte als Ziel der ethischen Tugenden den richtigen Umgang mit den inneren Affekten und mit den äußeren Handlungssituationen, um aus eigener Kraft zu einem guten Leben zu gelangen. Die Nikomachischen Ethik bestimmt die eudanomia, das Glück, als das höchste Ziel. Dieses Glück kann der Mensch nur erreichen, indem er seine Handlungen und Emotionen über die Vernunft steuert. Nur über diese Steuerung durch den Verstand kann der Mensch die charakterlichen Tugenden erreichen. Damit ist das „vernunftlose“ Tier von der Erreichung der charakterlichen Tugenden ausgeschlossen, und es ist kein Subjekt mit ethischem Status. Aber, und darauf weist Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik hin, lassen sich auch bei Tieren Antriebe und Affekte feststellen. Es bliebt damit die Frage, ob die Aktivität der sensitiven Seele, Ausdruck findend im Wahrnehmung- Vorstellungs- und Lernvermögen der Tiere, dem Menschen nicht ethische Pflichten auferlegt.

Die Bedeutung der sensitiven Seele für das Tier behandelt Aristoteles in der Nikomachischen Ethik am Rande. Zur Frage, ob Tiere auch Veranlagungen haben können, schreibt er: „Denn die natürlichen Dispositionen kommen auch bei Kindern und Tieren vor, doch ohne Denken (nous) erweisen sie sich als schädlich“. (NE VI, 1144b 8-9) Zur Wahrnehmung gehören auch Emotionen wie Lust und Unlustgefühle. Während der Mensch auch Lustgefühle bei einem ästhetischen Genuss erfahren kann, sind beim Tier Lustgefühle nur auf die Befriedigung rein biologischer Bedürfnisse gerichtet, und die Wahrnehmung von Ereignissen durch die Sinne kann nur indirekt Lustgefühle hervorrufen. (Leven, 1999, p 53) Aristoteles bringt dazu in der Nikomachischen Ethik das Beispiel des Löwen: Für den Löwen ist nicht das Gebrüll des Ochsen lustvoll, sondern der Verzehr des Ochsen. Dass der Ochse in der Nähe ist, bemerkt der Löwe am Gebrüll. Damit scheint dies der Gegenstand seiner Lust zu sein. Doch damit den Löwen das Brüllen des Ochsen erfreut, braucht er die Vorstellungskraft, dass das, was er hört, ihn auf eine Mahlzeit hinweist. Und er braucht die Erinnerung, dass genau dieses Geräusch das richtige ist. Auf die gleiche Weise empfindet der Löwe nicht Lust, weil er einen Hirsch oder eine Ziege sieht, sondern weil er eine Mahlzeit erwartet. (NE III, 1118a, 20-23)

Nach Aristoteles haben damit Tiere die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern und sich etwas vorzustellen. Diese Fähigkeit zur Vorstellung ist allerdings bei den verschiedenen Tierarten verschieden stark ausgeprägt. Aber selbst bei den Tieren, bei denen diese Fähigkeit am stärksten ausgeprägt ist, d.h. bei hochentwickelten Säugetieren, fehlt das menschliche Vermögen, seine Vorstellungen mittels Überlegung zu konkretisieren und in Form von bildhaften Vorstellungen zu präzisieren. (Leven, 1999, p 54) Ebenfalls unterschiedlich ausgeprägt ist bei Tieren die Fähigkeit, sich zu erinnern. Jedes Tier ist nach Aristoteles mit dem Vermögen zur Wahrnehmung ausgestattet, wenn auch in unterschiedlichem Umfang. So ist bei manchen Tieren nur der Tastsinn entwickelt, bei anderen Tieren kommen Geruch, Sehen und Hören dazu. Auf Wahrnehmung folgt die Erinnerung, falls das Ereignis schon vorher einmal aufgetreten ist. Und aus der Erinnerung kann sich ein Lernen ergeben. Diese Lernfähigkeit hängt nach Aristoteles eng mit der Qualität der Sinnesorgane zusammen. So ist das Gehör für Lernvorgänge wichtiger als der Tastsinn. Tiere mit gut ausgeprägtem Lernvermögen kann man auch als klug bezeichnen. Doch dies ist eine praktische Klugheit (phronesis). Die praktische Klugheit ermöglicht den Tieren, ihre Nester zweckmäßig zu bauen, im Rudel zu jagen und ihre Jungen in Höhlen zur Welt zu bringen. Doch wie passt das zu einem Tier, dem Aristoteles die Vernunft abspricht? Ein Tier kommt mit seinen Fähigkeiten gut in der Welt zurecht. Tiere können empfinden, sich etwas vorstellen und lernen. Deshalb muss Aristoteles den Geltungsbereich der sinnlichen Wahrnehmung deutlich ausdehnen, damit alle Fähigkeiten der Tiere eingeschlossen sind. Nur so ist es möglich die anthropologische Differenz aufrechtzuerhalten. (Wild, 2010, p 42f)

Nach Aristoteles handeln Tiere nur entsprechend ihrer Naturbestimmung, „ihr Wissen um die Zweckmäßigkeit einer Handlung [beruht nicht] auf vernünftigen Überlegungen“ (Leven, 1999, p 58). Dem Menschen dagegen kommt neben der praktischen Klugheit auch die theoretische Weisheit (sophia) zu, die ihn zu planendem und schlussfolgerndem Denken befähigt, und die ihm ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Diese theoretische Weisheit fehlt den Tieren. Sie können keine vernünftigen Überlegungen anstellen, können kein selbstbestimmtes Leben führen und haben keine Planungsfähigkeit. (Leven, 1999, p 55) Das Streben der Tiere ist allein auf die Befriedigung der existentiellen Bedürfnisse beschränkt. Die sensitiven Kräfte der Seele zielen auf die Sicherung des Daseins, auf das eigene Überleben, und auf die Erhaltung der Spezies. Nur die menschliche Seele besitzt Fähigkeiten, deren Wirken über den biologischen Bereich hinausgeht. (Dierauer, 1977, p 128)

Zwar spricht Aristoteles manchen Tieren auch eine gewisse Intelligenz zu, doch er betont die Sonderstellung des Menschen im Bereich der Lebensformen. Diese Sonderstellung beruht auf der Vernunft und dem daraus möglichen sittlichen Verhalten des Menschen. In seinen naturwissenschaftlichen Theorien entwickelt Aristoteles eine Stufenleiter des Lebendigen, in der dasjenige Lebewesen als überlegen angesehen wird, das mit komplexeren Eigenschaften ausgestattet ist. Am Ende dieser Stufenleiter steht der Mensch. Aristoteles sagt dazu: Für alles Lebendige muss die Annahme gelten, dass „die Pflanzen der Tiere wegen da sind, und dass die Tiere der Menschen wegen da sind, die zahmen zu Dienstleitungen und zur Nahrung und die Mehrheit der wilden Tiere ebenfalls zur Nahrung oder zur Versorgung der Menschen mit wichtigen Gütern wie Kleidung und Gerätschaften. Wenn in der Natur nichts unvollständig und nichts umsonst geschieht, so hat sie Pflanzen und Tiere um der Menschen willen gemacht.“ (Aristoteles, polit. 1256b, 15-22)

In diesen Worten spiegelt sich die grundsätzliche Einstellung von Aristoteles zum Status des Tieres wider. Das Tier ist dem Menschen Untertan und ist ohne intrinsischen Wert. Und an dieser Feststellung ändert auch nicht, dass Aristoteles den Tieren eine sensitive Seele zuschreibt, die ihnen Wahrnehmung, Vorstellung und Lernen ermöglich, die ihnen Emotionen erlaubt und letztendlich auch eine, aus heutigem Verständnis, gewisse Intelligenz hervorbringt.

3.3 Der christliche Ansatz des Tierschutzes

3.3.1 Das Tier im Alten Testament

Der bis in die Neuzeit für den abendländischen Kulturkreis typische Anthropozentrismus hat seine Wurzeln in der christlichen Weltanschauung. „Die Religion Israels, von der das Christentum wesentlich geprägt ist, besaß zur Natur von vornherein ein außerordentlich heikles Verhältnis. Im Mittelpunkt dieser Religion stand ganz und gar der Mensch.“ (Drewermann, 1991, p 71) Im Alten Testament umfasst die Nächstenliebe primär nur die Glaubensbrüder. Andersgläubige sind von dieser Nächstenliebe ausgeschlossen. Und es gibt keinen Hinweis, dass in die Nächstenliebe Tiere einzuschließen wären. Die zentralen Aussagen zum ethischen Status des Tieres enthält der Schöpfungsbericht im Alten Testament. Gott sprach: Lasst uns den Menschen erschaffen nach meinem Bilde. Und er soll „herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, was auf Erden kriecht.“ [1.Mose 1, 26] Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Er schuf einen Mann und ein Weib. Gott segnete sie und befahl Ihnen: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie Euch untertan und herrscht über die Fische im Meer, die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, was auf Erden kriecht.“ [1.Mose 1, 28] Damit weist Gott dem Menschen eine besondere Position zu. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen. Und er soll sich die Erde und die Tiere untertan machen. Und diese Sonderstellung hebt den Menschen von der Natur und von allen anderen Geschöpfen ab.

Als Gott nach dem Sündenfall sah, dass die Menschen schlecht waren, bereute er seine Schöpfung und sprach: „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel“ [1.Mose 6, 7]. Nur Noah fand Gnade vor Gott. Und er befahl Noah eine Arche zu bauen für ihn und seine Familie und für alle Tiere, „von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir“ [1.Mose 6, 19]. Die Menschen müssen sterben weil sie ungehorsam waren. Doch warum müssen die unschuldigen Tiere sterben, einen qualvollen Tod durch Ertrinken erleiden? Warum muss die gesamte unschuldige Tierwelt Strafe erleiden für den Sündenfall der Menschen? (Hoerster, 2004, p 13) Dass je ein Paar von jeder Tierart gerettet wird, macht das Sterben für die anderen Individuen der jeweiligen Spezies nicht weniger grausam. Und die Tiere haben hier keinen intrinsischen Wert, sondern nur einen instrumentellen. Sie sind „Fleisch“, das dem Menschen nach seiner Rettung wieder zur Verfügung stehen soll. Und von jeder Spezies ein Paar, damit die Versorgung auch für die Zukunft abgesichert ist. Nach der Rettung Noahs sprach Gott, dass alle Tiere sich vor den Menschen fürchten sollen. In die Hände des Menschen seien sie gegeben. „Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise“ [1.Mose 9, 2-3]. Einer der großen Propheten des Alten Testamentes, Ezechiel (Hesekiel), weist auf eine Instrumentalisierung der Tiere als ausführende Gewalt für Gottes Rache an den Feinden Israels hin. So sollen die Vögel der Luft und die Tiere auf dem Felde sich am Fleisch der Reiter und Rösser sattfressen und sich an ihrem Blut berauschen. [Ez. 39, 17-20]

Es gibt im Alten Testament auch Stellen, aus denen sich eine Anteilnahme am Leiden der Tiere ablesen lässt. So wird das Quälen von Tieren gebrandmarkt. „Der Gerechte erbarmt sich über sein Vieh, das Herz des Gottlosen aber ist unbarmherzig.“ [Spr. 12, 10] Der Mensch als das Ebenbild Gottes soll nicht willkürlich mit der Natur und mit den Tieren umgehen, sondern er muss gütig und verantwortungsvoll handeln. Allerdings bezieht sich dies auf das Vieh, die domestizierten Haustiere. Der Besitz dieses Viehes ist der Wohlstand des Menschen, der dem Menschen nutzt. Es ist eine Sache der Klugheit dieses wertvolle Gut pfleglich zu behandeln, damit es dem Besitzer weiter nutzt. Aus dieser Bibelstelle lässt sich damit keine menschliche Pflicht zu einem generellen Tierschutz ableiten. Ein weiterer Spruch aus dem Alten Testament sagt: „Du sollst den Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.“ [5.Mose 25,4] Das kann man wörtlich verstehen, dass man den Ochsen während der Arbeit auch fressen lassen muss. Oder man kann es allgemeiner verstehen, dass der Mensch, der den Ochsen arbeiten lässt, den Ochsen auch füttern muss. Seinsch (2015, p 188) weist darüber hinaus auf ein metaphorisches Verständnis dieser Bibelstelle hin: in Wirklichkeit sei nicht der Ochse gemeint sondern der arbeitende Mensch.

Im Alten Testament findet sich die Ankündigung eines Messianischen Reiches mit einem Paradies auch für die Tiere: Da werden Wölfe und Lämmer, Löwen und Schafe friedlich zusammen leben. Ein Kind wird Kälber und Löwen zusammen weiden, und die jungen Löwen werden mit den Kälbern spielen. Und die Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. [Jes. 11, 6-7] Solch ein Messianisches Reich ist mit naturwissenschaftlichem Verständnis nicht fassbar. Wölfe und Löwen sind von ihrer Physiologie und Anatomie her Raubtiere und können nicht von Gras und Stroh leben. Und es wirkt befremdlich, dass ein Mensch die Tiere weidet, was für eine Nutzung der Tiere durch den Menschen spricht. Doch letztendlich ist dieses „tierische Paradies“ nur eine Ankündigung, keine Beschreibung der Zustände auf der Erde. Für die Gegenwart gibt das Alte Testament dem Mensch die Weisung: Herrsche über die Tiere und mache sie dir Untertan. Gott hat die Tiere so geschaffen, dass sie sich gegenseitig umbringen und fressen. Diese Feindschaft zwischen Mensch und Tier und zwischen den Tierspezies ist nach der Genesis erst mit dem Sündenfall des Menschen und der Vertreibung aus dem Paradies entstanden. Und erst seit dieser Zeit töten sich Tiere gegenseitig. Das kann auf sehr grausame Weise geschehen, beispielsweise wenn man sich vor Augen hält, wie eine Katzenmutter den jungen Kätzchen lebende Mäuse zum Spielen gibt.

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Details

Titel
Der moralische Status der Tiere im Wandel der Zeiten. Theorien zur Tierethik aus Vergangenheit und Gegenwart
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
36
Katalognummer
V494207
ISBN (eBook)
9783346001023
Sprache
Deutsch
Schlagworte
status, tiere, theorien, tierethik, tierschutz, moral, kant, peter singer
Arbeit zitieren
Josef Heine (Autor), 2016, Der moralische Status der Tiere im Wandel der Zeiten. Theorien zur Tierethik aus Vergangenheit und Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494207

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