Der literarische Umformungsprozess von Theoderich dem Großen zu Dietrich von Bern in der germanischen Heldensage

Vom ruhmreichen König zum glücklosen Exilanten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Verarbeitung von Historie in Sagen und Dichtung
2.1 Das Heldenbuch: Fantasie oder Chronik?
2.2 Das kulturelle Gedächtnis und das heroic age

3 Die Dietrichepik

4 Das Leben von Theoderich dem Großen

5 Historie versus Dietrichepik
5.1 Schemata der Umformung
5.2 die Umkehrung historischer Fakten in der Dietrichepik
5.3 Die Frage nach der Historizität

6 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Literatur kann den Leser nicht nur in eine wunderbare, spannende und interessante Welt einführen, sie kann auch, wenn man versucht ihren Sinn und ihre Entstehung zu hinterfra­gen, historisch gesehen sehr lehrreich sein.

Das Heldenleben der literarischen Figur Dietrich von Bern entfaltet sich im lS.Jahrhundert1. Aufgrund der zahlreichen Texte, in denen Dietrich von Bern eine Rolle spielt, gilt in der For­schung die Meinung, dass die Dietrichgestalt verschiedenartig und facettenreich wie keine andere Figur der germanischen Heldensage ist2. Interessant an dem historischen Sagenkern sind die beträchtlichen Unterschiede, die zu den historischen Ereignissen um Theoderich dem Großen auftreten.

Nach der Grundfabel wird Dietrich aus seinem oberitalienischen Erbreich mit der Residenz Bern/Verona vertrieben, zieht ins Exil zum Hunnenkönig Attila /Etzel und kann nach dreißig (oder zweiunddreißig) Jahren zurückkehren.

Der Hauptteil der vorliegenden Hausarbeit gliedert sich in fünf Abschnitte. Zunächst wird da­rauf eingegangen, wie geschichtliche Ereignisse in Sagen und Dichtung verarbeitet wird, im speziellen im „Heldenbuch". Im Folgenden stellt sich die Frage, ob es sich mehr um Fantasie oder mehr um eine Chronik handelt. Im dritten Kapitel werden zwei Arten der Dietrichepik unterschieden, die historische und die aventiurehafte. Beim darauffolgenden Kapitel handelt es sich um einen geschichtlichen Einschub. Hier werden die wichtigsten Stationen im Leben Theoderichs skizziert, bevor im letzten Kapitel herausgearbeitet werden soll, welche Sche­mata angewandt wurden um die Umformungen der historischen zu den literarischen Ereignis­sen vorzunehmen. Zudem wird anhand von zwei Beispielen die konkrete Umformung in der Dietrichepik erklärt und abschließend die Frage der Historizität der Dichtung aufgegriffen. Dabei wird aus begrenztem Umfang der Arbeit der Fokus auf die historische Dietrichepik ge­legt und die aventiurehafte Dietrichepik sowie die Thedriksage ausgespart.

Ziel der Arbeit ist es, mithilfe der Sekundärliteratur, darunter die für diese Erforschung wich­tigen Gedankengänge von Edith Marold, Walter Haug, Joachim Heinzle und Elisabeth Lienert, beispielhaft aufzuzeigen, wie der Umformungsprozess vom erfolgreichen König zur erfolglo­sen Sagenfigur stattfinden konnte.

2 Die Verarbeitung von Historie in Sagen und Dichtung

Der kleinste gemeinsame Nenner moderner Definition von Heldendichtung ist dieser: Helden­dichtung erzählt Ereignisse, die stoffgeschichtlich auf ein heroic age-eine „Heldenzeit"-ver­weisen. Bei der deutschen Heldendichtung wäre das die gemeinsame Herkunft der Stoffe aus der germanischen Völkerwanderungszeit. Doch nicht nur gemeinsame Inhalte dienen einer Definition, auch die Intention und Funktion spielt eine Rolle. „Heldendichtung bedient sich nicht nur stofflich an der Geschichte - Heldendichtung will, ganz empathisch, Geschichtserin­nerung, „eigene" Geschichtserinnerung einer bestimmten Ethnie, sein"3.

Diesen Vorgang kann man wie HÖFLER 19554 als Erzählen der „Vorzeitkunde" beschreiben oder wie HEINZLE5 mit derTerminologie „kulturelles Gedächtnis". Unabhängig vom Terminus geht es immer um die Verortung der Heldendichtung außerhalb des Literarischen im engeren Sinne, „auf dem Limes zwischen Literatur und Geschichtsschreibung".

Die Hauptrolle in Heldendichtungen spielt der namengebende Held. „Ein Held ist ein das Maß des Gewöhnlichen überragender Mensch von außerordentlichen Fähigkeiten und außerge­wöhnlichem Einsatz 7 "8.

Eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von „Heldenbüchern" ist, dass es keine Augen­zeugen der Ereignisse mehr gibt und der Dichter nicht mehr genötigt ist, sich an die genauen historischen Tatsachen zu halten. Beispielsweise mussten zwei Menschenalter vergehen, um den Burgunderuntergang des Jahres 437 mit dem 17 Jahre später erst folgenden Tod Attilas verbinden zu können, oder damit ein Brunhilddichter den Mann der historischen Königin durch ihren Schwager ersetzen und diesen Schwager von ihrem Mann anstelle von seinem Bruder töten lassen zu können9.

2.1 Das Heldenbuch-Fantasie oder Chronik?

Die Frage, ob im „Heldenbuch" Elemente germanisch-deutscher Geschichte zu finden seien, stellt sich im 18. Jh. auf ganz andere Weise als im 19.Jh.. Es verändert, sich indem die konkur­rierenden Begriffe nicht mehr Fabel und Geschichte waren, sondern Mythos und Geschichte.

Noch im 18.Jh. drehte sich die Diskussion vor allem darum, ob ins „Heldenbuch" überhaupt historische Ereignisse eingegangen seien oder ob es nicht ausschließlich als ein Produkt dich­terischer Imagination anzusehen sei10. Diese Ansicht, das „Heldenbuch" als ein Stück Unter­haltungsliteratur dem Publikum, welches moderne Prosa gewohnt war, anzubieten, setzte auch die Überzeugung voraus, mit dem „Heldenbuch" ein Beispiel fiktiver Literatur aus dem Mittealter vor sich zu haben. Das auch in späteren Jahrhunderten noch seinen Unterhaltungs­wert behalten würde11. Laut HAUSTEIN tritt diese Tendenz allerdings nur bei denjenigen deut­lich hervor, die den historischen Gehalt des „Heldenbuchs" für gering oder gar nicht vorhan­den erachten.

Schlegel relativiert diese Aussage vom fiktiven Erzählen und beschreibt in seiner „Vorlesung über schöne Literatur und Kunst" das Heldenbuch, „als eine Sammlung phantasievoller Erzäh­lung, komponiert aus alten Erzählstoffen und,wunderbaren' Einfällen eines Erzählers" 12. Damit würde das „Heldenbuch" zu einer Art Mischung aus Chronik und Sage.

Ein großes Thema des 13.Jh. waren der Verlust der guten alten Werte und ein immer zur Ge­staltung reizendes literarisches Motiv, die Verzweiflung und die Trauer. Diese Themen ließen sich nahtlos und nachdrücklich in die Gestalt des Helden und des Heldenbuches einbeziehen. Denn an der Figur des Helden ließen sich beispielsweise große Klagereden über die Untreue in der Welt und das Unglück der Guten anbinden, überhaupt darüber, dass das Leben des Helden weniger von „vröide" als von „arebeit" geprägt sei13. So werden real historische The­men fiktiv angesprochen und verarbeitet.

2.2 Das kulturelle Gedächtnis und das heroic age

Verkompliziert wird das Ganze, dadurch, dass das kulturelle Gedächtnis anderen als historio- graphischen Prinzipien folgt. Es geht grundsätzlich um die Bewahrung der Vergangenheit nicht als solcher, sondern für die jeweilige Gegenwart: Veränderungen, Anpassungen, Aktualisie­rungen sind daher konstitutiv. Daraus und nicht aus der Fixierung von Wissensbeständen re­sultiert ihre Verbindlichkeit14.

„ ,Geschichtlichkeit' besteht hier in der Wechselwirkung zwischen Memoria und Aktualisie- rung"15.Personennamen oder markante Ereignisse bleiben als Erinnerungskerne, markante Schauplätze als Gedächtnisorte in den Köpfen der Leserschaft haften. Hingegen sich Zeit­räume und Zeitpunkte einer schriftlichen Fixierung entziehen und sich in der Mündlichkeit über die Jahrhunderte ineinander zu einer unbestimmten, fernen Vorzeit verschieben: die Vorgeschichte dereigenen Gegenwart ist16.

3 Die Dietrichepik

Was wird unter dem Begriff Dietrichepik verstanden? Ein Versuch der Definition von HEINZLE fasst sie als „eine Gruppe erzählender Verdichtungen in mittelhochdeutscher Sprache [...], deren Held Dietrich von Bern ist"17. Diese Definition ist mit Vorsicht zu genießen. Für die meis­ten der Dietrichepen mag dies natürlich der Fall sein, doch so einfach pauschalisieren lässt es sich nicht. Nimmt man beispielsweise den ersten Teil von „Alphartas Tod". Dort ist der junge Alphart der Haupthandlungsträger oder in den Sagen von „Ortnit und Wolfdietrich" sowie „Biterolf" und „Dietlieb" ist Dietrich selbst kein, oder nur in geringem Maße handelnder Cha­rakter. In diesen Schriften wird eher die Geschichte seiner Verwandten erzählt und trotzdem zählen sie zu den Dietrichepen.

Bevor es allerdings zu einer schriftlichen Fassung kam wurden die Epen lange mündlich tra­diert. In der Forschung vermutet man, dass die meisten Heldenepen um Dietrich von Bern im 13.Jh. verfasst wurden18. Außerdem sind fast alle mittelhochdeutschen Dietrichepen anonym überliefert. Nur einmal ist ein Verfasser (Albrecht von Jemenate im „Goldmar") und einmal ein Bearbeiter (Heinrich der Vogler in „Dietrichs Flucht") genannt19. Die Verfasser der Helden­dichtung blieben in der Regel namenlos, da „sie sich nur als Glieder in der Kette derer verste­hen, die ,Vorzeitkunde' tradieren"20. Tradieren der „Vorzeitkunde" bedeutet, dass die schrift­lichen Verfasser der Dietrichepen letztlich Bearbeiter des lange mündlich überlieferten Diet­rich-Sagengutes gewesen sind.

Man unterscheidet zwischen der historischen Dietrichepik, mit welcher sich diese Arbeit pri­mär beschäftigt, und der aventiurehafte Dietrichepik21. Als Beispiele für die historische Dietri­chepik, sind „Dietrichs Flucht", die „Rabenschlacht" und „Alpharts Tod" zu nennen. Beispiele für die aventiurehafte Dietrichepik sind das „Eckenlied", der„Laurin" oder der„Rosengarten". Die historische Dietrichepik behandelt die Vertreibung des Helden aus Bern, dem heutigen Verona. Die Aventiurehafte spielt meistens in Dietrichs Jugendzeit und demnach vor dem his­torischen Sagenkern. Hier muss Dietrich zumeist gegen Sagenwesen antreten. Eine Sonder­form, neben den zwei eben erwähnten, stellt die Thidreksaga dar, welche versucht, die Sagen in einer Art Biographie chronologisch anzuordnen22.

In den einzelnen Gattungen von Dietrichdichtungen herrschen bestimmte Sagenversionen vor. Die mittelhochdeutsche Dietrichepik geht von der bekannten Umdeutung des Italien-Er­oberers Theoderich dem Großen zum Landvertriebenen, im Exil lebenden Recken aus, der ebenso siegreich, wie letztlich vergebliche Rückeroberungsversuche unternimmt. Daneben existiert aber auch eine andere Auffassung von dem Gotenherrscher und seinem Leben. Die aventiurehafte mittelhochdeutschen Dietrichepen lassen vom tragisch-unglücklichen Recken nichts erkennen und verherrlichen den siegreichen Heldenjüngling von Bern, der Freunde ge­winnt, Widersacher besiegt und Bedrängten hilft.

4 Das Leben von Theoderich dem Großen

Das folgende Kapitel stütz sich auf die Informationen aus der Biographie von Frank Ausbüttel überTheoderich den Großen aus dem Jahr 2003.

Theoderich der Große war ein rex der Ostgoten aus dem Geschlecht der Amaler. Er wird im Mai 453 n.Chr. in Pannonia geboren. Zu der selben Zeit starb der Hunnenkönig Attila. Nach demTode Attilas gingen die Ostgoten ein Föderationsverhältnis mit dem oströmischen Reich ein, zu dessen Sicherung Thiudimirs Sohn Theoderich für ein Jahrzehnt (459 - 467/70) als Gei­sel nach Byzanz gegeben wurde. Nach der Rückkehr zu den Ostgoten übte er an der Seite seines Vaters Herrschaftsfunktionen aus. 474 übernahm dort Theoderich nach dem Tod des Vaters das Königsamt.

[...]


1 Vgl.: HAUSTEIN: Der unzeitgemäße Held, S. 48; LIENERT: Mittelhochdeutsche Heldenepik, S.101.; MILLET:

Germanische Heldendichtung, S.327; HEINZLE: Einführung, S.l.

2 UECKER: Germanische Heldensagen, S.50.

3 KRAGL: Heldenzeit, S.l.

4 Vgl. HÖFLER: Anonymität des Nibelungenliedes, S.287.

5 Vgl.: HEINZLE 1998, 2003, 2003/4, 2010.

6 KRAGL: Heldenzeit, S.l.

7 LIENERT: Mittelhochdeutsche Heldenepik, S.9.

8 Definition Held: s.a. HAUSTEIN: Der unzeitgemäße Held, S.47.

9 MCLINTOCK: Dietrich und Theoderich, S.99.

10 Vgl.: HAUSTEIN: Zur Erforschung deutscher Dietrichepik, S.132.

11 Vgl.: Ebd., S.133.

12 SCHLEGEL: Vorlesung, S.129.

13 Vgl.: HAUSTEIN: Der unzeitgemäße Held, S.51.

14 Vgl.: LIENERT: Untersuchung „Dietrichflucht", „Rabenschlacht", „Alpharts Tod", S.234.

15 Ebd. S.234.

16 Vgl.: LIENERT: Mittelhochdeutsche Heldenepik, S. 11.

17 HEINZLE: Einführung, S.l.

18 Vgl.: LIENERT: Mittelhochdeutsche Heldenepik, S.101.; MILLET: Germanische Heldendichtung, S.327;

HEINZLE: Einführung, S.l.

19 Vgl.: HEINZLE: Einführung, S.l.

20 HEINZLE: Einführung, S.29.

21 Vgl.: HAUSTEIN: Der unzeitgemäße Held, S. 48;

22 Vgl.: HAUSTEIN: Der unzeitgemäße Held, S.48.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der literarische Umformungsprozess von Theoderich dem Großen zu Dietrich von Bern in der germanischen Heldensage
Untertitel
Vom ruhmreichen König zum glücklosen Exilanten
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V494216
ISBN (eBook)
9783346004307
ISBN (Buch)
9783346004314
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umformungsprozess, theoderich, großen, dietrich, bern, heldensage, könig, exilanten
Arbeit zitieren
Alexandra Breier (Autor:in), 2018, Der literarische Umformungsprozess von Theoderich dem Großen zu Dietrich von Bern in der germanischen Heldensage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494216

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