Die Nationalitätenfrage in Ungarn während des 19. Jahrhunderts

Eine Gegenüberstellung verschiedener Lösungsansätze der damaligen Zeit und die Aussichten auf eine erfolgreiche Lösung der Nationalitätenproblematik


Hausarbeit, 2009
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt Seite

1. Einleitung

2. Josef Eötvös Überlegungen zur Nationalitätenproblematik in Ungarn und die von ihm formulierten Ansätze zu deren Lösung

3. Die Nationalitätenproblematik aus der Sicht der Kroaten und Slawonier

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

In der vorliegenden Hausarbeit zum Thema „Die Nationalitätenfrage in Ungarn während des 19. Jahrhunderts“ möchte ich mich in erster Linie mit der Frage beschäftigen, welche Lösungsansätze in dieser Frage während der damaligen Zeit formuliert worden sind. Hierbei gilt es vor allem, die Position Ungarns einerseits und die Forderungen und Ziele der Nationalitäten andererseits, gegenüber zu stellen.

Die von Josef Eötvös in seinem 1865 erschienenen Werk „Die Nationalitäten- Frage“ angestellten Überlegungen stellen dabei den zentralen Einstiegspunkt in die Thematik dar. Eötvös hat als einer der bedeutendsten Politiker und politiktheoretischen Denker Ungarns im 19. Jahrhundert wichtige Grundlagen zum Verständnis der Nationalitätenproblematik gelegt. Auch wenn seine Lösungsvorschläge letztlich nicht umgesetzt wurden bzw. unter mehreren Gesichtspunkten nicht zu dem von ihm erhofften Erfolg führten, so kann man sich aus meiner Sicht dieser Thematik nicht ohne die Berücksichtigung seiner Überlegungen nähern. Eine Übersicht über die von ihm vorgeschlagenen Lösungswege und seine Sicht der Ausgangslage stellt deshalb einen wichtigen Teil dieser Hausarbeit dar.

Abschließend sollen am Beispiel Kroatiens und Slawoniens einige strukturelle Konfliktlinien zwischen den einzelnen Nationalitätenbewegungen aufgezeigt werden. Die Frage, welche es am Ende zu beantworten gilt ist, ob die von Eötvös vorgeschlagene und von der ungarischen Regierung praktizierte Lösung der Nationalitätenfrage auf Grundlage der Rechtsgleichheit aller Staatsbürger Ungarns letztlich hätte zum Erfolg führen können, oder ob diese den Hauptinteressen der Nationalitäten zuwider lief und deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Hierbei geht es mir nicht darum, die Interessenlage Ungarns oder Kroatiens möglichst umfassend darzulegen und zu werten; Ziel kann es lediglich sein, wichtige Konfliktlinien aufzuzeigen, anhand derer sich Tendenzen erkennen lassen. Alles andere würde den Rahmen dieser Hausarbeit übersteigen.

2. Josef Eötvös Überlegungen zur Nationalitätenproblematik in Ungarn und die von ihm formulierten Ansätze zu deren Lösung:

Josef Eötvös betrachtete wie viele seiner Zeitgenossen und auch ausländische Beobachter die Lösung der Nationalitätenfrage als das zentrale Element für die Sicherung der staatlichen Existenz Ungarns.1 Es war ihm bewusst, dass die Lösung dieser Problematik entscheidend für den Aufbau einer stabilen ungarischen Verwaltung sein würde.

Er verglich das Bewusstsein der Menschen, einer bestimmten Nationalität anzugehören, mit der Religiosität und beschrieb das Nationalgefühl als eine „Sache des Gemüthes“. Deshalb kam er zu dem Schluss, dass die Nationalitätenproblematik nicht durch Gewalt oder den „Machtanspruch der Majorität“ würde gelöst werden können, sondern allein durch Überzeugung und „gegenseitiges Einverständnis“. 2 Ein großes Problem auf dem Weg zu einer Lösung der Nationalitätenfrage sah Eötvös in dem zur damaligen Zeit vorherrschenden Misstrauen zwischen den einzelnen in Ungarn lebenden Nationalitäten. Hierbei seien die extremen Meinungen zwar immer in der Minderheit, würden jedoch am lautesten geäußert und wahrgenommen.3 Deshalb plädierte er für eine sachlich geführte öffentliche Debatte unter Wahrung des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung jeder Meinung.4 Die Richtschnur, an welcher sich die Lösung der Nationalitätenfrage aus der Sicht Eötvös orientieren müsse, sei das gemeinsame Interesse des ungarischen Staates und nicht die Befriedigung von Partikularinteressen einzelner Nationalitäten.5 Somit sprach er sich eindeutig für die Wahrung der territorialen Integrität Ungarns aus. Drei Ideen beeinflussen laut Eötvös das Denken seiner Zeit am nachhaltigsten. Diese sind die Idee der Freiheit, die Idee der Gleichheit und die Idee der Nationalität. Die Idee der Nationalität hält er dabei für am bedeutendsten und zugleich charakteristischsten. Den Begriff der Nationalität beschreibt Eötvös wie folgt: „Die Nationalität ist nichts anderes, als jenes Bewusstsein der

Zusammengehörigkeit, welches unter einer größeren Anzahl von Menschen, durch die Gemeinsamkeit der Erinnerungen ihrer Vergangenheit, ihrer gegenwärtigen Lage und die daraus resultierende Gemeinsamkeit ihrer Interessen und Gefühle erzeugt wird.“6 Für das verstärkte Nationalitätsgefühl seiner Zeit hielt er mehrere Gründe für ausschlaggebend. Erstens: Den kulturellen Fortschritt der Völker Europas. Hierbei geht er davon aus, dass mit zunehmendem Bildungsgrad eines Volkes auch das Gefühl seiner Individualität und somit der Nationalität steigen würde. Zweitens: Die Idee der Volkssouveränität. Diese Idee des achtzehnten Jahrhunderts habe laut Eötvös ein Bewusstsein für die „Berechtigung des einzelnen Volkes“ begründet und gleichzeitig, mit der Idee der Gleichheit, zur „Anerkennung der Gleichberechtigung der Völker“ geführt.7

Des Weiteren führt Eötvös noch eine dritte Erscheinung an, welche seiner Meinung nach das Entstehen der Nationalitätenproblematik entscheidend beeinflusst hat: die Durchsetzung des Zentralisationsprinzips in der Verwaltung und die damit verbundene Anwendung des Majoritätsprinzips. Diese beschreibt er als Folge des allgemeinen wissenschaftlichen Fortschritts und der Tendenz zur Verwissenschaftlichung im achtzehnten Jahrhundert. Hierdurch sei es zu einer Unterdrückung von Minoritäten (also z.B. einzelnen Nationalitäten) innerhalb von Staaten gekommen. Somit würde sich im Aufbegehren einzelner, in der Minderheit befindlicher Nationalitäten, nur ein Streben nach Rechtsgleichheit ausdrücken.8 In seinen späteren Ausführungen werden fünf weitere Einflussfaktoren genannt, die ich an dieser Stelle kurz zusammenfassen möchte: 9

1) Kultureller Fortschritt und nationale Literatur
2) Die Nationalitätenbewegungen in den Nachbarländern
3) Beseitigung der lateinischen Sprache auf dem Gebiet der Gesetzgebung, wodurch sich ein Vorteil für die Madjaren ergeben hätte
4) Fortschritt auf politischer Ebene
5) Wachsender Einfluss des Volkes seit den demokratischen Reformen

Die Ausgangslage in Ungarn beschreibt Eötvös wie folgt:

Das Nationalitätsbewusstsein begründe sich entweder durch die Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ oder Sprache (als Beispiele nennt er Deutschland und Italien) oder durch „das historische Recht“ (Polen). In Ungarn seien hingegen beiderlei Identifikationsmuster vorhanden. Deshalb sei die Nationalitätenfrage für kein Land bedeutender und schwieriger zu lösen als für Ungarn.10 Mit Rückblick auf die Besiedlungsgeschichte Ungarns kommt er zu dem Schluss, dass allein die Madjaren zur Gründung eines größeren Staatswesens auf ungarischen Boden in der Lage gewesen seien, wobei für ihn unzweifelhaft ist, dass bereits zu Zeiten der Gründung Ungarns mehrere Nationalitäten in diesem Reich vereinigt waren.11 Als entscheidenden Gegensatz zu anderen Nationen Europas betrachtet Eötvös, dass in Ungarn nie eine Verschmelzung der einzelnen Nationalitäten zu einer einzigen Nation stattgefunden habe. Dieses Phänomen sieht er zum einen darin begründet, dass „weder das ungarische Volk, noch jene, welche von ihm erobert wurden […] auf einer so hohen Stufe der Cultur [standen], dass irgend eines von ihnen sich die übrigen Nationalitäten zu assimilieren vermocht hätte.12 Zum Anderen hätte bereits Stefan der Heilige (erster König Ungarns; 969-1038) seinen Nachfolgern eine andere Form der Nationalitätenpolitik mit auf den Weg gegeben. Diesen zitiert Eötvös mit dem Satz: „unius linguae uniusque moris regnum inbecille et fragile est“ (sinngemäß: „Ein Reich aus gleichem Blut und gleicher Sprache ist schwach und zerbrechlich“)13 Außerdem sei durch die Türkenherrschaft und den christlich-islamischen Gegensatz die Nationalitätenfrage lange Zeit in den Hintergrund gedrängt worden.14 Er kommt zu dem Schluss, dass Ungarn historisch gesehen nur als eine „politische Nationalität“ zu verstehen sei.15

Das Streben nach persönlicher Freiheit stellt für Eötvös das zentrale Moment sowohl zur Begründung als auch zur Lösung der Nationalitätenproblematik in Ungarn dar.16 Deshalb lässt sich das Ideal der persönlichen Freiheit und der Rechtsgleichheit bzw. Gerechtigkeit immer wieder deutlich in seiner Argumentationsstruktur erkennen, wie im Folgenden deutlich werden wird.

Das Ziel, welches aus der Sicht Eötvös zur Lösung der Nationalitätenfrage angestrebt werden müsse sei es, die Forderungen der Nationalitäten auf der einen Seite und die Bedürfnisse des Staates auf der anderen Seite in Einklang zu bringen. Den Wünschen der Nationalitäten sollte dabei insoweit nachgekommen werden, wie dies unter Wahrung der Interessen Ungarns möglich sei. Die beste Lösung sei gefunden, wenn sie von allen in Ungarn lebenden Nationalitäten gleichermaßen als gerecht anerkannt würde.17 Eötvös war allerdings durchaus bewusst, dass die Nationalitätenproblematik in Ungarn zu vielschichtig sei, als das es ideale Lösungen geben könnte. Er mahnte deshalb bei allen Parteien zu Kompromissbereitschaft.18 Außerdem plädierte er für ein höheres Maß an gegenseitigem Verständnis was die Wünsche der Nationalitäten anbetrifft.19 Nicht die Dominanz einer Nationalität auf Kosten der Unterdrückung einer anderen könne das Ziel sein, sondern nur ein Ausgleich der verschiedenen Interessenlagen aller Nationalitäten, soweit dies eben durch Kompromisse möglich sei.20 Die von Eötvös favorisierte Lösung ist also eine vollständige Rechtsgleichheit aller in Ungarn lebenden Nationalitäten.21

Die Entstehung der Nationalitätsbewegungen ist für Eötvös demnach aus dem „natürlichen Laufe der Dinge“ zu erklären und keinesfalls eine künstlich geschaffene Erscheinung.22 Hierbei bemüht er sich immer wieder, die Vorteile Ungarns auch für die auf seinem Gebiete lebenden Nationalitäten herauszustellen. So begründet er mit eindringlichen Beispielen die Bedrohung der kleineren Nationalitäten Ungarns durch ausländische Mächte, vor welcher nur der ungarische Gesamtstaat Schutz bieten könne.23 Außerdem sei die Nationalität nie der Ausgangspunkt für Zwist in Ungarn gewesen, sondern immer nur unterschiedliche Interessen (z.B. Religion oder Streitigkeiten um die Thronfolge).24 Wenn Ungarn zerfiele, würden auch die Interessen aller seiner unterschiedlichen Völker dadurch negativ beeinflusst (Eötvös bedient sich an dieser Stelle der Metapher eines 100 jährigen Baumes, der versetzt werden soll).25

[...]


1 Vgl. Eötvös, József, Die Nationalitäten-Frage, Pest 1865, S. V. (1. Seite des Vorworts)

2 Vgl. ebd. S. V-VI. (Vorwort)

3 Vgl. ebd. S. 65: „Die Erfahrung lehrt, dass bei jeder lebhafteren politischen Bewegung die extremste Meinung sich stets am lautesten kundgibt…“.

4 Vgl. ebd. S. VII: „Selbst die heftigste Debatte wird uns einander näher bringen als das Schweigen, wodurch nur das gegenseitige Misstrauen, dieses Haupthinderniss einer befriedigenden Lösung, gesteigert wird.“.

5 Vgl. ebd., S. X.

6 Vgl. ebd. S. 11-12.

7 Vgl. ebd. S. 14.

8 Vgl. ebd. S. 17-18.

9 Vgl. hierzu: ebd. S. 30-31.

10 Vgl. ebd. Ebd. S. 21: „Es gibt kein Land, für dessen Lage die Nationalitätsfrage von entscheidenderem und allgemeinerem Einflusse wäre, als in unserem Vaterlande.“.

11 Vgl. ebd. S. 22-23.

12 Vgl. ebd. S. 23.

13 Vgl. ebd. S. 24.

14 Vgl. ebd. S. 26: „Der gewaltige Gegensatz zwischen dem Christenthume und dem Islam drängte alles Andere, somit auch die besonderen Nationalitäts-Interessen in den Hintergrund,…“.

15 Vgl. ebd. S. 25-26: „Dieses Verfahren hatte aber auch die andere Folge, dass das ungarische Reich andern Ländern gegenüber allerdings ein compactes Ganze bildete, aber in nationaler Beziehung nie vollständig eins werden konnte, und in den Jahrhunderten seiner Unabhängigkeit bis zur Mohacser Schlacht stets nur als politische Nationalität erscheint.“.

16 Vgl. Weber, Johann, Eötvös und die ungarische Nationalitätenfrage, S. 104-105, München 1966.

17 Vgl. ebd. S. 63.

18 Vgl. ebd.: „Wir haben es hier mit einer jener Fragen zu thun, […], welche nur gelöst werden können, wenn jeder von uns auf jenen Theil seiner Forderungen verzichtet, welche mit den billigen Ansprüchen anderer oder mit dem allgemeinen Interesse im Widerspruche steht…“.

19 Vgl. ebd. S. 62: „Den richtigen Ausgangspunkt hat nicht derjenige getroffen, der sich über jedes Nationalitätengefühl hinwegsetzt, sondern derjenige, der, für die Interessen seiner eigenen Nationalität sich begeisternd, dabei nicht vergisst, dass Andere eben so warm fühlen…“.

20 Vgl. ebd. S. 63. (oberer Abschnitt)

21 Vgl. ebd. S. 64: „Das Princip, welchem wir bei der Lösung dieser Frage zu folgen haben, kann nur jenes der vollständigen Rechtsgleichheit sein; …“.

22 Vgl. ebd. S. 37: „… das jene Bewegung, welche bezüglich der Nationalitätenfrage in neuerer Zeit entstand, nicht durch eine künstliche Agitation, sondern durch raehre aus dem natürlichen Laufe der Dinge entspringende Ursachen hervorgerufen wurde.“.

23 Vgl. ebd. S. 39: „Nachdem das Gebiet, welches durch den Gebirgsbogen der Karpathen ein geographisches Ganze wird, nicht von einer einzigen grossen Nation, sondern von mehreren verschiedenen Völkern bewohnt wird, deren jedes für sich genommen nicht zahlreich genug ist, […] seine eigene Unabhängigkeit aufrecht erhalten zu können: bildet nur die Einheit des ungarischen Reiches jenen Schild, unter welchem sie alle mit einander ihre Sicherheit finden.“.

24 Vgl. ebd. S. 28.

25 Vgl. ebd. S. 66-68.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Nationalitätenfrage in Ungarn während des 19. Jahrhunderts
Untertitel
Eine Gegenüberstellung verschiedener Lösungsansätze der damaligen Zeit und die Aussichten auf eine erfolgreiche Lösung der Nationalitätenproblematik
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V494234
ISBN (eBook)
9783668981782
ISBN (Buch)
9783668981799
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ungarn, Josef Eötvös, Nationalitätenfrage, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Dennis Vöste (Autor), 2009, Die Nationalitätenfrage in Ungarn während des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494234

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