Die Rhetorik hatte eine prominente Bedeutung in der Antike. Demosthenes, Lysias und Aischines gehören zu den berühmten attischen Rednern ihrer Zeit: Sie gaben mit ihren literarischen Denkmälern einer professionellen rhetorischen Kraft ihren Ausdruck, mit der sie die Intention der Rede geschickt auf die Zuhörer wirken lassen konnten.
Diese Reden stellen für uns heute wichtige Quellen auf zwei Ebenen dar, die wir bei der Rekonstruktion der Vergangenheit verstehen wollen: sie überlassen uns nicht nur Anhaltspunkte für die Rekonstruktion historischer Ereignisse, sondern sie bilden auch ein Spiegelbild des athenischen Alltags, mit dem wir uns dieser Zeit nähern können, um einen Einblick über das Selbstverständnis der Athener, das eng verbunden ist mit der Zeit ihrer Vorfahren, zu ermitteln. Bei der Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Vergangenheit in dieser Zeit schließt sich die Frage an, wie das Verhältnis zwischen der Wiedergabe historischen Fakten in den Vergangenheitsbezügen dieser Reden und der subjektiven Widerspiegelung der Geschichte zu bestimmen ist: Welchen Wahrheitsgehalt transportieren diese Reden und inwiefern sind sie trotz allem Bewusstsein für den subjektiven Grundton der Rede für die Historiographie von Nutzen- offenbaren Szenen in einer Rede, die Vergangenes beschreiben, einem Historiker aus der jüngeren Zeit, wie es wirklich gewesen?
Diese Arbeit möchte also folgendes: Sie sucht an exemplarisch herausgegriffenen Textstellen aus den verschiedenen Reden der genannten Autoren zu ermitteln, welche Bedeutung eine solche Quelle für die Realität dieser Zeit besitzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Demosthenes
2.1.1 Politischer Kontext
2.2 Demosthenes und die Reden gegen Philipp
2.2.1 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Α´
2.2.2 Fazit zur Ersten Rede gegen Philipp
2.3 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Α
2.3.1 Fazit zur Ersten Olynthischen Rede
2.4 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Β
2.4.1 Fazit zur Zweiten Olynthischen Rede
2.5 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Γ
2.5.1 Fazit der Olynthischen Reden
2.6 ΠΕΡΙ ΤΗΣ ΕΙΡΗΝΗΣ
2.7 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ B´
2.8 ΠΕΡΙ ΤΩΝ ΕΝ ΧΕΡΡΟΝΗΣΩΙ
2.8.1 Fazit zur Rede über die Angelegenheiten in der Chersones
2.9 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Γ´
2.9.1 Fazit zur Dritten Rede gegen Philipp (IX)
3.1 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Δ´
3.1.1 Fazit zur Vierten Rede Gegen Philipp (X)
4. Wer (re-)konstruiert Geschichte in den Reden des Demosthenes?
5. Demosthenes und die Inszenierung der Vergangenheitsbezüge
6. Fazit zu Demosthenes
7. Lysias
7.1 ΥΠΕΡ ΤΟΥ ΕΡΑΤΟΣΘΕΝΟΙΣ ΦΟΝΟΥ ΑΠΟΛΟΓΙΑ (I)
7.1.1 Die Narratio als Vergangenheitsbezug in der Verteidigungsrede
7.2 Fazit zur Verteidigungsrede im Mordfall des Eratosthenes (I)
7.3 ΕΠΙΤΑΦΙΟΣ ΤΟΙΣ ΚΟΡΙΝΘΙΩΝ ΒΟΗΘΟΙΣ (ΙΙ)
7.3.1 Der Mythos als Vergangenheitsbezug
7.3.2 Inszenierung der Geschichte und Geschichtsbild bei Lysias
7.3.3 Fazit zur Grabrede für die im Korinthischen Krieg gefallenen Athener (II)
8.1 Vergleich der Vergangenheitsbezüge zwischen Demosthenes und Lysias
8.2 Geschichtsbild des Lysias im Vergleich zum Geschichtsbild des Demosthenes
9. Aischines
9.1 ΚΑΤΑ ΤΙΜΑΡΧΟΥ (I)
9.2 Fazit zu Aischines
10. Vergleich der Prozessreden von Lysias und Aischines
11. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie attische Redner des 4. Jahrhunderts v. Chr. Vergangenheitsbezüge konstruieren, um ihre politischen oder juristischen Ziele zu erreichen und das athenische Selbstverständnis zu prägen. Sie analysiert das Verhältnis zwischen historischer Faktenwiedergabe und subjektiver Deutung.
- Rolle der Rhetorik bei der Konstruktion von Vergangenheit.
- Unterschiedliche Funktionen von Vergangenheitsbezügen bei Demosthenes, Lysias und Aischines.
- Nutzung der Vergangenheit als legitimierendes Instrument für politische Standpunkte.
- Die Bedeutung von Gesetzen als tradierter Vergangenheitsbezug in Prozessreden.
- Identitätsstiftende Wirkung mythischer und historischer Narrative für das athenische Volk.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Α´ Erste Rede gegen Philipp (IV)
In der ersten Philippischen Rede skizziert Demosthenes seine Aufforderung für eine Gegenwehr gegen Philipp und beschreibt mit Nachdruck die Fehler der athenischen Kriegshandlungen, deren Konsequenz die damalige athenische Unterlegenheit war.
Demosthenes thematisiert zu Beginn den Nutzen der Reden, der daraus besteht, über Probleme zu beraten, somit also Lösungsstrategien zu finden, die eine problemgelöste Zukunft organisieren. Er begründet den Inhalt seiner Rede mit dem Versäumnis, dass seiner Meinung nach in den vergangenen Reden, die ebenfalls die in seiner Rede behandelten Probleme thematisierten, nicht der Problemlösung dienen konnten: „εἰ γὰρ ἐκ τοῦ παρεληλυθότος χρόνου τὰ δέονθ᾽ οὗτοι συνεβούλευσαν, οὐδὲν ἂν ὑµᾶς νῦν ἔδει βουλεύεσθαι.“ Dieser Punkt unterstreicht, wie in der Untersuchung noch weiter deutlich werden soll, das allgemeine Grundschema, in das Demosthenes seine Reden setzt: er analysiert und kritisiert die jüngste Vergangenheit und zeigt deren fehlendes politisches Pflichtgefühl auf, durch das die Athener dem makedonischen Herrscher seine Machtzunahme ermöglichten. Demosthenes fokussiert den Vorwurf in diesem Fall noch auf „οὗτοι“ und nicht auf die Zuhörer, die Athener selbst, was ein Beispiel dafür geben soll, dass Demosthenes den Vorwurf in dieser Rede im Vergleich zu den anderen Reden, in denen sich die Intensivität der Vorwürfe steigert, noch in ein angenehmeres Licht stellt.
Er kontrastiert diese Kritik im Folgenden mit einem ruhmreicheren Vergangenheitsbezug auf die damalige Macht der Lakedaimonier und den Kampf gegen selbige, den die Athener gewonnen haben, weil sie damals ihr Augenmerk auf das, was sich tat, gerichtet haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung der antiken Rhetorik und die Fragestellung zur Konstruktion von Vergangenheit als historische Quelle.
2.1 Demosthenes: Analyse des Redners als Staatsmann und Einordnung seiner Reden in den politischen Kontext der Zeit Philipps II.
2.1.1 Politischer Kontext: Beschreibung der machtpolitischen Veränderungen in Griechenland beim Übergang vom Polis-System zum Hellenismus.
2.2 Demosthenes und die Reden gegen Philipp: Untersuchung der tendenziösen Herrscherdarstellung Philipps II. durch Demosthenes.
2.2.1 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Α´: Analyse der ersten Philippischen Rede und ihrer rhetorischen Strategie zur Mahnung an das politische Pflichtbewusstsein.
2.2.2 Fazit zur Ersten Rede gegen Philipp: Zusammenfassung des Nutzens der Vergangenheit als Appell zur Anpassung an die gegenwärtigen Erfordernisse.
2.3 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Α: Historische Einordnung der ersten olynthischen Rede und der Forderung nach athenischer Hilfe.
2.3.1 Fazit zur Ersten Olynthischen Rede: Reflexion über die analytische Herangehensweise des Redners und seine didaktische Nutzung der Geschichte.
2.4 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Β: Fokus auf die bewusste, subjektive Verzerrung des Herrscherbildes Philipps II.
2.4.1 Fazit zur Zweiten Olynthischen Rede: Analyse der Fokussierung auf jüngere Ereignisse statt auf ferne Vorfahrenbilder.
2.5 ΟΛΥΝΘΙΑΚΟΣ Γ: Untersuchung der historischen Gesetzmäßigkeit, die Demosthenes aus der fehlenden Entschlossenheit ableitet.
2.5.1 Fazit der Olynthischen Reden: Synthese über die Funktion der Vergangenheit als Fundament für die politische Argumentation.
2.6 ΠΕΡΙ ΤΗΣ ΕΙΡΗΝΗΣ: Analyse der Verteidigungsstrategie des Redners bezüglich des Friedensschlusses.
2.7 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ B´: Untersuchung der Nutzung des Vorbildes der Vorfahren zur moralischen Abwertung Philipps II.
2.8 ΠΕΡΙ ΤΩΝ ΕΝ ΧΕΡΡΟΝΗΣΩΙ: Analyse der Rede im Kontext des Konflikts um Chersones und des Misstrauens gegenüber Philipp.
2.8.1 Fazit zur Rede über die Angelegenheiten in der Chersones: Diskussion um die historische Korrektheit und die Skepsis gegenüber intentionalen Botschaften.
2.9 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Γ´: Untersuchung der Kontrastierung Philipps mit den edlen Vorfahren zur Rettung Griechenlands.
2.9.1 Fazit zur Dritten Rede gegen Philipp (IX): Analyse der Idealisierung der Vergangenheit zur Verankerung politischer Denkschriften im Gedächtnis.
3.1 ΚΑΤΑ ΦΙΛΙΠΠΟΥ Δ´: Darstellung der enttäuschten Erwartungen an den Frieden von 346.
3.1.1 Fazit zur Vierten Rede Gegen Philipp (X): Zusammenfassung der Zielsetzung, zuerst die Zeitgenossen und dann das Ideal der Vorfahren anzusprechen.
4. Wer (re-)konstruiert Geschichte in den Reden des Demosthenes?: Analyse der Interaktion zwischen Redner und Zuhörer bei der Rekonstruktion vergangener Ereignisse.
5. Demosthenes und die Inszenierung der Vergangenheitsbezüge: Zusammenfassung der rhetorischen Inszenierung von Geschichte im Dienst politischer Ziele.
6. Fazit zu Demosthenes: Zusammenfassende Bewertung der Vergangenheitsbezüge als Mittel zur Aktivierung politischer Handlungsbereitschaft.
7. Lysias: Einführung in die Verteidigungsreden des Lysias und ihre Bedeutung für die Untersuchung von Gesetzen.
7.1 ΥΠΕΡ ΤΟΥ ΕΡΑΤΟΣΘΕΝΟΙΣ ΦΟΝΟΥ ΑΠΟΛΟΓΙΑ (I): Analyse der Verteidigung im Mordfall als Beispiel für die Nutzung drakonischer Gesetze.
7.1.1 Die Narratio als Vergangenheitsbezug in der Verteidigungsrede: Untersuchung der erzählerischen Komponente zur Überzeugung der Zuhörer.
7.2 Fazit zur Verteidigungsrede im Mordfall des Eratosthenes (I): Reflexion über die interpretatorische Kompetenz des Logographen bei Gesetzesanwendungen.
7.3 ΕΠΙΤΑΦΙΟΣ ΤΟΙΣ ΚΟΡΙΝΘΙΩΝ ΒΟΗΘΟΙΣ (ΙΙ): Untersuchung der Grabrede als Medium mythischer und realer Vergangenheitsbezüge.
7.3.1 Der Mythos als Vergangenheitsbezug: Analyse der Rolle des Herakliden-Mythos für die Legitimation athenischer Vormachtstellung.
7.3.2 Inszenierung der Geschichte und Geschichtsbild bei Lysias: Untersuchung der Identitätsstiftung durch mythische Narrative.
7.3.3 Fazit zur Grabrede für die im Korinthischen Krieg gefallenen Athener (II): Zusammenfassung über die Funktion der Grabrede für die Identitätsstiftung und den Ruhm.
8.1 Vergleich der Vergangenheitsbezüge zwischen Demosthenes und Lysias: Analyse der Unterschiede zwischen politischer Mahnung und identitätsstiftendem Lob.
8.2 Geschichtsbild des Lysias im Vergleich zum Geschichtsbild des Demosthenes: Diskussion der unterschiedlichen Ansätze zur Nutzung von Geschichte bei den beiden Rednern.
9. Aischines: Einführung in die Prozessrede gegen Timarchos und den Kontext ihrer Entstehung.
9.1 ΚΑΤΑ ΤΙΜΑΡΧΟΥ (I): Analyse der Rede und ihrer Funktion zur juristischen Abwehr der Gesandtschaftsklage.
9.2 Fazit zu Aischines: Bewertung der Vorbildrolle der Vorfahren und der Gesetze als Normensystem.
10. Vergleich der Prozessreden von Lysias und Aischines: Analyse der instrumentellen Nutzung von Gesetzen als Vergangenheitsbezug in Prozessen.
11. Fazit: Gesamtschau über die Formen und den Nutzen der Vergangenheitsbezüge bei den untersuchten Rednern.
Schlüsselwörter
Antike Rhetorik, Demosthenes, Lysias, Aischines, attische Redner, Vergangenheitsbezug, Geschichtsbild, politische Geschichte, athenische Demokratie, Gesetzgebung, Vorbildfunktion, Identitätsstiftung, Philipp II., Philippische Reden, Verteidigungsreden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie attische Redner des 4. Jahrhunderts v. Chr. auf die Vergangenheit zurückgriffen, um ihre gegenwärtigen politischen und juristischen Ziele zu erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Rhetorik als Instrument der Geschichtskonstruktion, die Nutzung mythischer und historischer Narrative zur Identitätsstiftung sowie die strategische Anwendung von Gesetzen als Vergangenheitsbezug.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu ermitteln, ob und wie Vergangenheitsbezüge in politischen und juristischen Reden funktionalisiert wurden, um das Publikum zu überzeugen oder zu mobilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse von exemplarischen Textstellen aus Reden der Autoren Demosthenes, Lysias und Aischines, wobei deren historische Kontexte berücksichtigt werden.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die politischen Reden des Demosthenes (Fokus auf Philipp II.), die Verteidigungs- und Grabreden des Lysias (Fokus auf Gesetze und Mythen) sowie die Prozessrede des Aischines.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Antike Rhetorik, Konstruktion von Vergangenheit, politische und juristische Reden, athenische Identität und Gesetzgeber wie Solon oder Drakon.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Demosthenes von dem des Lysias?
Während Demosthenes die Vergangenheit primär didaktisch-kritisch nutzt, um das Versagen der Gegenwart zu rügen, setzt Lysias die Vergangenheit eher identitätsstiftend und lobend ein, um Glanz und Tradition zu betonen.
Welche Rolle spielen die Gesetze in den untersuchten Prozessreden?
Gesetze werden von den Rednern als tradierte Normen interpretiert und "maßgefertigt" an die Bedürfnisse des jeweiligen Mandanten angepasst, um dessen Verhalten durch den Verweis auf die Ahnen zu rechtfertigen.
Warum spielt der Mythos in der Untersuchung eine Rolle?
Der Mythos dient den Rednern als Argumentationsgrundlage für die Vormachtstellung und das Selbstbild Athens, da zwischen mythischer Vergangenheit und historischer Realität rhetorisch oft nicht unterschieden wird.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die historische Objektivität?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass diese Reden keine objektive Geschichtsschreibung darstellen, sondern ein wertvolles Zeugnis für das Selbstverständnis und den Zeitgeist der Athener im 4. Jahrhundert v. Chr. sind.
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- Anonym (Author), 2013, Konstruktion von Vergangenheit bei den attischen Rednern des 4. Jahrhunderts v. Chr., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494324