Über das kollektive Gedächtnis im Buch "Les Années" von Annie Ernaux

Die kulturelle Bedeutung von Werbung, Marken und Produkten


Hausarbeit, 2019
13 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Werbung, Marken und Produkte
2.1 Werbung, Marken und Produkte in der Literatur.
2.2 Werbung, Marken und Produkte in ‚Les Années‘

3. Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses in „Les Années“.
3.1 Aufbau des Buches.
3.2 Literarische Umsetzung des kollektiven Gedächtnisses
3.3 Zusammenhang von Werbung, Marken und Produkten und kollektivem Gedächtnis

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In ‘Les Années’ von Annie Ernaux, erschienen 2008 im Verlag Gallimard, wird auf fragmentarische Weise die Zeit zwischen 1940 bis circa 2004 in Form einer „autobiographie impersonnelle“, wie das Werk von Ernaux selbst bezeichnet wird1, wiedergegeben. Neben der Schilderung von politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen, der Aufzählungen von Gegenständen und der regelmäßig wiederkehrenden Beschreibung von Fotos, werden auch immer wieder Markennamen, Produkte und Werbejingles in die Erzählung eingeflochten. Diese kann jedoch aufgrund einer wechselnden Erzählperspektive und des Fehlens eines Handlungsstrangs nicht eindeutig in ein klassisches literarisches Genre eingeordnet werden. Um „ Les Années“ einzuordnen, wurden verschiedene Begriffe gefunden und Wortneuschöpfungen gebildet. Es zirkulieren Begriffe wie „livre-somme“2 (anlässlich seines allumfassenden Charakters) oder ähnlich-, „roman total“3. In Teilen liest sich das Buch wie eine Gesellschaftsstudie und wird daher auch als „auto-socio biographie“4 bezeichnet. In der folgenden Arbeit soll die Rolle der im Buch erwähnten Werbung, der Marken und der Produkte in Bezug auf das sogenannte „kollektive Gedächtnis“ näher analysiert werden: Inwiefern trägt das Zitieren von Werbejingles, Markennamen und Produkten zur Entstehung des kollektiven Gedächtnisses bei? Zunächst soll die Rolle von Werbung, Marken und Produkten in der Literatur besprochen werden, bevor auf deren Vorkommen in „ Les Années“ im nächsten Schritt konkreter eingegangen wird. Anschließend soll der Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“ erläutert werden. Hierfür ist die literarische Umsetzung durch die wechselnde Erzählperspektive bedeutend, es findet ein regelmäßiger Wechsel zwischen der ersten Person Plural („nous“) beziehungsweise des unpersönlichen Personalpronomens „on“ und der dritten Person Singular „elle“ (sie) statt. Die erste Person Singular („je“) ist gewissermaßen nicht vorhanden und wird einzig durch die dritte Person Singular wiedergegeben.5 Anschließend soll die Beziehung zwischen dem durch die verschiedenen Perspektiven konstruierten kollektiven Gedächtnis und der Rolle von Werbung, Marken und Produkten untersucht werden. In der Schlussbetrachtung wird, nach Auswertung der Ergebnisse zur eben benannten Frage, ein Ausblick auf weitere Fragen stattfinden.

2. Werbung, Marken und Produkte

2.1 Werbung, Marken und Produkte in der Literatur

Das Zitieren von Werbung lässt diese in der Literatur neu aufleben, sie wird laut Boucharenc durch Literarizität poetisiert und unterliegt einer Morphose.6 Für den Leser funktionierten Werbung, Produktnamen und Marken ähnlich wie ein Passwort, kenne er diese, würde er Zugang erhalten und könne eine persönliche Verbindung herstellen. Im Umkehrschluss könne ihm dadurch auch der Zugang verwehrt bleiben und es entstehe keine Verknüpfung.7 Aufgrund von Generation, sozialer Zugehörigkeit, einem bestimmten Kulturkreis und Geschlecht entsteht eine scharfe Trennlinie, Werbung ist nicht selten auf eine bestimmte Gruppe zugeschnitten. Je nachdem wie bekannt eine Werbung oder ein Produkteigenname ist, könne auch mehr als eine Generation oder eine bestimmte Gruppe eine Assoziation mit der genannten Marke herstellen und man könne den Eindruck einer „unsterblichen Erinnerung“ bekommen, beziehungsweise könne die Werbung unabhängig der Zeit bestehen.8 Laut Boucharenc erlaubt es Werbung so, jemandes Identität, zumindest in Teilen, zu erschließen. Trotz dessen, dass Werbung fester Bestandteil des öffentlichen Lebens ist, hätte sie dennoch einen intimen Charakter, da die damit verbundene Assoziation oder Erinnerung, die eines Individuums sei.9

2.2 Werbung, Marken und Produkte in ‚Les Années ‘

In „Les Années“ werden zahlreiche Markennamen, Produktnamen sowie ganze Werbejingles zitiert. Da die Art und Weise wie sie in die Erzählung eingebaut werden variiert, entstehen unterschiedliche Effekte. Die benannten Produkte sind häufig Gegenstände und Objekte des Alltags, aber auch Luxusartikel oder Produkte die für eine bestimme Gesellschaftsgruppe zugeschnitten sind, zum Beispiel explizit für Frauen.10 Unter anderem finden sich Medikamente11 und Pflegeprodukte, wie das Shampoo der französischen Marke DOP12 oder die Zahnpasta Colgate13, die heute noch aktuell sind. Dahingegen werden auch Produkte erwähnt, die es heute unter dem genannten Markennamen so nicht mehr gibt oder die keine Rolle mehr spielen.14 Regelmäßig wiederkehrend sind die Marken von riesigen Konzernen wie Renault, oder andere bekannte Eigenmarken von Nahrungsmitteln wie Coca-Cola15 oder LU, Kleidermarken wie HM, Zara oder der Kosmetikkonzern L’Oréal Paris.16 Teilweise werden diese auf subtile Weise in die Erzählung eingeflochten, wie etwa bei den sich wiederholenden Familienessen. Die Markennamen scheinen an diesen Stellen die Charaktere näher zu bestimmen: „même si en jean et en Converse, ils avaient toujours l’air adolescents“17, hier wird die zweite Generation, also die Kinder der Erzählerin, beschrieben. Neben der beschreibenden Funktion finden sich auch Passagen, in denen unterschiedlichste Marken und Produkte listenartig aufgezählt werden.18 Literarisch stark an „Les Choses“ von George Perec19 erinnernd, wird so laut Jérôme Meizoz ein Rückblick auf Gewohnheiten und Alltag konstruiert, die in der Generation der Erzählerin bezeichnend und aktuell waren. Werbejingles werden durch Kursivdruck optisch vom Rest des Textes abgehoben. Mitten in der Beschreibung eines Einkaufszentrums wird der Slogan von L’oréal zitiert: „ L’Oréal, parce que je le vaux bien“, auch hier scheinbar, um eine bestimmte Gruppe näher zu beschreiben.

Das Einkaufszentrum verkörpert in „Les Années“ den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Es wird als „lieu principal de l’existence“ beschrieben und ist der Ort, der von allen frequentiert wird. Hier stellt sich jedoch sofort die Frage, wer mit ‚alle‘ gemeint ist; diese Frage soll zu Punkt 3.2 erörtert werden.

3. Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses in „Les Années“

3.1 Aufbau des Buches

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses (mémoire collective) fand erstmals durch den französischen Soziologen Maurice Halbwachs 1925 Verwendung21, in Anlehnung an diesen findet das kollektive Gedächtnis in „Les Années “ Einsatz. Durch das Fusionieren von persönlicher Erinnerung mit historischen Ereignissen entsteht eine Erinnerung, die losgelöst vom Individuum existiert. Voraussetzung dafür sei die Erinnerung der Autorin, Annie Ernaux, die sich an bestimmte Ereignisse oder Gegenstände, wie zum Beispiel Werbung, Neuerfindungen, bekannte Markenprodukte und Industriekonzerne, erinnert.22 Bei den beschriebenen Ereignissen handelt es sich um gesellschaftliche, soziale und politische Entwicklungen, die Frankreich betrafen, wie zum Beispiel die Präsidentschaftswahlen.23 Oder um solche mit globalem Wirkungsfeld, wie die Invasion von Kuweit 1990.24 Daneben werden die Etappen des Lebens einer Frau beschrieben (Heirat, Ehe, Arbeit, Scheidung), welches als exemplarischer Lebenslauf gelesen werden könne.25

Das Buch lässt sich systematisch in drei Teile gliedern. Auf den Prolog (Seite 11 bis 19) folgt das „récit retrospecitf“26 (Seite 20 bis 240), dieser Teil definiert sich durch eine ständig wechselnde Erzählperspektive. Die dominierende Zeit in diesem Teil des Buches ist der Imparfait (im Deutschen das Präteritum), wobei es auch Passagen gibt, die im Präsenz verfasst wurden und mittels des Futur simple Ausblicke in die Zukunft gewähren. Im Fokus steht das bereits Geschehene. Außerdem finden sich ungefähr 20 Beschreibungen von Fotografien, auf denen jeweils eine Frau in ihren verschiedenen Lebensphasen – von Kindsalter über Jugend bis hin zum Rentenalter – abgebildet ist. Anhand dieser Frau, die Autorin und Erzählerin zugleich ist, die aber nur durch das Personalpronomen „elle“ benannt wird, wird der Zeitraum von circa 45 Jahren fragmentarisch wiedergegeben. Die zu den Beschreibungen zugehörigen Fotos sind nicht im Buch abgebildet. „Les Années“ schließt mit einem Epilog (Seite 241 bis 242) ab, der wie eine Spiegelung zum Prolog funktioniert. In Prolog und Epilog werden bruchstückhaft Erinnerungen eines Individuums aufgelistet, ähnlich wie in „Les Choses “ von George Perec.27 Der Prolog listet die persönlichen Erinnerungen eines Individuums, wobei die einzelnen Erinnerungsausschnitte nicht durch einen Punkt am Satzende markiert werden. Dies bestärkt den Eindruck von flüchtig vorbeigleitenden Bildausschnitten. Teilweise sind die Erinnerungen sehr auf die persönlichen Rückblicke des Individuums zugeschnitten, wie etwa die Beschreibung eines Unbekannten, der an den Schauspieler Zappy Max erinnert.28 Durch die Beschreibung von Werbung im Fernsehen, das Zitieren von Werbejingles und Markennamen, das Erwähnen bekannter Persönlichkeiten und historischer Daten bleibt die bruchstückhafte Auflistung der Erinnerung zwar die eines Individuums, jedoch wird so ein Zugang für den Leser geschaffen, da die Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Leser etwas vom Erwähnten auch kennt. Trotzdem bleibt es fraglich, ob beim Leser aufgrund der Erwähnung eines Jingles oder einer Marke eine eigene Erinnerung hervorgerufen werden kann und er eine eigene Erinnerung anknüpfen kann.

Das „récit retrospectif“ gleicht einer Art Erzählung, der listenartige Charakter des Prologs verschwindet und die Erinnerungen und Bilder des Individuums werden wie in die Erzählung eingebettet. Chronologisch folgen die Ereignisse aufeinander, dennoch gibt es keinen Handlungsstrang, vielmehr wird der Verlauf der Zeit durch Beschreibungen von Gegenständen, Ereignissen und der Fotos dargestellt.29

[...]


1 Ernaux, Annie, Les Années (2008), Paris, 2009, S.225.

2 Adler, Aurélie, «Les Années, livre somme retissant les fils de l’œuvre» in: Annie Ernaux: le temps et la mémoire, éd. par Colloque de Cerisy, Cerisy: 2014, S.69-72.

3 Rousseau, Christine: Annie Ernaux: dans la lumière du passé, https://www.lemonde.fr/livres/article/2008/02/07/annie-ernaux-dans-la-lumiere-du-passe_1008393_3260.html, letzter Zugriff: 26.03.2019.

4 Hugueny-Légér, Elise, «Annie Ernaux», French Studies: A Quarterly Review, vol. 72 no. 2, 2018, S. 256-269.

5 Montémont, Véronique, « Les Années : Vers une autobiographie sociale », in : Annie Ernaux. Se perdre dans l'écriture de soi, éd. par Danielle Bajomée et Juliette Dor, Paris: Klincksieck 2011, S119-121.

6 Boucharenc, Myriam, « Réclames pour se souvenir », in : Littérature et publicité. De Balzac à Beigbeder, éd. par Laurence Guellec et Françoise Hache-Bissette, Marseille : Gaussen 2012, S. 213.

7 Ebd. S. 216-17.

8 Ebd. S 218.

9 Ebd.

10 Ernaux (2008), S. 51

11 Ernaux (2008), S. 41.

12 Ernaux (2008), S. 44.

13 Ernaux (2008), S. 45.

14 Ernaux (2008), S. 79.

15 Ernaux (2008), S.198.

16 Ernaux (2008), S. 207.

17 Ernaux (2008), S. 239.

18 Ernaux (2008), S. 43.

19 Meizoz, Jérôme, « Annie Ernaux, temporalité et mémoire collective », in : Fins de la littérature ? Tome II Historicité de la littérature contemporaine, éd. par Dominique Viart et Laurent Demanze, Paris, 2012, S. 188.

21 Meizoz (2012), S. 191.

22 Boucharenc (2012), S. 213.

23 Ernaux (2008), S. 97.

24 Ernaux (2008), S. 178.

25 Montémont (2011), S.121-122.

26 Meizoz (2012), S. 188.

27 Meizoz (2012) S. 189.

28 Ernaux (2008), S. 13.

29 Meizoz (2012), S. 188.

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Details

Titel
Über das kollektive Gedächtnis im Buch "Les Années" von Annie Ernaux
Untertitel
Die kulturelle Bedeutung von Werbung, Marken und Produkten
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V494408
ISBN (eBook)
9783346002518
ISBN (Buch)
9783346002525
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, marken, werbung, bedeutung, ernaux, annie, années, buch, gedächtnis, produkten
Arbeit zitieren
Marie Suhm (Autor), 2019, Über das kollektive Gedächtnis im Buch "Les Années" von Annie Ernaux, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494408

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